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WÖRTER UND Sachen
KULTURHISTORISCHE ZEITSCHRIFT
FÜR SPRACH- UND SACHFORSCHUNG
HERAUSGEGEBEN VON
R. MERINGER
W. MEYER-LUBKE
R. MUCH
J. J. MIKKOLA
M. MURKO
BAND I
MIT 175 ABBILDUNGEN UND 2 KARTEN
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15
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„Sprachforschung, der ich anhanffc und
VOM der ich ausgehe, hat mich doch nie in
der Weise befriedigen können, daß ich nicht
immer ^ern von den Wörtern au dem Sachen
gelangt wäre."
yakob Grimm.
HEIDELBERG 1909
CARL WINTER'S UNIVERSITÄTSBUCHHANDLUNG
Verllgs-Archiv Nr. 303.
Germany
Inhaltsverzeichnis.
Seite
Vorwort 1
R. Meringer, Die Werkzeuge der /«wsere- Reihe und ihre Namen (Keule, Stampfe,
Hammer, Anke). Mit 35 Abbildungen 3
W. Meyer -Lübke, Romaniscli BAST- • 28
R. Much, Holz und Menseli 39
W. Passier, Ethno-geographiselie Wellen des Sachsentums. Ein Beitrag zur deutschen
Ethnologie. Mit Karte 49
R. M. Meyer, Isolierte Wurzeln 58
J. Strzygowski, Der sigmaförmige Tisch und der älteste Typus des Refektoriums.
Mit 11 Abbildlangen 70
Th. Bloch, Über einige altindische Göttemamen 80
L. Wenger, Sprachforschung und Rechtswissenschaft 84
J. Janko, Über Berührungen der alten Slaven mit Turk<jtataren luid Germanen
vom sprachwissenschaftlichen Standpunkte 94
Etymologien 109
siov. suzenj «Sklave', muka •Marter« von M. Murko- Tenuare im Rumiinisclien von S. Puscariu. Filis.
batscMamia «pigna-, sopras. guotta •chiodo-, vic. vor. pindola «bietta' von C. Salvioni.
Literatur 115
W. O- streng, Haus uml Hof im Französischcu. Angezeigt von W. Meyer- Lübke.
J. R. Bunker, Das Bauernliaus der Gegend von Köflaeli in Steiermark. Mit 47 Text-
.•ibliildungen 121
R. Meringer, Sprachlich -sacliliclie Probleme. Mit 40 Abbildungen 164
1. Zu den Werkzeugen der pimere ■'ReWw 164
2. Zu den Werkzeugen der molere YxvWw. 165
3. Die Urbedeutung von got. (janisan. \io]xa\ usw 168
4. Zur Duenos- Inschrift . . ' 173
5. Die l'rbedeutung von ffTTtvbai, spondco 177
6. Zum vertieften Tische 181
7. Deutsch Brücke ' 187
8. Lat. pons und seine Si])pe 192
9. Zum verehrten Pflock 199
10. Schlußwort 204
R. Meringer, Prähistorische Rinnensteine. Mit 2 Ab))ildungen 210
W. Meyer-Lübke, Zur (lesehiihte der Dreschgeräte. Mit 40 Abbildungen und Karte 211
Wörterverzeichnis 245
Sachverzeichnis 258
Verzeichnis der Abbildungen.
Nr. Seite
Melilbereilunp bei ilen Ägyptern .... 1 4
Mehlbereitung bei den Griechen .... 2 5
Ein liölzerner steirischer Mörser .... 3 7
Ein ungarischer Holzniörser samt Stöläel 4 7
Finnische Holzmörser 5 — 8 7
Ein Stamperl S) 8
Die huzulische Stupa 10 8
Eine wotjakische Stampfe 11 9
Eine Kohlcnstampie des 16. Jahrhunderts 12 9
.Stampfe zum Erzpochen. 10. .lahrliundert 13 9
Trockeni)och\verk. 19. Jahrhundert ... 14 10
Naßpoclnverk. 19. Jahrhundert .... 15 10
Eine heutige einfache Lohstampfe ... 16 11
Koreanerin beim Reisstampfen 17 12
Kaschubische Graupenmühle 18 12
Anke und Stofsel. Steiermark 19 13
Stampfen des Feldspats für Poizellanfabri-
kation in China 20 13
Ostasialische Anke zum Schroten .... 21 14
Mühle des 17./18. Jahrhunderts. Vorn
eine Anke 22 14
Eine huzulische Anke 23 15
Anke bei den ungarischen Slowenen . . 24 15
Steirische Anke 25 15
Steirische Anke 2(1 16
Steirische Hirsestampfc 27 16
Kleine .steirische Anke zum Schroten und
Ölpressen 28 16
Schmiede mit Eisenhammer. 16, Jahrhun-
dert 29 17
Französischer Eisenhammer. 18. Jahrhun-
dert 30 17
Steirischer Eisenhammer 31 ]8
Steirischer Eisenhammer 32 18
Kon.slruktiüneinesmodernen Eisenhammers 33 19
Die Mahlvorrichtungen des Plans von St.
Gallen 34 23
Rekonstruktion der Anken des Plans von
St. Gallen 35 24
Ethno- geographische Wellen des Sachsen-
tums (Karte) 57
Koptischer Grabstein in Kairo 1 70
Arabischer Grabstein in Damaskus ... 2 71
Koptische Altarplalten 3 72
Reliefplatte in Agram 4 73
Nr. Seite
Athos, Kloster Lawra: Innenansicht der
Trapeza 5 74
Athos, Kloster Lawra : Grundrifs der 'frapeza 6 75
Kloster Dau in Attika: Die hexagonale
Kirche und das Refektorium mit 13
Tischen 7 76
Athen, Kloster Daphni : Kirche und Refek-
torium 8 77
Ravenna, S. ApoUinare nuovo: Mosaik
des Abendmahls 9 78
Bauriß von St. Gallen: Refektorium ... 10 80
Bauriß von St. Gallen: Schema des Refek-
toriums bei Weglassung der beweg-
lichen Bänke 11 80
Plan der Hofstätte vom Kliegl-Gute . . 1 122
Das Kliegl-Haus, Vorderseite 2 123
Das Kliegl-Haus, Rückseite 3 123
Grundriß des Erdgeschosses des Kliegl-
Hauses 4 124
Grundriß des Dachraunies des Kliegl- Hauses 5 124
Herd im Kliegl -Hause 6 126
Stadel beim Kliegl-Haus 7 130
Stadel beim Kliegl-Haus, Erdgeschoß . . 8 130
Stadel beim Kliegl-Haus, Obergeschoß . 9 131
Stadel beim Kliegl-Haus, Dachraum . . 10 132
Knechtkammer beim Kliegl-Haus .... 11 133
Kliegl, Knechlkanimer, Erdgeschoß ... 12 133
Kliegl, Knechtkammer, Obergeschoß . . 13 134
Das Hübler- Haus 14 134
Wohngeschoß des Hübler -Hauses .... 15 135
Das Alpen bauer- Haus 16 136
Grundriß des Alpenbauer -Hauses .... 17 136
Das Schriebt -Hau.^ .samt Stadel IS 138
Grundriß des Schriebt -Hauses 19 138
Das Jud-Haus 20 139
Wohngeschoß im Jud-Hause 21 140
Das Engelbauer -Haus 22 141
Grundriß des Engelbauer- Hauses .... 23 142
Das Feilbauer- Haus 24 143
Grundriß des Feilbauer- Hauses 25 143
Das Blüml-Jörgl-Haus 26 145
Grundriß des BlOml-Jörgl-Hauses ... 27 145
Aufriß der Giebelseite des Ziri- Hauses . 28 146
Aufriß der Hauptfront des Ziri -Hauses . 29 147
Grundriß des Ziri- Hauses 30 147
Verzeichnis der Abbildungen.
Nr. Seile
Das Lange Wegger-Haus 31 149
Grundrifj des Langen Wegger- Hauses . . 3^ I i'.J
Das Hofameser-Haus X) löl
(irundriß des Hofanieser- Hauses .... M l^>-2
Das König- Wirtshaus in Köflaeh .... I!.5 ITA
Das König- Wirtshaus, Erdgescholi . . . :!(j 1.5.5
Das König- Wirtshaus, Obergeschoß ... 37 1.5.5
Das Sleiner-Sclmeider-Haus 3S 157
Das Steiner- Schneider- Haus, Erdgeschoß 3(( 1.5s
Das .Steiner-Silnieider-Haus, Obergeschoß 40 1.5.S
Die Hochbundschuli-Keusclie 41 159
Grundriß der Hochbundschuh-Keusclie . 42 lliO
Die Reinthaler- Keusche 43 lül
Grundriß der Reintlialer Keusdie ... 44 101
Die Schriebl-Keusche 45 1(12
Die Schriebl-Keusche, Erdgeschoß ... 4ü 1G2
Die Schriebl-Keusclie. 01)eigcsch()ß ... 47 \i'<i
Lettische Mörser 1 — 3 l(j4
Lettische Kornstampfe 4 105
Polnische Stampfe zur Bereitung der
Gerstengraupe 5 KiG
l'ülnische Handnudile (i Kjlj
Eine lettisclie Handniühle samt Jk'hlkasten 7 l(i7
Indische Reisanlie 8 KiS
Handiuühle im Westergötland 9 109
Agyptisclie Dienerin Korn malilend. um
den Toten damit zu versorgen . . . 10 170
Getreideiuahlen in Südaliilia 11 171
l'hallische Gesichtsurne. Vorderseite . . 12 175
l'hallische Gesichtsurne. Rückseite ... 13 175
l'liallisclie Gesichlsurne. Seitenansicht . 14 175
Bruchstück einer römischen Gesichtsurne
mit l'liallus 15 170
Bretterverhindungen 10 179
Der lettische Ptlug 17 ISO
Eine ägyplLsche Altarplatto 18 183
.Ägyptischer Totentisch 19 184
Ägyptischer Totcntiscli i>0 185
Bosnisches Badegetaß 21 185
Ägyptisches Iklief. Der Tote vor dem be-
setzten Tisch 22 ISO
Ägyptisches ReUef. Der Tote vor dem
Tisch mit Blumen- und Wasserget'äß 23 ISO
Christus auf der Kelter 24 187
Ein 2' 2 Kilometer langer Prflgehveg im leh-
migen Boden bei Lannach in Steiermark 25 188
Ein Priigclweg in Ingermannland 1015 . 20 189
Ausseer Haus mit «BriUki» 27 190
Vogesenliolzprügelweg 28 191
Gedeckte Harte aus Nötsch im Gailtale . 29 193
Eine Scheune mit einer in den Dachraum
führenden Brücke 30 194
Die ol)ere Brücke von vorn gesehen . . 31 195
Die oliere Brücke von der Seite .... 32 190
Mykeniscbe Gcnuije 33 197
Kr. i^'Ae
Baetylischer Oplertisch, restauriert ... :J4 198
Baetylischer Altar .35 199
iMykenischer Goldsiegehing .30 2fK)
Mykeni.scber Goldsiegelring 37 2(J(J
Mykenisclies Siegel aus Speckstein ... 38 201
Versuch der Rekonstruktion eines myke-
nischen Pfahlheiliglums 39 202
Versuch der Rekonstruktion eines niyke-
nischen Heiligtums mit Pflock und
Baum ; 40 203
Serbischer Rinnenstein 1 210
Bulgarischer Rinnenstein 2 211
Drescliende Ochsen aus Alt-.Ä^ypten . . I 213
Ein Dreschstein aus Lecce (Apulien) . . 2 210
Ein Dreschstein aus Reggio-Emilia ... 3 21t>
Syrische Dreschlafel aus Aleppo .... 4 218
Dreschstein aus S. Marco in Lancis ... 5 219
Der Grattacase aus S. Giovanni Rotondo 0 219
Dreschtafel aus Braganza 7 220
Drcschtafel aus (Zypern 8 220
Der Ixiltiloio aus Imola 9 223
.Ägyptischer Dreschwagen 10 223
Dreschwagen aus Urdona (Süditalien) . . 11 224
Pieniontesischer Dreschwagen 12 224
Italienische Drcschwalze 13 225
l'roHl des piemontesischen rübat .... 14 225
Dreschwalze aus Reggio-Emilia 15 22.5
l'rolil der alessandrinischen rabäta ... 10 220
Provenzalische Dreschwalze 17 220
Die trihhietta in Luco nei Marsi .... 18 227
Chuaton a battre l'.t 229
Maniement du chuaton 20 229
Chuaton aus Leysin 21 229
Die Mazza aus Trapani 22 230
Zillertaler Bengel 23 231
Der engadinische pd 24 231
Trask aus Strona (Novara) 25 231
Engailinischer Flegel 20 234
Pieniontesischer Flegel 27 234
Walliser Flegel 28 2.34
Frustu-Flegel 29 234
Frei burger Flegel 30 234
Braunschweiger Flegel 31 234
Flegel aus S. Pol (Pikardie) 33 2;U
Mecklenburger Flegel 33 2;U
Flegel aus Fondo im Xonstal 34 235
Pieniontesischer Flegel 3.5 2X»
Genter Flegel 36 235
Die .Mazzafrusta aus Luca nei Marsi . . 37 'iXt
Russischer Dreschflegel 38 ä:V>
Mosaik .1US der Kapelle von Prilz bei Laval
(Mayenne) 39 2as
Mosaik aus der Kathe«lni von Aosla . . 44t 242
Die Verteilung der Ausdrücke lür Flegel
iu Frankreich 243
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in 2009 with funding from
University of Toronto
http://www.archive.org/details/wrterundsachen01heid
Vorwort.
Unsere Zeitschrift soll mit keinem bereits bestehenden Unternehmen in Wettbewerb
treten. Wir wollen nur den Raum und die richtigen Existenzliedingungen für sprach-
lich-sachliche Arbeiten, wie sie in den letzten Jahren auf verschiedenen Gebieten zutage
getreten sind, schaffen.
Nach einer Periode heilsamer Beschränkung der sprachlichen Studien auf die Er-
forschung der lautlichen \^eränderungeu scheint die Zeit gekommen zu sein, den Wort-
bedeutungen, den „Sachen", wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Unter Sachen
verstehen wir nicht nur die räumlichen Gegenstände, sondern ebensowohl Gedanken,
Vorstellungen und Institutionen , die in irgendeinem Worte ihren sprachlichen Aus-
druck finden.
Jede Philologie kann auf einzelne überzeugende Etymologien hinweisen, die aus
der Kenntnis der Sachen entsprungen sind. Daß man trotzdem nicht schon längst für
alle Etymologie überhaupt das Herbeiziehen der Geschichte der Sachen verlangt hat,
ist in dem fast ausschließlicheu Interesse begründet, das die letzten Dezennien den
«Lautgesetzen» zuwandten.
Diese Beschränkung entspricht nicht den Tatsachen: Mit vielen Anderen sind wir
überzeugt, daß Sprachwissenschaft nur ein Teil der Kulturwissenschaft ist,
daß die Sprachgeschichte zur Worterkliirung der Sachgeschichte brdarl', sowie die Sach-
geschichte, wenigstens für die ältesten Zeiten, der Sprachgeschichte nicht entraten kann.
Wir glauben, daß in der Vereinigung von Sprachw^issenschaft und Sachwis-
senschaft die Zukunft der Kulturgeschichte liegt.
Aber diese Vereinigung ist vorläufig ein Ideal und ist heute noch nicht immer
zu erreichen. Die Geschichte der ,, Sachen" ist noch durchaus nicht allseitig ausgebaut.
große Gebiete sind noch dunkel, das Material schwer erlangbar; deswegen werden wir
etymologische Arbeiten aufnehmen, wenn sie das Ziel dieser Vereinigung wenigstens
im Auge behalten, und werden rein sachgeschichtliche Arbeiten bringen, auch
wenn die Verwertung für ilie Wortkunde erst der Zukunft angehört.
Wir wollen die Sachstudien fördern, aber nicht nur die Studien der gedruckten
Quellen, sondern vornehmlich die Sachstudien im Volke, und wollen dadurch die
Wissenschaft wieder mit dem Leben in nähere Beziehung bringen, woraus auch die
Sprachstudien Nutzen ziehen werden.
Wörter uud Sachen. I.
'o^
Vorwort.
Mit den Veräuderuugen der Kultur verändern die Wörter ihren Sinn. AVir ver-
langen, daß die Erklärung der Bedeutungsveränderungen nicht auf rein spekulativem
Wege versucht wird, sondern dieser Tatsache gerecht wird.
Wenn wir, von verschiedenen Forschungsgebieten herkommend, uns zu gemein-
samer Arbeit verbunden haben, so möge man daraus ersehen, daß wir Material zu
einer umfassenden Kulturgeschichte der indogermanischen Völker herliei
schatten wollen. Wir wenden unsere Aufmerksamkeit allen indogermanischen Völkern
in alter und neuer Zeit zu und ebenso den Berührungen mit anderen Sprachstämmen
und setzen unserem Interesse keine zeitliche Grenze, weil auch die späteren Zeiten
und die Gegenwart reich an alten Kulturelementen sind und von Urzeiten bis an den
heutigen Tag eine stete, nicht unterbrochene Entwicklung zu erkennen ist — ganz ab-
gesehen von dem Licht, das von den klareren historischen Zeiten und der Gegenwart auf
die früheren fällt.
Bei den Arbeiten, die sich mit der Geschichte von Gegenständen befassen, werden
wir Bilder bringen. Dabei wird unser Ideal sein, zeitgenössische Wörter und Gegen-
stände zusammenzustellen. Das wird allerdings nicht immer zu erreichen sein, sondern
wir werden öfter bloß nach Analogien die Form des Gegenstandes, der durch eine be-
stimmte Wortform bezeichnet wurde, erschließen müssen.
Die Zeitschrift wird Abhandlungen, Besprechungen und kleinere Mitteilungen
bringen. Beiträge bitten wir dem fachlich Nächststehenden der Herausgeber zusenden
zu wollen.
Die Herausgeber.
Die Werkzeuge der pinsere-Reihe und ihre Namen.
(Keule, Stampfe, Hammer, Anke.)
Von Rudolf Meringer.
Schon seit uralter Zeit finden wir zwei verschiedene Techniiien zur Verwandlung
der Kornfrüchte in Mehl, das Zerstoßen und das Zerreiben. Ihren sprachlichen Aus-
druck fiuden diese Techniken in zwei Wortreihen, die ich nach den lateinischen Reprä-
sentanten die pinsere- und die «w/ere- Reihe nennen will.' Die letztere ist auf Europa
beschränkt, die erstere greift nach Asien hinüber.
Die Werkzeuge der «(o/e/r- Reihe sind bekannt und untersucht worden. Aber so
gut wie unbekannt, wenigstens ihrer Entwicklung und (leschichte nach, sind die In-
strumente der jjJHSoe- Reihe. Wenn ich diese hier bespreche, so will ich damit einen
Beitrag zur Frage der indogermanischen Wirtschaft liefern. Ich verfolge dabei die
Sachen wie die Wtii'ter bis in die Gegenwart, bis zu den jetzt noch bestehenden volks-
tümlichen Maschinen und zu deren dialektischen Bezeichnungen.
Die Kornfrüchte werden, wenn sie zur menschlichen Nahrung dienen sollen, ent-
hülst und geschrotet oder noch weiter zu Mehl zerrieben. Weim das auch nicht der
älteste Zustand ist, so gehen diese Arten der Bearbeitung doch schon in sehr frühe
Kulturperioden zurück.
Will man Schrot haben, so genügt ein Stampfen der Körner und die Absonderung
der Hülsen. Zur Bereitung des Mehls ist ein fortgesetztes Verkleinern notwendig und
das Produkt muß durch Siel)en in Mehl und Kleie geteilt worden. Das Mahlen kann
ganz mit Stoßen bewirkt werden, oder mit einem Stampfen beginnen, worauf erst die
geschroteten Körner zwischen Steinen zu Mehl verwandelt werden, kann aber auch
ganz mit Hilfe der Mahlsteine vollbracht werden.
Am leichtesten ist die Arbeit des Schrotens und Mahlens dann , wenn die Korn-
frucht trocken ist. Es ist deshalb unter Umständen gut, oder gemdezu notwendig,
das Korn zuerst zu darren, bevor es weiter verarbeitet wird. Auch die Hülsen lösen
sich infolge des leichten Röstens besser ab. —
' 0. Schrader, RL. S. .Ml.
Rudolf Meringer.
Keule und Mörser.
M. Rühlmann sagt': «Zu den allerersten Hilfsmitteln, um Getreide in Mehl zu
verwandeln, scheinen hölzerne, steinerne und metallene Mörser mit Keulen (Pistillen)
zu gehören^ in welchen man die (vorher wohl auch gerösteten) Körner zerstieß und so-
dann durch Trennen der gröberen und feineren Teile mittelst Sieben das Mehl zu ge-
winnen suchte». Rühlmann verweist dann auf ein ägyptisches Wandgemälde aus
den Ruinen von Theben (vergl. Abb. 1).^
Man sieht auf dem Bilde zwei Arbeiter, mit dem Stoßen beschäftigt. Während
der eine die Keule hebt, stößt der andere in den Mörser. Die Keulen sind in der
Mitte verjüjigt und können nach beiden Seiten verwendet werden. Ein anderer Arbeiter
trennt mittelst eines Siebes das gewonnene Mehl von der Kleie.
Die Mörser dieses Gemäldes besitzen große Standfestigkeit dadurch, daß der Fuß
des Gefäßes sich ausbreitet. Besonders tief, wie wolil einige Gelehrte geglaubt haben,
sind sie aber nicht, sie haben nur einen sehr starken Boden, wie ja leicht begreiflich.
Die Tiefe der Mörser ist
geringer als die halbe Keu-
lenlänge, was sich notwen-
digerweise daraus ergibt,
daß die Hand nicht den
Rand berühren darf, wenn
die Keule unten ansehlägt
und viel Getreide darf auch
nicht auf einmal in den
Mörser geschüttet werden.
Zu anderen Zwecken
hatte man verschieden ge-
staltete Mörser und auch
g " /
Abbildung,' 1
Melilbereiliing bei den Ägyptern.
verschiedene Keulen. Ein ägyptisches Bild zeigt, wie zwei Männer mit Stößeln an
einem Mörser arbeiten, ohne daß aber klar wäre, was sie schaffen.' Auf einem dritten
Bilde, der Darstellung einer Küche, hebt ein Mann eine besonders schwere Keule und
stößt damit in einen großen Mörser, ebenfalls unbekannt zu welchem Zwecke.*
Blümner scheint zu glauben, daß das Zerstoßen älter als das Mahlen sei. Er
sagt'' : «Obgleich diejenigen Vorrichtungen zum Verwandeln der Getreidekörner in Mehl,
welche wir vorzugsweise Mühlen zu nennen gewöhnt sind, d.h. also diejenigen, bei
denen die Zerreibung mittelst zweier Steine geschieht, . . . schon in sehr früher Zeit
erfunden worden sind, so ist doch nicht zu bezweifeln, daß es eine Zeit gab, wo man
keinen anderen Weg kannte, als die Körner in Mörsern zu zerstampfen». Das wäre
an und für sich nicht unmöglich, und es spricht wirklich manches dafür.
Unsere Abbildung 2 zeigt uns Mörser und Keule (oX[jlo?, qS-q, I'yo'.? — uTrspo?) in
ihrer Verwendung bei den Griechen.'' Wie auf dem ägyptischen Bilde zwei Männer
' Moritz Rülilniann, Allgemeine JMaschinenlelire JI, .S. fi.
' Die Abbilduii},' 1 ist nach J. G. Wilkinson, Manners and customs of tlie ancient Egyptian.s III,
S. 181, Nr. 3C7, gemaclit. — * Roselini, Monumenli eivili LXVII. — * Wil kinson. IVfanners and customs 11,
S. 383, Nr. 270. Darnach A. Rieh s. v. pilum. — '- H. Rllimner, Technologie usw. I, S. 15 f.
' Vergl. Daremberg-Saglio, Diclionnaire, s. v. mortariiim. — Blümner a. a. O., S. 22.
Die Werkzeuge der pinsere-Re'ihe und ilirf Namen.
an demselben Mörser arbeiteten, so sehen wir hier — dem Volksbrauche der Zeit ent-
sprechend, zwei Frauen an einem Mörser beschäftigt. Ihre Keulen sind mit den in
Ägypten verwendeten gleichförmig, von derselben Größe und werden auch in derselben
Weise gehandhabt. Die
flache, schalenartige Ge-
stalt des Mörsers ist wohl
vom Material bedingt.
Für den Stein empfiehlt
sich die.se schalenartigc
Form, wie für Holz die
zylindrische. Dem Zer-
stoßen und Stampfen
(;tTiaa=iv, (f/c.'.jtv, ),=-u='.v,
Tpißsiv, v-ÖK-iiv) pflegte ein
Rösten voraufzugehen
('fpü^eiv, iftüYsiv, xoSoiis')-
£iv). Das geschah nament-
lich bei der Gerste, und
zwar dann, wenn poleufa
bereitet werden sollte.
«Dabei wurde die Gerste
erst angefeuchtet, dann
getrocknet, geröstet und
enthülst, teils durch Zer-
stampfen im Mörser, teils
wohl auch durch Müh-
len, beide jedenfalls die-
selben Geräte, die zur
Verwandlung der Körner
in Mehl angewandt wur-
den.» ' Auf welche Weise
die Körner geröstet wur-
den, ist nicht mehr zu
sagen. Sic wird nicht
immer und überall die
gleiche gewesen sein.
Von den zum Rösten ver-
wandten Geräten , als
welche '^pü^ärpov, xo^o-
[isiov, (fcÖYavov genannt
werden, fehlt uns eine genaue Keiuitnis- Waren es Get'äße oder Pfannen, so konnte
innner nur eine kleine Menge der Ki>rner geröstet werden, etwa .-jo viel, als zum ein-
maligen Füllen des Mörsers hinreichte.
l'linius^ berichtet über die Beliandlung der tJerste bei den Griechen wie folgt:
■ II. Hlümner a. a. O., S. 11 f. — - Kboiula S. l:f f. — ' Pliniiis. Hisl. iiat. .Will, Ti.
Abbilduiii!
Mehlbereitung bei den Griechen.
Rudolf Meringer.
Aniiquissimum /n cibis hordeimi . . . Polentam quoque Graeci non aJiunde praeferunt. Phi-
ribus fit haer niodis. (iraeci perfustim aqua Itordinm sircant nocte una ac ])osfrro dir
frigunt, dein molis frangunt. Sunt qiti vchemeiitii(s to.^tum riosHS crigna aqua adspenjant
et siccent prius quam molant. Ali rero riretitihu>i sj)icis decussinii hordenm rcccns purgant
madidnmque in pila tundunt atqtie in corhihiis elnnut ac siccatum sole rxrsns tundunt et
purgatum moJutit.
Daun fährt er fort: Italia sine perfusionc tostum in suhtilem farinam molit . . In
Italien wäre darnach das Anfeuchten der Gerste vor dem Dörren, Rösten, das in
GrieclienUind üblich war, nicht im Gebrauche gewesen.
Über das Zerkleinern der Körner sagt Plinius folgendes': Pistura non omnium
facilis, quippe Etruria spicam ferris tosti pisente pilo praeferrato, fisttila scrrata et Stella
intus denticulata, ut, si intenti pisant, concidantur grana fcrruiiique frangatur. Die in
Etrurien zum Zerstoßen (pistura) verwendete Maschine hatte also drei wesentliche Teile:
piluiii praefermtum, einen mit Eisenschuh versehenen Stößel, fistula serrata, eine gesägte,
das heißt wohl geriefte Röhre und Stella intus denticulata, einen inwendig gezähnten
Stern (?). AVie man sich den Api)arat vorzustellen hat, ist nicht klar, er hat sich auch,
wie Plinius selbst andeutet, nicht bewährt und dürfte deshalb verschwunden sein. Mir
ist keine Maschine untergekommen, auf welche die Beschreibung passen würde, nur die
Zähne, aber an dem Stößel selbst angebracht, am Eisenschuh, findet man auf der
alten Anke in Abb. 22 wieder.
Maior pars Italiae nudo utitur pilo, berichtet Plinius weiter, rotis etiani (/uas aqua
verset obiter et niolat. Der größere Teil Italiens benütze den einfachen (nicht eisenbe-
schlageuen) Stößel, wohl auch die Wassermühlen.
De ipsa ratione piscndi Magonis propionemus sententiam: triticuin ante per f und i aqua
multa iubet, postea evalli, dein sole siccatum pila repeti, simili modo hordcutn. Den Weizen
möge man reichlich mit Wasser netzen, dann enthülsen, an der Sonne trocknen und mit
dem Stößel bearbeiten; ebenso die Gerste.
Über das zeitliche Verhältnis vom Zerstoßen zum Mahlen haben wir ein beachtens-
wertes Zeugnis^: Quia apud maiores nostros molarum usus non erat, frumenta torrebant
et ea in inlas missa pinsebard, et hoc erat genus inolendi inide et pinsitores dicti sunt, qni
nunc pistores rocantur. Auf Grund dieser Nachricht könnte man glauben, daß die Römer
die Kenntnis der Mühle einem höher kultivierten Volke verdanken, wogegen aber spricht,
daß malere, mola echt lateinische Wörter sind. Ebenso lateinisch sind die Wörter für
die Technik des Zerstoßens. Der Name des Mörsers war mortarium, gewiß ein altes
Wort, das im Lateinischen in sehr früher Zeit gebildet worden sein muß, da imr moretum
dem Sinne nach nahesteht, marceo und morior aber weit abliegen. Die Keule heißt
pilum (pistilluni), eine klare Bildung zu jyinserc und aus *pmsloiH entstanden. Pilum
«Stößel» neben ^n7a «Mörser» hat Parallelen bei später zu erwähnenden Doubletten.
Das romanische Wort mortarium ist im Sinne von Mörser bei wenigen Nordgermanen
aufgenommen worden.^ Die anderen haben Bildungen von einer W. mnrs : ahd. morsari,
mhd. zermürsen, wozu morsch gehört, w'oraus klar wird, daß der Mörser den Germanen
nicht erst von den Römern übermittelt werden mußte. Lat. mortarium und ahd. morsari
sind aber beide von derselben W. mer gebildet, also insofern urverwandt. Was zur Auf-
' Plinius, XVIII, 97. — '' Serv. ad Aen. I, 179.
^ Ndl. mortier, ags. martere (Kluge, Pauls Grdr. l'\ :i41j, engl, mortar. M. Heyne DHA. J, »9.
Die Werkzeuge der ^/«»■«/•e-Rcilic luul ihre Namen.
Abbildung 3.
Ein bölzerner stei-
ri^cber Mör^^er.
Abbildung' 4.
Ein ungarischer
Holzmörser samt
Stößel.
Abbildung 5.
Ein finnischer Holz-
mörser.
nähme des Fremdworts Ijei einigen germanischen Stämmen Veranlassung gab, ist
unbekannt.
Abbildung 3 bringt die Darstellung eines modernen deutschen Holzmörsers aus
einem Bauernhause in Eibiswald, Steiermark.
Er ist sehr sorgfältig gearbeitet und dient zum
Zerstoßen von Gewürzen; er ist nicht groß,
abei' von typischer Gestalt.
Wie Holzmörser in
alter Zeit hergestellt wur-
den, kann mau heute noch
in Ungarn lernen.^ Die
Höhlung wird mit Glut,
Zündschwamm, heißen Stei-
nen , bei großen Mörsern
mittelst glühend gemachter
Kugeln hergestellt uud dann
mit Messern ausgekratzt und
weiterhin geglättet. «Das
Ausbrennen dieser Holz-
mörser ist ein überaus
schwieriges Verfahren und
dauert wohl auch an die
3 Monate, weshalb derselbe
zumeist in der Winterzeit verrichtet wird.» Die Abb. 4 stellt einen primitiven Mörser
dar, eine Urform des Geräts, bei der die Gestalt des Baumstücks noch beibehalten ist.
Auch die Form der Keule
ist lehrreich. Wir sehen
sie sich dort, wo sie mit
der Hand angefaßt wird,
verjüngen und begreifen
nun die starke Verenge-
rung in der Mitte der
ägyptischen und griechi-
schen Keulen, die eben-
falls den Zweck bat, ein
volles Umfassen, ohne das
ein kräftiger Stoß nicht
geführt werden kann, zu
ermöglichen.
Wegen ihrer Form
bringen wir auch die Ab-
bildungen einiger hölzer-
Die Abb. ;"> zeigt die einfachste zylindrische Urform.* Die
> Ungar, ethnogr. Anzeiger, 11, u. III. J.ihi-gang (I<t07), S. 36 f. — • G. Retzius. Finnland, übexs. von
Dr. C. Appel, Berlin ISSö, S, 8-i, Fig. 60. Dieser zylindrische Klotz von Birkenholz, der nur eine geringe
Vertiefung hat, dient zum Mahlen von Salz und Tabak.
Abbildungen 6-
Finnisclie llülzuuirsfr. Zum .■^l.ii;;on dient ein
Stein oder Holzstöfiel.
ner Mörser aus Finnland.
8
Rudolf Meringer.
Ahbilduni,' '.>. Ein
Stamperl.
unter Abb. 6 — 8 vereinigten Typen zeigen eine weitere Entwicklung der Mörser. Das Holz
ist entrindet und wir erkennen zwei Teile, einen oberen, der die Hiihlung in sich hat,
und einen unteren, den kräftigen Fuß, der die nötige Standfestigkeit gewilhrleisten muß.^
Daß die Abb. 3 — 8 Urformen von Mörsern darstellen, ist gewiß. Eine ähnliche
Form wie Abb. 8 werden wir sj^äter bei den Kaschuben wiederfinden,
und zwar in der Verwendung als Graupenmühle (Abb. 18).
Eine älmliche Form findet sich auch — worauf ich im Vor-
beigehen aufmerksam machen möchte — bei gewissen Gläsern, die
einen dicken Boden haben, gewöhnlich beim Schnapstrinken ver-
wendet werden und Staiiipcrl genannt werden, vergl. Abb. 0. Als
Grundwort dieses Deminutivums gilt Stampcr-, das als «kelchartiges
Trinkglas» erklärt wird. Im DWB. ist auch das Femininum Stampe
belegt: <^in Schlesien kleines Trinkglas mit dickem Fuß, der kräf-
tiges Aufstampfen verträgt». Mit dieser Erklärung kann ich mich
nicht befreunden. Der Brauch mit einem solchen Glase, nachdem
man es geleert, heftig auf den Tisch zu schlagen, so daß eine Kerbe
entsteht — je tiefer desto besser — , ist allerdings vorhanden und
mir speziell aus Südsteiermark berichtet worden, aber der Zusammenhang scheint mir
ein ganz anderer zu sein. Das Stamperl iiat alle die Formen eines kleinen Mörsers,
und ein altdeutsches *.slanipa muß diese Bedeutung gehabt haben, weil das aus dem
Deutschen entlehnte aksl. st(i2)a «Morser» heißt.
Dieses *dampa lebt im schlesischen Stawpe «kleines
Trinkglas» fort. Auch das Maskulinum stampf hat
übrigens gelegentlich den Sinn «Mörser».-' Von
dem Femininum stampe ist nun das Verkleinerungs-
wort Stamperl abgeleitet, was also ursprünglich «klei-
ner Mörser» bedeutete. Erst daraus scheint mir
stampcr im Sinne von ^Trinkglas» (und zwar
größeren Formats, aber von der Gestalt des stam-
perh) abgeleitet zu sein. Der dicke Boden spricht
auch für die Priorität des Stamperls, denn nur bei
einem kleinen Glas hat er seinen guten Grund —
\'erleihung einer gewissen Standfestigkeit. Den
Brauch, mit einem solchen Glase zu i stampfen^ , auf
den Tisch zu stoßen oder einzuhauen, wird mir
verständlich, wenn ich mir ihn als Folge des Na-
mens denke, während der Brauch als das prius mir
vollkommen unerklärlich erscheint.
Die Stampfe.
Heute versteht mau unter Stampfe eine maschinell zu hebende und wieder fallen
zu lassende Keule oder die Vereinigung von deren mehreren. Tn dieser Definition liegt
' G. Retziu.s, ebenda S. 81, Fig. 57— .59. Der Mörser links dient zum Salzzerstoßen. Der Stöfsel
ist ein ovaler, glatter Kieselstein. In der Mitte ein Kaffeemörser, rechts ein Mörser, der verschiedentlich
verwendet wird. — = Unger-KhuU, Steirischer Wortschatz sv. — DWB. X. 2. Sp. 67.5.
' J. G. Krünitz, Encyklopädie, 169. Teil, S. .520.
AI)l)iliUuiK 10. Die lluzulische Slupa.
I)iij Wurkzfiige der pinsere-Rcihe und ihre Xameii.
schon die Erklärung der Entstehung der Stampfen. Kine ganz einfache derartige Vor-
richtung ist die stu2xi der Huzulen, vergl. Abb. 10.' Man .sieht, daß eine Keule durch
Treten eines Brettchens, von dem eine Schnur ausgeht, die über eine Rolle geleitet und
unten an der Keule befestigt ist,
gehoben werden kann.
Beim Anblicke dieser huzu-
lischen stujia fällt jedermann ge-
wiß sofort ein anderes uraltes In-
strument ein, das beim Einram-
men von Pflöcken heute noch in
Verwendung ist. Hier wie dort
wird ein Block oder Pflock an
einem Seile in die Höhe gezogen
und fallen gelassen.
Eine andere Vorrichtung sehen wir bei den Wotjaken, vergl. Abb. 11.* Wie mir
J. J. Mikkola mitteilt, heißt der Mörser wotjakisch gjr (finnisch huhnari), der Stößel
serekei (finnisch jx'tkek). Die Konstruktion, die an einen Ziehbrunnen etwa der unga-
Abbildung 11.
Eine Wotjakische Stampfe.
Abbildung 12. Eine Kohlenstauipfe des
l(i. .lalirliuiiclci't.s.
ä^^ca^
Abbildung 13. Stampfe zum Erzpochen.
16. Jahrhundert.
Tischen Tiefebene erinnert, erklärt sich von selbst. Ganz ähnliche Ziehbrunnen waren
im alten Agj'pten bekannt und finden sich auch heute noch daselbst.^
Eine ähnliche Maschine aus dem Aargau wird so beschrieben^: «ein großer Balken
• Szuchiewicz, Huculszczyzna, Leniberg 190:2, S. 190.
- Ich verdanke die Zeichnung Herrn Dr. U.V. Sirelius, Dozent an der Universität Helsingfors.
Man beachte, daß der beschwerte Kndbalken niclit ferlipgezeichnet ist.
■"" ,1. Ci. Wilkinson, Miiniiers and customs of Ihe ancient Egj-ptians II, S. 4. Nr. 74, 73; Vignette auf S. 1.
— K, W. I,ane, Sitten und (Jebräudie der heutigen Ägj'pter. Übersetzt von Zenker. Tafel 44.
' DWB. s.v. Stampfe nadi Hunz.iker.
Wörter und Sachen I. i
10
Rudolf Meringer.
als Stößel hängt an einem zweiten als Feder dienenden, wagrecbt unter dem Dache des
Bauernhauses befestigten Balken und wird mit der Hand in Bewegung gesetzt». Hier
zieht also die federnde Kraft des horizontalen Balkens die Keule in die Höhe. Ein
Bild dieser Maschine steht mir nicht zur Verfügung, doch ist es leicht, sich von ihr eine
ungefähre Vorstellung zu machen.
Diese Art Stampfen sind so primitiv, daß wir ihnen ein hohes Alter zutrauen dürfen
und bei fortgesetzter Aufmerksamkeit werden sich wohl die Beweise dafür finden.
Eine Fortentwicklung der Stampfe bestand darin, daß man mehrere Keulen neben-
einander anordnete und sie durch eine Daumenwclle in Bewegung setzte. Die Welle selbst
kann durch ein Rad mitMenscheukraft bewegt werden. Solche Maschinen bestehen noch heute.
Die -weitere Entwicklung wurde durch die Verwendung von AVasserkraft hervorge-
rufen. Wann diese zuerst herangezogen wurde, kann man nicht sagen, jedenfalls wird
die Zeit der Wasserstampfe nicht viel verschieden sein von der Zeit der Wassermühle.
Abbildung 14. Trockenpoilnveik. 19. Jahibundert.
Abbildung 1."). Naßpochwerk. 19. Jahrhundert.
Das Prinzip der Wasserstampfe ist das bereits angedeutete. Ein Wasserrad dreht
eine Welle und diese Welle hat kurze Dornen, «Daumen», welch« eine Anzahl von Keulen,
«Stößel», «Stämpfel», «Schießer» heben und niederfallen lassen.
Solche Stampfen haben eine weite Verbreitung erlangt. In ihnen hatte man ein
Mittel gefunden, die Wasserkräfte all das verkleinern oder zerschlagen zu lassen, was
man bis dahin mit einer Keule oder einem Hammer bearbeiten mußte. Die folgenden
Abbildungen zeigen einige Arten der Verwendung solcher Stampfen.
Die Abb. 12' gibt eine Kohlenstampfe wieder. Ein Arbeiter schaufelt Kohlen (A)
unter die «Stämpfel» (C). Diese werden von den Daumen der rückwärts befind-
lichen Welle gehoben und wieder fallen gelassen. Man beachte die Form der eisernen
Köpfe der Stempel. Die Art des Betriebs dieser Maschine (Wasser- oder Menschenkraft)
ist auf diesem Bilde nicht ersichtlich gemacht.
Die Abb. 13^ stellt dar, wie das Erz gepocht wird. B sind «die Säuleu» C Quer-
hölzer, D die Pochstempel, E ihre Köpfe, F ist die Welle, G sind «die Däumhnge» der
Stempel, H «die Däumlinge» der Welle.
Die Abb. 14 und 15 sind modernere Pochwerke.^ Bevor die Erze in den Scnmelz-
' AusG. Agricola, Vom Bergkvverck, verteütscht durch PhilippumBechiunn. Basel 1.Ö57, S. CCCXIII.
- Agricola, S. CCXXVI. - ' Buch der Erfindungen 186tj, IV, S. 52.
Die Werkzeuge der pinsere-Reihe und ihre Namen.
11
ofen kommen, müssen sie in manchen Fällen mehlartig zerkleinert werden. «Dies ge-
schieht in Pochwerken, welche, einer Ol- oder Walkmühle ähnlich (!), ineist durch ein
Wasserrad getrieben werden. Eine mit Hebedaumen besetzte Welle hebt die etwa
zentnerschweren, mit Eisen beschuhten Stampfen und läßt sie auf eiserne Platten, welche
den Boden eines Trogs bilden, der die Erze enthält, niederfallen. Durch Sieben wird
das gewonnene Pochnielil von den noch groben Teilen abgesondert, letztere weiter be-
arbeitet und schließlich alles zur Hütte geschafft. Dies sind die Trockenpochwerke, so
genannt zum Unterschiede von den gleich zu erwähnenden nassen Pochwerken, die zur
Aufbereitung armer Erze dienen. In den Fällen nämlich, wo die Erzteilchen rail der
Gangart inniger gemischt, oft nur punktweise eingesprengt sind, wird die Handscheidung
untunlich, und es tritt an ihre Stelle die nasse oder künstliche Aufbereitung.» Das
ist nun das Schlämmen, welches uns hier nicht weiter berührt. Bei Fig. l.ö fallen besonders
die Daumen der Welle ins Auge und machen diesen
Punkt der Konstruktion klar, wenn die bisher gegebenen
Bilder noch jemand im Zweifel gelassen haben sollten.
Abbildung 16 stellt eine primitive Lohstampfe aus
Steiermark dar.
Über das Vorkommen des Wortes Stampfe und
seiner Verwandten bei den technischen Betrieben ver-
gleiche man Krünitz. ' Die Wörter bedeuten nicht
immer dasselbe. Was Stümpel, Stantpfel, Stamper ,
Stampfer, Stampf heißt, wird auch Stampfe genannt.
Die Kfautiitampfe ist ein sförmiges Eisen an einem
Stiele, mit dem das Viehfutter (ivraut, Kartoffel) stamp-
fend zerschnitten wird. Auch die Stümpel oder StöcJce
in den Loh-, Walk-, Papier- und Ölmühlen heißen
«■Stampfens «In den Mühleu sind es 12 — 14 Fuß lange
und 5 oder 6 Zoll breite Hölzer von hartem Holze, unten
mit einem eisernen Schuhe beschlagen, fr. pilons de
mouliu.» «Auch die Form, worin etwas gestampft wird, heißt zuweilen die Stampfe»,
also der Mörser oder raörserartige Teil, wovon schon ol)en die Rede war.
Stampfen heißen aber auch die schweren Hämmer in den Papiermühlen, womit
das Papier geschlagen wird. Diese Übertragung des Worts Stampfe auf den Hammer
wird uns noch später entgegentreten. Auch in den Pnivermühlen wird ein starker
hölzerner Hammer Stampfe genannt.
Gewöhnlich heißt der tätige Teil der Maschine Stämprt, Stampfel usw., wie ange-
geben. Sie leisten im Zerstampfen, Zerstoßen, Zerschlagen, Zerdrücken besseres als die
Hämmer, meint Krünitz*, weil sie schwer sind und mit vollem Gewicht autfalleu. Krüuitz
beschreibt die Hand- und Maschinenstampfeu au der in der Anmerkung angegebeneu Stelle,
und erläutert ihre speziellen Einrichtungen für die einzelnen besonderen Aufgaben und
Betriebe, was ims hier nicht näher interessiert.
Auch die Bcdeiitungsentwicklung dos Wortes Stümpel bis zu dem, was wir heute ge-
wöhnlich unter Ste»ipel verstehen, bedarf keines weiteren Wortes, deun sie ist ohne
■ J. (i. Krünitz, Knoyklop;ulie. Iti«. Teil (IS-'^S), S. 384 ff., öH)\X.
-' Kriinitz, a. ;i. O., S. Ti-Ji ff.
AbbilJunp 16. Eine heutige einfache
Lohstampfe.
12
Rudolf Meringer.
Aliliililuntr 17. Koreanerin beim Reisstampfeii.
weitres klar ; zuerst werden gewisse Zeichen mittelst eines StämpeJs eingedrückt, dann
heißen diese selbst so und schließlich wird ein Papier mit gewissen Zeichen, das erst
aufgeklebt wird, so benannt.
Der Stämpel heißt in der Steiermark auch Schießrr. Bei Unger-KhuU' liest
maus. V. : «Balken bei einem Stampfwerke,
der durch eine mit Zapfen versehene Walze
(Grindel) emporgehoben werden kann». Der
Balken, in dem die mörserähnliohen Ver-
tiefungen angebracht sind (in welche die
Schießer stoßen), heißt bei uns unkrnhloch.-
Die Welle wird auch Wahc genannt.
Über die Verwendung der Stampfe zur
Erzeugung von Grütze möge man beson-
ders Rühlmann einsehen.^ Unter Grütze
versteht man mehr oder weniger grob ge-
schrotete Körner von Gerste, Hafer, Buch-
weizen, Hirse. Man kann die Körner zwar
auch in der gewöhnlichen Mühle enthülsen
und schroten, bedient sich aber doch auch
oft dazu der Stampfe. Rühlmann benennt die einzelnen Teile: Stempel oder Stampfen,
an denen die Hebhdten oder Zungen augebracht sind ; Welle ; Daumen. Den Eichen-
holzblock, in dessen Höhlung der Stämpel hineinschlägt,
nennt er Stampf oder Gruhensfocl;.
Das Ergebnis dieser kurzen Betrachtung wird wohl
sein, daß die Stampfe in ihrer einfachsten Gestalt m-aU
ist und ich möchte glauben, daß man den Urindogermanen
ihre Kenntnis wohl zutrauen darf. Wie anders stünde
das Leben vergangener Zeiten vor uns da, wenn das wich-
tigste Kulturmaterial des Menschen, das Holz, nicht so
vergänglich wäre !
Der Hammer.
Ich stelle die sc/(/a(/r')!f?m Werkzeuge zu den stoßenden,
trotzdem die Sprache einen Unterschied macht, weil sie
gleiches bewirken.
a. Der Handhammer.
In Korea wird der Reis mittelst eines Hammers ge-
stampft, wie Abb. 17* zeigt. Der Hammer hat eine breite
Schlagfläclie. Der Mörser ist breit und niedrig, was schon
deshalb so sein muß, weil der Hammer nicht so tief wie ein Stämpel in eine Höhlung
hineinschlagen kann. Jedenfalls ist ein besonderer Schlag notwendig, wenn nicht ein
Teil der zu stoßenden Körner aus dem pfannenartigen Mörser herausspringen soll.
Abbildung 18. Kaschubisehe
Graupenmühle.
' Unfrei-, Steirischer Wurtsebatz, herausgegeben von F. KhuU, S. 5:58.
2 Mitteilung aus Pettau von stud. phil. Fr. Pogatscher. — Wegen block neben block: Noreen,
L:iullehre, S. löG. - ' M. Rühlmann, Allgemeine Maschinenlehre, 2. Bd.. S. 208.
' Aus Rud. Zabel, Meine llothzeitsreise durch Korea. Allenburg, Stephan Geibel. HtlHl.
Die Weikzeuge der pinsere-Heihti und ihre Namen.
13
Aliliildini'; 19.
stAnko» und Slöüel. Sleierin.irk.
Eine ähnliche Maschine kommt heute noch bei den Kaschubcn vor, Abb. 18.*
Der Hammer ist breit, doppelseitig zu brauchen, der Mörser seicht.
Dieselbe Vorrichtung findet sich
aber auch in der Steiermark. Die
Al)b. 19^ zeigt einen primitiven Mör-
ser und verschiedene Formen des
Stößels: Dieeinfache Keule, die Keule
mit einer Handhabe, den Hammer
Die Objekte wurden in Bucliegg bei
Arnfels aufgenommen. Das Stoß-
oder Schlagwerkzeug heißt steassl,
der Mörser ihilcii. Hirse (Jiirsch), ver-
schiedene Getreide, F'enchel, werden
mit diesen Apparaten <h/ii(iiiif, ent-
hülst und geschrotet. An/ni hat hier
eine unursprüngliche Bedeutung wie
in änhihJorJi.
b. Der Fußhammer.
Der Handhammer wurde chuch
einen größeren ersetzt, der mit Zuhilfenahme des Körpergewichts durch Treten in Be-
wegung gesetzt wird und den ich deshalb Fußhammer nenne. Sein uralter, bei uus
noch gebräuchricher Name ist AnJcc, dial. (hikchii.
Schon L. Lindet^ hat in den ethnographischen Samm-
lungen des Trocadero gesehen, daß man in China, Korea,
Indien, Cambodja zum Enthülsen des Reises einen Mörser
verwendet, nni mortier creuse dans un tronc d'arbre, dans
lequel, actionne par un grand levier. se meut un pilon
de bois».
Ganz trefflich wird die Anke durch eine chinesische
Dar.stellung illustriert, die ich in Abb. 20 wiedergebe.''
Die dargestellte Anke dient in diesem Falle zum Stampfen
des Feldspats bei der Porzeilanbereitung. Andere Anken
aus Ciiina und Indien habe ich bei einer früheren Gelegen-
heit abgebildet.'' Man bemerke, daß die Maschinen in
Gliina und Indien identisch sind. Beide stimmen auch darin
überein, daß der stampfende Mann vor sieh einen Holzgalgen
bat, an dem er sich anhält, weil er durch das Treten leicht
aus der Gleichgewichtsstellung kommen kann. Vergl. auch
das Bild aus Japan (Abb. 21), dessen Instrument Ähnlich-
keit mit dem huzulischen (Abb. 23) hat.
Man hat die Anke schon bei Hesiod finden wollen:
öX|j.ov [isv Tf.'.;rö57)v täpstv. r)n=pov ^k tpi-Tj/uv,
Abliildunf? !20. Stampfen des
Keldspals für die Porzellan-
fabrikation in t'.liinn.
' Ernst Seefried, In der Kascliuliei. liier lianil und Meer. 1907. Nr. 44, i^. lO'.t? ff. — ' Zeichnung
und Mitteilungen von Professor Kr. Kerk. — ' Rev. aroli. XXXV (lS'l'.t\ S, 4il?. — ' Bueh der Ertindunpen,
IV [ISm], S. ;2S1. Al.li. 114, — ■■ Indopenn. Forschunjron. XXI (1907), .< äS:l und Taf. 11, Abb. r>.
u
Rudolf Mei'inger.
Ahliiklung- "21. Ostasiatische Anke zum Stliroten.
(Aus Reclams Universum XXIV. 1160.)
a|ova S' l^ttotiröSYjV [j.ä),a ';ä[j vü toi af>[j.£vov ootw.
si Se V.BV öxta;rö5-irjv, a^ö xal cj'füpäv xs täjAOto. Hesiod 423 — 425.
«Creuse uti trou de trois pieds; il sera ton niortier; que le pilon ait trois coud^es;
qu' une plaiiehe de
sept pieds servant de
levier s'y emboite.»
Diese Erklärung
\j. Lindets' liat l)ei
Andre Baudrillart "^
Zustimmung gefunden.
Lindet berief sich auf
eine Anke, die er bei
(j. A. Böckler ä fand.
Ich reproduziere sie
liier in Abb. 22, weil
Ijindets Wiedergabe
nicht gut ist. Nach
Lindet und ßaudril-
lart wäre öX[j.o? der
Mörser, u^tspoc die
Keule, aswv der horizontale Teil des Hammers. Das wäre schon denkbar, aber mir
wollen die Maße zu einer Anke nicht stimmen. Ich halte es nicht für ausgeschlossen,
daß Hesiod eine Stampfe meint, deren Keule drei Ellen
lang und an einem sieben Fuß langen federnden, ho
rizontalen Balken (a^wv) aufgehängt war.
Schwierig ist auch die letzte Zeile: Sagt Hesiod,
wenn du einen zu langen Balken (von S Fuß) hast, so
schneide einen Fuß davon ab, wodurch du auch eine
^ifOf^a, einen Handhammer, einen Schlägel*, erhältst?
Also einen Handhammer zum Fußhammer (oder dei-
Stampfe)?
Die Abb. 23 stellt eine huzulische Anke, dort
notinä stüpa genannt, vor. ^ Die Zeichnung ist nicht
befriedigend. Auffallend ist der Galgen, an dem sich der
Stampfende ebenso wie in China und Indien festhält.
Abbildung 24 vergegenwärtigt eine Anke aus Un-
garn «und heißt bei den Wenden des an den Göcsej
anreihenden (sie !) Gebietes Stopa*.'' Die Verantwortung Abbildung; 2^2. Mölile des l7./l,s.
' Rev. arch., a. a. 0. — - Daremberg-Safrlio, Dictionnaire, Jahrhunderts. Vom eine Anke.
s. V. moitarium. — ^ G. A. Böckler, Theatrum macbiiiaium no-
vum, Nürnber}; 1703, Taf. 10. — * Das Wort bedeutet auch einen Schmiedehammer, Od. :i, 434, den man
sich wohl aus Eisen hergestellt denken muß. 0. Schrader, Sprachvergleichung und Urgeschichte, ^ 11,
S. 1(>. Ich möchte aber darauf aufmerksam machen, daß Holzhämmer auch beim Schmieden verwendet
werden; ich habe zu meinem Erstaunen in Varei (Bosnien) gesehen, daß die eisernen Brotbackdeckel mit
hölzernen Schlägeln geformt wurden. — ^ Szuchiewicz, Huculszczyzna, S. 100, Abb. 104.
'■ Ungar, etlinogr. Anzeiger, II. u. III. Jahrgang (U)07), S. 36 f.
Die Werkzeuge der pinsere-Reihe und ihre Namen.
15
Abbildung 23. Eine huzuliscbe Anlce.
Abbildung' 'ü- Anke bei den ungarischen
Slowenen.
für das Verhältnis der beiden Hebelarme dieser Anke muß ich dem Zeichner überlassen.
Ich erlaube mir daran zu zweifeln, daß der kürzere Hebelarm wirklich gar so kurz ist.
Diese sfoi)a dient hauptsächlich zum Zerstoßen von Buchweizen, «dem wichtigsten
Nahrungsmittel der Wenden», d. h. der Slowenen. Der Mann, welcher die stopa bedient,
hält sich an einem Stock an, der in der Haus-
wand in entsprechender Höhe befestigt ist.
Überall, auch bei den Deutschen, steht die
Anke neben einer Wand des Hauses, natür-
lich außerhalb desselben, und überall fand
ich wie die anderen diesen Stock, der das
freie Gerüst der indischen, chinesischen und
huzulischen Maschine vertritt. Daß die un-
garische Paprikastampfe ebenfalls eine Anke
ist, habe ich an einem anderen Orte schon er-
wähnt. ^ Im ethnographischen Museum in
Budapest dürfte eine solche — die ich vor
2 Jahren zerlegt sah — unterdessen aufgestellt
worden sein.
Auch das Museum in Salzburg enthält
eine Anke, wie mir Professor R. Hoemes
mitgeteilt hat.
Die schematische Zeichnung Abb. 25
bringe ich wegen der genauen Maße. Sie
stellt eine Anke aus Eibiswald (Steiermark) dar. Die Doppelheit der Löcher erklärt sich
daraus, daß das eine Mörserloch durch vieles ncincn (wir kommen auf das Wort zurück)
ansgencint. d. h.
unbrauchbar ge-
macht wurde.
Weil die Möglich-
keit vorhanden
war, wurde ein
zweites Loch ge-
bohrt. -
Abbildung 26
ist eine Skizze
einer Anke aus
Schwanberg
(Steiermark). ä Die Keule mit Eiscnbeschlag ist interessant. Sie ist. soweit meine Kenntnis
reicht, von untypischer Form.
Abb. 27 ist etwas verzeichnet. Der linke Arm dürfte etwas länger sein, deun_
sonst würde er beim Horunterfallcn gar keine Kraft entwickeln. Dargestellt ist eine Hirse-
stampfe vom Kadolbergpaß zwischen Eii>iswald und Mahrenberg. Die Anke steht nicht
längs der Hauswand, sondern senkrecht auf diese, was eine kompliziertere Anlage des
' Indogerm. Foi-scliunjien, XXI (1907). S. 2S4. — - MilteiUnijjen des Herrn Lehrers Fr. Einfall in
Eibiswal.l. — ' Mii- l'ioumlliilisl von riofcssor Fr. Krank zur Verfüsunjr sreslellt.
.\l)hilihing 2.5. Sfeiriscbe Anke.
IC.
Rudolf Meringer.
ildung
Steirische Anke.
Stocks zum Allhalten bedingt. Auch die Art, wie der Knopf Cder hier statt einer Keule
ersclieint) mittelst eines Eisenbands befestigt ist, ist uiitvpisch.
Die Abbildung 2S liat
Dr. V. Geramb aufgenomnieii.
Die Anke steht ebenfalls in
Eibiswald längs eines Hauses.
Das Bild deutet die Fußhal-
tung des Stampfenden, wie
sie mir demonstriert wurde,
an. Bei so kleinen Maschi-
nen mag diese Haltung mög-
lich sein, bei größeren ist sie
nicht gut denkbar und ge-
wiß nicht gebräuchlich. Bei
der Bäuerin dieses Hauses
konstatierte ich mit Sicherheit das Parti-
zipium gnoant v<geneint», was also ein Ver-
bum neinen voraussetzt.
Zu dem Namen Anhe ist noch folgen-
des zu sagen. Gewöhnlich heißt die ganze
Maschine so. Gelegentlich aber hört man,
daß Anke eigentlich der Mörser sei, und so
heißt auch der Holzblock anlnhJoch. Anhe
heißt deshalb auch die Hohlform der Knopf-
macher^ und Anhe heißt auch «eine dicke
eiserne Platte mit verschiedenen halbrunden
Vertiefungen, die der Goldschmied zur Anfertigung von hohlen Kugeln braucht (Dresden)».^
Hier liegt eine Übertragung vor. Die ursprüngliche Bedeutung ist «einfache tret-
bare Stampfe in Bauernhöfen, wo mau
Hirse und Heiden stampft»,^
Die weitere Entwicklung des Fuß-
hammers, der Anke, bestand in der Ver-
wendung der Wasserkraft. Das Prinzip
dieser Maschinen ist dasselbe wie bei den
Wasserstampfen. Ein Wasserrad dreht
eine Welle und diese erfaßt mittelst eines
Daumens den kürzeren Hebelarm der
Anke und drückt ihn nieder, wodurch
der vordere gehoben wird. Gerät der
Abbildung 27. Sleirische Hirsestampfe.
AbbilduiiK 28.
Kleine steirische Anke zum Scliruteu
und Ölpressen.
' Sanders, DWB., S. 35. — ^ K. Mülle r-
Krauheim, Wörterbuch der obersächsischen und
erzgebirgischeii Mundarten, s. v.
" Unger-KhuU, s. v. Hier wird als weitere Bedeutunfe' angegeben «Stampfe überhaupt (auch für
Schießpulverj», womit wohl eine stehende Stampfe gemeint ist. — Bei Schmeller- Fromm ann I, Sp. 111,
wird gesagt, daß in der Schweiz anken «pumpen» bedeutet. Dann stammt der Ausdruck vielleicht von
slampfenähnlichen Pumpen. Vergl. Böckler, Theatrum mach., Platte 9.5.
Die Werkzeuge der j^insere-Reihe und ihre Namen.
17
Daumen der "Welle bei der weiteren Drehung unter den kürzeren Hebelarm, so schnellt
dieser empor, der längere senkt sich und die Keule fällt mit Wucht nach abwärts.
Natürlich kann dieselbe Welle — ähnüch wie wir es bei der
Stampfe gesehen haben — auch mehrere Hämmer neben-
einander in Tätigkeit setzen.
Diese Art Hämmer lieißen Schwanzhämmer. Ist die
Maschine so angeordnet, daß die Welle den Hammer vorne
bei Kopfe packt, hebt und fallen läßt, so spricht man von
einem Stirnhammer.
Die Anke ist also ein mit dem Fuß betriebener Schwanz-
hammer. Mit Wasser betrieben werden die schweren Häm-
mer, die eine weit größere Gewalt ausüben, als man zu wirt-
schaftlichen Zwecken, zum Enthülsen und Schroten, benötigt.
Ein Schwanzhammer ist der typische Eisenhammer.
Ich habe schon früher einige Bilder von ihm aus älterer und
neuerer Zeit gebracht.^
Die Abb. 29 stellt eine Schmiede mit einem wasser-
getriebenen Hammer dar, dessen Kopf (D) sichtbar wird.^
Dieser Hammer ist aber kein Schwanzliammer, denn die
Daumen der dicken Welle fassen ihn vorne und heben ihn.
Auch diese Konstruktion hat ihre Geschichte, denn nach
200 Jahren finde ich wieder einen solchen Seiteuhammer
dargestellt ^ aus dessen Erklärung ersichtlich ist, daß wirklich gelegentlich die Welle
parallel zum Hammer
gestellt war und mit
ihren weit vorstehen-
den Daumen ihn hob
(Abb. 30). Ungläubig
bin ich bloß gegen die
Anzahl von sechs Dau-
men bei Agricola. Der
Ilammervou de Feiice
hat deren bloß vier.
L.Beck, Geschichtedes
Eisens II-, S. 47i), 481
nennt diese Maschinen
- Aufwerriiäuimer». Ich
will im Vorbeigehen
darauf aufmerksam
macheu, daß die Am-
bosse unserer heute
Abbildung 29. Schmiede
mit Eisenhammer.
16. Jahrhundert.
Abbildun!,' 30. Französischer Eisenhammer. IS. Jahrhundert.
• Indogerm. Forschungen. X.\l (l'.tOT). S. -J^ f. — -' .-Vus G. Agricola, Vom Bei^kwerk .
leütscht durch Philipinim Becliium. Basel 1557, S. CCCLIl.
'' de Feiice. Kncycloiiedie oü dictiotniaire univei-sel. l'lanchos. Tome V. Yverdon 1777.
Forge.s, 4. Section, Tat'el 6, Fig. 38 und Tafel 7, Fig. -V;?. Die Besclireibung findet sich S. 76 f.
Wörter uud Sachen. I. 3
Yorvl.
18
Rudolf Meringer.
Abbildung 31. Steirischer Eisenhammer.
noch bestehenden, volkstüinlicl)en Eisenhämmer genau so sind wie der von Agricohi
dargestellte: Der Eiserne Kopf des Hammers sehlägt auf einen eisernen Amboß und
dieser steckt in einem Baumstrunk, der von einem dicken eiserneu Reif umklammert
ist.' Beachte, daß die Blasebälge schon mit
Wasserkraft — wie heute — betrieben werden.
Auch die Esse hat die Gestalt der heutigen.
Einen Schwanzhammer, der in den Papier-
mühlen in \'erweudung steht, bildet Krünitz
ab — aber sehr schleclit.^ Auch in den Loden-
stampfen sind Schwanzhäramer im Betriebe,
wie noch sonst oft.
Die Abb. 31 stellt einen Eisenhammer aus
Schwanberg (Steiermark) dar^, ebenso Abb. 32.
Abb. 33 ist ein technisch vervollkommneter
Schwanzhammer.*
Wie wenig Aufmerksamkeit den besproche-
nen Sachen bis jetzt gewidmet wurde, möge
man daraus ersehen, daß M. Heyne wohl von den Mühlen, aber nichts von Stampfen
oder Anken zu be-
richten weiß.^ Nur
in seinem nachge-
lassenen Werke
über das altdeut-
sche Handwerk''
macht er die Be-
merkung, daß das
Wort Milhlc für jede
Maschinegebraucht
wurde und daß man
deshalb von Loh-
mühleu, Holzmüh-
len , Sägemühlen,
Kalkmühlen
sprach. Dann fährt
er fort: «älter mö-
gen die Walkmüh-
len sein, die das
nach römischer
Abbildung 3ä. Steirischer Eisenhammer.
' Der estnische Held Kalevipoeg spaltet mit dem Schwerte den «schweren Amboß — Nebst dem
dichtberingten Klotze, — Der ihn trug, bis in den Boden». Vergl. O. Schrader, Sprachvergleichung und
Urge.schi eilte, ' II, S. 27, Anm. 2. — - Krünitz, Encyklopädie, 21. Teil (1780), S. 337, dann Taf. II, Fig. 1215.
^ Mit den Kugeln auf den Säulen hat es folgende Bewandtnis. Sie werden in zienüich rohem Zu-
stande frei auf die Ständer gelegt. Durch die Erschütterung der Schläge werden sie immer ein Stückchen
gedreht, wodurch sie allmählich ganz kugelig und glatt poliert werden. — '' Buch der Erfindungen (1866),
IV. Bd., S. 77, Abb. 30. — ^ Vergl. M. Heyne, Deutsche Hausaltertümer, 2. Bd., S. 257 ff., 1. Bd., S. 43 f.
" Das altdeutsche Handwerk. Aus dem Nachlasse von M. Heyne (1908), S. 45 f.
Die Werkzeuge der jiinsere-Tieihe und ihre Namen.
19
Technik angewendete Treten der Stoffe mit den Füßen durch ein vom Wasser getriebenes
Stampfwerk ersetzt haben». In der Anmerkung zu dieser Stelle bemerkt er, daß stampf-
miil 1343 belegt ist, und daß schon bei Seifr. Helbling im 13. Jahrhundert stampfhart
ein grobes gewalktes Tuch bedeute.
Zum Sprachlichen, a. Stampfe.
Mit den beschriebenen Maschinen hängen drei Wortsippen zusammen: Stampfe
[stampfen), Anlce und ein Zeitwort, das in schriftdeutscher Gestalt neuen heißen müßte.
Über Stampfe und seine Verwandten ist nicht vjel Neues mehr zu sagen.' Die
Wortindividualitäten sind folgende:
Stampf Masc. bedeutet ursprünglich die Keule. Vergl. ahd. siamfe farnuuuanaz
pilo tunsum (Steinmeyer, ahd. Glossen I 287, 35). Sonst wird sowohl pllum wie pila
durch stampf übersetzt. Vergl. pilo stampf (a. a. 0. I 229, 2), pilo stampf (I 337, 23), pilo
stampf siamp (I 338, 19), pilus stamph (I 538, 36), pilo stampf (I 543, 50), pilo stamplio
(? II r)34, 33) — in pvla In stamfe (I 542, 45), pila
stanph (I 590, 3), pila stamph (I tJOr), \h], pUc stamph
(I 683, 23). Eine abschließende Antwort gibt die
Glosse (III 300, 3) : pilum vel pila lignum in quo
milium et fruraentum exuitur stanphf.
Nach dem DW'B. Ijedeutet der Stampf ein
Gerät zum Bereiten des Schweinefutters, was wohl
das s-förmige Eisen sein wird, von dem unter
Stampf Fem. die Rede ist. Dann bedeutet das
Wort «Keule und Mörser» und «Mörser» allein.
Vergl. mnd. stamp Älse it in einem stampc gestoten
teere (quasi pilo tusum).- Im Dialekt der VII.
und XIII. Comuni in den venetiauischen Alpen
bedeutet stampf m. «Mörser», mortajo, pila; da-
gegen stemfel «Stämpfel», pestello.^ In der Sprache der Technik ist Stampf ein ver-
tieftes Werkzeug von Eisen, um Gegenstände aus Blei oder Blech darin zu bilden (DWB.).
Ob das steirische stampf im Sinne von «Getreidemaß (Unger-KhuU), von der Mürser-
form, oder — wie das DAVB. meint — davon seinen Namen hat, daß es die
Menge des zugleich unter den Stampf gebrachten Getreides angibt, möchte ich nicht
entscheiden. [Vergl. «aisl. stampr Kübel (eigentlich ausgehöhlter Baumstumpf?)
Torp a. a. 0. 484.]
Stampfe B^'em. Für die ursprünglichste Bedeutung halte ich «Mörser». Zwischen
der stampf und die stampf- ist ein ähnliclies \'erhaltnis wie zwischen pilum «Stößel«
und 2>ilit ■' Mörser». Ein starker (irund iiu' die Richtigkeit dieser Annahme liegt in
dem altsl. stnpa «Mörser», das einem ahd. *stampfa entlehnt ist.
Aber wieder haben Verschiebungen stattgefunden. Auch Stampfe wurde auf die
ganze Maschine übertragen, dann auf den <^StämptVl». So heißt ein sformiges Eisen
an langem Stiele je nach der Verwendung Kraittstampfe, Erdiipfehiamjyfc. In der vom
' Vergl. DWB., .•^. v.; I'alk-To rp. Etym. Onlbo?. 190«, s. v. Stampe; J. Fr.iiik. EtymoloFiscli
Woordenliock, .*. v. Stainpon usw. [Tnip F:ilk, Fick III' kiiniile iili erst bei der Korreklur einsehen.]
-Si'lii IltM-T.üliliiMi, MillolnioiliM-d. Wöllerb., s. v. — ^.I. .A. Soli niiM 1er, ripiilui^i-hesWiiilerbuch, S. 173.
Abbildung :?.■?. Konstruktion eines
moderneren Eisenhammers.
20 Rudolf Meringer.
DWB. angezogenen Stelle in Tieck Don Quixote: es ivaren secJis Stampfen einer
WaUiuiihle, die mit ihren abwechselnden ScMügen jenes Lärmen hervorlracliten, ist kläi'licli
von den Stämpfeln die Rede. Ebenso heißt der Stößel der Aargauer Maschine, die wir
schon oben besprochen haben (S. 9 f.), Stampfe.
Stampfen Ztw. Das ahd. stamfün (nur einmal belegt) ist ein Denominativnm
von *stamfa, *stampfa und betieutet «etwas in der Stampfe bearbeiten».
Stümpfel, Stempel bedeutet den aktiven Teil der Stampfe und scheint eine jüngere
Bildung zu sein, die notwendig war, als der stampf dw\'d\ Übertragungen unklar geworden
war. Die Bildung sehließt sich an die zahlreichen auf germ. -ila- an, die J. Grimm
zusammengestellt hat \ von denen ich nur auf die verbreitetsten hinweisen möchte: Bleuel,
Flegel, Griffel, Hebel, Henkel, Kegel, Kneuel, Knüttel, Kiibd, Löffel, Meißel, Prügel, Riegel,
Schlägel, Schlüssel, Schwengel, Wedel, Wirtel (der Spinnerin), Zügel.
Aus dem Althochdeutschen ist uns noch eine merkwürdige Glosse erhalten : Pila sianif
est uas concanum aptum ad frumenta tundxnda superius (lutem lignum cum quo tunditur
pilum dicitur. i. stamfi strcmphil nbirstemfe. Steinraej'er, Ahd. Glossen I, 802 z. 34 ff.
Der Herausgeber bemerkt hierzu, daß stamf und stremphil zum Zeichen, daß sie getilgt
sein sollen, unterstrichen sind. Es scheint also, daß keine Sicherheit herrscht. Einmal
soll bloß pila mit stamf übersetzt werden, und pilum mit ubirstempfe, das übergeschrieben
ist. Ursprünglich war aber pila mit stamf ebenso übersetzt wie pilum und bei letzterem
noch hinzugefügt stremphil. Dieses letztere Wort wird wohl identisch mit * stemphil sein,
wie strampfen mit stampfen. Woher das r stammt, ist nicht zu sagen.
Stumpf Masc. und stumpf Adj. stehen im Ablaute zu den bis jetzt genannten
Wörtern. Da nach meiner Meinung an so einfachen Sachen am ehesten die älteste
Bedeutung der Wurzel haftet, muß ich annehmen, daß man die germanische Bedeutung
aus dem Substautivum Stumpf erschheßen muß. Stumpf, ags. stump, holl. stomp, hat die
Grundbedeutung «Klotz» gehabt und i.st die suffixbetonte Nebenform zu stampf,
mit dem es möglicherweise einmal im selben Deklinationsparadigma vereint war (idg.
*stömbo-, stmbe-). Das Verbum stampfen muß also einstens bedeutet haben «mit einem
Klotz arbeiten», und die weitverbreitete Bedeutung schwer auftreten» kann daraus her-
stammen, daß das Treten des Fußes das Heben eines Klotzes (oder eines Hammers),
kurz ein Stampfen bewirkte, oder aber ein schwerer Gang ist bildlich mit dem Nieder-
fallen eines Klotzes (oder Hammers) verglichen worden. *
Eine alte Nebenform *stmhh steckt in Stummel, (ver) stammeln (mhd. stumbel «Stumpf»,
stümheln).
Auffallend ist, wie mächtig die germanischen Wörter zu Slawen und Romanen vor-
gedrungen sind. Gewiß war es die Sache, die Nachahmung fand, die Stampfmühle,
die darnach wohl von Deutschland aus sich weiter verbreitet haben muß. Wieder
sehen wir, wie bei der Geschichte des Pflugs, die Germanen als Lehrmeister der anderen
Völker.
Die slawische Sippe findet man bei Miklosich. ^ Aksl. stapa «Mörser» ist erwähnt.
Nsl. stöpa «Stampfe», Plural stope «Stampfmühle, Pochmühle», stöpati «stampfen».
Tschech. stoupa «Stampfe, Stampftrog, Stämpfel» kroat. sfupa «hölzerner Mörser» «Stampfe» '*,
' J. Grimm, Deutsche Grammatik, III, S. 470. — ■ Indogerm. Forschungen, XXI (1907), S. 286 f.
' Fr. Miklijsich, Etymol. Wöiterb., S. 334, s. v. stompa. — ■* V. St. Karadsc hitsch s.v., gibt
auch an «eine Maschine zum Hanf brechen». Wie sieht sie aus? Man sieht aus solchen Fällen, wie wertlos
ein Wörterbuch ohne Bilder ist.
Die Werkzeuge der pinsere-Re'ihe und ihre Namen. 21
stupati «stampfen»; poln. st^pa «Stampfe», stqpor, stepor "StämpfeU, rassisch stupa
«Mörser», «eine Erdstampfe», «ein Klotz», «ein plumpes Frauenzimmer».
Ital. sfampare, span. port. cstanipar, franz. cstamper, «stempeln, prägen, abdrucken».
Ital. stompa «Prägung, Buchdruck , franz. etampc «Stahlstempel», es<am/)e «Kupferstich,
ytahlstich».
Die auswärtigen Verwandten. Im ai. findet sich stambä «Pfosten, an den ein
Elefant gebunden wird», a pillar; stamhaghand «ein Werkzeug zum Hauen des Grases».
Daneben eine Wurzel mit aspiriertem Auslaut stamhJia «Pfosten, Pfeiler, Säule--, stahhuiti,
stahhnoti «befestigen, festhalten» (U\'.).
Diesem Nebeneinander von ai. sfamh und stamhh solieint der von Stumpf und
Stummel (mhd. stumM) genau zu entsprechen.
Den e-Ablaut finden wir in aTS[j.ßHV «mit den Füßen stampfen, mißhandeln,
schmähen», wozu wohl auch lat. temno (==* tembnn) gehört.^
Aus dem lit. gehören hieher stambas (Nesselmann) «Strunk, dicker Stengel von
Kohl» u. a., stamhras «Stengel, Halm», stamhns «grob, grobkörnig- (vom Mehl, Brot,
Tuch). Man sagt auch tal stamhtis tmogns «das ist ein grober Mensch-, stimherys
«Schwanzstummel, -stumpf».
Zu *stemb{li) gibt es auch eine un nasalierte Wurzel *st('h{fi), *sfab(h). Vergl. gr. atoßico,
oToßäCtö «schelten, schimpfen». Neben lit. stemhti, iszstemhi>s «strunkig. holzig- finden
wir stebctis «staunen», stab/jli «aufhalten». Dem ai. stamh/ia entspricht Ht. stabas tGötzen-
bild»^ got. stafs usw.' Zu dem apreuß. mahmastabis, das «Mühlstein» bedeuten soll,
will ich, meine früheren Worte ergänzend*, noch sagen, daß es auch «Mühlenstößel»
bedeuten könnte, denn es wäre sehr denkbar, daß die Preußen Mörser und Keule ver-
wendeten. Jedenfalls glaube ich noch immer nicht, daß sfabis «Stein» heißt. Die
nasalierte Wurzel in gr. aatsjKpvji; «unerschütterlich, fest, grausam?, '3ts[j.so).ov «ausgepreßte
Oliven, Steinbeeren». Die unnasalierte Wurzel wieder in der Sippe von stapfen (gerra.
*stabn-, stapn-), engl. step. [Torp-Falk, Fick HI', S. 4^2.1
Unsere Ausführungen haben ergeben, daß stc(in)b(h) den Shm « Klotz ». «mit einem
Klotz hantieren» u. ä. bedeutete. Neben dieser Wurzel bestand noch ein *stap. vergl.
Staffel, Stufe, aksl. sfqpiti, stapad, bei dem nur eine Bedeutung «treten, gehen? nach-
weisbar ist.
Ein ganz merkwürdiges Nachtgespenst ist mhd. diu Stempel Sie macht ihrem
Namen (germ. '''■ stanipjö «Stämpferin») Ehre, denn sie tritt im Schlafe die. welche ihr
Essen nicht säuberlich verzehrt haben, hat also eine weitschichtige X'erwandtschaft
in den Geistern, welche sich dem Schlafenden auf die Brust legen (Alp, Trud. Mahr,
Schratt).
Zur Frage, ob bei der Bedeutungsverschiedenheit von < schwer auftreten» und mit
einem Stößel stoßen» schon irgendeine, wenn auch einfache Maschine mitwirkt oder
nicht, vergleiche qStc, das auch einen Tanz bedeutet, was ja eine ganz begreifliche
Metapher wäre. Die Ähnlichkeit des Klangs eines taktmäßig «stranipfenden^ Tanzes
' A. Walde, Lat. elymol. Wörter!)., s. v. — » liidoperm. Forschungen, XVUI (1905). S. ä79.
» Uhlenbeck, Et. Wörterb. .1. ai. Sprache, S. MX [Torp-Falk, Fick IIP, S. 483.]
* Iiuloserm. Forsoliungcn, XVIII (lilofi). S. 276.
'•> Grimm. Deutsche Mythologie. .*!. -255 f. Haupts Alldeutsche Rlrdler, I, UK>. v. d. Ha^en. G^
sammtabou teuer. 111. :>;!.
22 Rudolf Meringer.
mit dem Klange von stoßenden Keulen ist allerdings groß. Aber ein gewöhnlicher
schwerer Gang ist einem Stampfen doch nicht so ähnlich. Allerding.s kann man anderer-
seits wieder geltend machen, daß solche Übertreibungen in den sprachlichen Metaphern
keineswegs unerhört sind. Sicher ist nur, daß in *ste(m)h(Ji) der Sinn Klotz» ent-
halten war.
b. Anke.
Über die Etymologie dieses Wortes könnte man sich verschiedene Gedanken machen.
Man könnte an Entlehnung au.s lat. ancus «gekrümmt» denken. Belegt ist beiFestus:
AncKS appellatur, qui aduncum bracchium habet, et exporrigi non potest.' Das Wort
scheint dem ital. aticino zugrunde zu liegen.- Aber gegen ein Lehnwort spricht vor allem
das feminine Geschlecht von Anke, ganz abgesehen davon, daß wir von einer römischen
Anke dieses Namens nichts wissen und daß die Anke kein Haken ist. Auch scheint
das Wort ancHS schon frühzeitig geschwunden zu sein.
Dann könnte Anke urverwandt mit ancus sein, was bei der Annahme einer -nd-
Ableitung lautlich möglich wäre. Aber wieder erhebt die Sache Einspruch, denn die
Anhc ist kein Ilaken, ist nicht gekrümmt (ai. ahids 'gebogen>).
Und so bleibt denn bloß die Möglichkeit der Identifikation mit ahd. ancJia Fem.
«Genick«, mhd. anlcc «Fußgelenk, Genick«^, ahd. eiichil, anchal, nhd. E»M «^Fußknöchel».
Dieses gehört zu ai. ailj (RV.) «sich drehen s üüga <Ghed».* [Torp-Falk a. a. 0., S. 11.]
Wenn ich sage, die beiden Wörter sind identisch, so meine ich aber keineswegs,
daß das Wort, welches «Genick» oder «Fußgelenk» bezeichnet, auf die Maschine über-
tragen wurde, sondern ich glaube, daß die Anke so bezeichnet wurde, als das Wort
noch «Glied», «Gelenk» bedeutete. Die Übertragung lag nah genug, denn die Anke
bewegt sich wie ein Glied im Gelenke.
c. Neuen; die Neue; nennen.
Das was man mit der Anke macht, wird neuen genannt. Es entspricht mhd.
mmverv'; aus dem ahd. ist die Glosse farnnimanaz innsum schon erwähnt und nimvil
retundit noch nachzutragen. Weder Graff noch Zarncke sind dem Worte gerecht ge-
worden, sondern erst das DWß. und Lexer. Ich gebe nur wenige Belege.
ht dem (Bauer) miiost du lünwen
dehsen, sicingoi. hliuwen
und darzuo die riioben graben Helmb. 1359
das geschah hi einem stampfe, dd lue innr hne.
Do hiez ich niuwen sie. ÜWH. 334.
In der nuU neuef man. — Die miiller neuen: die gersfrn, dm hirs neuicen Hans Sachs.
Im bairisch-österreichischen Dialekt ist das Wort noch weit verbreitet.'' Steirisch
nain, tirol. nujen, nojen, kärtn. noin, näun, bair. noicn, nnien.
* Festus, ed. Tljewrewk de Ponor, S. l."i.
=> Körting, Lat. Rom. Wiirterb., s. v. ancus. — Walde, Lat. Et. Wörterb., s. v.
•' Weigand, D. Wörterb., 5. Aufl., ed. H. Hirt, s.v. — Falk-Torp, Norw. dän. et. Wörterbuch,
deutsch von H. Davidsen, s. v. Ankel. — •* Uhlenbeck, Et. Wörterb. der ai. Spraclie, s. v.
•^ Graff, Ahd. Sprachschatz IV, 1125. — Zarncke im Mhd. Wörterb. 11,1, S. 418. — Le.xer, Mhd.
Wörterb., s. v. — D. Wörterb., s. v. [Torp-Falk, Fick III*, S. 298.]
'^ Vergl. das D. Wörterb. — Schmeller-Frommann, I, 1711, Schmeller, Cimbrisclies Wörlerb.,
149. — Schöpf, Tir. Id , 470. — Lexer, Kämt. Wörterb., 196. — Überfelder, Kämt. Idiot., l'.io. —
Unger-Khull, Steirischer Wortschatz. 47fi.
Diu Werkzeuge der pitisere-Ueihe und ihre Namen.
23
Abbildung 34.
Das Verbum war ein starkes, ist aber schwach f^ewoiden. Es ist der Rest einer
sehr merkwürdigen lang(hi)hthongischen Wurzel, die .1. Schmidt eingehend behandelt
hat*, zu der got. bnaiian, ahd. nmn, aisl. gni<a «kratze-, aschwed. gnugga «schaben,
reiben» gehört. Im aschwed. finden wir das schwache Präteritum gnöpe.- Ich habe
dann ai. nnm, lat. navis zu dieser Wurzel gestellt.^
Im Dialekt hat sich schon seit .Jalu-huuderten eine um ein n erweiterte Form ein-
gestellt, vergl. gnaund (neben geneut) Lexer, Mhd. WB. a.a.O., kämt, gnorter brein. Überfelder
a. a. 0. und das oben zitierte gnonnt^ Man sagte mir auch, daß in Eibiswald die Anke Nein
genannt wird, was ahd. ^niinva, mhd. *ninwe, (nhd. *ncue) zur Voraussetzung hätte und
eine begreifliche Bildung wäre, aus der das Verbum * nennen entstanden sein könnte.
Ich habe aber das W^ort nicht selbst gehört und es kann nicht weit verbreitet sein, wenn
es existiert, denn das Instrument heißt Anl;e und das, was man damit tut, wird
nain genannt.
Ich habe der W. *naK, nn die Urbedeutung «schaben», «kratzen» zugesprochen.
Hier finden wir sie in der Bedeutung «stoßen». Es muß eine schon uralte Übertragung
vorliegen. *W(7h *na paßt bloß auf das Ur-
instrument der »woZere-Reihe, auf das Schaben
und Kratzen eines mit der Hand über einen
anderen 'größeren' Stein hin- und herbe-
wegten kleineren Steins. Der schabt und
kratzt wirklich zuerst die Hülsen der unter-
gelegten Körner weg und zerschabt, zerkratzt
sie dann selbst. Man sieht hier den Aus-
druck einer höheren Kulturerscheinung auf
eine niedrigere übertragen, was aber oft vor-
kommt. Vergl. die «Rauchstube», die wirklich keine Stube ist, sondern ihr bloß an-
geähnlicht wurde.
Die Mab 1 vo r ri c h t u nge n des Plans von St. Gallen.
])er Plan von St. Gallen zeigt an seiner Südseite drei kleine Gebäude (vergl.
Abb. 34). Alle drei sind zweiteilig und enthalten in den ^'orräumen cubUja fawulonini.
Lagerstätten für Knechte. Das erste Häuschen ist der locus ad torrcinhis (ninonas, dient
also zum Dörren (Rösten) der Feldfrüchte. Dazu ist er mit einem großen Ofen aus-
gestattet und mit einem horizontalen Flechtwerk, worauf das zu trocknende Getreide zu
liegen kommt. Es ist auch iiKiglich, daß mehrere derartige Flechlwerksgitter über-
einander angebracht waren.' Am meisten Ähnlichkeit hat dieser Ort mit den heute
noch bestehenden «Badstuben» d. h. Stuben, in denen einst Dampfbäder gebraucht
wurden, die aber heute nur mehr als Flachsbrechelstuben verwendet oder bewohnt
werden. Dasselbe Schicksal hat die norwegische badsdic durchgemacht. Es bedeutet
jetzt ein Haus, in dem Korn durch Feuer getrocknet wird, während früher aucli Dampf-
bäder darinnen bereitet wurden."
Stephani sieht in dem Häuschen eine «Malzdarre»", wogegen aber die Inschrift
' Kuhns Zts. für vertrlciclioiulo Sprachf., 21), 10. — ' A. Noreen. Laullelire. S. iO. 35.
' liulogermaniscbe F.uschuiipon, XYII (I91H), S. Itilff. — * Verfasser, Das deulsdic Haus, S. St.
'^ Falk-Torp, Xorw.-ilän. elymnl. Wfirtorb. Doutsch von Davidson, s. v. BadMiie.
6 K. G. Stephani, Der ähesto deutsche Wohuhau. II. S.Ol.
Die Mahlvorrichtungen des Plans
von St. Gallen.
.Nach Henne am Hhvn, Deutsche Kulturgeschichte.)
u
Rudolf Meringer.
allein schon genügend deutlich spricht. Richtiger hat schon Keller von einer «Frucht-
darre» gesprochen.^
Das zweite Häuschen enthält die jnlae; «Stampfmörser» übersetzt Keller. Stephani
(a. a. 0., K. 62) sieht hierin eine «Stampfmühle mit ihren Stößern (piktc)^. Beides ist nicht
richtig, püa wird zwar ahd. mit stamph übersetzt, aber um eine «Stampfe» in unserem
Sinne kann es sich hier nicht handeln. Ich habe schon früher bewiesen-, daß die
Zeichnung nur auf einen Fußhammer, eine Anke, wie ich jetzt sage, paßt, und zwar
auf eine wassergetriebene, worauf die Welle hindeutet, die am Ende der Hämmer er-
scheint. Ich gebe in Abbildung 35 eine Rekonstruktion dieser St. Gallener Wasseranken.
Möglicherweise kommt aber jemand noch auf eine andere Erklärung: Man könnte in
Anken >
Plans
der Zeichnung auch bloß zwei Hämmer und zwei Mörser sehen wollen, also eine \ov-
richtung, die sich heute noch findet und oben aus Arnfels (Steiermark) abgebildet ist
(Abb. 19). Ich halte aber diese Deutung für unmöglich, denn für einen Handhammer
sind die gezeichneten Hämmer um ein Vielfaches zu groß, ganz abgesehen davon, daß
der Zeichner sie wohl mit dem Kopfe zu den Mörsern, wenn das eben Mörser wären,
geneigt hätte und nicht mit dem Stielende!
Das letzte Häuschen enthält die molac, nach Stefani die Handmühle mit den
Mahlsteinen». Auch das ist unrichtig. Für Handinühlen sind die Steine zu groß und
sonderbar wäre es, wenn ein Musterkloster Handmühlen gehabt hätte. Die den Römern
' F. Keller, Bauriß des Klosters St. Gallen, S. 31.
^ Indogermanische Forschungen, XXI (1907), S. 28.5.
Die Werkzeuge der pinsere-Reihe und ihre Namen. 25
schon bekannten Wassermühlen' können wir mit Bestimmtheit einem «Großbetrieb»,
wie ihn unser Kloster in vielfacher lliusicht darstellt, zutrauen.
Zu allen anderen Argumenten für den Wasserbelrieb der Anken und der Mühlen
spricht noch die Lage am Rande der Klosteranlage, wo der Zeichner einen Flußlauf
annahm.
Wenn wir die drei Häuschen nebeneinander betrachten, so sehen wir die Vor-
richtungen für das Rösten (oder Dörren), das Stampfen und das Mahlen vor uns, die
drei Stadien der Behandlung der Getreidekörner bei ihrer Umwandlung in Mehl. Die
Stampfe steht hier so neben der Mühle wie die Wörter in der Verbindung siamfon undc
malcn^ comminuere fruges. Auch heute noch findet man (z. B. in Eibiswald) an Mühlen
Anken angebracht ! So zeigt auch die Abb. 22 eine alte Mühle und daneben eine Anke.
Wie hat der Zeichner des Plans in seiner Sprache die pilae genannt? Wenn er
ein Deutscher war — wie ich glaube — , kann er stampf gesagt haljen (wie die ungarischen
Slowenen ihre Anke stupa nennen, was natürlich aus dem Deutschen entlehnt ist;
oben Abb. 24), er kann aber auch *ankha, vielleicht sogar *nhma gesagt haben.
Daß es im 9. Jahrhundert in St. Gallen noch nötig war, einen locus ad tonendas
atmonas zu haben, mag damit zusammenhängen, daß das Klima damals noch feuchter
war als heutzutage, wohl deshalb, weil die Wälder noch einen weitaus größeren Raum
einnahmen. Heute muß man schon erheblich weiter nördlich gehen, um ähnliche Ein-
richtungen zum Darren des Getreides zu linden. Aus dem 17. Jahrhundert wird uns
noch bezeugt, daß die Litauer das Getreide durch Ofenwärme dörrten' und Nessel-
mann* erklärt jäuja als 1) eine Scheune mit einem Ofen, worin das noch am Stroh
befindliche Getreide getrocknet wird, so im zemaitischen und 2) eine Brachstube, in
welcher Flachs getrocknet und gebrochen wird. Die Südiitauer benützen noch heute
die Badstube pirfis als Darrhaus für das Getreide.
Ein eigenes Häuschen zu diesem Zwecke finden wir bei den Letten^, worüber
Bielenstein S. 81tt'., DStt". zu vergleichen ist. Dieses Haus heißt lija, Biege (a.a.O.
S. 105). Gewiß ist, daß die Riege nur wegen des Klimas sich im Norden erhalten hat
(a. a. 0. S. 97), aber die Möglichkeit, daß sie einst auch im Süden notwendig war, ist nicht
abzuleugnen. Diese Riege wurde bei den Letten vielfiich bewohnt. «In der kalten
Winterzeit hauste Mann und Weib, Groß und Klein in der Hitzriege in der Nähe des
mächtigen Ofens, gleichviel ob noch Getreide in der oberen Hälfte der Riege gedörrt
wurde oder nicht .
Auch die Finnen kennen die Darre, ria'': «In einer Ecke, zur Seite der Eingangs-
tür, steht ein Ofen . . . J)ie Darre soll zum Trocknen des Getreides dienen. Aller finni-
scher Roggen wird auf diese Art getrocknet; man ist dadurch in Finnland unabhängig
von den Regenschauern der Erntezeit . . . Aber es ist auch erforderlich, daß es in
Gegenden, wo die Darre gebraucht wird, Brennholz in Überfluß gibt?.
' Yitruv, X, 5. — Davembcrft-Saplio, Dk-tionnaire, s. v. mola.— M. Heyne, D H A. H. S. ifil
— M. Heyne, Das alldeulsclie Handwerk, S. 7."). — 0. Schrader, Reallexikon, s.v. mahlen, S. 511. —
Blümner, Technologie, I, S. 45.
- Graff, VI. 6S4. — ■' .A. Uiclenstcin. Die Holzhaiiten und Holzgeräte der Letten. I, S. !09.
■* G. H. F. Nessel man 11 . Wöitorbuch der Liltauischcn Sprache, IS.M, s. \. jaiija.
'' Vorf,'l. meine Anzeige dos Bioloiisteiirschen Werks in den Mitteil, der AnUimpol. Ges. Wien, XXXVUI
(1908), !271f. - « G. Retzius, Kinnlaiid. Dcut.sch von A|>pel. S. 95.
Wörter und Siidicn. I. *
26 Rudolf Merlnget*.
Die »HoZere-Gleiobung erstreckt sich, wie bekannt und schon erwähnt, nicht auf
das ganze indogermanische Gebiet (got. ahd. malan; ahd. muljan «zermalmen» ; got. malma
«Sand»; ahd. niclo «Mehl»; got. gamahvjan «zerstoßen»; gr. jj-oXt], [löXo? «Mühle»; alb.
miel «Mehl»; armen, malcm «zerstoße» usw. Sieh Walde s. v. molo). Die Grundbe-
deutung ist zweifellos «zerreiben». Dies geschah durch zwei Steine. Der Name dieser
ältesten Maschine liegt in got. qairnus, lit. y'irna (ßrnos, altsl. zriAiy, air. hvö, armen.
erkan, ai. grdvan- «Preßsteiu des Somas» vor', geht also über die Grenzen Europas
hinaus. Ein Zerreiben zwischen Steinen wird ja überall nachzuweisen sein. Die älteste
Art dieses Zerreibens besteht darin, daß ein Stein auf einem andern hin- und hergeschoben
wird. Auf der nächsthöheren Kulturstufe lernte man einen Stein auf einem anderen
konzentrisch zu drehen — es entstand die erste «Mühle» in unserem Sinne.
Auffallend ist, daß das Wort für die Urmühle (got. qairnus usw.) nicht mit dem
Verbum molerc zusammenhängt. Vielleicht kommt das daher, daß die Wurzel (j^^erä
garnicht «malen», sondern zuerst nur «zermalmen, Früchte mit einem Stein aufschlagen,
um den eßbaren Kern herauszunehmen» bedeutete und dann auf das Mahlen übertragen
wurde. Jedenfalls möchte ich mich den Gelehrten anschließen, die in *(ßera den Sinn
«zermalmen, zerschlagen» — ich füge hinzu: «uzw. mit einem Steine — suchen.'^ Der
Begriff «Stein» muß meiner Meinung in' der Urbedeutung enthalten gewesen sein.
Weiter verbreitet als die molere-GleichMug ist die pinserc-GXGichwng (ai. pinästi,
«zerstampft», piitum «Mehl», altsl. pbchati «stoßen», pbkno «Mehl», Tribow «stampfe,
schrote», ahd. fcsa «Hülse des Getreides, Spreu», nhd. Fese, mnd. viscl «Mörser» usw.
Sieh Walde, s. v. pinso). Die Urbedeutung dieser Wurzel ist, wie man richtig gesehen
hat, «zerstampfen mittelst Keule und Mörser». Aus der weiteren Verbreitung der
pinsere-G\%\Qh\xng und aus der leichteren Herstellung der Werkzeuge kann man wohl
— mit 0. Schrader — schließen, daß wir hier eine primitivere Kulturstufe der Bear-
beitung der Halmfrüchte vor uns haben als bei der j;?o/ere Gleichung.
Die Instrumente der pinsere-ReWie sind aus Holz. Ein ganz seltener Fall ist die
von Schliemann in Troja ausgegrabene Steinschale mit dem zugehörigen Steinstößel.*
Schon der Umstand, daß das Material der Werkzeuge der^/«sp/T-Reihe das Holz ist, macht
es plausibel, daß das Stoßen älter ist als das Mahlen. Wir haben übrigens ein Zeugnis
dafür noch in historischeu Zeiten gefunden.
Die Instrumente der pinsere-^eihe, Keule und Mörser, sind wohl auf der ganzen
Erde verbreitet. Aber nicht ebenso scheint es. sich mit der J«/,p und ihrem Geschlecht
zu verhalten. Wenn wir diese in geographischem Zusammenhange vom Osten Asiens
bis nach Europa finden, so wird wohl der kulturelle, prähistorische Zusammenhang
wahrscheinlicher sein als die Annahme vielfacher besonderer Erfindung.
Im großen und ganzen ist uns die Entwicklung klar geworden. Wir haben zwei
Urwerkzeuge, von denen auszugehen ist. Das eine ist die Keule, aus der sich die
Stampfen entwickelten. Das andere ist der Hammer, aus dem sich die großen Maschinen
entwickelten, die noch immer seinen Namen führen. Die Keule wurde zur Stampfe,
als sie durch Rolle und Strick gehoben wurde, der Hammer zur Anke, als man lernte,
ihn mit dem Fuß in Bewegung zu setzen. Für das hohe Alter der Anke spricht ihre
' 0. Sehrader, R. L., S. 512. — Uhlcii betk, Et. Wörlerb. d. ai. Sprache, s. v. grdcä.
' A. Walde, s. v. glärca. — Th. v. Grienlieit;cr, Untersucliunfreii zur got. Wortkunde, s. v. gakrölOn.
' Daremberg-Saglio, Dictionnaire, s. v. mortariuni, Abb. 5150.
Die Werkzeuge der pinsere-Reihe und ihre Namen. 27
weite Verbreitung. In China und Indien, sowie in Ungarn, Polen, Steiermark, Kärnten,
Krain, Salzburg und in Italien' findet sie sich, und wird sich noch in weiterem Umfange
nachweisen lassen. Auch das Wort Anke ist ein isoliertes, uraltes.
Die Germanen haben von der pinscreSippe nur spärliche Reste erhalten. Aber
gerade sie scheinen die Stampfe und die Anlcc weiter entwickelt zu haben und von
ihnen haben andere Völker zugleich mit der verbesserten Sache das Wort Stampfe über-
nommen. Die uralten Worter Stampfe, Anke, neuen schließen den Gedanken, daß die
Germanen die entsprechenden primitiven Werkzeuge noch nicht gehabt hätten, aus.
Nur in der Verwendung der Wasserkraft waren sie Schüler der Römer.
Gegen das urindogermanische Alter der Stampfe und der Anke spricht aber vor
allem, daß wir für sie keine Wortgleichungen von größerer Verbreitung finden. Aber
das wäre noch kein durchschlagender Grund. Es kommt darauf an, wie hoch wir uns
die Kultur der Urindogermanen inbezug auf Ackerbau und Bearbeitung des Metalls
(ai. ayas, lat. acs, got. atz) vorstellen, kurz ob sie im Besitze einer Kultur waren, die
ohne diese einfachen Maschinen denkbar war. Und von diesem Standpunkt aus möchte
ich es allerdings für wahrscheinlicher halten, daß sie solche Maschinen besaßen, als daß
sie mit Keule und Hammer das Auslangen gefunden haben. Man denke daran, daß sie
nicht nur den Schlitten, sondern auch den primitiven Wagen gekannt haben und wohl
auch einen Hakenpflug. Für gewöhnlich wird den Indogermanen nur der Wagen zuge-
schrieben. Ist es aber denkbar, daß ein Volk, das diesen kennt, sonst gar keine
Maschine hat? Ich halte eine solche Annahme für sehr unwahrscheinlich.
Übrigens scheint es mir ziemlich gleichgiltig zu sein, ob die besprochenen Ma-
schinen in ihrer einfachsten Gestalt schon «urindogermauisch> sind oder nicht. Sie sind,
namentlich in ihrer Entwicklung betrachtet, wichtig genug, und an ihrem hohen Alter
ist mir ein Zweifel undenkbar. Ich glaube, wir müssen es aufgeben, als einziges Ziel
der indogermanischen Altertumskunde die Rekonstruktion der gemeinsamen urindogerma-
nischen Kultur anzusehen.^ Vielleicht kommen wir aber auch diesem Ziele näher, wenn
wir nicht immer direkt darauf hinsteuern. Ich habe schon bei anderer Gelegenheit ge-
sagt, daß ich den Pessimismus inbezug auf die indogermanische Altertumskunde nicht
zu teilen vermag, obwohl ich die Schwierigkeiten der Erschließung der urindogermani-
schen Kultur nicht unterschätze. Was bei dieser Rekonstruktion uns vor größereu
Fehlern bewahren wird, das ist die große kulturelle Stabilität, die man bei primitiven
Zuständen wahrnehmen kann. Das Urvolk mag eine stattliche Reihe von Jahrhunderten
in ganz gleichen oder doch kaum verschiedenen Verhältnissen gelebt haben. Wem
aber trotz dieser Erwägung die Ausmalung des Bildes der uriudogermanischen Kultur
zu problematisch erscheint, der kann die Einzelfrage studieren und sie vom Ende in
der Gegenwart bis zum vermutlichen Ausgangspunkte in der Urzeit zurück verfolgen.
Eine indogermanische Altertumskunde, welche die Einzelfragen, gruppenweise geordnet,
nach diesem Gesichtspunkte behandelte und dabei ganz darauf verzichtete, ein zusammen-
hängendes Bild der Urzeit zu zeichnen, wäre methodisch unanfechtbar und unanfecht-
bar auch in ihren Ergebnissen, wenn sie es unterließe, alle die letzten Zustände, zu
' Ihr Name ist frantojo (MiUeilung von A. Ive).
' So denkt auch 0. Schraaer und hat das in trelTenilen Worten pe^agt : vergl. Reallexikon, S. XX XVI
und Sprachw. und Urgeschichte' I, S. 2;2'.t. — Weiter P. Kretschmer, Einleitung, S. 75, der auch eine
entsprechende Äufierung E. Meyers zitiert.
4»
28 ' W. Meyer-Lübke.
denen sie bei den verschiedenen Detailfragen gelangle, als gleichzeitige hinzustellen.
Schon im Interesse der gleichmäßigen Durcharbeitung des Stoffs wäre es gelegen, daß
solche Detailuntersuchungen in größerer Zahl unternommen würden und in diesem Sinne
habe ich einmal gesagt, jeder Artikel von 0. Schraders Reallexikou ist eine Aufforde-
rung, die Sache besser zu machen.
Die Instrumente der ^j/Hso-e-Reihe haben vielfach andere Verwendung gefunden,
wie wir schon gesehen haben. Sie spielen eine ungeheure Rolle in der Kultur der indo-
germanischen Völker. Mit ihnen wurden nicht nur die Feldfrüchte bearbeitet und die
Steine gepocht, sonrlern auch Öl gepreßt, das Tuch gewalkt und verfilzt und das Eisen
dem Menschen dienstbar gemacht. Von Urzeiten bis in unsere Tage herein haben sie
dem Menschen unendliche Dienste geleistet und es ist eine bezeichnende Einzelheit, daß
vor kaum mehr als einem Menschenalter Krupp in Essen noch einen großen Eisen-
hammer aus dem Geschlechte der Anken besaß.
Mir kam es hier nur darauf an, das große und wichtige Hauptstück aus der Ge-
schichte der indogermanischen Kultur: Uralte Maschinen zu beginnen und einige
Grundlinien zu ziehen.
Romanisch BAST-.
Von W. Meyer-Lübke.
Auf Gebieten wie dem Romanischen, wo die Gegenden, aus denen der Wortvorrat
geflossen ist, bekannt sind, kann es als letzte Aufgabe der etymologischen Forschung
bezeichnet werden, jedes Wort bis auf seine Quelle zu verfolgen. Aber häufig genug
sind die Quellen, namentlich wenn sie in gallischem oder germanischem Gebiete liegen,
derartig verschüttet, daß es ein Ding der Unmöglichkeit ist, bis zu ihnen zu gelangen,
man muß sich vielmehr begnügen, den Flußlauf wenigstens so. lange zu verfolgen, daß
man das Quellgebiet angeben kann. Das heißt also zur Wortgeschichte kommt als er-
gänzend, unter Umständen erweiternd, die AVortgeographie hinzu, auf beide zusammen
kann die prähistorische Forschung aufbauen, bald mit Erfolg, bald auch ohne. Für die
kulturgeschichtlichen Fragen, die sich an die Wortgeschichte knüpfen, ist es in sehr
vielen Fällen genügend, die Richtung der Entwicklung anzugeben, bleibt es sich ziem-
lich gleichgültig , ob die genaue Grundlage , ob , um im Bilde zu bleiben , die Quelle
selber gefunden ist, um so mehr als es oft ein bloßer Zufall ist, ob man diese Quelle
noch trifft. Ein lehrreiches Beispiel gibt uns die Wortsippe, die im folgenden besprochen
werden soll.
Es sind im ganzen sieben begrifflich von einander mehr oder weniger scharf ge-
trennte Gruppen, die den Stamm hast- enthalten.
1. frz. hdtir, it. hastire, span., portg. basf/r «Heftnähte machen».
2. frz. hätir, prov. hastir «bauen».
3. it. hasfarc, prov., span., portg. basfor «genügen».
4. it. husto, frz. bat, prov. basf. span. basfo «Saumsattel .
5. it. bastardo, frz. bätard, prov. bastarf, span., portg. bastardo « Bastard >^
Romanisch BAST-. 29
6. it. basfoiic, frz. haton, prov. hastön, spau. haston, portg. hastäo «Stock».
7. it. basfagio, prov. bastai, kat. basfax «Lastträger».
Wie man sieht, hat das Rumänische keinen Anteil, baston «Stock» ist eine junge
Entlehnung aus dem ItaHenischen.
Diez hat als Ausgangspunkt für sämtliche Wörter griecli. ßa'jtäCsiv «stützen»,
ßäatal «Lastträger» angesetzt, also ein basf-, an welchen Stamm auch das spät-
lateinische bastcrna «Sänfte» gemahne, und er scheint darin noch heute zumeist Bei-
fall zu finden, wenigstens ist in dem besten und neuesten französischen etymologischen
Wörterbuche, im Dictionnaire g(^'neral von Darmestetep, Hatzfeld, Thomas nur für bätir
«heften« eine abweichende Deutung gegeben. Daß auch bätir «bauen» anders erklärt
werden müsse, habe ich in meiner Rektoratsrede «Die Ziele der romanischen Sprach-
wissenschaft» S. 33 (1906) ausgesprochen; die nähere Erklärung sollen die folgenden
Seiten bringen.
Zunächst ist ßaataJisiv für bätir abzulehnen. Ganz abgesehen von der morpho-
logischen Schwierigkeit, von *bastassarc oder *bastadiare, wie ßa-JiiCs'.v im Lateinischen
lauten würde, zu bätir zu gelangen, paßt auch, wie wir unten sehen werden, die Geo-
graphie und paßt die Bedeutung ganz und gar nicht. Einmal ist « bauen > nicht
«stützen« vind dann bedeutet das griechische Wort gar nicht «stützen», wie Diez
übersetzt, sondern «aufheben, wegtragen, berühren», entsprechend ngriech. ßa^-äCw
«porter, empörter, ti-ansporter, supporter, souffrir», ßa-Jicö «tenir, soutenir, porter, durer,
patienter». Auch 1 bastire, 3 bastarc, 5 bastardo liegen begritl'lich zu weit ab, nur bast-
erna und 4 basto, 1 bastagio zeigen Bedeutungen, die so stark an ßa-JtiCi'-v anklingen,
daß man von vornherein schon geneigt ist, an Zusammenhang zu denken und, wenn
Geographie und Geschichte es erlauben, versuchen darf, einen Zusammenhang zu kon-
struieren.
1. bätir «Heftnähte machen» ist im Französischen zwar erst im X\'L Jahrhundert
in dem Wörterbuch von Oudin belegt, aber natürlich älter. Daß Belege aus früherer
Zeit fehlen, ist aus dem Charakter unserer altfranzösischen Literatur ohne weiteres er-
klärlich. Dem Provenzalischen scheint es zu fehlen, in Norditalien ist basti dagegen
z. B. in Val Sesia, im Trentino, in Pavia, hastir in Engadiu zu treffen, während die
übliche italienische Form imbaslirc ist. Im Spanischen und Portugiesischen findet sich
das Verbum in dieser Bedeutung nicht, wohl aber span., portg. bastidor «Stickrahmen»,
Span. «Fensterrahmen, Blendrahmen eines Gemäldes», span., portg. «Kulisse», dazu portg.
bastido «im Rahmen gestickt, gesteppt» und «wattiert», letzteres vielleicht nur eine
Ungenauigkeit der Wörterbücher, die in solchen Dingen es ja häufig genug nicht allzu
streng nehmen, vielleicht aber eine Verschiebung, die sich bei wattierten Steppdecken
leicht erklärt. Auch ein \'erbuni kennt das Portugiesische: bastir «die Hutforni machen,
den Hut formen, filzen», geht wohl zurück auf bastir »Heftnähte macheu-. Alle diese
Verba passen formell und begrirt'lich so genau zu einem germ. *t>astjaii. ahd. bcstan
«sarcire», schwäb. tirstn «zusammennähen», daß man an einen Zusammenhang zu
zweifeln keinen triftigen Grund hat, besonders wenn man bedenkt, daß auch frz. broder
prov. tiroidar aspau., portg. broslar «sticken» auf einem germ. *bro::da». it. brustare
auf langob. brustdii beruhen.
Auch das Altspanische kennt bastir, aber in der allgemeinen Bedeutung »herrichten,
einrichten». Wir haben also hier ein Beispiel für die Erscheinung, daß Verbn unbe-
30 W. Meyer- Liibke.
stimmten, dehnbaren Begriffes, von einer ganz bestimmten Manipulation ausgehen, die
Umkehrung dessen, was nhd. «gerben», gleichbedeutend ital. acconciarc u. a. zeigen,
vgl. con vucstro conseio hastir quicro dos a)xhas Cid 85 «ich will zwei Truhen herrichten»;
basfir e adobar heißt es im Alexander 1439, dann hadir cäsanücntos «Heiraten schließen»,
basfir 1a traycion Berceo Sacrif. 71 «Verrat schmieden», d conseio de salud rn cielo fu
bastido Berceo Loores 19 «der heilbringende Plan wurde im Himmel entworfen»; los
qtie lo bastecieron ya eran rcpcntidos S. Dom. 104, «die, die das angestiftet hatten, bereuten
es schon» usw.
Mau kann zu dieser Verwendung leicht von der des afrz. batir gelangen. Es
muß aber doch darauf hingewiesen werden, daß prov. basti auch «Sessel flechten» be-
deutet, und das steht dem ursprünglichen Sinn von bastjan, der ja eigentlich «mit
Bast arbeiten» ist, sehr nah. Freilich wird man nicht annehmen wollen, daß Technik
und Bezeichnung des «Sesselflechtens» den Galloromanen von den Goten übermittelt
worden sei, wohl aber darf man vielleicht aus dem Provenzalischen. und Spanischen
ein westgot. bastjan «flechten» erschließen. Wie nprov. basti «uicher, en parlant de
certains oiseaux» zu fassen sei, läßt sich nicht mit Genauigkeit sagen, solange man
nicht erfährt, wer diese «certains oiseaux» sind. Daß es in diesen Zusammenhang
gehört, nicht zu 2 bätir, ist ziemlich sicher.
Auf dem ganzen Gebiete findet sich endlich ein Wort it. basta , florent. auch
bastia, afrz. bastc, nprov. basto, span., portg. basta «Heftnaht, Einschlag, Saum»,
davon span., portg. bastear, vielleicht auch aprov. bastar, nach dem bastare zu
schließen, das Du Gange in einer Urkunde aus Arles nachweist. Postverbale Bildung
von rom. bastirc wäre denkbar. Allerdings zeigen gerade die Inchoativ-Verba keine
Neigung zu Postverbalien (Rom. Gramm. II § 398), allein man muß im Auge behalten,
daß die germanischen Verba ursprünglich nicht zur Inchoativklasse gehören. In der Tat
haben wir, auch wenn man frz. het auf germ. Jtatis zurückführen, nicht als romanische
Bildung von ha-ir betrachten will, z. B. choix von choisir, afr. hon von honir. Daß
baste ein Femininum ist, braucht nicht zu überraschen, da namentlich postverbale Sach-
und Werkzeugnamen mit Vorliebe weibliche Form annehmen. Begrifflich deckt sich
mit rom. basta allerdings ahd., mhd. bast «Saum», aber formell ist eine Verknüpfung
der zwei Wörter nicht möglich, da die germanischen Maskulina und Neutra im Roma-
nischen MaskuHna sind, ein rom. basta, also ein germ. «basta» voraussetzen würde, dem
germ. bast ein rom. basto entsprechen müßte. Übrigens wäre auch ein germ. bastä
nicht unmöglich, vgl. got. Uta «Verstellung» neben litjan «sich verstellen», *nasä (ahd.
nasa) und nasjan, ags. satid neben sendian, ahd. wanta «Wendung» neben *ivanfjan tcenten
usw. Oder es könnte dieses germ. bastä ein ursprünglich kollektives Neutrum Pluralis
sein, das zum Femininum Singularis geworden ist, sich aber nicht gehalten hat, man
vergleiche die große Liste solcher Doppelformen bei Zimmer, Die Nominal-Suffixe a
und ä in den germanischen Sprachen, S. 212.
2. Frz. bätir, prov., kat. bastir «bauen», daraus entlehnt aital. bastirc, agaliz.
baster. Den anderen romanischen Sprachen fehlt das Wort, nur Norditalien scheint
eine indirekte Spur zu besitzen, wovon sofort. It. bastia ist, wie man längst weiß,
aus afrz. bastie entlehnt, zeigt dann allerdings in hastionc einen selbständigen Trieb,
der eine starke Ausdehnungsfähigkeit besitzt; auch bastita «Bollwerk» wird eine Tos-
kanisieruug des prov. bustida sein; aspan. bastida «Belagerungsmaschine, die aus
Romanisch BAST-. 31
einem hölzernen Turme auf Rädern und einem Sturmdache bestand», ist wiederum
prov. Insiirla «ein Belagerungswerk-, endlich it. Instimcnfo stammt aus frz. büfi-
ment, prov. hastimm. Bei Wörtern, die nur in Frankreich, namentlich in Nord-
frankreieh vorkommen, ist germanischer Ursprung von vornherein wahrscheinlicher als
griechischer. Nun stammt eine ganze Reihe von auf den Hausbau bezüglichen
Ausdrücken im Französisclien aus dem Fränkischen, vor allem maron (Meringer,
Idg. Forsch. XVII, 149)', dann hourdcr « berappen >, ^aus Brocken aufführen c, Itour-
dage «Spritzwurf, rauhes Feldstein-Mauerwerk», hourdis «Lattenwerk». Ich habe an-
genommen, daß der maron der ist, der den Lehm -knetet für Lehmhäuser und ge-
flochtene Hütten, wogegen der murafor der ist, der die römischen Steinhäuser baut».
Mit dieser Annahme sind auch die anderen eben angeführten Worte ohne weiteres ver-
einbar, nur zeigt hourdage heute eine übrigens leicht verständliche Verschiebung zum
Steinhaus. Trefflich paßt nun häfir in diesen Zusammenhang. Es bedeutet «mit Bast
arbeiten, verbinden, flechten», ist also ein weiterer Zeuge für das geflochtene Haus,
fügt sich auch in die bisher für hastir ermittelten Bedeutungen ein.
Auch Norditalien dürfte das Wort besessen haben, und zwar auch zur Bezeichnung
des Baues von Holz- oder Riegelbauten. In Pavia und Piacenza nämlich benennt
hasta jenen Balkenverschlag, in welchen der Hufschmied die zu beschlagenden
Pferde stellt, wofür man sonst travaglio von trabs (wohl zu unterscheiden von ttavaglio
«Arbeit», frz. irarail, das ganz anderer Herkunft ist) sagt, in Pavia auch einen Stall,
in dem Schweine gemästet werden, was sonst arla, lat. handa heißt. Daß hastare
«genügen» und Jxistire «nähen» hier nicht zugrunde liegen können, ist klar, auch eine
morphologisch nicht wahrscheinliche Rückbildung von bastia oder bastone ist begrifflich
unannehmbar. Wenn aber hustirc vom Verbinden der einzelnen Pfähle durch Fachwerk
gesagt worden ist, dann kann basta, dessen formales Verhältnis zu hastirr schon dar-
gelegt ist, das Geflecht, in weiterer Übertragung auch ein Gerippe aus Balken, eben
einen solchen Verschlag bezeichnen, der noch keine Wände hat.
Endlich sei der Vollständigkeit wegen hier noch zweier Bedeutungen von bastirc
gedacht, die einzureihen nicht recht gelingen will. Prov. basli heißt auch «lancer avec
force, plaquer, frapper» und dazu stimmt astur, basti , das Rato y Hevia Vocabulario
de las palabres y frases bables mit «derribar, cchar al suelo» übersetzt. Die geographi-
schen Mittelglieder zwischen Asturien und Südfrankreich werden sich vielleicht noch
finden lassen, die begrifflichen, die von basfjati zu «schmeißen s- führen, sind schwer zu
erschließen, besonders, da es sich wohl ursprünglich um einen scherzhaften Ausdruck
handelt. Ziemlich nahe liegt der Gedanke an die Verwechslung zweier Techniken.
Wie Imirdcr zunächst Hürden errichten, also doch wohl flechten bedeutet, dann aber
«das Bewerfen der Fachwerke mit Mörtel», so könnt« hastir auch dazu kommen, das
«bewerfen, berappen» zu bezeichnen, wonach dann die weitere Entwicklung dieselbe
wäre wie bei nhd. «schmeißen» gegenüber got. gasinitan «schmieren, streichen?. Nur
• Nur daß das Wort wcslgot. sei, kann ich Meringer, der offenbar durch sein Vorkommen bei Isidor
EU einer solchen Annahme vcileitet wurde, nicht zugeben. Isidor hat seine Gelehrsamkeit .-»us so vielerlei Quellen
geschflpft, daß, wo wir diese Quellen nicht kennen, er für Lokalisierungen nicht verwendbar isL Er kennt
ja auch mcdus. was natürlich nicht, wie Georges tut, mediis. sondern meilus zu schreiben ist, got. aber midtu
lauten würde und das auch gerade in Nordfrankreich als mic: weiterlebt. Zudem würde ein got. mai^ja
bei Isidor niacin macianis tleklicrl sein, wie die zahlreichen gotischen -i7a-Xamen im Mittelalter in Sivanien
■ilanis llokticreii und honte cnisprechende Formen zeigen, vergl. z. B. porig. JtfdSo aus Biquila.
32 W. Meyer -Lübke.
fehlt uns leider vorläufig ein Anhaltspunkt für die Existenz der vermittelnden Ver-
wendung von hasftr.
Im Mailäudisehen wird hasti von Pflanzen gebraucht, die gedeihen, von Fleisch
und Früchten, die sich lauge halten, vergl. Cherubini: basfi «parlandosi di carne, frutta
o simili, vale conservarsi, mantenersi, durar lungamente» und <far piede; dicesi delle
piante quando iugrossano». Letzteres kann von hantirc «flechten, sich verbinden», aus-
gehen und ein «sich befestigen» ausdrücken, wobei an Spaliere, Weinlauben u. dgl. zu
denken wäre; für ersteres weiß ich keine Erklärung. —
3. Bastare «genügen» ist süd- und westromanisch: it. hafifare. prov., span., portg.
httstar. Nordfraukreich kennt das Wort nicht. Wohl trifft mau iu dem von Mayer
Lambert und Louis Brandin herausgegebenen hebräisch-französischen Glossar aus dem
XIIL Jahrhundert mehrfach ahäta, abäte «genug» und das Verstummen des s vor t
scheint auf ein echt französisches Wort zu weisen. Aber aul^erhalb des Jüdisch-Fran-
zösischen findet sich keine Spur davon und es liegt auf der Hand, ist historisch ja auch
ohne weiteres verständlich, daß bei den Juden ein Wort aus dem Süden (Provence
oder Iberische Halbinsel) sehr leicht nach Nordfrankreich verschleppt und da dem
übrigen Lautbestaud angeglichen werden konnte, das der eingeborenen Bevölkerung
völlig fremd blieb. In der Tat zeigt das betreffende Glossar noch eine ganze Keihe anderer
Worte, die wir sonst auch nur aus dem Süden kennen, so arcy «Widder», das mit
seinem ci statt oi die fremde Herkunft deutlicher an der Stirne trägt.
Die ausgedehnteste Verwendung zeigt hastar im Spanischen. Hier ist es nämlich
nicht nur subjektiv wie in den anderen Sprachen, sondern auch objektiv: mit dem Er-
forderlichen versorgen, etwas leisten, li gaJarchin qiie los homhres nnn hasfaii, serd re-
mioicrado por Dios «der Lohn, den die Menschen nicht leisten, wird von Gott gegeben»
zitiert Cuervo, Dicc. de Construccion y Regimen I, 856 b und die Akademie gibt als Be-
deutung auch an «dar 6 suministrar lo que necesita«. Dazu nun ein Adjektivum span.
basfo «mit Lebensmitteln versehen», das die Akademie mit einer, wie Cuervo hervor-
hebt, nicht ganz verläßlichen Stelle belegt, das aber durch ein einer spanischen Chronik
entnommenes mlat. Iiastus bei Du Gänge iu dieser Bedeutung gesichert ist, portg. basto
«reichlich, dicht , cabclhs la.stos «dichtes Haar, gedrängt, dick», dann mit weiterer Be-
deutungsverschiebung span. «grob, wollig von Schafen, plump, tölpisch, grob». Daraus
bask. hnsfo «coraun, de qualite iuferieure, hnst-orratz Sattlernadel [orrats Nadel), Fisch-
flosse, Bienenstachel». Daß bastar und basto zusammengehören, hat Diez gewiß mit
Recht angenommen, die Frage ist nur, ob das Verbum oder das Adjektivum älter sei.
Geht letzteres voran, so muß man, da es Südfrankreich und Italien fehlt, annehmen,
daß sich bastar von der Iberischen Halljinsel aus verbreitet habe, und zwar sehr
früh, da es in den andern Gegenden schon iu den ältesten Sprachdenkmälern be-
begnet. Ein Beweis für diese Annahme ist nicht mehr zu erbringen , aber da das
AVort nicht lateinisch ist, so muß es an irgend einer Stelle eingedrungen und rasch
weiter gewandert sein. Dabei wird vermutlich die 3. Singular den Ausgangspunkt gebildet
haben, die, wie wir eben gesehen haben, ja auch im Jüdisch -Französischen ihr Gebiet
überschritten hat, die später von Italien aus als bastf ins Mittelfranzösische, als basta
ins Deutsche gedrungen ist. Diez stellt basto zu ßaaiäCstv, ohne sich über die Bedcutungs-
entwicklung zu äußern, Cuervo sagt «el seutido de suficiente no sc deja enlazar
facilmente con ninguno de estos dos grupos» (nämlich Jiastir «bauen» und basto
Romanisch BASt-. 33
«Saumsattel») und man wird ilim darin voll Recht geben und jeden Zusammenhang
in Abrede stellen dürfen. Wohl aber kann man, immer unter der Voraussetzung, daß
Spanien Ausgangspunkt ist, Ixi^to zu hastir «herrichten^ in Beziehung bringen. Schon
im Cid liest man
68 de todo conducho hien los ovo basfidos
«mit allen Vorräten hatte er sie wohl versehen», oder im Alexander
3[a)id(j labrar Antioco navcs de fucrtc inanera
Bastirlas de poderes, de armas, de civera
«ausrüsten mit Geld, Waffen, Getreide». Darin liegt -deutlich der Weg zu einer neuen
Entwicklung vorgezeichnet. Basfir, hasfrcer «einen mit etwas versehen», zieht has^fo
«versehen, ausgerüstet, vollgepfropft» nach sich, dazu tritt ein neues Verbura haMar
«versorgen, genügen», objektiv und noch gewöhnlicher subjektiv. Keine weitere
Schwierigkeiten machen die ueuprovenzalischeu Bedeutungen von abasfä «erreichen,
mit Mühe erlangen» imd umgekehrt «reichlich vorhanden sein». Auch wenn man in
der Guyeune von einem Flug Vögel sagt s'abasta «er setzt sich nieder> heißt das eigent-
hch «er hat genug».
4. *ha.'^fi(iii «Saumsattel». Das Wort findet sich außer in Portugal überall: frz. ki^ prov.
bast, it., span. hisfa, ist auch in den Romanen benachbarte Gegenden gedrungen, basf
«Pack-, Sauiusattel, ein dachförmiger, hölzerner Sattel für Wagenlasten, im Gegensatz
zum Reitsattel» erklärt das Schweizerische Idiotikon IV 1778 und gibt als Verbreitung
Wallis, Bern, Freiburg, Uri, Obwaldeu, Scluvyz, Zug, also die Gegenden, die von
starkem Verkehr mit Italien den Saumtierverkehr kennen, dann lothringisch, ferner bre-
tonisch bas aus afrz. basf; bask. basto, basta «Saumsattel, Pferdegeschirr» und zwar ist
nach de Azkue die alte Bedeutung «Saumsattel» in NiederXavarra, also bei den fran-
zösischen Basken, die neue weitere hauptsächlich in Biskaya und Ober-Xavarra zu Hause,
ohne daß das Spanische nach Ausweis der mir zur Verfügung stehenden Quellen da-
für verantwortlich gemacht werden könnte. Im Valencianischen bezeichnet basf das
Sattelkissen, «Kissen an der unteren Seite des Reitsattels und des Saurasattels, um das
Reittier zu schonen» nach Escrig y Martinez, während Labernia kat. basf mit basto.
basfe, basta übersetzt und als eine Art kurzen Saumsattel, dessen untere Seite mit Wolle
ausgestopft ist, erklärt. Man begegnet hier also auch der Form basta. die dem Bas*
kischen zugrunde liegt. Sie wird kaum mit dem gleich zu besprechenden it. bnsta
zusammenhängen , sondern neu gebildet sein. Als aragouesisch wird nämlich hoste
angegeben, das wohl aus kat. bast entlehnt ist. Vom Plural basfcs ist im Aragouesi-
schen ein Singular basfa möglich, da hier -ns zu -rs wird, der Singular zu roscs also rosa
lautet. Die falsche Form erklärt sich im Munde Fremder um so leichter, als baste.'^,
soweit es «Sattelkisseu» bezeichnet, im Plural (genauer Dual) viel häufiger ist als im
Singular. Auffällig stimmt dazu «Kissen, das dem Zugvieh zum Schutze der Haut
auf den Rücken gelegt wird, samt dem es festhaltenden oder daran befestigten Riemen-
zeug», Schwyz, Zug (Schweiz. Idiot, a. a. O.).
Für «Saumsattel» hatten die Römer das griech. aa.-j\iy. übernommen, nicht allzu
früh nach den Beiegon, die bei Vegctius und Servius zu Virgil lioginnen. Das Wort
findet sich auf dem gesamten romanischen Gebiete außer Rumänien, aber nur in der
Bedeutung «Last, Lasttier» und anderen, davon abgeleiteten, einer Bedeutung, die ^ifu.»
auch hat, ja doch wohl zunächst hatte, da es zu oittto gehörig ja eigentlich «Be-
Wurtri und Sftolun. I. *
34 W. Meyer- Lübke.
packuDg» bedeutet. Man "wird kaum fehlgehen mit der Annahme, daß die römische
Volkssprache die beiden Verwendungen von sagma kannte und daß uns nur zufällig
die eine in der Literatur niclit überliefert ist. Die andere, die überlieferte, hat in Italien,
Gallien und im Osten der Iberischen Halbinsel *hastu übernommen, während sie in
span. jalma «Art Saurasattelzeug für Maultiere» geblieben ist, nur daß der Anlaut,/
statt s, wie in vielen anderen Fällen, arabischen Einfluß zeigt.
Wollte man von der katalanisch-valencianischen Bedeutung ausgehen, so läge ein
Zusammenhang mit dem unter hastare besprocheneu Adjektivum hasfo nahe und der
Vergleich mit oaYjta zu aätTw scheint das noch näherzulegen. Allein bei näherem
Zusehen geht es doch nicht. Auf der einen Seite steht ein deverbales Substantivum
von der allgemeinen Bedeutung «Bepackung», auf der anderen ein Adjektivum «dicht,
gestopft», das ohne jede formale Änderung eine ganz andere Bedeutung bekommen soll.
Außerdem aber gehört das Adjektivum nur der Iberischen Halbinsel an, und zwar dem
Zentrum und Westen, wogegen bastum «Saumsattel» gerade im Westen der Iberischen
Halbinsel fehlt, im Zentrum nicht eigentlich bodenständig ist. So bleibt die alte Zu-
sammenstellung mit ßaatdCstv, hasfoiia übrig, die begrifflich ja paßt, die formell aber
noch der genaueren Begründung bedarf
Neben hasto findet sich in italienischen Mundarten auch basfa. Boerio stellt
in seinem venezianischen Wörterbuche hasfa sogar voran, erklärt es übrigens als «specie
di sella con piccolo arcione dinanzi, della quäle si servono i poveri uomini per cavalcare
sui muli o sugli asini», dazu hasfa oder basthi da fachini «cercine, ravvolto a foggia di
cerchio usato da' facchini per salvar il capo dalL' offesa de' pesi» ; ebenso gebraucht
das Bolognesische baMa neben //«.sf, sagt aber schon bast da fachini. Man wird in
diesem letztern Worte nicht an «Bast» denken wollen, da die Reifen, um die es sich
handelt, zumeist aus Lumpen oder Stroh bestehen, man wird vielmehr auch hier wie
im Valencianischeu und Schwyzerischen die Hervorhebung der Polsterung sehen.
Auch das Provenzalische kennt basta. Es bezeichnet zunächst den «großen
Korb, den man am Packsattel befestigt», dann ein Gefäß zum Weintransport und nun
ähnlich wie «Saum»' im Deutschen ein «Flüssigkeitsmaß». Weitere Übertragungen wie
«Waschkorb», «zweiräderiger Karren» (zunächst «Korbkarren») brauchen hier nicht
weiter begründet zu werden ; «Plache um die Karre zuzudecken» wird erst vom Verbum
embasta «packen» gebildet sein, vergl. portg. enxalmo S. 37. Darf man danach von
basta ausgehen, so ist die Vermittlung mit ßa'jtdCeiv auf zweierlei Art möglich. Wie
SixT) StxdCw, 3ö^a So^äCw, im späteren Griechisch Xtjia )a[j.dCio, aräXa ataXäCw neben-
eiuanderstehen (Verf. zu Simon Portius 191, Chatzidakis, Einleitung in die neugriech.
Gramm. 94 f.), so ist auch ein ßä^Ta zu ßaatäCw möglich, ja wenn man spYov ipYäCo[j,ai
zusammenhält, auch ein ßäatov. Die Bedeutung wäre «Trage». Man kann dagegen
nur das eine Bedenken geltend machen, daß im Griechischen bis jetzt keine Spur
einer solchen Bildung nachgewiesen ist, auch nicht, wie es scheint, in der späteren
oder der heutigen Sprache. Vielleicht ist dieses Bedenken nicht allzu schwer, wenn
man erwägt, daß 'fävtaY|J.a, das ich für prov. fa)ifau))ia, frz. fautdme vermutet habe
(Rom. Gramm. I, 274), von Kretschmer in lesb. <päda[j.a nachgewiesen worden ist (Neugr.
' Ein hübsches Spiel der Laune! Deutsches «Saum am Kleide» und «Saum», Flüssi^'keitsmaß, lauten
beide prov. basta. Und doch hängen weder die beiden «Saum» noch die beiden basta untereinander
irgendwie zusammen.
Romanisch BAST-. 35
Dialektstud. I, 461). Will man sich aber au das Überlieferte halten, so bietet sich
hastaga «Frohulast». Die lautlichen Verhältnisse wären dieselben wie bei it. como aus
qitoinodo, bei afrz. viaidrc aus vcrtraijus. Die Umgestaltung von *bas(a zu * bastum ent-
spricht der von medulla zu * meduUnm (it. midollo, prov. mezul, gask. medut, span. meoUo,
portg. miolo) und zahlreichen anderen (Rom. Gramm. II, § 387), d. h. hasia ist kollektiv-
plurahsch «Last, Packung», namentlich wohl auch dualisch «die links und rechts auf-
gepackten Säcke», *hastum singularisch «der einzelne Packsattel». Der Übergang von
Ladung, Packung zu Packsattel liegt auch in sa(jma vor. Welche von den beiden Mög-
liclikeiten vorzuziehen sei, ist vorläufig nicht zu sagen, aber für griechischen Ursprung,
d. h. also für Zusammenhang mit ßaaiäCo) spricht vor allem, daß auch das mit *hasta -um
aufs engste zusammenhängende scujma griechisch ist. Gegen eine Ableitung von hastire
dagegen , der ja morphologisch kein Bedenken begegnet, spricht die Geographie. Wir
haben gesehen, daß hdsfire Frankreich, Spanien, Norditalien angehört, hasfo dagegen
Frankreich und ganz Italien. Man müßte also eine Wanderung von Norden nach Süden
annehmen, die wiederum sachlich unwahrscheinlich ist. Vollends eine Entlehnung
direkt aus dem Germanischen ist ausgeschlossen, da ja «Maultier» wie «Saum» für die
Germanen römischen Ursprungs sind.
Zu diesem hastnm oder hasta fügt sich begritflich hasterna. nicht zu bastiim cStock>,
denn daß die bastema auf zwei amites getragen wird, unterscheidet sie nicht von der
Icdica, aber die Anwendung des Suffixes -cnia ist hier ebenso dunkel wie in den
meisten anderen Fällen. Auch das wissen wir nicht, wie sich die bastema zur
leetica verhält. Das Wort (mit der speziellen Form der Sache?) ist bald wieder ver-
schwunden, denn während it. Icüiga, span. Icrhiga das lat. leetica in volkstümlicher
Form fortsetzen, ist hastmia nicht erbwörtlich romanisch, vielmehr sind span., portg.
bastema deutliche Buchwürter.
In diesen Zusammenhang scheint noch ein anderes Wort zu gehören. Aret.
hästrega bezeichnet das um den Leib des Saumtiers gebundene Seil, das die Last fest-
hält; dazu kommen zwei Verba: imbattrigare «festbinden», sbastrigare «losbinden».
Caix, der in seinen Studi di etimol. it. e romanza 158, diese Formen anführt, erwähnt
noch altperug. bastrece «ein Teil des Saumsattels», weiter südHch versagen es die Wörter-
bücher der Abruzzen, weiter nördlich bringt Pieri aus der Versilia bästrica «corda o
fune per vari usi» ([»er legare alla grcppia il cavallo, per le reti del fieno ecc). Caix denkt
an ßä^ta^ mit dem üblichen Übergang von Nomen actoris zum Nomen instrumenta
Aber ein Seil ist kein Träger, die bastraga auch kein «Tragseih^ Den Weg zur Deu-
tung scheint mir das Verbum iiubasfrigarc zu weisen. Wäre die Grundbedeutung von
bastriga «Seil», so wäre wohl eine Bildung mit a-, nicht aber eine mit in- versländlich.
Liegt aber bastaga «Last» zugrunde, so verhält sich * imbustagare «packen» dazu wie
span. enjalmar zu saJma. In Anlehnung an die zahlreichen ->ro>-e -Verba ist dann
*hnbastigare an Stelle von *imbastagare getreten, dazu nun shastigare «abladen» und da
bei der Packung der Saumtiere die erste bezw. letzte und damit wichtigste Arbeit das
Abseilen bezw. Festseilen ist, konnten die beiden Verben sich darauf beziehen. Dann
aber ergab sich ein Substantiv *bastiga «Seil» ohne Schwierigkeit. Der Zutritt _des r
nach st ist etwas im Komanischen so Häufiges, daß man ihn unbedenklich annehmen
darf, auch wenn man ihn vor der Hand nicht so erklären kann, wie dies Baist für
eine Reihe der bekannten frauzösicheu Fälle getan hat (Zeitschr. d. rom. Phil. XXIV.
4 5 ff.). — o'
36 W. Meyer-T;iil)ke.
5. Tt. hasfardo, frz. latard, prov., kat. hasfart, spaii., portg. hastardo Dazu
noch afr. ßls de hast, entstellt zu fils de bas und daraus raittelengl. basie «ungesetz-
liche Ehe». Daß bastard in der südlichen sForra weiter gewandert ist, ist bekannt.
Namentlich die Ausdrucksweise fih de bast hat den Gedanken nahegelegt, daß es sich
um eine Ableitung von ■*ias/«)« handle. ,, Auf welche Anschauung sich aber dieser Aus-
druck «Kind des Saumsattels» bezieht, ist nicht so leicht ins Klare zu bringen", sagt
Diez in der ersten Auflage. Später hat er Mahns Erklärung als «ansprechend» dazu-
gesetzt. ,,Das deutsche «Baukert» kommt bekanntlich von Bank und heißt eigentlich
der auf der Bank, im Gegensatz zum Bett, erzeugte. Der romanische Ausdruck
«Kind des Saumsattels» ging dagegen im Süden, in der Provence oder Spanien, aus den
Sitten der Maultiertreiber hervor, die sich in den Wirtshäusern ihre Betten von Saum-
sätteln machten und dort mit den Mägden Verkehr hatten. Ein Beispiel dieses Verkehrs
findet sich im Don Quijote I. 16."
Obschon diese Ausführungen ziemlich allgemein Beifall gefunden haben und
in Frankreich vom Dictionnaire general, in Deutschland von Kluge verbreitet werden,
sind sie doch vollständig unhaltbar. Zunächst ist zu bemerken, daß es sich keineswegs
um eine in Südfrankreich und Spanien allgemein verbreitete Sitte, sondern lediglich um
eine Erzählung aus dem Don Quijote handelt, die ja vielleicht einer gelegentlichen Übung
entspricht. An dieser Stelle ist nun aber gar nicht das Wort basto gebraucht. Es
wird da berichtet, das Lager des Maultiertreibers sei viel besser gewesen als das Don
Quijotes «aunque era de las enjalmas y mantos de sus machos». Also «aus den Sätteln
und Decken seiner Maultiere» hat er sich eine Lagerstätte zurechtgemacht. Dabei ist
enjalma zunächst ein Wort allgemeiner Bedeutung. Von enjalmar «die jahna auf-
legen» gebildet, bedeutet es ursprünglich «Sattelzeug», ja portg. en.ralmo ist geradezu
«die Decke, die man über die Ladung der Saumtiere legt». Das ist doch wenig ge-
eignet, die Grundlage für ein Wort «auf dem Saumsattel erzeugt» zu geben. Dazu
kommt nun aber weiter, daß hastardo nicht in Spanien geprägt sein kann, weil die
eigen tHche Heimat des Suffixes -ardo Frankreich und Italien ist, während die Ibe-
rische Halbinsel es kaum kennt (vgl. Rom. Gramm IL, § .519). Endlich spricht auch
die Bedeutung dagegen. In ältester Zeit ist der Bastard nicht ein uneheliches Kind
im heutigen Sinne, ein Kind, dessen Vater nicht bekannt ist, dessen Aufziehung der
Mutter überlassen bleibt, nicht ein «Bankert», sondern es ist das nicht mit der recht-
mäßigen Gattin erzeugte Kind von Fürsten, von vornehmen Herren, ein Kind, dessen
Vater wohl bekannt ist, das von ihm auch nicht verleugnet wird, das bestimmte ge-
setzlich geregelte Rechte in Bezug auf Erbe u. dgl. hat. Man sehe die Belege bei Du
Gange nach oder man erinnere sich der in der Literaturgeschichte berühmten Bastarde
wie Hainfroit und Heudri, die Söhne Pipins mit der Magd, oder des Bastards von
Bouillon usw. Damit ist vollends die Mahnsche Deutung ausgeschlossen, denn so un-
bequeme Gelegenheiten zur Befriedigung ihrer außerehelichen Wünsche werden sich auch
im frühesten Mittelalter die Fürsten kaum gesucht haben. Daher kann auch der von
G. Paris, Histoire poelique de Charlemagne 241 gebrachte französische Ausdruck Enfant de
Ja halle nicht als Parallele verwendet werden.^
' Wie alt und wie verbreitet ist übrigens dieser Ausdruclc, den weder Liltre nocli Dict. gen. bieten?
G. Paris stellt weiter die Vermutung auf, daß die Sage, wonacli Karl der Große auf einem Karren erzeugt
worden sei, sieb vielleicbt daraus erkläre, daß der Karren wie die Bank, der Saumsattel, dsr Ballen im
Romauisch BAST-. 37
Die Verbindung mit Jasf «Saumsattel» wäre auf anderem Wege möglicli. Wie das
Maultier dem Pferde nachsteht, so ist auch der hast weniger vornehm als die seile.
Wenn also ein enfant de seile das auf dem Sattel sitzende, das vollwertige, auf alle
Ehren Anspruch habende Kind bedeuten würde, so könnte enfatit de hast das minder-
M'ertige sein; oder wenn bete de hast ein ständiger Ausdruck für «Maultier» wäre, so
könnte auch hastart «Maultier», dann «Mischling» bedeuten, wobei «MischUng» nicht
wie in «Mulatte» sich auf das Resultat der Kreuzung zweier Rassen, sondern auf das
zwei verschiedenen sozialen Schichten angehörender Individuen bezöge. Allein die Über-
lieferung, die nicht so spärlich fließt, daß man sie nach Gutdünken durch Vermutungen
ausfüllen dürfte, versagte für die eine wie für die andere Auffassung die Gewähr.
Da die ursprünglichste Bedeutung des Wortes in Nordfrankreich zu Hause ist, so
liegt der Gedanke nahe, daß hier der Ausgangspunkt zu suchen sei, und dazu stimmt,
daß nur hier die zwei Formen fds de hast und hastard vorkommen und daß die ganz
eigentliche Heimat des Suffixes -anl auch wieder Nordfrankreich ist. Das fühlt auf germa-
nischen Ursprung, führt um so mehr dahin, als die Kreise, in denen der Begriff zunächst
rechtlich fixiert wurde, die der gotischen oder fränkischen Eroberer, nicht der angesessenen
Gallorömer sind. Bekanntlich ist in England im Mittelalter das Wappen der Bastarde
durch einen Stock gequert und das könnte darauf führen, daß bastard mit baston
zusammenhängt. Aber solche Schlüsse aus der Heraldik sind trügerisch, die Sache kann
sich umgekehrt verhalten, daß nämlich in fds de hast der Stamm von baslon empfunden
und danach das Wappen gestaltet wurde. R. Much hat einmal die Müghchkeit ausge-
sprochen, das Bastenia eigentlich Blendling bedeute. ,, Welchen Sinn dieses Wort hast
ursprünglich gehabt hat, ist nicht von Belang, denn ein aus dem Lateinischen stammender
Bestandteil des Romanischen ist es gewiß nicht, und wenn eine junge Ableitung davon
«Kebskind» bedeutet, kann dies auch bei einer anderen, älteren der Fall sein. Und
nichts ist der Deutung des Namens Bastamae Basternae als Blendlinge so günstig als
gerade sein Suffix" (PBB. XVII. 37). Das hat vielleicht etwas für sich und würde wiederum
darauf führen, daß das Wort germaniscli ist. Aber weiter kommen wir vorläufig nicht.
Möglich ist auch natürlich Zusammenhang mit bastum «Stock», wobei dann eine uns nicht
bekannte und wohl auch nicht zu erratende oder erschließende rechtssymbolische Handlung
zugrunde liegen würde.
6. Lat. hdstus oder -um, ital. Ixistoiie, frz. bätoii, span. baston, portg. basfäo «Stock».
Die einfache Form findet sieli nur einmal bei Lampridius im Ablativ Singularis, so
daß man ebensogut ein Maskulinum wie ein Neutrum ansetzen kann. Walde schreibt
Gejj:ensalz zum Ehebett .stellen. Dann müßte man aber doch Spuren dieses Gebrauchs hezw. der Redensart
fils de cliiir im sjiätern Latein odei' im älteren l'VanzOsisch antreflen, wenn auch sachlich natürlich weniger
einzuwenden ist, iiainentlich nach der a. a. 0., S. 225 abg'cdruckten Schilderung «/i reis li pi'M qiie il la
li pretdsl la niiU (i cochier ot lai, eil l'otrea si li fit lit sor iin char qui estoit davant Piis, chargii de fougiere».
Da sich jedoch diese Karrengeschichte ausschlielilich auf Karl (Martell oder Karl den Großen) bexiehl. so
drängt sich unwiUküilich der Gedanke auf, dafi eine nicht allzu alte (denn die ältesten Quellen kennen sie
nicht) etymologische Deutung von Caiotus vorliege, die nicht besser und nicht schlechter ist als die noch
heute weit verbreitete Verbindung mit canis. Daß man gerade an dem Namen Karl henimdeutelte, reigt
auch die Woltersdie Chronik. Als eins! Tipin mit der falschen Bcrtha bei Tisch saß, kam der .Müller mit
Bogen imd Pfeil, was nach der mit Pipin getrofTenen Verabredung das Zeichen war, daß die richtige Bertha
einen Sohn geboren hatte. Kr traf mit dem Pfeil den Becher der Königin, so daß dieser umstürzte, worauf
die Königin rief: weg mit dem Kerl (Karl), er ist zu grob! Aber Pipin bcgrilT sofort und sagte: «Er wird
Karl lieißen» (G. Paris a. a. ()., 2-.>i>).
38 W. Meyei-Liibko.
«sehr zweifelhaft ob als Viacsfom zu haoilnni. Nicht zu haffnpre.» Wie morphologisch
eiu solches *bacstom zu erklären wäre, lileibt mir freilich dunkel, aber unter den
bisher besprochenen Wörtern ist dieses bastum dasjenige, dem ich am wenigsten beizu-
kommen vermag. Zunächst fällt auf, daß das Romanische nur *lci!i(-o)ii\ nicht hasfum
kennt. Neben den A'ertretern von sabido, ponto und dem zu erschließenden *pla)ifo
(Rom. Gramm. II, § 457) bleiben sdbulum, pons, planta. Anderseits scheint span. bästiga,
idstago «Schößling», dessen Herleitung aus got. wahstus (Rom. V, 187) einer Wider-
legung nicht bedarf, nicht von bastone getrennt werden zu dürfen, ist aber damit
nur unter Voraussetzung eines bastum vereinbar. Morphologisch wäre gegen ein ßäatov
von ßaatäC") nichts einzuwenden, s. S. 34. Auch dafür, daß ein spätgriechisches Wort
für «Stock» nach Italien usw. wanderte, läßt sich nicht nur x^p^xiov, tess., veltl. Mras,
niail. skaras, afr. cscharas, nfr. khalas «Weinpfahl» anführen, sondern begrifflich noch
nälier liegend, ital. camato «Gerte, dünner Kuotenstock» scaniato, «Stock zum Ausklopfen
der Wolle». Die Wegweisung für die Deutung dieses Wortes gibt senes. camaitare, das
mit seinem / deutlich auf Zusammenhang mit prov. gamach, aven. gamaito weist und
ein cht als Stammauslaut verlangt, d. h. ein griechisches Wort. Die Bedeutung führt
auf xä[j.ai, der Form genügt ein *xa[j.äxTov, später *7.ci.\i.ä-/xov, das sich zu 7.a\L'xi, ver-
hält wie ßaaräxTV]? zu ßäoTai Und doch bleibt ein Bedenken. Ein ßdatov von ßaatäCsiv
würde den Steck als Stütze bezeichnen, wogegen das Charakteristische bei bastum bastone
zunächst das Schlagen ist, wie denn auch das älteste rumänische Beispiel des aus dem
Italienischen entlehnten baston es in Verbindung mit bäte «schlagen» zeigt. Auch hier
wäre freilich der Weg ein oft betretener, vergl. ital. baccJüo «Stock, Stab, Stange», al
bacchio «blindlings, unbesonnen». Das sind alles Schwierigkeiten, deren jede einzelne gering
ist, die zusammengenommen aber doch bedenklich macheu können. Ich sehe vorläufig
auch keine Möglichkeit, bastum so zu lokalisieren, daß dadurch ein Anhaltspunkt für die
Entstehung gegeben wäre. Västago neben bastoue könnte nach Spanien weisen, doch
ist die Spur unsicher.
7. Ital. bastagio «Packträger», ven. bastazo «facchino impiegato al servizio delle
dogane e dei lazzaretti», neap. vastaso, kal., siz., tar. vastasu, abruzz. rastase, auch neu-
griech. ßaardcCoc, dann aprov. bastais, belegt aus Marseille, heute von Mistral nicht ver-
zeichnet, aber kat. bastax, mallork. bastats «Pflock zum Aufspreizen des Deckels», aragon.,
valenc. bastage. Also deutlich ein Mittelmeerwort, das, nach den Wörterbüchern zu ur-
teilen, nirgends tief ins Binnenland hineingedrungen ist. Sard. basta.viu hat zwar neben
seiner ursprünghchen Bedeutung noch die von «Dachbalken», ist aber trotzdem nach
Maßgabe der Laute aus dem Katalanischen entlehnt. Es handelt sich also zunächst
darum, Ausgangspunkt und Wanderung zu bestimmen. Ngr. ßaaräCo? ist schon nach
seinem Akzente romanisches Lehnwort, als solches auch von G. Meyer, Neugr. Stud. IV, 16,
ganz richtig von venez. bastazo hergeleitet worden, mit dem allerdings etwas unver-
ständlichen Zusatz «der romanische Stamm bast kommt auch im Griechischen vor, agr.
ßaotäCw usw.». Es scheint mir ziemlich wahrscheinlich, daß die süditalienischen Formen
aus dem Neugriechischen stammen, da mit einer solchen Annahme das v gegenüber
dem nördlichen b erklärt wäre und da das s mit dem s, gi nicht vereinbar ist. Sodann
kann unbedenklich tosk. bastagio als Entlehnung aus ven. bastaso bezeichnet werden, da
die Entsprechung von ven. z bei Erbwörtern im Toskanischen gg lauten würde, g bei
Entlehnungen aus Norditalien sehr gewöhnlich ist. Für das Venezianische wird </, j, dy, gy,
Holz und Mensch. 39
als Grundlage gefordert, vergl. /)c^o aus pejus, ra^o aus radius. Dazu passen auch die
katalanischen Formen und die altprovenzalische, wenn wir nur das s nicht als starnm-
haft, sondern als Flexionszeichen auffassen, also das Wort als fcc/s/ai ansetzen. Wir gelangen
somit zu einem den nördlichen und westlichen Mittelmeerländern angehürigen hmta^u,
das von Venedig nach Toskana und Griechenland, von da nach Süditalien gewandert
ist. Schon Diez hat ßäata^ zugrunde gelegt. Allerdings ist die Bedeutung dieses ßä-iTas
in dem einen Beleg bei Theopli. Protos. oiovjl Ss ßä^ta^ t/^? v.s'fa/.f^? ü-äpysi ö Tpa-/T,>.o;
nicht ganz durchsichtig, aber ganz unmißverständlich ist Vixpoßa-Jtä; -a-fo; «Tote tragend».
Da ßdoT0(4 «Träger» sich an ßaotäCo) anschließt, kann .man das Wort unbedenklich als
griechisch bezeichnen. Es muß ins Lateinische gedrungen bastax bastäge flektiert worden
sein und im Venezianischen von Plur. bastagi einen neuen Singular bastazo bekommen
oder schon früher, aber als g schon gl lautete, den indifferenten Ausgang e oder sogar den
griechisclien Akkusativ Ausgang a durch das den Sexus scharf kennzeichnende o ersetzt
haben. Darüber, ob man vExpoßäoTai oder vsv.ooßa'STä; betonen soll, gehen die Ansichten
auseinander. Die romanischen Formen sprechen für das letztere.
Von Griechenland einerseits , von Germanien anderseits treiben zwei voneinander
ganz unabhängige Wurzeln hast ihre Schößlinge hinein in romanische Gebiete, aber
nirgends verschlingen sich diese Schößlinge; man siebt nicht, daß die Bedeutung
der einen Gruppe durch einen Vertreter der andern gleichklingenden beeinflußt worden
wäre, kaum daß man einen geringen Anfang dazu in der speziellen Einschränkung, die
lasiii «Saumsattel» in Valencia erfahren hat (Seite 33), sehen darf. Man könnte nämlich
dabei an basto «gestopft» denken, aber der Umstand, daß dieselbe Bedeutungseinschrän-
kung auf ganz anderem Gebiete sich findet, wo ein solcher Einfluß nicht besteht, läßt
auch diesen Gedanken ablehnen.
Holz und Mensch.
Von Rudolf Much.
Goethe sagt:
«Kleid eine Säule,
Sie sieht wie eine Fräule.»
Das stimmt auffallend zu den beiden trfmemi, denen nach Hävamäl 48 (B V-S) der Fah-
rende seine abgetragenen Kleider umhängt und von denen es heißt:
rrkkiir ßaf pottus, er ßeir riß hgfpo.
«In den Lumpen glichen sie leibhaften Menschen ^^ übersetzt Gering die Stelle. Au
diesen trrmoni dürfte kaum mehr als der Kopf notdürftig geschnitzt gewesen sein ; und
auch zu dieser Arbeit sah man sich wohl erst veranlaßt, weil schon der aufrecht stehende
Pfahl selbst an einen Menschen gemahnte. So entwickelt sich aus der Siiitlr die Bild-
si'ndc. Vgl. dän. stoüt\ hUlcdsiottc, schwed. hildstod mit gleichem Bedeutuugsübergang.
Daß im besonderen das Götterl)ild vom verehrten Ptiock ausgeht, hat Meringer
.IF. 16, 151 ff., 17, ir)9. 165 f., IS, 277 tt'., 21, 296 ff. gesehen und ist dabei auf eine
Erzader gestoßen, die noch lange den Abbau lohnen wird.
40 Rudolf Much.
Bei den Germanen begegnen uns für diese Entwicklung verschiedene Belege. Ob
neben dem wohl aus dem Germanischen herübergenoramenen litauischen stufpns «Säule^
Götzenbild» auch im Germanischen selbst schon ein Wort mit diesen beiden Bedeu-
tungen vorhanden war, bleibt ungewiß. Aber dem lit. stähas «Götze» entspricht genau
ein alter nordischer Ausdruck. Wenn es in Den ivldre Eidsivathings Kristenrett (Norges
gamle Love I) 1,24' heißt: engt madr slal hafa i hnsi sUin staf cffa sialla «Niemand soll
in seinem Haus einen stafr oder (und?) Altar haben» — man beachte die stabreimende
Verbindung von stafr und stalU — , so kann hier stafr, das sonst «Stock, Pfosten,
Pfahl» bedeutet, nicht gut etwas anderes sein als ein Götterbild oder ein Pfahl, der
einen fJott vorstellte. Das ist auch Fritzuer entgangen, obwohl schon Maurer, Bekehrung
418 bemerkt: «Stafr muß hier wohl die Säulen mit eiugeschuitzten Götterbildern be-
deuten, wie sie das Heidentum liebte» und damit annähernd das richtige traf. Hätte er
von jenem lit. stähas gewußt, so hätte er erkannt, daß dieser stafr als ein ganz selb-
ständiges Schnitzwerk angesehen werden kann, das nicht etwas getragen zu haben braucht.
Die heiliggehaltenen pnäcef/issülur mit den eingeschnitzten Thorsbildern allerdings
sind zugleich Götterbilder und konstruktive Teile des Hauses, beziehungsweise des
Tempels. In ganz überraschender Weise eriimert an sie die ungarische bödog-anya
<Mutter Gottes», ein senkrecht stehender viereckiger oder runder Eichenpfosten, der mitten
im Zimmer stehend den Tram stützt, der die Zimmerdecke trägt, ein Seitenstück, auf
das Meriuger JF. 21, 301 aufmerksam gemacht hat.
Sehr nahe steht hier auch die sächsische Irminsül. Wie das Haus vielfach eine
Mittelsäule hatte, firstsfd in der lex Baiuuariorura X, 6, 7, bei Notker Boethius 5
magansnl genannt, — in der eben erwähnten lödog-anija setzt sie sieh fort — , so stellte
man sich auch inmitten des Weltgebäudes, den Himmel stützend, der aisl. auch fagra-
rxfr «schönes Dach» und salpah «Dach der Erde, des Bodens» heißt, eine solche Säule
vor. Die im Freien aufgerichtete Irminsül 'ist das Symbol und Abbild dieser den Himmel
tragenden Säule.
Als nordisches Gegenstück zur sächsischen Vorstellung von der Irminsül inmitten
der Welt und ihrer Verehrung darf der aslcr Yggdrasils gelten. Beide verhalten sich
zu einander gerade so wie die firstsül des alten bairischen Hauses zu dem lebenden
Baum — er wird als apaJdr bezeichnet, was aber nach nordischem Sprachgebraucli
auch einen andern fruchttragenden Baum, besonders auch eine Eiche bedeuten kann, —
um den nach einer offenbar sehr altertümlichen Sitte Vi^lsungs Saal herumgebaut war.
An diesen hat zur Erklärung der Vorstellung von der Weltesche schon F. Jöusson,
Arkiv 21, 399 erinnert und damit schon mindestens ihren Kern richtig gedeutet, um
den sich später ja wohl auch anderes angesetzt hat.
In der Egilssaga c. 68 begegnet uns ein merkwürdiges Sprichwort: pä verdr eiJc
at fdga, er uiulir shil hiia «die Eiche muß man verehren, unter der man wohnt». Daß
hier fdga auf religiösen Kult zu beziehen ist, kann angesichts einer Reihe von Belegen
für diese Bedeutung des Wortes wie eigl skuli per ]>d Iduti (nämlich slairgod) rcgsama
oh fdga oder cigi sJcaltu goä ßrirra ggfga ne fdga nicht bezweifelt werden: s. Fritzner 1, 365,
Cleasby Vigfussou 146. F. Jönsson macht in seiner Ausgabe der Egilssaga, Altnord.
Sagabibl. 3, 225 zu der Stelle die Bemerkung: «ein uraltes Sprichwort, aus uer Zeit
herstammend, als die Wohnungen (Hütten) noch uuter einem großen Baume oder rings
um ihn herum aufgeführt waren; vgl. ^'olsungas. c. 3.» Das ist gewiß zutreffend. Für
Holz und Mensch. 41
uns ist aber jenes Sprichwort um so wertvoller, als es auch ein Zeugnis ist für die
Verehrung solcher Bäume. Man kann bei ihr auch an den merkwürdigen Bericht des
Herodot 5, 23 über die Argippaier erinnern. Jeder von diesen wohnt nach ihm unter
einem Baum (üttö öevöpeLu); über diesen deckt er im Winter einen dichten, weißen Filz;
im Sommer läßt er ihn ohne Filz. Wilhelm Tomaschek, Kritik der ältesten Nachrichten
über den skytliischen Norden, WSB. 117, bemerkt S. 60 zur Stelle: -Die alte Wohnart
hat sich vielleicht in einer Opferzeremonie der Altai-Türken (Jys-ki.si, Tuba) erhalten :
wenn diese dem Tengri opfern, so stellen sie in einem abgelegenen Birkenwäldchen am
Rand einer Lichtung eine Jurte auf, in deren Mitte eine grünbelaubte Birke mit ihrem
Wipfel durch das Kauchloch herausschaut ; das Dach wird mit Filzlagen bedeckt (Radioff,
Aus Sibirien 11, 19 fg.)». Spielt auch hier der Baum selbst als Kultobjekt eine Rolle?
Wenn die hier für die Irminsül gegebene Erklärung richtig ist, so darf man aus
den Zeugnissen für sie schließen, daß bei den Sachsen auch in den Häusern die Mittel-
säule für heilig galt und Verehrung genoß. Bei dieser und l^ei der Irminsül an einge-
schnitzte Bilder nach Art derer an den ondvegissülur zu denken, nötigt uns nichts,
hindert uns aber auch nichts. Und wenn uns bei diesen von einem Bilde Thors erzählt
wird, mag man immerhin auch die Irminsül auf einen Gott beziehen, der dann zwar
nicht wegen ihres mit irmiti zusammengesetzten Namens, aber wegen ihrer Bedeutung
als universalis columna, quasi susünens omnia (MG. 2, 676) niemand anderer als der
regnator o»ini)tni clnis des Tacitus, Germ. 39, das ist der Himmelsgott, sein kann.
In einigen Punkten weicht meine Ansicht von der Meriugers ab. So glaube ich
nicht an ein ags. eodor, eodur im Sinn von «verehrter Balken», wozu übrigens Meringer
selbst jetzt JF. 21, 301 ein Fragezeichen setzt. Auch die Bedeutung «Fürst» hat eodor
nicht für sich allein, denn nur Verbindungen wie eodor Säldhuja, Ingwina sind belegt,
und diese sind wirklich ganz so zu verstehen wie tpKoq 'AxaiiDv, aus dem man doch
auch nicht ein griech. epKO? «Fürst» erschließen darf. Ebenso begegnet heim und MeO,
hlcow in Verbindung mit Genetiven wie corla, icigendra, ^ycdra u. dgl. als Bezeichnung
des Fürsten, ohne dabei selbst etwas anderes als «Schutz, Schirm» zu bedeuten. Auch
die Bedeutung «einzelner Pfahl» ist für ags. eodor nicht erweislich. Das in undcr eoderas
Beowulf 1038 : (Hchf pä eorla hleo cahta nirnras
fxtedläeorc on fJet fron)
in linder eoderas
übersetzte ich gleich Heyne: «hinein in das Haus». Dabei darf man das flet 1037
nicht auf eine bestimmte Stelle des Hallenbodens beziehen, vielmehr heißt hier on fiet
ganz formelhaft «in den Innenraum» oder auch einfach «hinein». Und iiiider eoderas
an unserer Stelle ist von dem laidar ederös, Heiland 4944 unmöglich zu trennen, und
in beiden Fällen haben wir es ebenfalls nur mit einem formelhaften Ausdruck zu
tun. Nicht einmal die Pluralform läßt sich mit Bestimmtheit auf die Mehrheit der
Zaunpfähle zurückführen. Da sonst eodor im Singular schon «Zaun, Gehege» bedeutet,
wird man eher an das gleichfalls pluralische in geardiim für «at home» und die aisl.
Plurale gardar, hi'is, tun im Sinn von «Gehöft» anzuknüpfen haben. Mit Recht übersetzt
Holthausen, Beowulf II, 130 den Plural von eodor einfach mit «Haus». Gegen die Eiu-
wendung, wenn die Rosse schon im Saale sind, sei ein weiterer Zusatz in iindar coderas
im Sinne von «ins Haus hinein überflüssig, ist auf die stilistische Eigentümliclikeit
der altgermanischen Poesie zu verweisen, die Appositionen liebt und dabei oftmals den-
Woilcr iiiul SiKbon, l. C
42 Rudolf Much.
selben Gedanken mit wechselndem Ausdruck wiederholt. Ein neues Moment braucht
also durch das in ttndcr eoderas nicht hinzuzutreten.
An jene tremenn der Hdvamiil, von denen eingangs die Rede war, erinnert es,
wenn in der nordischen Mythologie die ersten Menschen, Ashr und Emhla, aus Bäumen
oder Hölzern — in Snorris Gvlfaginning ist von tic tvau die Rede — geschaffen werden.
Es setzt das eigentlich auch schon voraus, daß mau sich durch Bäume, Baumstrünke
oder Stämme an menschliche Gestalt erinnert fühlte. Das leitet uns aber hinüber zum
Gegenstück, zur V e r g 1 e i c h u n g d e s M e n s c h e n mit e i n e m B a u m oder
einem Stück Holz.
Dahin gehört es, wenn in der nordischen Poesie der Begriff Mann durch den
Namen eines beliebigen Baumes oder ein Wort für Säule, Pfosten, Stock ausgedrückt
werden kann, sofern nur durch Zusammensetzung oder einen beigefügten Genetiv
Beziehung zu einer Sache angedeutet wird, mit welcher der Mann zu schaffen hat. So
entstehen kenningar wie rögs apaJdr, nteiär hriiH/s, uudstafr, vighJynr, almr eggpings, sfafr
valfreyjuy sverävi&r usw. Auch der Begriff «Weib» wird in ähnlicher Weise durch Um-
schreibung ausgedrückt, z. B. durch ouüp^U. lind lins, gäit haiiga. Es versteht sich von
selbst, daß dabei besonders weibliche Baumnamen Verwendung finden.
Nach Art solcher kenningar möchte man auch wohl den Namen Gustaf, aschwed.
Götstaver, Go(t)stnver, beurteilen. Er lautet altwestnordisch Gautsfafr, und so hieß ein
Pferd des Herzog Sküli, «vistnok fordi den var fra Gautland», wie Bugge, Om runeskrif-
ten paa Rök-stenen 21 bemerkt, der dabei auch schon an unser «Araber» erinnert.
Gautstafr scheint darnach zunächst zu bedeuten «ein Mann aus Gautland». Oder ist
das Umdeutung? Und wie verhält sich der Name zu ags. Sigcstef, ahd. Sigistab, dem
Sigestap der deutschen Heldensage?
Verschiedentlichen anderen sprachlichen Ausdruck auch dieses Vergleiches von
Menschen mit Holz irgendwelcher Art findet man bei Meringer, JF. 18, 277 f.
zusammengestellt, darunter russisch 2*««^ «Klotz> und «plumper Mensch» und l&i. slipes.
Eine Fülle von Belegen bringt 0. v. Friesens Arbeit Om de germanska mediogemi-
natorna, besonders S. 58 f. ; ebenso Jöhannsson, K. Z. 36,. 373 f.
Das tertium comparationis ist in solchen Fällen nicht immer etwas ausschließlich
Körperliches. Wir sprechen ja von einem ungeliohelfcn, einem verstoclicn oder einem
störrigen (zu ahd. sforro «Baumstumpf») Menschen. Es kann einer auch haumstiU, stocktaub
oder ein StocldiUlnH sein. Got. baups «taub, stumm» wird von Meringer, JF. 16, 155. 159
als «klotzig» gedeutetS und so kann auch kelt. *bodaro- aus *bodhro- und aind. badhird
«taub» mit mlat. bodina (Thurneysen, Keltoromanisches 91) «Pfahl» zusammenhängen.
In andern Fällen hat man das rein Körperliche im Auge. So wenn wir von einem
baumlangen oder baiinistarlcn Kerl, einem saun- oder spindddiirren IVIenschen, einer
Hopfenstange — österreichisch auch Heugeig'n — redeu. Mundartl. itempfl bedeutet
«kurzer, dicker Mensch», Lenz, Der Handschuchsh. Dial. I, 46. Und hierher gehört eine
große Anzahl von Namen und Beinamen. Ein sehr bekannter Beiname dieser Art ist
der des berühmten dänischen Sagenkönigs Hrölfr kraki. Das Wort hraki bedeutet
«Stange», hat aber schon in alter Zeit auch den Sinn «unentwickelte, hagere Person»
im allgemeinen. Von deutschen Namen, die sich hier anschließen, bietet jedes Adreß-
buch eine reiche Auswahl. Die altisländischen sind jetzt in F. Jönssons wichtiger
' Veii;l. H. Petersson, JK. XXIII, S. 395. C. N.
Holz und Mensch. 43
Schrift Tilnavne i den islandske Oldlitteratur, Aarboger 1907 leicht zu finden. Als die
ältesten germanischen Beispiele solcher Namen dürfen wohl wandalisch *Eaus und
*Iiafts gelten, über die ich ZfdA. 36, 47 gehandelt habe.
Oder das Körperliche ist wenigstens mit im Spiele. Wenn wir jemanden einen
grohcn Klotz nennen, so denken wir dabei leicht nicht nur an unfeines Benehmen und
Bildungsmangel, sondern zugleich auch an plumpe, vierschrötige, klobige Körperformen ;
und noch mehr werden sich die Begriffe körperlicher und geistig-sittlicher Unfeinheit
miteinander verbunden haben in einer Zeit, in welcher der Rassenunterschied zwischen
den sozialen Schichten ein augenfälligerer war.
In diesem doppelten Sinn möchte ich daher bestimmt die Namen von Knechten
und Dirnen in der Rigsjiula Drumbr, Drumha und Kumba auffassen. Als Appellativnam
bedeutet tredrumhr «Holzklotz» und zu Kumba stellt sich tnkumbr, ablautend mit griech.
YÖnqpoq «Pflock, Zahn». Ahnlich wird man mhd. Inno; T;niilz, k)iochs, bürenknorf , solch,
holl. Iiiioef zu beurteilen haben. Hierher gehört ferner Benrjcl, Flegel, bair. Zoch, Zochen
«von Zweigen gesäuberter Ast, Knüttel» und «grober Mensch, Bursch, Knecht», dän.
trunte «Baumstumpf, Block» und «kleiner untersetzter Mensch», älter auch «Tölpel»,
ebenso dän. Idods «tölpischer Mensch» u. a. m. Auch unser Schwung und Klachel sind
verwandte Ausdrücke, nur daß beide, unbildlich gebraucht, Gegenstände aus Metall
bezeichnen. Verschiedenen der besprochenen Gruppen reihen sich ein dän. udd. knast,
norw. dial. Icult, hmii l-ncrta loiarte, knott, nubb, bikse bjakse, lurk, brand, kause, bagge
bdggji: und schwed. dial. phjgg, spinke spink und knagg, über die in den Wörterbüchern
von Aasen, Ross und Rietz Aufschluß zu finden ist. Auch auf die Zusammenstellungen
bei V. Friesen und Johansson ist hier neuerdings zu verweisen. Aber das Material
ist damit auf keinem Gebiet erschöpft.
Zutreffend bemerkt Johansson, K. Z. 36, 373, daß die Benennungen lebender Wesen
nach toten Gegenständen — sie sind auch unter Tiernamen stark vertreten — besonders
häufig sind in etwas niedrigerer Sprache, in der gemeinen Umgangssprache. Es fallt
in der Tat auf, wieviel derartiges etwa die heutigen nordischen Dialekte bieten im
Vergleich zur aisl. Literatursprache. Aber zu allen Zeiten steigen doch einzelne Worte
dieser Art auf eine höhere Stufe empor. Als ein solches wird man asl. skati «Mann,
hervorragender Mann, Häuptling» ansprechen dürfen. Bugge hat es Ant. Tidskr. f.
Sverige 5, 146 im Anschluß an P. J. Luudal und Vigfussön mit schwed. dial. skate «etwas
empor- oder hervorschießendes, Baumwipfel, Landspitze u. dgl.», norw. dial. skat n.
«Wipfelende eines Baumes», skata «in eine Spitze auslaufen», skate m. in Telcmarken
«Baumstamm ohne Aste» zusammengebracht. Ich denke auch hier nicht an eine all-
dem zugrund liegende «allgemeinere Bedeutung», sondern an unmittelbaren Vergleich des
Mannes mit dem Baum. Hierher gehören auch Tiernameu : aisl. skata, norw. skate
«raja batis» und schwed. skata, norw. dial. skata. dän. skade «corvus pica»; s. Falk-Torp.
E. Ob. 2, 174. 167.
Besonders zahlreich sind die Worte für «Knabe» und «Mädchen ?, die ursprüngUch
Pflock, Stift oder ähnliches bedeuten. Auch Stift selbst oder Stöpsel nennen wir wohl
einen kleinen Jungen und sind uns dabei der Bildlichkeit des Ausdruckes noch ganr
bewußt. Schmeller'' 2, 771 verzeichnet Stiiigel «Mannsperson, insonderheit noch lediger
Bursche» — daneben Jleniedstiiigel, was trotz Sthigel «penis» nicht phallisch verstanden
zu werden braucht. Viiu. pige, spät aisl. /xA« «Mädchen» gehört nach Johansson, K. Z.
0»
44 Rudolf Mucli.
36,381 mit däti. pig, aisl. p'il- «Spitze» zusammen. Ebeuso ist dän. 7/«*/ «kleiner Knabe»,
schwed. dial. luil; «Junge», norw. dial. pauJ; «kleine schwache Person, kleiner Junge», ndd.
pöÄ- «schwacher Mensch, Kind, kleiner Bursch» dasselbe Wort wie älter dän. poij, norw.^aaÄ:,
schwed. päk «Stock», mndd. pol: «Dolch» ; s. Falk-Torj), E. Ob. 2, 45, 68. Auch aisl. drcngr
«tüchtiger junger Mann», dän. dreng, schwed. dräng «Knabe» hat Tamm, E. Sv. Ob. 103 f.
als identisch mit aisl. und anorw. drcngr «dicker Stock, Säule», aslov. drqg^ «Stange,
Baum» erkannt; s. auch Falk-Torp, E. Ob. 1, Ulf. Vgl. den langobardischen Beinamen
dra)ui(S, Brückner, Spr. d. Lgbd. 13, und bair. Tn'uiggiii «uubescheideue Weibsperson»,
Schmeller- 1, 667. Auch die im Neuisländischen gebräuchlichsten Ausdrücke für Knabe
und Mädchen, piltur und stülka, erklären sich so; ersteres, &is\. piltr, piUungr, steht zu
schwed. dial. pidt «Pflock» in Ablautverhältnis ; letzteres gleich aisl. und schwed. dial.
sfidla gehört zu schwed. dial. stidk stoJk «Stiel» ; s. Johansson. K. Z. 36, 377, 381.
In diesem Zusammenhang wird man an die alte Deutung von lat. rirgo aus virga
erinnern dürfen; ferner an die von Bezzenberger und Fick, Beitr. 6, 238 vertretene
Beziehung von rciXiq zu lat. taJea «Setzhng, Reis», aslov. falij. «ramus virens» und die
Zusammenstellung von TTäpaevoq mit Triöpöo? durch Düntzer, K. Z. 16, 29.
Dieses Material wäre leicht zu vermehren. Aber die semasiologische Regel läßt
sich jetzt schon aufstellen, und damit ist uns ein Schlüssel zur Erklärung noch einiger
anderer Appellativa gegeben. Wir müssen uns dabei vor Augen halten, daß bei Knaben
und Mädchen die Kleinheit und Schlankheit das tertium comparationis mit Gegen-
ständen aus der Pflanzenwelt sein kann, bei jungen Männern auch die Kraft und «Stäm-
migkeit . Von «Knabe» führt aber sehr oft die Bedeutungsentwicklung zu «Diener,
Knecht» Mnüber. Ausdrücke für diesen Begriff können also hier mittelbar entstehen;
aber auch unmittelbar, wenn die äußere oder innere Unfeinheit oder Stumpfheit zum
Vergleich und zur Übertragung der Bezeichnung des Holzstückes auf den Menschen
Anlaß gibt.
Vor allem wird man sich jetzt gegenüber der Fülle der Seitenstücke nicht mehr
wie noch Falk-Torp, E. Ob. 1, 386 dagegen sträuben dürfen, Jcnahe «puer» mit hess.
Knabe «Stift oder Bolze», Herrn, v. Pfister, Nachträge zu.Vilmars Idiotikon von Hessen
136, gleichzustellen. Vielleicht ist es nicht ganz ausgemacht, wie sich ahd. l:naho, ags.
cnafa zu ahd. hiappo und vor allem zu ags. cnapa, as. huqw, aisl. l-napi «Knappe,
Junker» verhält, eine Frage, die v. Friesen, Mediogeminatorna 57 ff. behandelt. Aber
auch zu diesen Nebenformen stellen sich gleichlautende Worte, die sich sämtlich in
ihrer Bedeutung an jenes hessische Knabe anschließen ; s. v. Friesen a. a. 0.
Knabe «Stift, Bolze» wird gewiß mit Recht zu Knebel und zu griech. YÖnqpoi; «Pflock»
gestellt. Und auch Knebel bezeichnet im Jütischen einen Menschen von kleinem Wuchs
nach Falk-Torp, E. Ob. 1, 388f. — Fejlberg liegt mir nicht vor — ; mhd. kommt es
vor in der Bedeutung «grober Gesell, Bengel».
Genau entspricht dem griech. Toncpoi; «Pflock» das ahd. mhd. ehump, kanip «compes»
und lampc «Holz, das man dem Schweine um den Hals tut, damit es nicht durch die
Zäune kriecht», Lexer, Mhd. Wb. 1, 1505f.; vgl. Schmeller- 1, 1251, Unger-Khull, Steir.
Wortsch. 375. Auch durch das Mmmen, hämpen der Zimmermannssprache, das «durch
Pflöcke verbinden» bedeutet, wird ein Kamm in der Bedeutung «Pflock» vorausgesetzt.
Neben cliamp steht ahd. chembil «columban. Aus diesem Worte erklärt sich wohl
eis, Kambel «großer Mann», Martin und Lienhart 1, 443, in den Lauten sich deckend
Holz und Mensch. 45
mit Kambel «großer zweiteiliger Kamm», und bair. ösieri: Käntpl (mit hellem «) cGeselle,
Kumpan» — das Wort hat auszeichnende Bedeutung — , lautlich ebenfalls zusammen-
fallend mit Kämpl «Kamm».
Wir sind hier auf einem Wege, der sogar zur Erklärung des von Ptolemäus über-
lieferten Volksnamens der Kä|i7Toi aus dem Germanischen führen könnte. Gewiß haben
wir es dabei mit einer durch Volksetymologie und den spätgriechischen lautlichen
Zusaramenfall von \m mit |uß bewirkten verkehrten Schreibung statt Kdjißoi zu tun, und
das könnten ganz gut «die Kampeln, die starken, stämmigen Kerle» oder auch herab-
setzend «die Klötze» sein. Aber ich verkenne nicht, daß anderes für keltischen Ursprung
des Namens schwer ins Gewicht fällt, nämlich die Verljindung mit den ungermanisch
aussehenden Sondernamen "Abpaßai und TTdpiaai und die Nachbarschaft des Flusses
Kamp, Camhiis bei Einhart, der sicher so auf keltisch als «der Krumme» bezeichnet
wird, wie schon Glück, Die kelt. Nam. 34 gesehen hat. Aber ist nicht im Munde
germanischer Nachbarn keltisch *Kamhi)i notwendigerweise umgedeutet worden nach
dem so naheliegenden germanischen Worte?
Ähnliche Umdeutung und in diesem Fall auch Umgestaltung nehme ich an bei
einem anderen fremden Volksnamen, dem der Hunnen, dessen germ. Form ahd. Hüni,
ags. Hinxis, aisl. Hibiar, Hihiir von dem lat. griech. Ouvvoi, Hitinii, Clnoiiii und dem
chinesischen Hhnuj-uu (das aber selbst volksetymologisch umgeformt ist) auffallend und
durchgehend abweicht. Die germanischen Worte, an die der Anschluß erfolgt ist, habe
ich aber in meiner Schrift über den germ. Himmelsgott (.\bhandl. zur germ. Philol.,
Festgabe für Richard Heinzel) 22 kaum in den rechten Zusammenhang gebracht. Vgl.
jetzt über diese Johansson, K. Z., 36, 374. Es stellen sich mit ursprünglicherer Bedeu-
tung als Bezeichnungen lebloser Gegenstände zur Verfügung : aisl. ht'om c Würfel» und
«ein klotzartiges Stück» als Teil des Mastes, vielleicht «Pflock, Nageh^ oder ^Zapfen»,
adän. hund «Türriegel, Querholz», aschwed. hun «Schlagbaum, Riegel», gutn. Imn «Dachfirst».
Danach scheint mir der Volksname als «die Klötze» verstanden worden zu sein im
Hinblick auf körperliche Eigentümlichkeiten. Man beachte die Schilderung der Hunnen
bei Ammiauus Marcelinus 31, 2, der sie ebenfalls mit Pflöcken vergleicht, die — nach
Art der noi'dischen fn'menn? — roh geschnitzt sind: snicsciint iniberhes ahsque uUa
ueniixfate, spado)übus si»iilrs, rompnctia omnes firmisfjiie niembrifi et opiniis ceruicibus,
prodigiosac formao sct parui, ut bipcdes existimes bestias ud quäl es in com mar gi-
nandis pontibus effiglatl stipitcs dolantur incompte. Geht diese Beschrei-
bung auf germanische Gewährsmänner zurück? J. Hoops hat in den Germanist. Ab-
handlungen, Hermann Paul dargebracht, Strnßl)nrg 1902, 167 ff. den Namen der Hunnen
unter Berufung auf einen ags. Pflanzenuanjcn hünc und griech. Kuavog als -die dunkeln,
schwarzen» zu deuten versucht, hält ihn also ebenfalls für germanisch.
Daß man Kegd «unehelicher Sohn» von Kegel «Kegel im Kegelspiel», mhd. auch
«Knüppel, Stock», nicht trennen darf, wird nun auch nicht mehr bezweifelt werden.
Vgl. ein grober, ein fauler Kegel «Schlingel, Taugenichts'. Martin und Lienhart 1, 428.
Kegel wird zunächst wie Bengel eine verächtliche Bezeichnung für Kind sein, woraus
eine für uneheliches Kind leicht hervorging. Umgekehrt [ist Bankert örtlich zu einem
Scheltwort für ein unartiges Kind geworden, das hier in Wien — in der Gestalt Bdnggal
— sehr oft Mütter aus den unteren \'olksschichten ihren eigenen Kindern zurufen.
Wahrscheinlich gehört in diese Gruppe auch Knecht, dessen ältere Bedeutung noch
46 Rudolf Mucli
vorliegen wird in schweizerisch J^T««/;/ «Rebschößling». Besonders heißt, wie es scheint,
Knecht ein Schößling am Weinstock unmittelbar über dem Boden, den man stehen läßt,
um für den alten Stamm Ersatz zu haben, wenn es nötig wird, diesen zurückzuschneiden ;
s. Staub-Tobler 3, 722. Auch Gert und ClineheJ werden als Synonyma genannt. Zu
erwägen ist allerdings, ob das Wort hier nicht bildlich zu verstehen ist. Aber sonst
wird Knecht übertragen nur von Vorrichtungen gebraucht, die etwas halten, einen Diener
oder dienstbaren Geist ersetzen.
Was die Möglichkeit einer solchen Etymologie von Knecht betrifft, sei darauf
verwiesen, daß bei Falk-Torp, E. Ob. 1, 3<S0 wegen dän. norw. huuj, hunje «Kleiderriegel,
Zahn eines Rades, Handhabe an der Sense», schwed. Icnagg «Knast, Knorren», dial. auch
«Sensengriff» und «untersetzter starker Kerl» usw. eine idg. Wurzel *gnngh, verwandt
mit *gnabh, angesetzt wird. Man beachte auch mhd. hiochc «Astknorren», knochs «grober
Mensch», Lexer, Mhd. Wb. 1, 1650, bair. Kuiichtel «Knüttel», auch Knicll, Schmeller^
1, 1347. Es wird übrigens schwer halten, die vielen mit In anlautenden germ. Wort-
bildungen reinlich in verschiedene Gruppen zu sondern und Grundformen für sie
festzustellen. Schon dieser Anlaut lai aber bringt das Wort Knecht in den Verdacht,
der Gesellschaft von Knabe, Imtst, knatf, hiag, hiart usw. anzugehören.
Diese Erklärung deckt sich wesentlich mit der von Lewy, Beitr. z. G. d. d. Spr.
32, 145 f gegebenen, wo auch noch etliche andere Analogien der Bedeutungsentwicklung
angeführt werden. So Dicustlcnochen, [kleiner] Knapp, F(f)(ninestielche <^ungetauftes Kind»,
Hintner bei Nagl, Deutsche Mundarten 1, 228. Nur schießt Lewy gewaltig übers Ziel,
wenn er bemerkt: «Man darf sogar erwägen, ob Ausdrücke wie Stiefel-, EechenhiecM
ohne weiteres als secundär betrachtet werden dürfen». Führt er doch selbst als Seiten-
stücke an poln. imehole^ «Kuäblein»: paeholeh «Bursche, Stiefelknecht», russ. mäl'cik
«Knabe»: «Stiefelknecht». Schmeller^ 1, 1138 hat ein Stifel-Halnz «Stiefel zieher».
Ans dem bisher Erörterten fällt auch volleres Licht auf das Element *gardiö-
in germ. Namen wie anord. Gerdr, Porgerär, Hrimgerdr, Frögertha — sämtlich mytho-
logische Namen, und ein solcher ist im Grunde auch Asger&r — deutsch Irmingart,
HUdigart, älter -gardi(s). Es gibt für diesen Namenbestandteil keine andere passende
Erklärung als die aus dem lautlich völlig mit ihm sich deckenden deutschen Gerte, germ.
*(jardiü-, mit dem es auch schon von Edward Schröder bei Bechtel, Die attischen Frauen-
namen 100 und Die deutschen Personennamen, Festrede zur akad. Preisverteilung,
Göttingen 1907, S. 6 zusammengestellt worden ist. Das Wort scheint mir in den Namen
bereits «Mädchen, Jungfrau» zu bedeuten. Dabei ist daran zu erinnern, daß auch franz.
gars, garce, gargon von Vising in Le Moyen Age 2, 31 ff. aus ahd. gartea gedeutet wird.
Darf man auch Schweiz. Gertel «böser Junge, Schlingel», Staub-Tobler 2, 443, hierher
stellen?
In seinem eben genannten Vortrag vermutet Schröder auch für den Frauennamen
Gisüa ähnliche Bedeutung wie für Garda (aisl. Gerür) und faßt beide nicht als Ver-
kürzungen von Kompositis auf. Aber daß Gisila doch sicher nichts als eine Kurzform
von Gebilden wie Gisilberga ist, geht schon daraus bestimmt hervor, daß g^sil massenhaft
in männlichen, nie aber, was schon Förstemann aufgefallen ist, in weiblichen Namen
als zweites Kompositionsglied auftritt. Auch im Keltischen begegnet gall. -geistlos, -jestlus,
corn. -guistel nur in männlichen. Au Schröders Deutung des Wortes aber möchte ich
festhalten; nur handelt es sich um ein altes Maskulinum, das deshalb nicht gut un-
Holz und Mensch. 47
mittelbar für ein Mädchen oder für «Mädchen» oder als zweiter Teil weiblicher Namen
gebraucht werden konnte, vielmehr ein Wort für «Knabe, Jüngling» war. Es ist nicht
ein Seitenstück, sondern das Gegenstück von *(jardi »Gerte; in Namen, mit dem es auch
durch den Stabreim verbunden ist. Germanisch etwa gisloz jah gardiöz, ursprünglich
«Stecken und Gerten», wird für «Knaben und Mädchen» gebraucht worden sein. Die
hier vorliegende Ablautform, von der in Ger aus *(;aiza- und Geisel «Peitsche», ahd.
(/(lisahi, verschieden, ist durch Igbd. i/isil «Pfeilschaft» und air giaUaim «peitsche» belegt
und ist idg. ei, das auch für das somit völlig gleichlautende ahd. gisal, ags. gisel, aisl.
(ßsl, air. giaU, cymr. gwysfgl, corn. guisH «Bürgschaftsg,efangener» anzunehmen ist. Daß
es sich überhaupt bei diesem um kein von Haus aus verschiedenes Wort handelt, hat
Schröder ZfdA. 42, 65 gesehen und bemerkt mit Recht, bei g'isal liege der Bedeutung
«obses» die Bedeutung «adolescens liber» voraus. In einer Anmerkung heißt es: «vgl.
hierzu auch die lehrreiche Glosse 'pignora' chi)i(l ahd. gll. I 228, 37 (R)». Diese erklärt
sich aus dem umgekehrten ßedeutungsübergang, der im jüngeren Latein vorhegt, wo
pignora auch außerhalb der Poesie für die nächsten Verwandten, Weib und Kinder und
Eltern gebraucht wird, so z. B. Germ. 7 und öfters noch von Tacitus. Immerhin darf
man sicli auch auf dieses Gegenstück berufen. Nur in einem Punkte weiche ich von
Schröder hier ab, der annimmt, daß der Speerschaft, die Rute und der vornehme Jüngling
alle drei die «Emporgeschossenen», die «Schößlinge» oder «Sprößlinge» heißen. Ich
stelle mir vor, daß auch in diesem Falle der Zusammenhang ein engerer ist. Gerade
wie das Mädchen unmittelbar mit der Gerte verglichen und danach benannt wird, so
der Knabe oder Jüngling nach dem gtsil, dem Schaft oder Stecken. Diese Etj-mologie
des germanischen und keltischen Wortes für «obses» vermittelt uns auch das Ver-
ständnis des bisher unerklärten aksl. tah «obses», das sich zu dem früher erwähnten
griech. xäXiq und lat. talca, aslov. talij «ramus virens stellt.
Endlich gehört hierher got. skallcs «Diener, Knecht», aisl. slallr, ags. scealc «Dienst-
mann>, as. ahd. scak «Knecht, Diener>. Geraeiugerm. ^slallnz «Knecht» ist nach dem
Vorgang von v. Friesen, Mediogeminatorna 59 für dasselbe Wort zu nehmen wie norw.
dial. shalk m. «Stumpf, Endstück von Brot», färöisch shUkiir «Stück Holz, das in das
unterste Ende eines Dachsparrens eingeschlagen wird, auf dem rntnhord und tonhald
{= Seitenbretter auf dem Dach, die den Grastorf am Herabgleiten hindern) ruhen, Endstück
von Brot>, schwed. sJcalk m. «Brot- und Käseanschnitt>, schwed. dial. skdik und skulk
«abgesägter Stummel von Balken, Planken oder Brettern», dän. skalk «Stück Zimmerholz
oder kürzerer Sparreu, Endstück von Brot», mndd. schaJk «die kleine Stütze, worauf ein
Balken ruht». Schmeller^ 2, 412 hat schdJkoi (HhE.) «in Schalken (Scheite) hauen»
und sich Schalken «in Schalken springen, entzweigehen», das ebenfalls hierhergehört.
Was die Beziehung von Schalk «Knecht» zu Schalk «Klotz, Balkeustummel» betriflft,
ist freilich auch die Möglichkeit eines umgekehrten Verhältnisses zu erwägen. Man konnte
hier an ein Seitenstück zu dem oben gestreiften Knecht im Sinne von «Träger» oder
«Halter» denken, wobei unter anderem an den Henhainz oder die Heithahue «aufrecht-
stehender Pflock mit Aststummeln zum Trocknen des Heues», Schmeller* 1, 1138.
Grimm DWb. 5, 1396, an Hansel in ähnlichem Sinn, Schmeller* 1, 1134 und vor tülem
an aisl. drergar zu erinnern wäre, wie die kurzen auf anderen Balken aufstehendea
Ständer heißen, die einen Dachbalken tragen. Das geschieht, wie Fritzner I, 275
bemerkt, i Lighed med de d vergär, som Aserue satte til at bivre Himmelen, eu undcr
48 Rudolf Mucli.
hvert af dens Hjörner SE. I, 50'. Audi aisl. drcrgr «fibula» scheint mir, beiläufig
bemerkt, als Hälter des Gewandes so beuaunt zu sein. Wirklich weiß Schmeller^ 2,
410 zu melden, daß in Schwaben der Pfannenkuecht oder der Feuerhund Schalk genannt
wird, und pfannenschak für das eiserne Gestelle, auf dem die Pfanne über dem Feuer
steht, den «Pfannenkuecht», kommt schon bei Neidhart vor. DWb. 8, 2075 bringt noch
mehr Belege für die mundartliche A'erwcndung von Schalk «von einem dienenden, helfenden
Geräte, Träger, Gestell, auf dem etwas ruht».
Aber das skalk als Bezeichnung für den Klotz, auf dem Sparren oder Balken
aufliegen, wird mit Recht nicht getrennt von ostfries. skalk «kleiner Klotz unter einem
Spikerkopf, angebracht, um diesen zu hindern, zu tief einzudringen» und hierzu gibt
es auch ein synonymes dän. skahn, ndd. holl. schahti. Alle diese Worte gelten daher
mit Recht als Bildungen aus der Wurzel xkrJ «spalten», zu der unter anderm auch got.
skalja «Ziegel», aisl. sk/lja «trennen, schneiden», deutsch Sdialc, Srhihi, ScIioUr gehören:
s. Persson, K. Z. 33, 290, Zupitza, Die germ. Gutt. 95, v. Friesen, Mediogeminatorna 59,
Falk-Torp, E.Ob. 2, 169 f.
In oberdeutschen Mundarten verbreitet ist auch ein Schalk «Wamms, Mieder, Jacke»,
DWb. 8, 2075. Dazu bemerkt dieses (Heyne): «möglicherweise ist das Wort eine
besondere Gebrauchsart des Subst. Schalk 1. Hintner vergleicht Ha)is, Hansel, das
mundartlich Unterrock oder Hemd bedeutet». Aber Hansl könnte ein Kleidungsstück
doch nur gleichsam als Vertrauter, Freund, Geliebter heißen, insofern es einen umfängt,
schützt, erwärmt, nicht aber als «Diener». Schalk wird also auf diesem Wege kaum
erklärt. Auch kann ich mir nicht wohl denken, daß der Schalk so benannt sei, weil
er etwa einmal für den Knecht eigentümlich war. Wenn wir dagegen die Bezeichnung
des Kleidungsstückes, das ein kurzes ist, — «ein kurzes Kamisol» nennt es Schmeller ^
2, 412 — von Schalk in dem älteren Sinn des abgeschnittenen Stückes herleiten, können
wir uns auf zahlreiche Analogien berufen. Ich nenne ags. ci/rfcl, aisl. kyrfill «Rock»,
eigentlich «Kurzkleid»; unser Schurz, Scltiirzc und engl. .s7//r/, Sdsl. shjrla «Hemd», zu
ahd. scurz, ags. sceori, lat. *excurtus gehörig; ferner schwed. stuhh «Unterrock der Frauen»
neben aisl. stuhbr, stuhhi. stohhi, stüfr «Stumpf», und aisl. stakkr «Stak, Kufte, kort
Klasdningstykke til Overkroppens Bedsekning» (Fritzner^ 3, 517), das sich aus dän.
stakaandet «kurzatmig», slakkrt «kurz», stakkc «kürzen» usw. einfach als «das kurze»
erklären läßt, allerdings aber auch mit Falk-Torp, E. Ob. 2, 283 zu aisl. staka stakka
«FelL. gestellt werden kann. Selbst &\s\. pih «Frauenunterrock» deutet Johansson, K. Z.
36, 377 ähnlich. Strumpf, Stutzen, stocking liegen hier nur insofern weiter ab, als sie
bloß zur Bekleidung von Gliedmaßen dienen. Auch Schalk als Name für ein Kleidungs-
stück scheint mir also ein skalk «Abschnitt, Stutz, Stummel> vorauszusetzen.
Vielleicht tragen diese Ausführungen dazu bei, v. Friesens Etymologie von Schalk
die Wörterbücher zu öffnen.
Gerade dieses Wort ist übrigens von besonderem Interes.se, weil es in der Bedeu-
tung «Diener» schon gemein- und urgermanisch ist. Bereits in einer Zeit mit sehr
einfachen und gleichartigen Lebensverhältnissen und geringen Bildungsunterschieden in
der Bevölkerung ist der Knecht dem Herrn als «Klotz» erschienen. Dabei werden, wie
wir schon angedeutet haben, Rassemmterschiede mit im Spiele sein.
Ethno-geographische Wellen des Sachsentums. 4-Ö
Ethno-geographische Wellen des Sachsentums.
Ein Beitrag zur deutschen Ethnologie.
Von Willi Pessler,
wissenschaftlichem Hilfsarbeiter am Museum für Völkerkunde zu Hamburg.
, Systeme sind Nester;, sie haben keinen Wert mehr, wenn die
Wahrheiten, die in ihnen lagen, flügge geworden sind."
Adolf Harnack in mein Stammbuch.
Unter Ethno-Geograpliie verstehe ich die Wissenschaft von der Verbreitung des
Volkstums hinsichtüch seiner sämtlichen Äußerungen. Dabei ist Geographie in dem
engeren Sinne = Verbreitung, Ethnos in der erweiterten Bedeutung der modernen Völker-
kunde als Gesamtbegriff aller Volksmerkmale gefaßt. Ihre Methode ist die geographische,
die in der Kartendarstellung ihren vorzüglichsten Ausdruck findet. Die Landkarte ist
ihr wichtigstes Hilfsmittel, denn diese bringt die Ergebnisse schneller und sicherer zur
Anschauung und Einprägung als seitenlange Ausführungen (ähnlich der geographischen
Methode), abgesehen von dem schnellen und erfolgreichen Vergleichen, das erst durch
die Karte möglich wird. Diese räumliche Betrachtung des Volkes wird durch die zeit-
liche, entwicklungsgeschichtliche, ethno-historische ergänzt, erst beide zusammen bilden
die Ethnologie. Ihnen allen zugrunde liegt die Ethnographie, die Sammlung und Be-
schreibung des Materials.
Die Äußerungen oder Merkmale des Volkstums sind: Körper, Geist und Sprache,
Sache. Ihr Vorkommen muß im Zusammenhang und mit Zielbewußtsein erforscht
werden.' Die Ergebnisse für unser deutsches Volkstum, soweit sie kartographisch ab-
geschlossen sind, habe ich anderweitig^ zusammengestellt. Die mächtig aufblühende
Wissenschaft, der von selten der Anthropologie, Psychologie mit Sprachforschung und
der Sachforschung begeisterte Hilfskräfte zuwachsen, hat sowohl die Grenzen nach außen
wie die Unterschiede im Innern des ^'olkskörpers zu erforschen. Dabei sind die Außen-
grenzen jeder Volksgemeinschaft gleichzeitig Innenscheidelinien hinsichtlich des zunächst
übergeordneten Begriffes ; so bezeichnen die Grenzen der Rieser Volksart für den
schwäbischen Volksstaram, dessen Grenzen für das Alemannentum, dessen Grenzen für
das oberdeutsche Volkstum und endlich dessen Grenzen für das gesamte Deutschtum
innere Verschiedenheiten. .Tedes Volkstumsmerkmal hat ein bestimmtes Ausbreitungs-
gebiet, eine Tatsache, für die man nicht unpassend die Bezeichnung «Welle» gewählt
hat, damit zugleich die Entsteliungsart einer solchen Verbreitung andeutend. Die
äußersten geschlossenen Grenzen wären dann die Wellenränder, über welche hinaus noch
manche Woge, noch mancher Wellenschaum vorgeflutet ist, um auf fremdem Boden
sich abgesondert zu erhalten oder zu versickern. Will man Fremdwörter dafür wählen,
ohne die wir auf die Dauer vielleicht doch nicht auskommen, so könnte mau nach dem
Vorbild der Physiogeographie (Isohypsen usw.) die Linien, welche die äußersten Punkte
gleicher Volksart verbinden, «Is-ethnen» nennen, die dann in Iso-somaten (Linien gleicher
' «rian einer grolien deulsrlieii Eihno-Geograpliie.» Kölnische Zeitung S. VI. 1907.
' «üeutsche Ethno Geographie und ihre Ergebnisse» mit Karte. Deutsche Erde 1909. Heft 1.
Wörter und Sachen. I. '
50 ^Villi Pessler.
Köperbeschaffenheit), Iso-psycheu nebst Iso-glossen und Is-ergen (Gleichheit der Sachen)
zerfallen würden.
Für ethno-geographische Betrachtung besonders geeignet ist unter den deutschen
Landschaften Altsachsenland, weil hier in vielen Beziehungen ein relativ einheitliches
Gepräge herrscht. Eine gleichartige Rasse bildet hier die Bevölkerung nicht, namentlich
nicht in der Schädelform ; doch herrschen in der Koiuplexion so große Übereiustitn-
mungen, daß man den blonden Typus des Nordwestens dem braunen des Südens gegenüber-
stellen kann.' Die Iso-somate, welche die 40 — 54''/o rein Blonden umschließt^ umfaßt
in Holland einen sehr breiten Küstenstreifen vom Haag au bis zur Unterems und im
Deutschen Reich ungefähr das ganze Land östlich von Ems und Haase nördlich des
Tieflandrandes von Osnabrück bis Magdeburg, von hier folgt sie der Elbe bis zur Havel-
mündung und wendet sich zur Odermüüdung, hinter der sie in Hinterpommern sehr
weit, in West- und Ostpreußen mit Unterbrechungen ins Binnenland hineingreift. Schon
jetzt fällt auf, daß das alte Sachsengebiet zwischen Weser und Eider vollständig inner-
halb dieser Linie liegt, und daß diese Iso-somate selbst ganz innerhalb des niederdeutschen
Sprachgebiets verläuft, aber mannigfsich über die Sachsenhausgrenze hinausgreift, ohne
Beziehungen zu ihr zu verleugnen. Einsprengungen des braunen Typus', d. h. Gebiete,
in denen ein klein wenig mehr Brünette wohnen (11 — 15"/o), sind nur vereinzelt bei
Hameln, Schwerin, Greifswald. Weiter verwerten lassen sich diese Tatsachen einstweilen
nicht, denn der helle Menschentypus ist den Sachsen mit Friesen und Nordgermanen ge-
mein, also nichts eigentlich Sächsisches, und anderseits sind überhaupt die nach Hundert-
sätzen aufgestellten Umgrenzungen recht fließend. Aus letzterem Grunde sind alle Iso-
somaten bei der Erforschung alter Volksgemeinschaften nur mit großer Vorsicht zu
benutzen.
Isopsychen oder Linien gleicher geistiger Veranlagung sind bislang noch für kein
Volk unserer Erde gezogen worden; auch sind sie um so schwerer zu ermitteln, je
weniger «faßbar» der betreffende Begriff ist, z. ß. Treue. Doch kann die Volkerpsycho-
logie ihre Aufgabe nicht als gelöst betrachten, so lange sie nicht wenigstens den Versuch
gemacht hat, die Verbreitung der psychischen Merkmale eines Volkstums zu erforschen
und zu kartieren. Praktisch würde diese Darstellung außerordentlich schwierig sein, denn
musikalische und zeichnerische Begabung müßten natürlich getrennt werden, ebenso
Neigung zum Diebstahl und Roheit usw. Erst all diese Isopsychen zusammen würden
ein vollständiges Bild von der «Welle» der völkischen Geistesart geben. Theoretisch
aber muß durchaus an der Forderung einer Psycho-Geographie für die Menschheit, zu-
nächst für das Deutschtum, festgehalten werden. Einen Notbehelf bilden einstweilen
nur die wenigen Karten über Verbreitung der Kriminalität. Hinsichtlich des Sachsen-
tums läßt sich a priori vermuten, daß sich mit Angelsachsen und Friesen große Gemein-
samkeiten ergeben werden, welche gegen das Franken- und Dänenland hin sich nach
und nach abschwächen.
Die Ergebnisse der Sprachforschung hat man schon seit einem halben Jahrhundert
in Karten niedergelegt; für die Linien gleicher Spracherscheinungen ist der Name
•• ' ' ' Vergl. Vii-chow, Gesamtbericht, Archiv für Anthropologie XVI, 3, S. 275. Karte 1 : Blonder Typus
und Karle 2: Brauner Typus, 1 : 3000000.
- Vergl. «Verbreitung der Deutschen», 1 : 6000000, Meyers Konv.-Lex. 6. Aufl.
^ Vergl. die Karle «Verbreitung des braunen Typus», 1 : 5800000, in Joh. Bänke, Der Mensch II, S. 260.
Ethno-geographische Wellen des Sachsentums.
Isoglossen im Gebrauch. Diese bezeichnen bis jetzt fast ausnalitnslos nur lautliche Über-
einstimmungen, sind also genauer Isophonen, während die Verbreitung der Wörter mit
ihren Grenzen, den Isolexen, auft'äliig vernachlässigt worden ist. Das größte Unternehmen
der deutschen Sprachforschung ist der Wenker-Wredesche Sprachatlas des Deutschen
Reichs, der mir durch die Güte der Verfasser in Marburg wiederholt zugänglich war.
Der Lautforschung gewidmet, werden seine schönen Karten (l : 1000000) auch der Wort-
Geographie große Dienste leisten. Kleinere Lautkarten über das ganze deutsche Sprach-
gebiet sind nicht selten ; mehrfach begegnet man auf ihnen der Uugenauigkeit, daß
ganz Ostelbien mit Altsachsenland zusammen die Bezeichnung «Niedersächsisch» oder
«Sachsen» trägt; zum mindesten müßte es heißen : sächsisch-gemischt, noch besser: ost-
elbisches Niederdeutsch. Mit Recht teilt Maurmann' dieses in zahlreiche Untergruppen,
denen im Westen eine noch größere Mannigfaltigkeit entspricht. Noch mehr ins Ein-
zelne geht Bremer^ mit den Scheidelinien kleinerer Unterdialekte; als Hauptgruppen
des Nieder.sächsischen zwischen Zuider See und Odermündung gibt er Westfälisch,
Engrisch, Ostfälisch und Nordniedersächsisch an, in der Farbenwahl seiner Karte sehr
geschickt. Die «thüringische Tönung» (wenn ich so sagen darf) der ostfälischen Mund-
art auf der Karte kann als ein Meisterstück der Sprach-Geographie bezeichnet werden.
Das Nordniedersächsische, auf der holsteinischen Mundart beruhend*, ist offenbar reiner
sächsisch als die drei anderen Dialekte, die ich demgegenüber vielleicht als «unsächsisch
gefärbt» unter dem Namen «Südniedersächsisch» zusammenfassen darf. Für die ältere
Zeit haben Piper* und TümpeP Mundartkarten gezeichnet. Daß die große niederdeutsche
Sprachscheide von Belgien bis Littauen mit der Sachsengrenze nicht identisch ist, ist
ja längst bekannt; denn die Niederrheiner im Westen, die Märker und Preußen im
Osten wird niemand als Sachsen bezeichnen wollen. Dagegen hat in Ostelbien eine
mehr oder minder starke Mischung mit Siedlern stattgefunden, die aus dem nordnieder-
sächsisclieri oder südniedersächsischen Sprachgebiet kamen und auch der Mundart ein
mehr oder minder starkes sächsisches Gepräge gegeben haben ; am deutlichsten ist das
in einem breiten Streifen an der nordniedersächsischen Sprachgrenze entlang von der
Elbe bis zur Leba. Gegen Südosten hin ninnnt dieser sächsische Einfluß nach und
nach ab. Es ist eine Hauptaufgabe der Karte, Maß und Ausdehnung solcher Mischungen
mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln zur Anschauung zu bringen.
Isolexen oder Linien, welche das Vorkommen gleicher Worte bezeichnen, sind mit
einer einzigen Ausnahme'' für den deutschen Sprachboden noch nicht gezogen. Vor-
bildlich für die Wort-Geographie ist da das große französische Werk von Gilli^ron.^
Anläßlich meiner Hausforschungen habe ich neben der Verbreitung der Hausteile die
dafür vorhandenen Volksbezeichnungen verfolgt und so, wie Meringer es wünscht, die Ver-
breitung der Sachwelle mit der Wortwelle in Beziehung zu bringen versucht. Für jeden
Ausdruck habe ich eine Karte gezeichnet, im ganzen M Karten, deren Ergebnis ich ge-
legentlich zu veröffentlichen hoffe. Hier sei daraus mitgeteilt, daß manche dieser Iso-Iexeu
' Karte der deutschen Mundarten in Meyers Konvereationslexikon, 5. Aufl.
- Karte der deut^icllen Mundarten 1 : öS.WOlX) in Brockhaus Konversationslexikon, 14. Aufl., Bd. 5.
' Bremer, Ethiioirraplüe der germanischen Stämme, tJ. Aufl., Straläburp 190-1, S. 13S.
* Dialektkarte von Deutschland bis 1300, 1:4700000, Kettlers Zeitschritt I, Tafel 4.
=■ Die Mundarten des alten niedersächsischen Gebiets, l:37tX)000, Paul und Braune, Beiträge YII, 1.
^ Wilh. Schwartz, Havelland, Zone der Worte mu^rpel und pierlock. Zeitschrift des Vereins für Volks-
kunde 18i).5, Tale] 4, — ' Atlas linguisti(]ue de la France. Preis etwa 1000 Fr.
52 Willi Pessler.
nur Holstein, Laueuburg und Nordhanuover umfassen, daß manche anderen südlicher
reichen, aber mit der Linie Ems-Haase-Nordrand des Bcrglandes scharf abschneiden, und
daß nur eine beschrankte Zahl der Worte im ganzen Sachsenhausgebiete gemeinsam ist.
Vielleicht deuten auch diese Wortwellen, wie schon so manches andere, auf eine Süd-
wanderung der Sachsen, deren Volkstum sich um so weniger durchsetzen konnte, je
mehr sie südwärts in schon besetzte Landschaften gelangten. — Ethno-geographisch am
wichtigsten von den Wörtern sind, weil lokal gebunden, die Ortsnamen. Die darüber un-
bedingt notwendigen Karten sind leider für Altsachen spärlich genügt manche Endungen
sind Sachsen und Dänen gemeinsam, manche nur sächsische verlieren sich allmählich
nach Süden bis zur Ems-Oker-Liuie. Im Osten lassen slavische Orts- und Familien-
namen auf starke, ethnisch sich durchsetzende Bevölkerungsreste der Wenden schließen. -
Eine zusammenfassende Namen-Geographie von Deutschland wäre zu wünschen.
Die Wortwellen bedürfen der Sach wellen zur Ergänzung.^ Volkstümliche Sachen
sind Siedlungsform, Hausform, Gerätform. Die Hauptdorfformen sind Einzelhof, Haufen-
oder Gewanndorf, Reihendorf, Weiler, Straßendorf und Rundling, deren Verbreitung*
größtenteils national bedingt ist. Die beiden letzten stehen unter slavischera, der Weiler
unter römischem Einfluß, während der Einzelhof eine sehr alte, nicht nur keltische
Einrichtung ist. Während also die Ausbreitung der Rundlinge östlich der alten Wenden-
grenze Schwentine, Recknitz, Ilmenau, Saale den unmittelbaren Rückschluß auf großen-
teils unsächsische Bevülkerungsteile erlaubt, geht dies beim Einzelhof westlich der Weser
nicht an. Sicher rein germanisch sind die Gewanndörfer, da sie aber allen Germanen
gemeinsam sind, lassen sie sich für die Sachsenfrage nicht speziell verwerten. Deutsch
sind auch die Reihendörfer, im Mittelgebirge mit Waldhufen, an Fluß- und Seeküsten
mit Marschhufen verbunden; letztere deuten an L'nterweser und Unterelbe auf hollän-
dische Kolonisation. So wird das Gebiet der Gewanndörfer, die in Holstein und Nord-
hannover nur sächsischen Ursprungs sein können, im Osten von den Runddörfern der
Wenden begrenzt und an der Elblinie durch den schmalen Streifen holländischer Marsch-
hufendörfer, der bis zur Sorbengrenze vordringt, fast völlig zerschnitten. Ethnisch besteht
der Unterschied gegen Osten noch heute fort, während er. in den Marschen durch Nach-
wanderu der Niedersachsen großenteils, zum Teil völlig verwischt ist.
Das wichtigste Volkstunismerkmal, häufig nächst der Sprache, bei den Sachsen über-
haupt, ist der Typus des Bauernhauses. Wo die Sachsen nie hingekommen sind, fehlt
auch ihr Mittellängsdielenhaus völlig, so an den Küsten des alten Friesland, auf der
Halbinsel Eiderstedt in Nordschleswig, am Mittelrhein, im hochdeutsch sprechenden
Hessen. Wo die Sachsen hinkamen, brachten sie auch ihr Haus mit: ganz Westfalen,
später Ostholstein, Mecklenburg, Pommern; daß sie es in Ostfalen nicht durchsetzten,
kann nur durch eine stark unsächsische Grundbevölkerung erklärt werden, die ja auch
durch die Mundart bewiesen wird. Wo sonst das Längsdielenhaus herrscht, ist Sachsen-
einwanderung (vergl. oben) belegt, so am Niederrhein, wo die Franken im dritten nach-
christlichen Jahrhundert von den Sachsen zurückgedrängt wurden.^ Wo schließlich
' Reimer Hansen, Ortsnamen der Cimbern halbin sei, 1:5000000, Deutsche Erde, 1902, S. 7"2, und
A. Gloy, Ortsformen und -namen in Ostholstein, Forschungen zur deutschen Landes- und Volkskunde, VIF, 3.
? Hans Witte, Karte von Mecklenburg, Deutsche Eide, 19Ü5, Karte ].
' Rudolf Meringer, ,Wörterund Sachen". Indogermanische Forschungen XV'I, S 101, und XVII, S. 100. —
* Au^st Meitzen, Siedelung und Agrarwesen, Berlin 1895, Atlas, Übersichtskarte. — '" ßrenier, a. a. 0., S. 157,
Ethno-geogra))hisehe Wellen des Sachsenlums. 53
ihr Haus fehlt, haben sich Saehsen überliaupt nicht niedergelassen (Süd- und Nord-
holland) oder nur ganz vereinzelt (Litus Saxonicum) oder unter fremdem Volk in er-
obertem Land (Ostfalen). Alles in allem spricht das Dielenhaus für starkes, mindestens
maßgebendes Sachsentum (vergi. weiter unten die Ausführungen über die Abarten des
Haustypus). Die Grenzen des Sachsenhauses habe ich auf eigenen Wanderungen durch
ganz Niederdeutschland über tausende von Ortschaften verfolgt.' Im Süden fällt sie von
Wupper bis Weser im Berglande haarscharf mit der niederdeutschen Sprachscheide
zusammen, während sie gegen den Rhein hin hinter ihr zurückbleibt und sich der
Nordgrenze der niederfränkischen Mundarten anschließt })is zur Maas ; an dieser und
am Niederrhein hinab reicht das Sachsenhaus bis Utrecht, bis zu den alten Grenzen
der Friesen*, die es auch bei der Zuider See, Unterems und Jade nicht oder nur un-
bedeutend (in Ostfriesland) überschreitet. Die Südgrenze bleibt von der Weser ab er-
heblich hinter der niederdeutschen Iso-phone zurück, folgt dem Lcinetal nordwärts
und geht über Alfeld, Braunschweig, Wittenberge und Neubrandenburg zur Oder-
mündung, hinter der sie noch den hinterpommerschen Küstenstreifen umfaßt; in der
Altmark ist sie mit der Grenze des Bistums Verden und der Grenze der wendischen
Flurnamen (nicht Ortsnamen) identisch und umschließt in Ostelbien alle Landschaften,
die nachweislich eine starke niedersäehsische Besiedlung zusammenhängender Art er-
fahren haben. Auf der Cimbernhalbinsel geht die Sachsendiele bis Norderdithmarschen
und über Eider und Schlei, hinter der siegreicheren Sprache der Niederdeutschen um
einen Streifen zurückbleibend. Das ist das Gebiet des reinen altsächsischen Stils, bestiuunt
nach dem Vorkommen der hohen Mitteldiele in Längsrichtung. Weit darüber hinaus
greifen Übergangs- und Mischformen, die ich auf einer Haustypenkarte des Deutschen
Reichs" mit eingetragen habe. Es sind vorgelagerte Zonen, im Westen die bergische
Mischform, wenig umfangreich, im Osten die ostelbische Übergangsform und die alt-
sächsisch-rnitteldeutsche Mischform, alle drei im Giebelflur sächsische Überlieferung be-
wahrend, alle drei noch innerhalb iler niederdeutschen Sprachscheide, aber nahe an sie
heranreichend. Die beiden östlichen Formen erfüllen in Brandenburg und Pommern
Gebiete, wo die Sachsen nicht als Volk, sondern als einzelne gemischt mit Fremden,
mit andern Deutschen, kolonisiert haben, wie die Geschichte berichtet und auch der
Dialekt bestätigt. Die Is oike der Mitteliängsdiele (ostelbische Übergangsform und alt-
sächsisch-mitteldeutsche Mischform) bezeichnet die äußersten Vorposten sächsischer Art
in deutschen Landen.
Ebenso überraschend und ethnologisch ebenso wertvoll sind die Wellen, welche die
Abarten des altsächsischen Bauernhauses begrenzen ; in zwei großen Karten habe ich sie
niedergelegt.* Nach Meringers Vorschlag** habe ich dort getrennt, und zwar so, daß die
Konstruktion und der Grundriß auf je eine besondere Karte kam. Wie sicli dabei
herausstellte, lassen sich nach der Konstruktion (Karte I) zwei Hauptabarten des Sachsen-
hauses unterscheiden, je nachdem die sparrentragenden Balken nur auf den Dielen-
ständern ruhen oder über diese hinaus auch auf die Außenwände aufgelegt sind.
' Das altsiuhsisihe Bauernliaus in seiner geoprapliisclien Veibreitinifr, Prannschweip 1906.
- Roderich von Eickcrt, Wanderungen und Siedlungen der germanischen Stämme, Atlas, Berlin 1901.
Karte 12. — ' Die Haustypengebiele im Deutschen Reich, Deutsche Erde, 1908, Heft i und 3, mit Karte 3
im Maßstab 1 : -iT.'iOOO«. — * Die Abarten des altsächsischen HaH>typus, mit :J;? Abbildungen und 2 K.irten,
Archiv für Antluopologie, lOO'.t, Heft 1. — •' Banc.alari und die Methode der Hausforschung, Mitteilungen
der anthropologischen Gesellschalt, Wien 1903,
5t Willi Pessler.
Während dabei das Mittelschiff, die Diele, stets gleich bleibt, sind die Seitenschiffe im
ersten Falle niedriger als diese, liegen unter angesetzten Verlängerungssparren und
somit unter der Dachschräge und werden dann Kübbung genannt. Im zweiten Falle
ist die Höhe der drei Schiffe gleich, so daß die Querbalken im Innern auf den Dielen-
ständern, außen auf der Wand und somit auf deren Ständern ruhen, M-ofür das Volk
die Bezeichnung Yierständerhaus gewählt hat. Eine schmale Kontaktzone zwischen
Zweiständer- oder Kübbungshaus und Vierständerhaus weist ein Dreiständerhaus auf
und reicht von Limburg über die Ruhrmündung, Mittelwestfalen, Lippe und Braun-
schweig zur Altmark. Die Kübbungskonstruktion findet sich unter allen Haustypen
der Erde imr beim nördlichen Sachsenhause (und in dem verschwindend kleinen Ge-
biete des' benachbarten Nordfriesenbauses) und ist als spezifisch sächsisch anzusprechen.
Das Vierständerhaus erfüllt Südwestfalen, Lippe und das Weserbergland, hier vom
mitteldeutschen Haustypus noch teilweise oder völlige Zweistöckigkeit übernehmend,
und reicht in einem schmalen Streifen ostwärts nach Mecklenburg und Pommern. Das
Kübbungshaus umfaßt das ganze übrige große Gebiet des Sachsenhauses, im Lande
der Niederfranken durch Erhöhung der Diele etwas abgewandelt, wozu noch links des
Rheins Zweistöekigkeit tritt, beides Avahrscheinlich unter friesiscliem und fränkischem,
jedenfalls unsächsischem ßaueinfluß. Das Vierständerhaus ist auch aus dem Kübbungs-
haus hervorgegangen und zwar durch Hineintragen des mitteldeutschen ßaugedankens,
wahrscheinlich macht sich darin noch heute in Westfalen die vorsächsische Bevölkerung
(Brukterer) geltend. Nach Ausscheidung der fremdtümlich beeinflußten Abarten ver-
bleibt als das Gebiet des unerhöhten, rein sächsischen Kübbungshauses : Ostholland,
Nord Westfalen, Niedersachsen, Holstein, Mecklenburg und Vorpommern. — Dem Grund-
riß nach zerfällt das Sachsenhaus in die Abarten der Flettdiele (Längsdiele mit quer-
gerichteter Wohndiele, dahinter Wohnteil), der Durchgangsdiele (von Giebel zu Giebel
durchgehend) und des T-Hauses (Wohnteil mit eigenem Querdach), welches im nieder-
fränkischen Gebiet herrscht. Wiederum kommt die eine AV>art, die Durchgangsdiele,
nur in den fremdvölkisch beeinflußten Landschaften vor, in Südwestfalen (Brukterer),
in Ostholstein, Mecklenburg und Pommern (Wenden) und den holsteinischen Elbmarschen
(Holländer). Das übrige Gebiet fällt der Flettdiele zu, die sicherlich reiner sächsisch
ist. — Baulich am reinsten sächsisch ist das Gebiet, wo Kübbungshaus und Flettdiele
im Hause vereinigt vorkommen, also Mittel- und Südholstein, Niedersachseu, Nordwest-
falen, Hollands Ostrand.
Der Hausrat des Sachsenhauses ist einigermaßen bekannt, doch nicht annähernd
so genau erforscht wie der des oberdeutschen Hauses durch Meringer\ seine geogra-
phische Abgrenzung, die Voraussetzung seiner ethnologischen Verwertung, dürfte auf
außerordentliche Schwierigkeiten stoßen. Die Grenze der Giebelzierden hat Karl Brandi^
für das W^eserland kartiert; es scheint danach, als ob die Pferdeköpfe stärkeres Sachsen-
tum andeuten als die Giebelsäulen.
Das Gesamtergebnis unserer Untersuchung wird durch beifolgende Karte darge-
stellt. Es lautet: Die Grenzen des sächsischen, wie jeden Volkstums sind nach der
Verbreitung sämtlicher ethnischen Merkmale festzustellen, die nach ihrer Zugehörigkeit
(Körper, Geist und Sprache, Sache) eine Dreiteilung zulassen. Die allerletzten Ausläufer
' Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft, Wien.
'^ Mitteilungen des historischen Vereins zu Osnabrück, XVIU, Tafel 1 und 2,
Ethno-geographische Wellen des Sachsenlums. So
sächsischer Art liegen überall noch innerhalb der niederdeutschen Sprachgrenze, die
aber noch viel anderes (Niederfranken, Oslfriesen, Ostniederdeutsche) umfaßt. Die nach
Prozenten, also nur annähernd, feststellbare Iso-somate, welche die Xordgrenze der Be-
völkerung mit mehr als 10" o braunem Menschentypus bildet, greift am Khein, an der
Weser und breit an der Oder bis tief nach Mecklenburg weit über die niederdeutsche
Iso-phone herein und deutet, in Übereinstimmung mit anderen Merkmalen, fremderes
Volkstum an. Ganz innerhalb der niederdeutschen Iso-phone, vona Rhein bis Weser
mit ihr gleich, verläuft die niederdeutsche Is-oike, welche den altsächsisclien Haustypus
und seine Verwandten, die bergische, ostelbische und -mitteldeutsch-altsächsische Misch-
form umfaßt; sie bezeichnet am besten die Ausdehnung reinsächsischer und sächsisch
beeinflußter Art. Die niedersächsische Mundartgrenze bleibt am Niederrhein liinter ihr
zurück, durch das Niederfränkische aufgehalten, und ebenso sehr stark im Osten an
Elbe, Ucker und Swine, vor sich ein Mischgebiet von Dialekten lassend. Die Grenze
des altsächsischen Längsdielenhauses deckt sich mit ihr zwischen Wupper und Weser,
greift bis Maas und Lek und in Ilinterpommern darüber hinaus, bleibt aber in Fries-
land und Schleswig begreiflicherweise hinter ihrer siegreich vordringenden Schwester
zurück, ebenso in Ostfalen, wo diese Abweichung auffallend ist, doch in Überein-
stimmung mit der stark thüringisch gefärbten Mundart ein Sichdurchsetzen des Volks-
tums dieser von Sachsen eroberten Landschaft andeutet. Einen engeren, reiner sächsischen
Bezirk umschreibt das unerhöhte Kübbungshaus, das den Niederrhein, Südwestfalen und
das Weserbergland ausschließt; ähnlich das Flettdielenhaus, dessen Welle zwar bis Rhein
und Lenne darüber vorschwingt, aber Ostholstein, Mecklenburg und Pommern und die
rechtselbischen Marschen ausschließt. Die Grenze der nordniedersächsischen Dialekte
bleibt an Hunte, Weser und Aller weit hinter der Flettdiele zurück, greift dagegen iu
Ostelbien gleich dem Kübbungshaus weit darüber hinaus, von der Ilmenau an mit der
Linie der niedersächsischen Mundarten überhaupt gleich. Das so eingeengte Gebiet
zwischen Schlei, Hunte und Eide wird nun im Osten durch die Westgrenze der sla-
wischen Rundlinge und die etwas darüber vorgreifende Westgrenze der slawischen Orts-
namen noch mehr beschränkt, ähnlich im Nordwesten durch die äußerste Linie der
friesischen Orts- und Personennamen, die noch genauer erforscht werden muß. So er-
halten wir endlich durch fortgesetztes Abtreunen fremder .Volkslumsmerkmale ein Ge-
biet, wo alles zusammentrifft: brauner Menschentypus unter 10"/o der Bevölkerung,
nordniedersächsische Mundart, Bauernhaus mit Flettdiele und Kübbuugen und ohne
fremde Einflüsse (Altland), Fehlen der wendischen Ortsformen und Namen, Fehleu der
friesischen Namen. Dies ist das Gebiet des reinsten Sachsentums, soweit es sich ethno-
geographisch feststellen läßt. Es ist das: Holstein von Schlei bis Elbe mit Ausnahme
des Ostens und der Westmarschen, forner Nordhannover und Oldenburg mit Ausschluß
der Marschen und südlich bis zu einer Linie Saterland, Kloppenburg, Visbeck, Wietings-
nioor, Diepenau, Steinhuder Meer, Leinemündung, nördliche Orlze und südliche Ilmenau,
wo die Oslgrenze beginnt, die von hier bis zur Kieler Bucht läuft, ^'on diesem engen Gebiet
aus, das bezeugt die deutliche Sprache der Isethnen, hat sich das Sachsentum dann weiter
ausgebreitet, am reinsten gegen die Ems hin, überall sonst bald auf fremdes Volkstum
stoßend und diesem bald das eine, bald das andere Merkmal seines Volkstums opfernd.
Dieses auf rein ethno-geograpbischem Woge gewonnene Ergebnis stimmt durchaus
zu aller historischen Übcrlicfcruug, welche eiu Wandern der Saxoues von Holstein süd-
56 Willi Pessler.
wärts und ihre spätere Ausbreitung über Thüringer und ßrukterer, ihr Vordringen ge-
gen die Niederfrankeu, ihre Kolonisation des Wendenlandes und ihre Beteiligung an der
übrigen ostelbischeu Besiedlung belegt.
Einen glänzenden Beweis für die Wichtigkeit der Eihno-Geographie und die Rich-
tigkeit ihrer Folgerungen liefert ein Vergleich mit den rein archäologisch gewonnenen
Ergebnissen hinsichtlich der tSachsengrenze, die Carl Schuchhardt' in übersichtlicher
Knappheit zusammengestellt. Der große Archäologe bestimmt hier das Gebiet, das die
wirklichen, echten Sachsen der Zeit des 3. bis 8. Jahrhunderts innehatten, nach der
Verbreitung dreier Gegenstände: der Buckelurnen, der kleinen Rundwälle und der rö-
mischen Bronzeeimer, an sich schon ein bedeutsames Zeugnis für den immer mehr er-
kannten Wert der Sach-Geographie. Die Welle der Buckelurnen, an Frisias Küste vor-
greifend, verbleibt im Binneniande von Wehden und Loxstedt überBlumental bis Nienburg
ganz innerhalb der ethno-geographischeu Grenze des sächsischen Kernlandes, die sie
mit Limmer bei Hannover südwärts in Übereinstimmung mit der Kübbungshauswelle
ein wenig überschreitet, während sie mit Bergstedt bei Rendsburg wieder innerhalb
bleibt. Der Linie der sächsischen Urnenfriedhöfe ähnlich ist die Grenze der kleinen
Rundwälle, die im Süden von Damme (beim Dümmer) bis Rehburg die ethnische
Grenze begleitet und bis Celle und Gifhorn darüber hinausgreift, hier mit der Küb-
bungshauswelle deutlich parallel, sowie auch der weit vorschwingenden Grenze der Be-
völkerung mit über 40"/o des rein blonden Typus. Die (römischen) Bronzeeimer, «von
den Sachsen selbst geholt und in deren Handel- und Interessensphäre verbreitet» und
auf diese einen Rückschluß erlaubend, reichen südwestlich bis Barnstorf und Stolzenau,
also genau bis zur ethno-geographischen Grenze, und greifen südlich bis Börrie bei
Hameln, wo auch das Flettdielenhaus aufhört, darüber hinaus, und westlich bis Leer,
einem Orte, der in großer Nähe und genau in der Richtung des westlichen Vorsprungs
des ethno-geographischen Sachsenlandes Hegt. Vergleicht mau die archäologischen
Sachwellen ^ untereinander, so bezeichnen die Urnen den engsten, die Rundwälle den
mittleren und die Bronzeeimer den weitesten Begriff des Kernlandes, in ihren Grenzen
mehrfach voneinander abweichend, doch in deutlicher Beziehung zueinander und zu
den ethnischen Grenzen. Daß der Sachsenstamm seit Urzeiten im Vordringen war,
ist bekannt, ebenso, daß ethnische Grenzen nicht unverrückbar sind, hierdurch lassen
sich also kleinere Abweichungen leicht erklären. Alles in allem ist Übereinstimmung
in den Ergebnissen der archäologischen und der ethno-geographischen Wissenschaft ganz
überraschend groß und sicherlich von nicht abzuschätzender Tragweite für beide.
Wie hier für das Sachsentum, so ist überhaupt für jedes Volkstum dieser Men-
schenerde die EthnoGeographie das wichtigste und sicherste Mittel, um Fremdes und
Eigenes zu scheiden. Sie hat noch viel zu leisten, und sie wird erst überflüssig sein,
wenn wir genau wissen, was deutsch und undeutsch, was germanisch und ungermaniscb,
was arisch und unarisch ist, und jedes Volk nach Art und Maß seiner Verbreitung
kennen, dann erst ist ihr System gleich einem Neste, das keinen Wert mehr hat, denn
dann sind die Wahrheiten, die in ihm lagen, flügge geworden.
' Archäologisches zur Sachsenfrage, Zeitschrift des historischen Vereins für Niedersachsen, 1908, ein
hochwichtiger Aufsatz, der durch die Güte des Verfassers als Sonderabdruck in meinen Händen ist; ich
folge hier seinen Angaben.
- Die ich, wie auch stets alle ethno-geographischen Erscheinungen, sofort in Karlen eingetragen habe.
nio-geographisdie Wollen des Sachsenlums.
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r>. M. Meyer.
Isolierte Wurzeln.
Von R. M. Meyer.
Für die «quantitative Analyse» der Sprache bildet die «Wurzel» die Einheit; wir
verstehen unter diesem althergebrachten Terminus das Residuum, das nach Abzug
aller durch Flexion oder Wortbildung bewirkten Lautvarietäten in verwandten Wort-
formen unveränderlich übrig bleibt. Scheinbar bewegen wir uns dabei in einem circulus
vitiosus, indem einerseits die Verwandtschaft dieser Wortformen eben bereits auf dem
gemeinsamen Besitz dieser «Wurzel» beruht, die dann doch erst aus ihrer Vergleichung
abgeleitet wird; in der Praxis jedoch bietet der Gebrauch dieses Begriffs keinerlei ernste
Schwierigkeiten.
Wenn die Wurzel der engste hierhergehörige Begrift' ist, so stellt sich an die an-
dere Grenze als der weiteste Begriff der des Wortkreises. Dieser Kunstausdruck ist
mir in der Wissenschaft zwar noch kaum begegnet und ich weiß kaum, ob er über-
haupt von andern schon verwandt worden ist; mir scheint er aber für die bestimmte
Art, das sprachliche Material zu übersehen, um die es sich hier handelt, schlechterdings
unentbehrlich. Ich verstehe also unter einem «Wortkreis» die Gesamtheit der aus ein
und derselben Wurzel «abgeleiteten» Wörter, also etwa das, was Bruno Liebich in
seinen «Wortfamilien der lebenden hochdeutschen Sprache» (Breslau 1899; vgl. meine
Rec. Zs. f. d. Phil. 32, 413) als «Wortfamilie» bezeichnet. Dieser Terminus scheint mir
aber weniger zu empfehlen, weil zu dem Begriff des «Wortkreises» sich ergänzend der
(gleich näher zu erläuternde) des «.Formeukreises» stellt, während man von «Formen-
familien» nicht gut reden könnte. Auch spricht die Analogie von Kunstausdrücken wie
«Sagenkreis» und «Vorstellungskreis» für unsern Ausdruck; denn es handelt sich auch
hier um ganz dasselbe: die Gesamtheit der von einer bestimmten Wurzel ausstrahlenden
Sagen oder Vorstellungen — eine geschlossene Gruppe, die wir uns eben in dem Bild
eines Kreises am besten veranschaulichen.
Der Wortkreis ist jedoch keineswegs mit der Gesamtheit der ein und derselben
Wurzel entstanimenden Wortformen identisch. Vielmehr ist jedes «Wort» seinerseits
Mittelpunkt eines geschlossenen Formenkreises, zu dessen Varietäten es in dem gleichen
Verhältnis steht wie die Wurzel zu den Worten. Das Wort «Vater» ist sozusagen die
Wurzel aller Flexionsformen, die zu diesem Nom. Sg. gehören; nur daß wir hier nicht eine
Abstraktion, sondern eine bestimmte Einzelform zur Überschrift wählen: den Nom. Sg.
bei einem nominalen, die 1. Sg. Ind. Präs. Act. bei einem verbalen Formeukreis. Alle
Formen also, die in Kasus, Numerus, Genus oder in Personalendung, Modus, Tempus,
Genus verbi unterschieden zueinander in flexivischeu Beziehungen stehen, bilden einen
geschlosseneu Formenkreis.
Der Formenkreis bezeichnet also begrifflich die weitere wie der Wortkreis die
engere Abstammungsgemeinschaft einer Wurzel. Übrigens sind die gegenseitigen Be-
ziehungen der Glieder innerhalb beider Gruppen nicht völlig gleichartig. Vor allem ist
der Umfang des Wortkreises von vornherein nicht bestimmbar. Selbst das Allgemeinste,
daß zu jeder Wurzel ein verbaler und ein nominaler Wortkreis gehört, läßt sich nicht
unbedingt behaupten: es gibt rein nominale Wurzeln wie die der Pronomina und Zahl-
worte (worüber unten mehr), wenn es auch wahrscheinlich keine einzige rein verbale Wurzel
gibt, d. h. keine, aus deren Stamm nicht Nomina agentis oder actionis entsproßt wären.
Dagegen ist der Umfang des Fornienkreises von vornherein bestimmbar und wir wissen,
welche Kasusformen usw. zu einem Nomen, welche Tempusformen usw. zu einem Yerbum
gehören. Ausnahmen gibt es auch hier: Singularia oder Pluralia tantum, Deponentia
u. a. m. ; aber das ändert nichts an dem prinzipiellen Unterschied, daß die «Ableitungen»
innerhalb der Wortbildung fakultativ, innerhalb der Flexion obligatorisch sind. Gerade
dies bildet eben den wesentlichen ßegriffsunterschied von Wortbildung und Flexion,
der allerdings durch vermittelnde Formen abgeschwächt wird. (Hierüber habe ich aus-
führlicher in dem Aufsatz «Klassensuffixe», P. B. B. 22, 548, gehandelt.) Ganz im groben
können wir sagen, daß es nur zweierlei Formenkreise gibt: nominale und verbale;
wissen wir von einem «Wort» nur, ob es Nomen oder Verbum ist, so ist sein Formen-
kreis der Quantität nach bestimmt. Nicht der Qualität nach: die Endungen können
die der starken oder schwachen Deklination, der bindevokalischen oder biadevokallosen
Konjugation usw. sein; aber daß wir einen Gen. Plur., eine 3. Plur. Perf. usw. zu er-
warten haben, wissen wir. (Ich wiederhole meine Einschränkung: «ganz im groben»;
denn möghch ist es ja, daß Kasus wie der Instrumental oder der Ablativ oder Locativ
von vornherein nur bei bestimmten Deklinationen obligatorisch waren.)
Dagegen läßt sich über die Wortkreise von vornherein auch nicht entfernt das
behaupten, was von den Formenkreiseu mit einiger Bestimmtheit ausgesprochen werden
kann. Von keinem einzigen Suffix kann ohne empirische P^eststellung ausgesagt werden,
daß es an irgend eine Wurzel herantritt; auch nicht von Zinimers Suffix -a, das doch
so ungeheuer häufig ist, daß man an seinem .Suffixcharakter irre werden und zu der
älteren Auffassung des «Bindevokals» zurückkehren möchte. Von keiner Wurzel können
wir von vornherein wissen, ob sie Nomina agentis oder actionis einer bestimmten Kate-
gorie bildet. Es ist z. B. von allen Wiu-zeln, die eine manuelle Tätigkeit ausdrücken,
von vornherein sehr wahrscheinlich, daß sie Werkzeugnamen vom T^'pus unserer nhd.
Bohrer, Träger oder Scliiissd, Schlüssel oder Deche, Sehrank bilden; aber sicher ist es
nie. Wer würde z. B. nicht erwarten, daß es zu unserem so häufigen Verbum fliehen
ein Nomen agentis gäbe, sogut wie zu hämpfen oder morden ? Aber wir müssen den,
der eben jetzt flieht, mit dem Verbaluomen bezeichnen: dem Fliehenden sollst du goldene
Brüchen hauen; den, der gewohnheitsmäßig flieht, mit einem stammfremden Appellativ
von moralischer Prägung: als Feigling oder Ausreißer; und nur für denjenigen, der
sich infolge einer Flucht in bestimmter eigentümlicher Lage befindet, haben wir die
sekundäre Ableitung Flüchtling. — Ebensowenig besitzen wir z. B. nhd. eigentliche
Nomina agentis zu ziehen, stürben, fallen, was bei den beiden letzten vielleicht, gewiß
aber nicht bei dem ersten aus inhaltlichen Gründen erklärt werden könnte.
Es scheint mir nun eine der dringendsten Aufgaben der Linguistik, eine voll-
ständige Aufnahme der idg. Wortkreise (mit besonderer Hervorhebung ihrer
Lücken !) vorzuneinnen. Über die ursprünglichen Beziehungen zwischen Wurzel imd
Suffix, über den Gang der Bedeutungsdififerenzierung, über die Wortschichten unseres
Sprachmaterials können wir auf keinem andern Wege zu irgend welcher Klarheit ge-
langen. Freilich wäre es eine Arbeit von größter Schwierigkeit, da es mit einem
bloßen Excerpieren der Wörterbücher nicht abgetan wäre; aber bedarf nicht gerade
die Linguistik neuer Wege, neuer Methoden, schon um aus der Skepsis herauszu-
kommen, die immer bedrohlicher und lähmender ihre Vertreter ergreift?
s»
60 H. M. Muyer.
Auf einiges nun, was sich bei solchen Untersuchungen ergeben dürfte, sei es
erlaubt, mit vorausgreifenden Verniutung,'en hinzuweisen.
Wir pflegen in den historischen Disziplinen gern von Längs- und Querschnitten
gleichnisweise zu reden ; es liegt aber im Wesen der geschichtlichen Forschung selbst,
daß sie die ersteren bevorzugt. So vergißt auch die Sprachwissenschaft über ihrer
Hauptaufgabe: die Entwicklung der Sprache darzustellen, gern die zweitwichtigste Auf-
gabe: den Zustand der Sprache in bestimmten Entwicklungsphasen zu beschreiben. Sie
schiebt das ganz der Philologie zu ; nun gut, so müsseij wir ebeii neben den idg.
Sprachvergleichem idg. Philologen haben! Von der Rekonstruktion des «Uriudo-
germanischen» will man nichts mehr wissen, und Hermanus scharfsiuniger Aufsatz
(K. Z. 41, 1) schiebt die Erschließung der idg. Ursprache beinahe soweit zurück, wie
Fincks geistreiche Rezension von Trombettis Werk (Gott. Gel. Anz. 1908, S. 689) die
der menschlichen Ursprache. Bei den methodologischen Kämpfen um die «linguistische
Paläontologie», etwa zwischen O. Schrader und Kretschmer, spielt diese Skepsis
eine Hauptrolle. Dabei ist aber auf eine merkwürdige Tatsache hinzu-weisen : Der Stand-
punkt der Zweifelnden hat sich von Grund aus geändert. Als man von Schleichers
fröhlicher Zuversicht , ein Handbuch der Konversation mit den Indogermanen zu
schreiben, zurückkam, hielt mau die Erschließung der «Urworte» für zu schwer; heut
hält man sie für zu leicht. Aus zwei, drei Übereinstimmungen werden urarische
Wörter hergestellt; und man hat anfangen müssen (worauf z. B. Hermann auch
hinweist), innerhalb dieses rasch anwachsenden indogermanischen Sprachstotts Perioden
zu unterscheiden. Da nun aber fehlt es eben an Kriterien 1 Ich glaube, nur jene
\'ergleichuug der Wortkreise kann helfen.
Greifen wir zu einer nhd. Analogie, «Kraft» und «Brüderlichkeit» sind beides ger-
manische Worte, beides deutsche Worte, beides reindeutsche Worte. (Auf eine etwaige
inhaltliche Beeinflussung der zweiten Bildung durch das «fraicmite-» der französischen
Revolution brauchen wir uns hier nicht einzulassen.) Aber sie gehören ganz verschie-
denen Sprachschichten an. Das Wort «Kraft» ist jahrtausendelang von den Germanen
(oder ihren Vorfahren) gebraucht worden, ehe das Wort- «Brüderlichkeit» existierte. —
Ahnliche Verhältnisse mögen zwischen idg. «Kulturwörtern» herrschen. Der Begriff der
«Schlacht» kann seit Jahrtausenden Männern klar gewesen sein, deren Urenkel mit
dem Begriff «Ehe» noch nichts aufzufangen gewußt hätten; und dabei kann der jüngere
Begriff noch sehr gut in die proethnische Periode fallen.
Nun denke man sich jenes «Sprachgeschichtliche Wörterbuch» hergestellt. Es Avürde
in drei Teile zerfallen: 1. eine Zusammenstellung sämtlicher idg. Wurzeln oder Basen,
2. eine vollständige Sammlung derjenigen zu jeder Wurzel gehörigen Worte, die als idg.
anzusehen sind, 3. eine summarische Darstellung der späteren Entwicklung jedes Wort-
kreises. Es würden also die linguistischen Wörterbücher von Fick und Liebich von
neuen Gesichtspunkten aus geordnet, in eins zu arbeiten und reichlich zu ergänzen sein.
Wir würden dann für zweifelhafte Fälle mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit feststellen
können, welche Worte der Lh-sprache, der ältesten oder mittleren urgermanischen, ur-
griechischen, urarischen Sprache augehören — und würden auch, was für die linguistische
Paläontologie fundamental ist, über die Bedeutungen wenigstens AnhaltspunKte ge-
winnen. Weiter müßte man dann, von der Analogie der Entwicklungstendenz geleitet,
zu den Schichten innerhalb der uridg. Lagerung konnnen. Hierbei müßte man dann dei:)
Isolierte Wurzeln. 61
umgekehrten Weg einschlagen: ist mau zuerst von der Wurzel zu den Worten vorge-
schritten, so gih es nun von den Worten zu der Wurzel zurückzugehen: zu ermessen,
welche als gemeinsamer Besitz der ungetrennten Indogermanen bezeugte Wortf)rägungen
der ursprünglichen Anschauung am nächsten stehen. (Der Grundanschauung, nicht
der «(hundbedeutung» ; vgl. auch Edw. Schroeder, Zs. f. d. Alt. 37, 241 f.) Wobei es auf
sich beruhen mag, welcher Gang der historischen Evolution entspricht, ob aus nebenein-
anderstehenden Formen sich erst allmählich eine Grundform gebildet hat, oder ob sie wirk-
lich ursprünglich vorhanden war. Denn so undenkbar, wie man es heut übereinstimmend
glaubt, ist die einstmalige wirkliche Existenz gesprochener Wurzeln denn doch nicht:
daß die Menschen einmal ausschließlich nur «in Wurzeln> gesprochen hätten, läßt
sich nicht nur denken, sondern vom Boden einer bestimmten Sprachschöpfungstheorie
aus sogar wahrscheinlich machen. Wenn nämlich die menschliche Rede ihrem
Hauptstamm nach aus unwillkürlichen Begleitlauten instinktiver Gebärden entstanden
ist — eine Theorie, die sich auf Darwins «Ausdruck der Gemütsbewegungen >
gründet — , so dürften die Urworte wohl unsern nicht vokalisierten Wurzeln recht
ähnlich gesehen haben.
Doch «glottogouische Phantasien» sind verpönt. Kehren wir lieber wieder auf
den Boden der Tatsachen zurück, den wir für hypothetische Luftschlösser einen Augen-
blick lang leichtsinnig verlassen haben I
Betrachtet man, um von den idg. Wortkreisen eine deutlichere "\^)rstellung zu er-
halten, wieder die neuhochdeutschen an der Hand von Liebichs Buch, so fällt ihr ver-
schiedener Umfang in die Augen. Es gibt Wurzeln, die beinahe alle überhaupt mög-
lichen Ableitungen auch wirklich besitzen, neben solchen, deren Sproßkraft auf ein
Minimum beschränkt ist. Man vergleiche etwa ^-Scldag^ (Liebich X. 2003, mit 223 Worten)
und «Knopf» (N. 1071, mit zwei Worten). Natürlich wird man gleich mit der Er-
klärung bei der Hand sein, das liege au der Bedeutung. Im letzten Sinn wird das
auch richtig sein; nur hegt die Sache durchaus nicht so einfach. Ich erinnere an mein
obiges Beispiel: warum hat ißiehcn» wohl ein «Flucht^ entwickelt wie ((schlaf/cn» ein
tScJdacht», aber (vergl. Liebich N. 530) kein <Flicher», wie dies ein *Schl(iger»?
Man sagt nur eine Tautologie, wenn man antwortet, es gebe eben produktive und
nichtproduktive Wurzeln. Sicher; aber weshalb? Weshalb ist bei einer Wurzel wie
idg. hh((r der Wortkreis beinahe so vollständig, wie bei den Worten der Formkreis zu
sein pflegt, während wir andere Wurzeln nur aus zwei, drei Worten erschließen ? Seltene
oder nur hier und da durchdringende Worte werden natürlich unproduktiver sein;
aber bei den meisten Wurzeln ist innerhalb ganz üblicher Synonyma die Verschiedenheit
des Umfangs deutlich.
Worauf sie beruhen kann, wird uns vielleicht ersichtlich, wenn wir bis zu den
extremsten Fällen gehen. Es gibt nämlich, was im Zusammenhang noch nirgends er-
örtert zu sein scheint, ganze Gruppen isolierter Wurzeln. Mit anderen Worten:
wenn es sich im allgemeinen von selbst versteht, daß einer Wurzel eine größere Anzahl
von Nominal- und Verbalstämniou entspringen, gibt es bestimmte Kategorien von Worten,
die sich im Alleinbesitz ihrer Wurzel bclindcu. Wie schon bemerkt, ist ihnen vor allem
der Mangel verbaler Ableitungen gemein.
Ich gehe bei der Aufzählung dieser Gruppen von denjenigen Worten aus, dereu
Isolierung am stärksten ausgeprägt ist, und endige mit denen, die sich scheinbar ganz
in dem übrigen Sprachstolf verlieren.
62 R. M. Meyer.
1) Die am deutlichsten in der Sonderstellung charakterisierte Gruppe bilden die
Zahhvorte. (Vergl. auch Osthoft", Suppletivwesen, S. 31 f.)
Ich habe über die flexivische Eigenart der Kardinalia (P. B. B. 22, 554 f.) früher
gehandelt und zu zeigen versucht, daß sie als Gesamtheit eine fremde Gemeinschaft
bilden, iu ihrer Ausbildung vermutlich jünger als die Masse des sonstigen Sprachstoffs.
Hier handelt es sich um eine andere Sonderstellung. Mit Ausnahme der Wurzel für
die Zweizahl zeigt kein Zahlwort ursprüngliche etymologische Verwandtschaft. Mit seinen
eigenen Sproßformen — Ordinalzahlen, Distribution usw. — steht auch in diesem Sinn jedes
Zahlwort wie eine importierte Kulturpflanze in dem einheimischen Wörterwald; denn
Bildungen wie «(leci»tarc>\ «drifhln^ sind ja ganz späte Neologismen und nicht aus
den ursprünglichen Wurzeln oder Stämmen, sondern erst aus den sekundären Ordinal-
zahlen abgeleitet. — Eine Ausnahme aber bildet die Wurzel dra (Fick, 4. Aufl. 1, 242),
aus der sehr früh ein eigentümlicher Verbalstamm mit der Bedeutung «zwischen zwei
Meinungen stehen» oder besser: «zwischen zwei Parteien stehen» entwickelt scheint
(vgl. Kluge, 5. Aufl., S. 413; ähnhch dubifare zu diw?). Dafür läßt aber auch die
flexivische Natur dieses Zahlwortes vermuten, daß es mit den anderen Kardinalien nicht
gleichartig ist. Auch die Achtzahl mag appellativische Grundlage besitzen: hierauf
deutet ihre dualische Form, wenn die Dualform nicht überhaupt erst nachträglich aus
den Zahl Worten entsprungen ist! Das Zahlwort der Einzahl aber vollends, das allerdings
nicht von Prouominibus mit der Bedeutung «allein» zu trennen ist (vgl. Fick, aao,
S. 13), ist gar kein echtes altes Zahlwort, sondern erst spät zur Vervollständigung der
Reihe eingefügt, ursprünglich genügte eben zum Ausdruck der Einzahl die Setzung des
Appellativs im Singular: rex, ein König — trcs rrgcs drei Könige (vgl. Osthoff, Sup-
pletivwesen, S. 47).
Die Zahlworte also haben jedes seineu eigenen isolierten Stamm. Verba werden
aus ihnen nicht unmittelbar und nicht in der Urzeit gebildet; Appellativa irgend welcher
Art ebensowenig. Abstrakta («die Dreiheit» und dergleichen, besonders die rasch zu
Suffixen herabgedrückten «Zehnheitem^) sind wie die anderen Zahl Wortklassen, fakul-
tativ oder obligatorisch, vorhanden, aber sekundär und durchaus auf den numeralen
Sinn beschränkt.
A priori notwendig wäre das nicht, so begreiflich es auch scheint. Kluge bat
z. B. «Zweig» mit «zwei» in Zusammenhang gebracht und weshalb hätte nicht etwa
das Kind in seinem Verhältnis zum Vater mit einem Appellativum aus der Zweizahl,
das Kind im Verhältnis zu den Eltern mit einem solchen aus der Wurzel der dritten
Zahl bezeichnet werden können? Weshalb hätte man den Begriff, «sich in viele Teile
auflösen» in der Epoche, die nach Usener «drei» noch als allgemeine Bezeichnung der
Vielheit verwandte, nicht mit einem Verbum aus der Wurzel treiirs (Fick, S. 449) aus-
drücken können?
2) Isoliert stehen ferner (wie schon Bopp bemerkt hat; vgl. Delbrück , Einleitung
in das Sprachstudium, S. 77) die echten Pronominalstämme. (Osthoff aao. S. 37 f.)
Zu einer Wurzel wie /ca (Fick 1, 180), to (ebd., S. 445), / (ebd., S. 6), ya (S. 290) gibt
es keinerlei verbale Ableitungen und keine nominale, die nicht zu ihrem engsten Formen-
kreis gehörte. Ebenso steht es mit germ. Wurzeln wie der von jener oder uroialek-
tischen wie der von (dl.
Möglicherweise geht die Isolierung der ältesten Pronominalstämme noch weiter.
Isolierte Wurzeln. 63
«Von einer Anzalil der geschlechtigen Pronominalstämme gab es schon in uridg. Zeit
nicht alle Kasus, sondern Kasusformen verschiedener Stämme ergänzten sich zu einem
vollständigen Paradigma» (Brugmann, Grundriß 2, 7G6). Haben wir ein Recht anzu-
nehmen, daß sich erst allmählich ein solches Mischparadigma gebildet habe? dürfen
wir nicht mit Brugmann vermuten, daß jeder Stamm nur einen beschränkten
Formenkreis besaß? Melleicht tun wir hier gar einen Blick in die Vorzeit der eigent-
lichen Deklination; in eine Periode, die die Kasus durch verschiedene indeklinable En-
klitika bezeichnete, die dann später teils zu Endungen der nominalen Deklination, teils
zu diesen angeähnlich ten Bestandteilen der pronominalen Flexion wurden.
Jedenfalls liegt eine Verwandtschaft dieser beiden Gruppen auf der Hand. Beide
stehen wie erratische Blöcke innerhalb des sonstigen Sprachstoffs — wenn auch vielleicht
aus verschiedenen Ursachen : die Pronomina mögen älter, die Zahlwörter jünger sein
als die Appellativa. Beiden ist aber innerlich eine wesentliche Eigenart gemein: sie
benennen nicht, sie sind keine «Nomina». Wir fassen aus unserem Gebrauch heraus
die «Pronomina» als Stellvertreter der Nomina auf: natürlich sind sie das von vorn-
herein nicht, sondern ganz was anders als die Nomina. Diese «benennen», d. h. sie
geben ein Kennzeichen, reihen in eine dadurch charakterisierte Kategorie ein: «ein
Mann!», «ein Baum!», «eine Eichel». Die Pronomina lehnen das ab, geben nur eine
Gebärde: «dieser hat es getan» — dieser bestimmte, auf den ich mit dem Finger weise
ohne mich mit seiner Rubrizierung unter die Männer oder Dämonen, Greise oder Jüng-
linge, Freunde oder Feinde aufzuzählen. (Vgl. allg. Brugmann, Die Demonstrativpro-
nomina der idg. Sprachen, S. 3 f.) — Infolge dieser Bedeutung kann das Pronomen
auch dienend zu einem Nomen treten, was eine nur «stellvertretende» Form offenbar
nicht könnte: «dieser Mann!».
Genau so steht es mit den Zahlworten. Auch sie lehnen alle Benennung ab und
werden dadurch dienstbar, sobald die unbenannte Zahl benannt wird: «drei Speere».
Sie stehen allerdings dem Nomen näher und besonders dem Substantivum, mit dem
die meisten die Eingeschlechtigkeit teilen; aber die Fähigkeit, ohne Kennzeichnung
auszusagen, haben sie bis zu Goethes Faust bewahrt: «Vier sah ich kommen, drei
nur gehn».
3) Isoliert stehen die Wurzeln zahlreicher alter Eigennamen. Daß es sich für
uns fast imr um Götternamen handelt, braucht nicht notwendig deren besondere Eigen-
art zu beweisen, da offenbar menschliche Namen leichter systematisiert werden als die
heiligen archaischen Bezeichnungen; man denke noch an heutige Ausdrücke wie «Heiland»
oder «Weihnachten». Wahrscheinlich ist es aber doch, daß die Götternamen gewisser-
maßen in noch höherem Grad als andere Personennamen «nicht appellativ» waren.
Welche Mühe haben die meisten alten indischen, griechischen, germanischen Götter-
namen den Etymologen bereitet! wie unsicher blieb die Erklärung z. B. von Xrj>tumis
(Wissowa, Religion u. Kultus der Römer, S. 250, Anm. 6) oder Lar. Lares (ebd..
S. 151, Anm. 2), von Ing oder Nerthus-Njprd' (vgl. Mogk in Pauls Grundriß, 2. Aufl..
1, 320)! Es wäre wohl möglich, daß solche isolierte Namen einfach deshalb allem
Etymologisieren Widerstand leisten, weil sie keine Etymologie haben: weil der Stamm
sein eigenes Etymon ist wie in Onomatopöien. -Hums» ist ein sprachliches Atora, lug
oder Las vielleicht auch, mag es nun laut^ym bolischen Ursprungs sein oder ein fest-
gehaltener Ausruf verzückter Priester oder was sonst.
64 R. M. Meyer
Diese echten alten Eigennamen — es konnte ancli solche Ortsnamen geben I —
teilen wiederum mit Zalilworten und Pronominibus jene Eigenschaft, daß sie nicht
appcllativ sind. Spätere Götternamen sind appellativ Frcyr «der Herrscher» oder Apollo,
fder Abwehrer; (oder was es sonst heißt); oder sie sind, wie alle nichtrömischen Personen-
namen der Indogermanen, aus Appellativstämmen zusammengesetzt wie Heimdall oder
Brhas})ati, wenn sie nicht schon als movierte Feminina wie Frci^ja {zu Frei/r) und Juno
(zu Jovis) ihren sekundären Ursprung an der Stirn tragen. Aber die ältesten Götter-
nanien scheinen überall isoliert und deshalb notwendig nichtappellativ (denn wie könnte
ein einzelstehendes Wort in eine Kategorie einreihen?). Sie bezeichnen eben Individua,
nicht T3'pen. Nach langer, langer Entwicklung mögen sie auch typisch gebraucht
werden, Shakespeare mag den Herodes überheroden lassen und wir mögen Worte wie
heinein (in Heines Art dichten) oder '^michelangelcsk» bilden, man mag auch Verba an
sie angelehnt haben wie hoijl:otl irren an einen Eigennamen — der Urzeit war natürlich
jeder Gott ein einzig dastehendes Wesen.
4) Viel merkwürdiger ist es nun aber, daß auch einzelne Appellativa isolierten
Wurzeln anzugehören scheinen (vgl. Misteli-Steinthal, Charakteristik, S. 499). Westidg.
niari Meer ist (Fick 1, 507) in die seltsamsten Verbindungen gebracht worden; hätte
man es gar zu der idg. Wurzel mar (vgl. Kluge, S. 252) gestellt, wenn nicht auf jeden
Preis eine Etymologie hätte gegeben werden müssen? Das Meer, das ewig bewegte Meer,
die Heimat der Fische, das Bad der Schiffe als «tote Fläche» ! Aber auch nordeurop.
haid (vgl. Kluge, S. 225) scheint isoliert (landen ist eine ganz junge Neubildung aus
dem niederländischen Und niederdeutschen Seewesen, vgl. DWß. 6, 101). Wie steht es
drittens mit Sw (vgl. Kluge, S. 344)? Wie unsicher ist der Zusammenhang mit saevus
oder mit idg. sik sinlicn und wie wenig bezeichnend wären diese Etyma für den See,
dessen Kennzeichen eine breite Wasserfläche ist und nicht das gelegentliche Aufbäumen
oder gar der Umstand, daß man in ilim, wie im Moor, versinken kann! — Erde wird
wohl zu ar 2>tli(f/en gehören (doch vgl. Fick-Torp 3, 26); aber ^m/ (vgl. Kluge, S. 30)
scheint ohne V'erbindung mit der Wurzel berg rerhrrgen (ebd., S. 37; vgl. Fick-Torp,
S. 265) eine isolierte Nominalgruppe (mit sekundären verbalen Ableitungen wie ags. hehyrgan)
zu beherrschen. TJial ist wieder nicht isoliert, ebensowenig wie Strom, Fluß u. a. (Strom
ist nachträglich isoliert worden, weil das Germanische die idg. Wurzel aufgab und ihren
Verbalbegriff durch ein sekundäres «strömen» ersetzte). Aber das germ. Uarh (Kluge,
S. 23, Fick-Torp 3, 257) und das nd. Deich samt dem hd. Teich (ebd., S. 374, Fick-
Torp 3, 205) scheinen isolierte Nominal wurzeln zu sein. Denn daß man aus doktri-
nären Gründen der Wurzel ohne weiteres irgend eine schwierige oder nichtssagende
Verbalbedeutung gibt, beweist natürlich gar nichts; und daß z. B. wieder Welle, Woge
inmitten eines großen Wortkreises stehen, beweist, daß es eben Wurzeln von verschiedener
Triebkraft auch unter diesen «geographischen Worten» gibt. Aber Meer, See, Land,
Berg, Bach. Teich — das ist doch eine interessante Gruppe; sollte es nur Zufall sein,
daß bei allen die Etymologie unsicher ist, bei allen primäre Verba fehlen? Es mögen
auch noch andere wie Ufer (Kluge, S. 355) hierher gehören.
Eine andere Gruppe: die der Jahreszeiten. Fwgen, Schnee. Wind stehen regelrecht in
vollständigen Wortkreisen (d. h. solchen, die nominale und verbale Ableitungen enthalten).
Aber idg. Sommer (Fick-Torp 3, 445) und germ. Winter (vgl. Kluge, S. 351, 408; nach
Torp aao. 384 zu der germ. Wurzel vet «netzen») und Lenz (S. 235) haben isolierte Stämme.
Isolierte Wurzeln. G5
Ich nenne noch ein paar Appellativa, die eigentlich keine sind, weil sie kein be-
zeichnendes Etymon zu besitzen scheinen: gerni. Hird (Kluge, S. 165; Verbindung
mit lat. creware problematisch; vgl. ßerneker Wb. s. cerm S. 146); germ. Hof (S. 170;
doch vgl. Fick-Torp 3, 94); germ. Wald (S. 395, Fick-Torp 3, 403); germ. hanw,
(üd. lion/r (Fick-Torp 3, 77), germ, tdlis (doch vgl. Fick-Torp 3, 21), ahn. seidrr.
All diesen Begriffen, von denen kein einziger eine sichere etymologische Basis besitzt,
ist gemein, daß sie begrifflich (nicht grammatisch!) Singularia tantum sind: es gibt in
jedem Haus nur einen Herd; es gibt für Bauer und Knecht nur einen Hof, den, wo sie
arbeiten; aller Wald gehört zusanunen wie alles Land und alles Meer eine Einheit bildet,
oder wie alle Arten der Magie nur die eine Zauberei ausmachen. Von See, Berg, Bach
gilt das freilich nicht; dagegen wieder von den Jahreszeiten: es gibt nur einen Sommer,
der immer wiederkehrt. (Die Verwendung des Wortes zur Zeitmessung, wie im Hilde-
brandslied, ist jünger.)
Man könnte also sagen: es handelt sich hier auch um eine Art Eigennamen.
Land, Meer, Wald werden als eine nur einmal existierende Einheit gefaßt; Herd, Hof
werden mit Ignorierung aller ihresgleichen so benannt, wie wir «Vater» oder «Mutter»
zur Bezeichnung bestimmter Einzelpersonen verwenden.
So ist denn in diesem Zusammenhang noch auf eine andere wichtige Gruppe zu
verweisen: die der Verwandtschaftsnamen (vergl. auch Osthoff, S. 41). Ihre Iso-
lierung ist ja längst anerkannt und muß sehr alt sein, da sie sich sogar in flexivischer
Sonderstellung abspiegelt. Mit der Etymologie hat man sich hier reichlich so viel ab-
geplagt wie bei den Götternamen; und ebenso fruchtlos. Denn von dem <Beschützer2
und der «Bildnerin» und vollends der «Melkerin» ist man wohl längst abgekommen.
Hat man denn überhaupt ein Recht, hier Nomina agentis mit dem Suffix fer — tor zu
sehen? Kann dies Suffix, das ja nur bei Ariern, Römern und Hellenen produktiv
wucherte, bfei den Germanen aber kaum eine Rolle spielt (Kluge, Nominale Stammbldg.
der altgerm. Dialekte, 2. Aufl., § 30 aE.), nicht aus den \'er\vandtschaftsnamen erst
erwachsen sein?
Jedenfalls bilden hier fünf bis sechs Worte eine eng zusammengehörige und gegen
die Außenwelt abgeschlossene «Wortfamilie'. (Ich würde Liebichs Terminus lieber
so, auf begrifflich verwandte Worte, anwenden.) Man ninnnt jetzt überwiegend für
«Vater» und «Mutter» Ursprung aus Kinderworten an (so auch Finck. a. a. O.); für
«Bruder» und «Schwester» würde auch das nicht weiter helfen. Sollen nicht auch hier
«unetymologische Worte» vorliegen, Eigennamen im weitereu Sinne, d. h. Appellativa
für bestimmte Einzelpersonen, wie wir eben noch heute «der Vater», «der König', im
Silin von «unser Vater», «unser König» schlechtweg gebrauchen? Worte jedenfalls,
die aus keinen Verbalwurzcln entsprungen sind und keine erzeugt haben — mag selbst
nachtraglich im Sanski'it oder im Ciriechisirhen eine Anlehninig an Verba erfolgt sein!
Aber ich muß hier doch auf die Möglichkeit phonetischer Bedingungen aufmerksam
machen. Wie Land scheint Strand isoliert (Kluge, S. 365), wie landen ist stranden ein
Neologismus. Und hier ist daran zu erinnern, daß wir so wenig das Nomen agentis der
Ziclivr zu ^ielirn besitzen wie der Flichrr zu /liehen. Das können zufhUige Koinzidenzen
sein. Aber weshalb ist der Herhsf, die Zeit des Ptlückens und Erutens, appellativisch
benannt? Es mag jünger sein als die Beneniumg der ursi^rüngliohen drei Jahreszeiten.
Gut; aber weshalb ist der Jxieh nach einem anderen Prinzip benannt als der Fluß.''
Wörlci- uud Sachen. I. 9
6G R. M. Meyer.
Das beweist am Ende doch, daß die inhaltlichen Gründe nicht ausreichen — oder aber
es liegt eben eine uralte Begriffsverschiedenheit fundamentaler Art vor.
Die isolierten Substantiva bilden jedenfalls die merkwürdigste Gruppe, mit der
wir uns zu beschäftigen haben. Natürlich mag eins oder das andere doch mit Yerbal-
wurzeln zu verbinden sein; dafür wird eine ungleich größere Zahl reiner Nominal-
wurzeln noch aufgedeckt werden können. Ich verspreche mir von der Untersuchung
gerade dieses Phänomens viel für die Chronologie der idg. Wortgeschiclite. Denn im
letzten Sinn war ja jedes tnomen^ einmal ein Eigenname, und es ward dann erst
verallgemeinert, wie unsere appellativischeu Eigennamen: «der Müller» ist zunächst
einfach der Müller in unserm Dorf und «der Zerreißer» ist zunächst nur dieser Wolf,
den wir erschlagen haben, nachdem er das Schaf zerrissen hatte. Sonach wäre die
Isolierung der Stämme als ein Atavismus anzusehen und die betreffenden Wurzeln selbst
als besonders altes Sprachgut. Rein theoretisch liegt ja auch die Möglichkeit vor, daß
ihnen alle Verwandtschaft abgestorben wäre; wo sich das aber nicht, etwa aus laut-
geschichtlichen Gründen, motivieren läßt, hat es geringe Wahrscheinlichkeit.
ö) Von der Betrachtung der Substantiva wenden wir uns zu der der Adjektiva
und nähern uns damit wieder unserm Ausgangspunkt. Denn das Adjektiv ist zwar im
eigenthchen Sinne ein «Appellativum»: 'es gibt ein Kennzeichen, wodurch der Mann,
der Baum, die Speise in die Kategorie der alten Personen, der grünen oder süßen Dinge
eingereiht werden; aber es teilt mit Zahlwort und Pronomen die Fähigkeit, dienend
neben dem Substantiv stehen zu können. Auch das Adjektiv «benennt» nicht in dem
Sinn wie das Substantiv: diesem überläßt es die Hauptcharakteristik, die es nur er-
gänzt. Daher stellt .syntaktisch das Substantiv das Subjekt, während das Eigenschafts-
wort (in Verbindung mit der Kopula) das Prädikat liefert. Insofern also steht das Ad-
jektiv, auf seine syntaktische Leistung hin geprüft, dem Verbum, das immer prädiziert,
eisentlich näher als dem Substantiv.
Ich habe nun früher, auf diese syntaktischen Erwägungen gestützt, den Unter-
schied von Substantiv und Adjektiv für durchaus sekundär gehalten und den Satz for-
muliert: «Diejenigen Nominalstämme, die gewohnheitsmäßig zur Herstellung des Prä-
dikats verwandt wurden, bilden allmählich die besondere Klasse der Adjektiva; zu ihren
besonderen Kennzeichen gehört namentlich, daß sie im Interesse der Kongruenz statt
der normalen Eingeschlechtigkeit der Substantiva sich zur Dreigeschlechtigkeit ent-
wickeln y.
Aber ich bin durch die hierhergehörigen etymologischen Tatsachen an dieser
Meinung irre geworden und neige nun doch dazu, die herkömmliche Anschauung, daß
Substantiva und Adjektiva von der Wiege an unterschieden sind, mindestens für die
große Masse für richtiger zu halten.
Denn ist es nicht auffallend, wieviel häufiger Adjektiva keinen Verbalstamm
neben sich haben als Substantiva? was eben hieraus zu erklären wäre: die kenn-
zeichnende Note gewinnt das Appellati vum fast durchweg aus einem Verbaibegriff.
Ich weise vor allem auf die Tiernamen hin: die «zitternde» Biene, die «brummende»
Bremse, der «glänzende» Brassen, die «dröhnende» Drohne, die «tauchende» Ente, die
«spinnende:. Spinne (daß unser Verb sich an die Nominalform anlehnt, ist ja sekun-
där), den 'ergreifenden» Habicht, den «singenden» Hahn, das «springende» Roß, die
«krähende» Krähe, den (mit den Augen) «leuchtenden» Luchs, den «Erde aufwerfenden»
Isolierte Wurzeln. 07
Maulwurf, den «ein mürrisches Gesicht» machenden Mops, die «8tehlende> Maus, die
«schleichende» Blindschleiche, die «sich drehend bewegende» Schlange, die < schnap-
pende» Schnepfe; um nur Klugesche Erklärungen herauszuziehen. Oder die Kleidung:
den «bergenden» Helm, den «gesponnenen s. Rock; oder die Körperteile: die «leckende»
Lippe, den «geschwollenen» Daumen, den «aufwühlenden» Rüssel; oder gar die Werk-
zeuge, die ja fast durchweg primäre sachliche Nomina agentis sind. Für das Appella-
tivum ist also ein verbales Etymon beinahe selbstverständlich. Wie viele Namen von
Sachen sind uns gerade auf diese Weise durch Meringer aufgeklärt worden! Wie viele
wird die archäologische Etymologie noch deuten (vgl., 0. Sehr ad er, Geschichte und
Methode der linguistisch-historischen Forschung, S. 213)!
Adjektiva können natürlich gleichfalls zu Verbalwurzeln gehören wie «süß» zu
«fließen» (Bechtel, Bezeichnungen der sinnlichen Wahrnehmungen in den idg. Sprachen,
S. 132; die Gruudanschauung wird die des klebrigen Fließens sein, wie es dem Honig
oder Sirup eigen ist) oder «weiß» zu «glänzen».
Aber dreierlei Tatsachen geben den Eigenschaftsworten eine Sonderstellung in
etymologischer Hinsicht: a) wie bei den Pronominalstämmeu finden wir auch hier eine
ganz eigentümliche Kombination verschiedener Wurzeln in der großenteils gemeinindo-
germanischen, «unregelmäßigen» Komparation, b) eine auffallend große Zahl von Ad-
jektivstämmen bleibt etymologisch vereinzelt, c) es zeigt sich mindestens im Deutscheu
eine entschiedene Tendenz, Verbalnomina, die adjektivische Funktionen übernommen
haben, von den Verbalstämmen zu lösen.
a) Das Phänomen der «unregelmäßigen Steigerung» gehört zu den merkwürdigsten
in unserm Sprachleben und ich habe mich immer darüber gewundert, daß man sich so
wenig darüber verwundert. Man bedenke doch : gerade eine Reihe von Eigenschafts-
worten, bei denen eine Vergleichung, ein Abmessen besonders nahe liegt und besonders
häufig sein mußte, entzieht sich der Steigerimg. Zu «gut» gibt es weder griechisch
noch lateinisch noch deutsch einen rechten Steigerungsgrad; etwa ebenso steht es mit
«klein» und «groß», «alt» und «viel». Oder zu einem Adjektiv im Komparativ gehört
im Positiv nur ein Adverb (Kluge bei Paul, 2. Aufl. 1, 483). — Dabei ist aber ursprach-
lich nur eben dies Mosaik selbst, nicht aber die Steine, aus denen es zusammengesetzt
ist; ein idg. Paradigma, das sich bei den Pronominibus zum Teil noch aufbauen läßt,
ist hier schlechterdings unmöglich. (Vgl. Osthoff, Suppletivwesen, S. 3f., S. 20f., S. 42.)
Man kann sich ja den Gang der Entwicklung etwa denken. Für die häufigsten
«Verglcichungen» gab es zunächst «Adjektive mit Komparationsbedeutung» (Brugmann.
Grundriß 2, 420), deren Wesen wir uns durch deutsche Positive wie «nah» und «fern>
und ähnliche Adjektiva von relativer Bedeutung veranschaulichen können. Was «nab»-
ist, ist «weniger fern», was *fern» ist, ist «weniger nah-; die Gegensätze rücken zu
einer Komparationsleiter zusammen. Diese «Adjektive mit Komparationsbedeutung> be-
saßen gewisse Suffixe, die die Relativität ausdrückten: sie entsprechen dem Numerus
beim Nomen, indem der Komparativ den Wortinhalt auf zwei, der Superlativ auf viele
verglichene Gegenstände bezieht. Der bessere Mann>- ist unter zweien der gute;
«der älteste Mann» ist der Alte unter Vielen. — Allmählich wäre dann dies Schema
auf alle Adjektiva übertragen worden und somit wäre, wie so oft, die «unregelmäßige
Steigerung ein l'bcrblcibsel älterer Art, die «regelmäßige» aber würde einer jüngeren,
nivellierenden, systematisierenden Epoche angehören. Ursprünglich steht die Koni-
68 ri. M. Meyer.
paration venimtlich fakultativ neben ähnlichen Atljektivumfoimnngen: der Modifikation,
Negation, Verstärkung, Klage, vor allem der Minderung (vgl. meinen Autsatz P. B. B.
22, 559 f.); allmähhch ist sie allen obligatorisch geworden.
So also (vergl. Ost ho ff, S. 42 f ) würde sich das Paradoxon erklären, daß gerade
diejenigen Adjektiva, die der Steigerungsfähigkeit am entschiedensten bedürfen, keine
echte Komparation haben, sondern sich durch fremdes Blut auffrischen lassen. (Die
Häufigkeit allein kann, wie bei dem Verbum substantivum, nur der oberflächlichsten
Betrachtung ein genügender Grund für den Synkretismus sein.) Nur bleibt dabei noch
unerklärt, weshalb nur ausnahmsweise (wie bei ttoXlk; und nXelojv TrXeicTTOi;, vielleicht
auch bei nüMJa-maizan- und meista) jene Steigerungsadjektiva der gleichen Wurzel ent-
stammen -wie die Positive? und weshalb sie so selten Verbalstämme neben sich haben?
(Auch für nühils Fick 1,279 ist es fraglich.)
Wir werden doch wohl ähnliche Zustände wie bei den Pronominibus anzunehmen
haben. Auch diese Worte sind besonders leicht durch Gebärden zu «ersetzen»: «klein»,
«groß?, «alt», «gut», «böse». Sie mögen irgendwie aus diesen Gesten unmittelbar oder
mittelbar (lautsymbolisch) herausgewachsen sein, ohne je einer produktiven «Wurzel»
anzugehören.
b) So sind wir schon dazu übergeglit'ten, daß viele Adjektiva etymologische Isolierung
zeigen. Ich füge zu den eben angeführten «gut» und «übel» zwei andere spezifisch
germ. Wortpaare (Kluge, S. 15): «mild» und «argx, «hold» und «treu»^ von denen nur
«hold» (ebd., S. 171) vielleicht verbale Verwandtschaft hat; dagegen steht der Begriff
«treu» schon idg. oft in eigentümlichen nominalen Beziehungen (vgl. Osthoff,
Etymologische Parerga 1,99 f.). Auch «arm», «schlecht», «eitel» und viele andere germ.
Adjektiva stehen isoliert, wogegen z. ß. «schön», «reich», «krank» zu vollständigen Wort-
kreisen gehören.
c) Eine stattliche Zahl alter Partizipia sind im Deutschen isolierte Adjektiva ge-
worden: aJf, halt, laut, tot, kranl;, scui [K\\\gQ, S. 182) — eigen. Die Verbalstämme, die
in anderen idg. Sprachen noch leben, sind bei uns abgestorben, zum Teil (wie bei alau)
erst in historischer Zeit.
Man wird den Zusammenhang der beiden Erscheinungen bestreiten wollen: hat
das Absterben des Verbums alan mit der Adjektivierung des Partizips alt irgend etwas
zu tun? — Die gewöhnliche Erklärung: das Partizip sei erst nach dem Absterben des zu-
gehörigen Verbs ganz zum Adjektiv geworden, scheint gegenüber modernen Beispielen nicht
zu verfangen: ein Partizip wie «gelungen» existiert ruhig in adjektivischer Funktion neben
dem lebenden Zeitwort «gelingen». Aber eine Tendenz der Spi'ache, die Adjektivierung
des Partizips durch Aufgeben des Verbs zu erleichtern, kann man sich doch auch
schwer vorstellen!
6. Zum Schluß ist auf die allerumfangreichste Gruppe isolierter Wurzeln nur kurz
hinzuweisen: auf die Partikeln der verschiedensten Art. So etwa die proethnischen
Präpositionen (Delbrück. Vergleichende Syntax 1, 666 f.) und viele ihrer einzelsprachlichen
Nachfolger (ebd., S. 754 f); so Konjunktionen wie me (Fick 1,518), ea-it-h (Delbrück
2,511), griech. ye, |uev (ebd., S. 498, 506); diejenigen Adverbia, die nach Brugmanns
Ausdruck (2, 524) «von Anfang an nicht Glieder eines ganzen Kasusparadigmas, sondern
isolierte Satzwörter» waren. Auch von den Partikeln mögen überdies manche erst nach-
träglich zu Pronominibus oder andern Stämmen in Beziehung gebracht worden sein.
Isolierte Wurzeln. 69
Jedenfalls blieben eine selir große Zalil dieser Indeklinabeln auch sonst außerhalb der
Masse des Sprachstofls und verraten damit jene Ursprünglichkeit, die bei Einer Gruppe
von Partikeln mit so zweifelloser Deutlichkeit hervorspringt: bei den Interjektionen.
Daß diese (von verschwindenden späteren Ausnahmen wie Herrgottl u. dgl. aljgesehen)
niemals eigentliche «Wurzeln» hatten, zu keinem Formen- oder Wortkreis gehören, auch
nicht einmal gegenseitig in geregelten Beziehungen stehen (wie etwa die ortsbezeichnenden
Adverbia und andere «Correlativa»), hat man nie in Frage stellen können. Sie mögen
eine vokalische Skala darstellen, so daß wir uns «durchs ganze Alphabet verwundern»
können, wie Goethes Jansen im «Egmont» (Weim. Ausg. 8, 249) höhnt; eine syste-
matische begriffliche Skala bilden die ah! und <ih! nicht. Sie gehören der Zeit vor der
logischen Durchbildung des Sprachstoffes an, vor jener großartigen unbewußten Tätigkeit
instruktiver Grammatiker, der wir die Kategorien unserer Wort- und Formenbildung
verdanken. Denn Steinthal ging doch zu weit, wenn er die Logik ganz aus der
Sprachbildung heraus verweisen wollte: der Stoflf ward gewiß von der Psychologie ge-
reicht, aber von der Logik bearbeitet. Oder sind die Tempora, die Genera verbi, die
Unterscheidung von Casus rectus und obliquus nicht auf logische Formeln zu bringen?
Bei den Partikeln liegt nun die Ablehnung alles «Benennens> auf der Hand:
«Gefühl ist alles; Name ist Schall und Rauch». Und so schließt sich der Kreis: von
den optischen Gebärden, die sich zu Pronominibus umsetzen, sind wir zu den akustischen
gelaugt, die wir als Interjektionen transkribieren. —
Wir glauben also gezeigt zu haben, daß den verschiedenen Gruppen ganz oder
teilweise (durch Fehlen verbaler P^ormen) isolierter Wurzeln überwiegend eine gemein-
same Eigenschaft anhaftet: die individualisierende Bezeichnung. Das Zahlwort gibt
nur die bestimmte Zahl, das Pronomen nur den Hinweis auf die bestimmte Person,
der Eigenname nur deren Bezeichnung und die geographischen Termini, die Ver-
wandtschaftsnamen, die Appellative fiir gewisse «usuelle Singularia lantuni» geben
kaum etwas anderes; die Partikeln wieder bedeuten nur bestimmte Hinweise oder Ver-
bindungen. Bei den Adjektiven steht es allerdings etwas anders; aber auch das Eigen-
schaftswort (was die Syntax nur zu oft verkennt) individualisiert das typisierende Appel-
lativum: «König» ist ein Begriff, dieser aber ist «der blinde König» — als gäbe es
unter allen Königen nur einen, der des Augenlichts entbehrt.
Für Worte also, die einen singulären oder doch isoliert gedachten Begriff aus-
drücken, scheinen oft auch singulare oder doch isolierte Wurzeln vorhanden : man hat
ihnen einen Namen gegeben, sie aber nicht zu andern (iegcnständen in Beziehung gesetzt.
Ist das richtig, so würden sich zwei wichtige praktische Folgerungen ergeben.
Erstens für die Etymologie: daß es eben -Stämme ohne Etymon» gibt, an denen sie
sich nicht länger die Zähne auszubcißcn braucht — ohne Etymon, das heißt auch ohne
ein onomatopoetisch nachgeahmtos Klangbilil als Grundlage. Zweitens für die Sprach-
geschichte: daß sich zusammenhängende Gruppen von solchen isolierten Worten finden,
die wir dann als besonders altertümlich ansprechen dürfen, und die uns hei der Chrono-
logie besonders auch der ursj)rachlichou Wurzeln und Worte gute Dienste leisten können.
Denn das ist ja klar, daß eine «alleinstehende isolierte Wurzel? (mau verzeihe die
nur scheinbare Tautologie!) gar nichts beweist. Ihre Sonderstellung kann ja selbst-
verständlich sekundär sein, wie wir das bei nhd. Adjektiven vom Typus alt oder ^<?/^
so deutlich vor Augen haben. Aber es gilt hier, was Schrader gegen Kretschmer
70
Josef Slrzygowski.
vortrefflich ausgeführt liat: wo ganze Reihen vorHegen, beweist jedenfalls schon die
Existenz dieser Reihen eine sprachgeschichtliche Tatsache.
, Leider mußten meine eigenen Betrachtungen isoliert, aphoristisch bleiben ; aber sie
sollen ja auch nur für eine umfassende systematische Aufnahme und Vergleichung der
idg. Wortkreise Stimmung machen!
Der sigmaförmige Tisch und der älteste Typus
des Refektoriums.
Von Josef Strzygowski.
Bei meinen Arbeiten über christliche und islamische Kunst in Ägypten, Winter
1894/5 und 1901, fielen mir Steinplatten von halbrunder Form mit eigenartig unter-
brochener Randleiste auf,
die in den Jahrhunder-
ten vor und nach dem
Jahre 1000 unserer Zeit-
rechnung von Christen
und Muhammedanern als
Grabsteine benutzt wor-
den waren. Da der Typus
völlig abwich von den
sonst von Kopten und
Arabern stereotyp zur
Anwendung gebrachten
Grabstelen , so entstand
für mich die Frage, wie
das Aufkommen dieser
sonderbaren Abart wohl
zu erklären sei. Ich legte
das Material schon vor
Jahren in einer Zeitschrift
niederS die leider wenig
beachtet ist. Es wird da-
her erwünscht sein, wenn
ich hier einleitend noch-
mals in Kürze darauf
eingehe. Die halbrunde
Form schien mir damals verständlich aus der Verwendung der gleichen halbrunden
Platten für den christlichen Altar in den halbkreisförmigen Kirchenapsiden. Was ich
nicht verstand, war die hartnäckig wiederkehrende Bildung des Randes. Doch auch
dafür ergab sich inzwischen, allerdings bei ganz unerwarteter Gelegenheit, die Erklärung.
' Le relazioiic i\\ Salonn coli' Ei;itto. Hulk-tliiio di archeologia e strn-ja flaliuata. l'JOl. p. ."jS— 05,
Taf. 11 -IV.
Abbildung 1. Koptischer Grah.slein in Kairo.
Der sigmaföiniige Tisch und der älteste Typus des Refektoriums.
71
Dies geschah, als icli mit oiucm der Herausgeber dieser Zeitschrift, Rudolf Meringer,
gemeinsam ein Kolleg über den Bauplan von St. Gallen las und das mir bekannte
Material über die Entwicklung des Refektoriums im Oriente zusammenstellte. Im vor-
liegenden Aufsatze möchte ich über diese interessante Reihe von Beobachtungen be-
richten und zwar in dersell)en Aufeinanderfolge, in der mir das Material selbst seiner-
zeit entgegentrat und mir allmählich das Verständnis des Zusammenhanges aufging.
Ich deute das Resultat gleich in den
Überschriften der einzelnen .\l)
schnitte an.
1. DerTisch als christlicher
Grabstein. Im ägyptischen Mu
seum zu Kairo l)efindet sich ein
Grabstein (Abb. 1) (Crum 8706)i in
Alabaster (Crum Marmor), 0,9U m
breit, 1 m hoch. Die oben halb-
runde Platte wird von einem breiten
Rande umzogen, der unten in der
Mitte zwischen den abgerundeten
Enden eine Unterbrechung zeigt, die
dem Niveau des tiefer liegenden
Mittelfeldes entspricht. Dieses Mit-
telfeld ist eng beschrieben mit einer
koptischen In.schrift, die außer Zweifel
stellt, daß es sich um den Grabstein
eines CoYÖ? Kosmas aus dem Jahre
786 n. Chr.- handelt. ^ Auf die wild
entartete Palmettenraukc, die den
Abbildung -2. Arabischer Grabstein in Damaskus.
' Coplic monumeuts. (latalogue gcii.
des antiquites egyptiennes au nuisee du Caire.
Le Caire 1902. p. 144, i.l. LV. Dort auoli
weitere Literatur.
'-' k'h teile die liiscliril'l in der tVeuiid-
licli von Clarl Scbniidt l)esiirgten Übersetzung
mit : Wenn vorhanden ist ein heiliger Prophet
(itpo'ffiTYi?), welcher «Klagelieder» zu schrei-
ben verstellt, so möge er sich stellen mit mir (? uns) an diesem Teile ((ispoc). Wenn Jemand vorhanden.
der zu weinen versteht mit den Weinenden, auch dieser möge zu uns sich rechnen. Wenn Jemand vor-
handen, der den Verlust (V) seines eigenen Hauptes empfindet (ahtt-ävscfl-ai), s<i möge er sich zu uns pe^Uen.
Wer wird geben Wasser auf mein Haupt und Thntnenquelle (-riY-f|) auf meine Augen (cf. Jerem.l.
auch daß ich weine über die Rotrübnis, welche uns deinetwegen ergriflen hat. O der süße und in seinen
Worten gütige i^angenehme) Kosnui, der C'J'fö? (Bezeichnung des Handwerkes resp. des Amtes), welcher liegt
in diesem Grabe (xäfo?), der Verständige (-lü-^poiv) und in seinem Geschlechte (vsvoct Glänzende, der be-
riilimt ist unter denen, welche (öffentlich) bekannt sind, und der blühend wie eine Rose, indem er ergütil
(tepitetv) in seinem Hause und man sich freut über sein gute^ Wesen.
Plötzlich ein Moment (äfviS-.ov) erfafite ihn auf Refehl (xsXsaai?) Gottes: er vollendete (starb) durch
die Baruiherzigkeit Gottes ohne irgend welche Unruhe (Bestürzung). Seine kurze F^bensdnuer erlosch ge-
schwind, er wurde wie das Gras ()(öpTo;), welches verdorret und dessen Bhnne abteilt (cf. Jes. 40,7\ Er
ließ in großer Betrübnis zurück seine Brüder und ging hinauf zu Gott mit dem Siegel (jipiTi;! des Christen-
72
Josef Strzyguwski.
Rand schmückt, gehe ich hier nicht weiter ein; sie läßt sich ähnlich auch in kop-
tischen Handschriften nachweisen.
Ein zweiter Grabstein gleicher Art in grauem Stein, 0,93 X 0,94 ra groß, findet
sich, aus vier Fragmenten zusammengesetzt, im griechisch römischen Museum zu Alexan-
dria.^ Form und Rand genau gleich dem vorhergehenden, die Palmettenranke ist noch
barbarischer eingeritzt. Das Mittelfeld füllt eine ähnliche Inschrift, datiert in das
Jahr 796.^
Einen dritten (irabstcin dieser Art fand ich als Altarplatte im Kloster Abu Hennis
beim alten Antinoe verwendet. Er nennt eine gewisse Febronia und ist 75U n. Chr.
datiert. ä Ein verwandter Grabstein im Berliner Museum ist viereckig; die Inschrift ist
veröffentlicht von Steindorff (Ägyptische Zeitschrift XXXVIII, 57). Für einen Grabstein
sehe ich auch eine halbrunde Platte aus Kalkstein im Museum zu Kairo (Inventar
No. 35184) an, in deren vertieftem Mittelfelde zwei Oranten, die größere Gestalt weib-
lich, dargestellt sind,
überihnen das Kreuz.'*
2. Der Tisch als
arabischer Grab-
stein. Ich kenne in
Ägypten drei Grab-
stelen von der typi-
schen Form mit ara-
bischen Inschriften.
Einen vom Jahre 1027
in Derr in Nubien,
85 X 85 cm groß. Es
ist der Grabstein einer
gewissen Fatima.^
Einen zweiten in derselben Moschee in Derr vom Jahre 113G,7. Er gehört dem Scherif
Abul Hassan Muhammad. Einen dritten vom Jahre 1259 in der Qaräfah bei Kairo, dessen
A.J.B
SCALE OF FEET
AbbilJun
Koptische Altarplatten.
tums (/f.sTLavöc). — Ein .ledt'i- aber PA), welcher stehen wird bei ihm, bete für ihn, damit er erlange die
Gnade Chiisti.
Er entschlief aber (oi) am 7. des Monats Phamenoth der '.). Indiction im .1. 502 von Dioclelian.
' Abbildung im Bullettino. Dort auch weitere Literatur.
2 Die Inschrift lautet in der Übersetzung, die Carl Schmidt freundlich für mich angefertigt hat: O,
was ist das für eine Trennung! O Gang in die Fremde, weil über (n'/pd) alle Maßen! 0 Fahrt (jtXeEv),
beschwerlich um zum Ufer zu gelangen! Das Meer (a-äXaGocf.) ist breit und seine Wogen sind wild (ä-fpioO,
klein aber (?s) ist mein Nachen {zv-ifoi;), d. i. die Tugend meines Korpers (aü)|xa) und meine kurze Leben.sdauer.
' Die koptische Inschrift lautet nach Carl Schmidt: «Das ganze Leben (^to;) des Menschen gleicht
einem Rauche (xäicvo;) und alle Sorgen dieses Lebens (ßio?) sind wie ein Schatten, der sich senkt. Alle
Werke Gottes sind uncrforschlich und in gerechtem Gericht sind die, welche vor ihm (sc. Gott) sich befinden.
Indem nun (ouv) die Zeit eintraf, daß ich den Körper (3iü|j.a) ablegte, kam über mich seine (sc. des Körpers?)
Furcht, da ich mich zur Erde gewandt nach ''-/.'/.to.) Art meiner Eltern. Gedenke nun (oyv) meiner, der un-
glückUchen (taXaliiujpos) Febronia, möge Gott Erbarmen mit mir haben, die ich entschlief am il. des Monats
Epiphi des Jahres 466 ab (aitö) Diokletian.»
■* Abb. in meinem Teil des Catalogue gen. »Koptische Kunst», S. 102.
^ Die Inschrift lautet in der Übersetzung von C. H. Becker: Deine geringe Magd Fatima, die Tochter
des Husain b. Muhammed b. Ali b, Harun b. Abdallah, verzeihe ihr und sei ihr gnädig. Sie starb in der
Nacht des 22. Ramadan im Jahre vierhundertundachtzehn (418).
Der sigmaförmige Tisch und der älteste Typus des l'iefektoriums.
73
Inschrift den Coraischiten Abd-ar-Rahmäu nennt. ^ Ich habe alle drei Stelen auf
Tafel IV meines Aufsatzes im BoUettino dalmato abgebildet. Hier sei nur eine Photo
grapliif reproduziert (Abb. 2), die ich dem Legationsrate Freiherrn Max von Oppenheim
verdanke. Die Stela hat besonderen Wert, weil sie nicht aus Ägypten, sondern aus
Syrien stammt. Sie befindet sich in der Derwischije Moschee in Damaskus. Mau
sieht den Außenrand mit der Inschrift und den halbrunden Enden unten in der Mitte.
Darin einen zweiten unten jedoch verschlossenen Rahmen, ebenfalls mit einer Inschrift.
Nach Mitteilungen von Max van ßerchem,
dem Bearbeiter der Oppenheimschen Auf-
nahmen, geben diese Inschriften nur Koran-
sprüche. Zur Datierung muß daher die
zweite Platte der Derwischije herangezogen
werden, deren Inschrift leider sehr zerstört
ist. Der Eigenname ist nicht mehr zu
lesen, doch sind die Steine nach den Titeln
471-488 d. H. (1070—1095 n. Chr.) zu
datieren. Die Moschee, in der sie sich
heute befinden, ist viel jünger. Auch die
Ornamente, die in Abb. 2 die Platte um-
geben, haben natürlich ursprünglich mit
dem Tisch, bezw. dem Grabstein nichts
zu tun.
3. Der Tisch als christliche
Altarplatte. Es war oben davon die
Rede, daß der Grabstein der Febronia sich
heute als Altarplatte in ^'erwendung fin-
det. Das ist nicht Zufall. Schon Butler'-'
hat festgestellt, daß solche halbrunde Stein-
platten mit dem unten durchbrochenen
Rande in koptischen Kirchen ganz all-
gemein als Altarplatten \'erwondung linden.
Ich gebe nebenstehend seine Aufnahme
(Abb. 3). Links der Typus, wie er auch
unter den Grabsteinen vorherrschend ist,
rechts die seltenere Form, wie sie in dem
Berliner Grabstein vorliegt, wo das Halbrund nach außen ins Rechteck überführt ist.
Bezeichnend der Querschnitt: das tiefer ausgebettete Mittelfeld mit der im gleichen
Niveau liegenden Otl'nung unten. Ich sah selbst drei oder vier solcher Altäre in Kairo,
einen im Deir Moharag. einen in schwarzer Breccia in der el-IIadrakirche des Deir
Surjani an den Natronseen u. a. 0. Im allgemeinen kann gelten, daß die Altarplatte
entgegen dem Grabstein ohne Inschrift ist. Ich habe daher eine solche Marmorplatte,
die ich im Bestände des ägyptischen Museums in Kairo fand (Cataloguo No. 8700)'
0,71 X0,71in groß, 0,10 m dick, mit einem 0,ti05 m tiefen Mittelfelde aus Aschmuuein
' Bercliem, Corpus inscr. aral).. p. 117. — - The ancicnt coptic churchos of Egypt 11. p. S.
' Slrzygowski, Koptische Kunst, .S. W-2.
Wörter und Siicbou. J. 1**
Abbildung i. Reliel'platte iu A^rr.i;
74
JüSL'l' Strzygüwski.
Stammend, als Altarplatte katalogisiert. Das interessanteste Stück dieser Gattung wurde
in Salona gefunden und befindet sich heute im Museum zu Agram (Abb. 4). Aus Frag-
menten ließ sich dort die Hälfte einer halbrunden Marmortafel zusammensetzen, die als
Ganzes 1,28 m im Quadrat gemessen haben dürfte, der Rand ist 0,1;') m breit. Auf ihm
sieht man in Relief dargestellt acht Arkaden, die wohl auf siebzehn zu ergänzen sind.
Zu erwarten wäre oben in der Mitte Christus. Links von ihm ist noch erhalten Petrus
mit dem Kreuz, rechts dürfte die traditio legis mit Paulus dargestellt gewesen sein. Es
bleiben dann noch vierzehn Bogen. Die Figur hinter Petrus hat im Gegensatz zu allen
Abliilduny ."). Atlio.s. Kl(].ster Laura; Innenansicht der Trapeza.
übrigen keine Rolle in den Händen ; nach der Bewegung der Rechten ist es die typische
Figur des «Zeugen», wie er so häufig auf P^'xiden vorkommt.^ Mau möchte also glau-
ben, daß da die zwölf Apostel mit dem Stifter oder dergleichen dargestellt waren. Dazu
kommt die in der Deutung sichere Jonasszene am unteren Rande: der Walfisch, der den
Jonas ausspeit. Dieser trägt den Ölzweig als Zeichen der Erlösung in der Hand. In
der Ecke ein Kopf; will man ihn deuten, das heißt nicht einfach wie die Akroterien
auf Sarkophagen rein dekorativ nehmen, so ließe sich im Zusammenhang mit der vor-
auszusetzenden Situation, dem Schwimmen ans Ufer, an einen "Windgott denken, der
die Gruppe ans Ufer treibt. Die Platte vertritt dieselbe Kunstrichtung wie etwa die
ravennatischen Sarkophage oder die Elfenbeinpyxiden, d. h. sie stammt wohl aus der
antiochenisch-alexandrinischen Kunstsphäre und gehört etwa dem IV. — VI. Jahrliundert
' Vergl. die Zusammenstellung bei Garrucci, Storia dell'arle cristiana, Bd. VI.
Der siginaföimige Tisnli und der älteste Typus des Refektoriums.
I.J
an. Ich sehe sie wegen ihrer Form und der Ähnlichkeit des Zyklus mit deu Pyxiden
für eine Altarplatte an. Sie M-äre dann wohl die älteste Platte dieser Art, die uns er-
halten ist.
4. Der Klostertisch. .Ms ich im Jahre 1888 den Athos bereiste, war mir das
bisher vorgelegte Material noch nicht bekannt. Ich übersah daher in meinem Aufsatze
im Bullettino dalmato, daß die Trapeza der Lavra Marmortafeln, wie ich sie oben als
Grabsteine und Altarplatten vorgeführt habe, als Speisetische nebeneinandergereiht zeigt.
Erst als ich dem Typus des ältesten
Refektoriums nachging, kam ich auf - .-''''
dieses entscheidende Glied in der vor-
geführten Tatsachenkette. Man ver-
gleiche die zahlreichen Innenansichten
der Trapeza von Lawra in der ras-
sischen Monographie über den Athos
von Kondakov. Ich gebe hier (Abb. 5)
nur eine Aufnahme der Eingangsseite,
in der die Tischform selbst vielleicht
nicht so deutlich ist, wie in den übri-
gen Photographien; doch kommt gerade
hier die Anordnung am deutlichsten
heraus. Man sieht, wie unsere halb-
runden Platten mit dem Bogen nach
der Wand zu auf Untermauerungen
gelegt und durch Bänke getrennt sind,
die immer für zwei Tische zugleich
gelten. A^bb. 6 zeigt eine Grundriß-
skizze des ganzen Gebäudes, die Barsky
(zwischen 1728—1744) angefertigt hat.'
Die Tische sind ganz richtig in der
Form angegeben ; auch ist bei keinem
der nach dem Mittelgange geoll'uete
Rand vergessen. Es stehen diese ge-
drängt in acht Paaren, im ganzen also
It) Tisclie in zwei Reihen, der 17. er-
scheint allein in der Apsis. Merkwürdig ist die Analogie ihrer Anzahl mit der Platte
in Agram, Außerdem aber sind noch einfache Längstische vorhanden in den Ecken
neben der Apsis imd von verschiedener Gestalt in den beiden Querschitfen.
Alitiililung 0.
Athos, Kloster Lawnx: Grundriß der
Trapeza nach Barsky.
an der linken Längswand das Pult des Vorlesers und in der Mitte
Man sieht
die unter Vorantritt
des Ilegumenos abziehenden Mönche.
f). Das Refektorium der dreizehn Tische. Nachdem die Beobachtungen ein-
mal soweit gediehen waren, ließ sich erwarten, daß man bei Erbauung der Speisesale
von Klöstern direkt auf die Form der Tische Rücksicht nahm. Das scheint tatsächlich
der Fall gewesen zu sein bei einer Trapeza, die sich in dem in Ruinen liegenden Kloster
' Nacli de Beyli«!', L'habitation liyzanlino. p. CC,. Vord. .Ion liculifren Zustand Iwi Brockhau«. l>io
Kunst in don Allioskliislorn, S. I!t.
76
Josef Strzygowski.
von Dan bei Mendeli in Attika erhalten hat. Ich gebe (Abb. 7) eine Aufnahme nach
dem Auniial of the British school of Athens IX (1902/3), pl. XV. Man sieht einen
außen rechteckigen Saal, in dessen Wände dreizehn gleich große Nischen, abgesehen
von kleineren, eingeschnitten sind. Eine befindet sich in der Mitte der östlichen
Schmalwand dem Eingänge gegenüber, die andern sind einander paarweise entsprechend
zu je sechs in die Längswände gelegt. Denkt man sich die Tische in die Buchten, so
wird der Platz zwar unbequem und eng, aber gerade diese Rücksichtslosigkeit würde
belegen, daß hier wohl ein gewisser traditioneller Zwang am Werke war. Ein zweites
Beispiel findet sich ebenfalls in Attika vor
den Toren Athens. Es ist die nur im
Grundriß feststellbare Trapeza im Kloster
Daphni (Abb. 8).' Wir sehen wieder den
langen Saal, der (auch außen) mit einer
Apsis schließt. In den Längswänden sind
wie in Dau je sechs Nischen ausgespart,
nur sind es Flachnischen von eckigem
Grundriß. Das Halbrunde der Tische ist
also viereckig ergänzt zu denken, wie das
ja in den Grabsteinen und Altarplatten nacli-
gewiesen wurde. Die Trapeza von Daphni
gehört dem XI. Jahrhundert an, diejenige
von Dau dürfte eher älter sein. Die mit
Daphni etwa gleichzeitige Trapeza des
Klosters Hosios Lukas in Phokis scheint
nach der Aufnahme von Rodeck keinen
Bezug auf das Abendmahl aufzuweisen
(Schultz and Barnsley, The monastery of
Saint Luke, p. 13). Der Grundriß von
Daphni kommt leicht zustande bei ein-
schiffigen Kirchen mit Pfeilervorlagen im
Innern, so z. B. auf Kreta (Gerola, Monu-
ment! veneti nell' isola di Greta II, p. 54).
Es bedarf wohl keines Beweises, daß
diese typische, offenbar schon im Bauplan
vorgesehene Beschränkung auf 12 Tische
mit dem 13. für den Vorsitzenden in der Apsis sj'm bolischen Bezug auf das Abend-
mahl Christi hat. Diese Wendung führt auf den wahrscheinlichen Ursprung der Tisch-
form überhaupt.
6. Der sigmaformige Abendmahlstisch. Im ersten Jahrtausend unserer Zeit-
rechnung galt der Tisch, an dem Christus mit den Jüngern das Abendmahl nahm, für
halbrund. Man dachte sich die Jünger auf dem Sigma, d. h. den halbrund angeord-
neten Gestellen gelagert, mit einem den Tischrand umziehenden Polster, auf das sich
die Apostel mit einem Arm stützten, während sie mit dem andern aßen. Beweis für
diese Auffassung sind die Darstellungen des Abendmahls, soweit sie der Zeit vor dem
' Nach Millet, Le raonastere de Daphni, pl. 11.
■ sm-Ha;; cr-MCfSöTERy:
jo«.;4-*-
—4 — -
Abhilduiig 7. Kloster Dau in Attika: Die he.xa-
gonalc Kirche und das Refektorium mit
13 Tischen.
Der sigmaförmige Tisch und der älteste Typus des Refektoriums.
Jahre 1000 etwa angehören, also z. B. in einem Mosaik von 8. Apollinare nuovo in
Ravenua, auf einer Elfenbeintafel im Dom zu Mailand, im Codex Rossanensis in Ka-
labrien, in dem Petersburger Evangeliar No. 21, in einem Mosaik, das sich einst im
Oratorium Johannes VII. in Rom befand u. s. f.' Ich will dem I^eser hier nur das
Mosaik aus S. Apollinare nuovo vorführen, weil es uns gleich eine weitere Schluß-
folgerung gestattet. In Abb. 9 sieht man in der Mitte den halbrunden Tisch, um-
geben von der sigmaförmigeu Kline. Darauf liegt links Christus, erkennbar an der
Gewandfarbe und dem großen Kreuzuimbus; an ihn anschließend um den Tisch herum
Ih^
PLAN DU MONASTERC
Abbildung 8. .Vtlioii. Kld^ler Oa]ihni: Kinhe uiiil Refektoriuni.
die Apostel. Der Tisch ist durch die beiden großen, auf einer Schüssel liegenden Fische
und die Brote ringsum als Speisetiscli gekennzeichnet. Doch leitet er gleichzeitig auf
den Altar über, weil über ihn die typische Altardecke jener Zeit (Antaug des VI Jahr-
hunderts) gebreitet ist.*
Nachdem ich das Material in dem Umfange, als es mir für die Lösung der Frage
nach dem ältesten Typ\is des Refektoriums nötig erscheint, vor dem Leser ausgebreitet
habe, gehe ich nun über zur systematischen ^■o^f(du■uug der gauzen Entwicklujig —
' Das Material findet sich trefflich zusaniniengcstelll von Dobberl im Repcrtorium fUr KunMwi-sscn-
Schaft XIV, 1751". — - Verjjl. z.B. das Mosaik von .Abel und Melchisedek Iwim Opfer in S. Vitale in Ba-
venna (.Vbb. bei Garrucci a. a. 0. IV).
78
Josef Strzygowski.
soweit sie mir klar zu liegen scheint. Archäologen und Philologen, Sach- und Sprach-
forscher werden im einzelnen wie im ganzen manches anders zu stellen haben. Der
Kunsthistoriker sucht im gegebenen Falle lediglich den Anstoß zu geben, wie er
sonst so oft von Anregungen anderer Wissensgebiete ausgeht. Wenn ich recht verstehe,
will ja die vorliegende, neubegründete Zeitschrift gerade diesem gesunden Austausche
ilienen.
Ausgangspunkt der Entwicklung scheint mir der sigmaförmige Tisch. J)a man
glaubte, Christus halje ihn beim Abendmahl benützt, so begreift sich leicht, daß die
Gestalt dieses Tisches auch auf den Altar überging. Es hat übrigens möglicherweise
nicht einmal des Vorbildes Christi bedurft. Da man noch im 4., 5. und ß. Jalirhundert
auf dem Sigma zu Tische
lag — man lese den Be-
richt über ein Gastmahl bei
Kaiser Maximus in Trier
3S6', ein Mahl, das 4öl
Kaiser Majorianus in Arles
gab'- oder eine ßeschrei-
I lung des Gregor von Tours*
— so muß die zugehörige
Tischform auch damals
noch im Gebrauch gewesen
sein. Liutprand «lag» noch
im Jahre 949 bei einem
Festmahle in Konstanti-
nopel zu Tische.* Da der
christliche Gottesdienst ur-
sprünglich nichts anderes
war als ein Mahl zum Ge-
dächtnis an die gleiche
Feier Christi mit seinen
Jüngern*, so mag die Tisch-
form sich von vornherein als selbstverständlich eingebürgert haben und so aus dem
Tisch allmählich zwanglos der Altar geworden sein. Es ist daher begreiflich, daß man
auf die Idee kommen konnte, anzunehmen, der Altar in halbkreisförmiger Gestalt sei
das primäre und die Urheber der eben genannten Abendmahlsbilder hätten eben diese
Form der Altäre nachgeahmt.'' Dabei wurde auf einen halbkreisförmigen Altar im
Museum zu Clermont hingewiesen. Wie dem auch immer sei, jedeufaüs kann, wie ich
ursprünglich annahm, bei der bis auf den heutigen Tag anhaltenden Behebtheit für
die halbrunde Altarplatte in Ägypten auch mitgesprochen haben, daß der sigmaförmige
Tisch sich vorzüglich für die übliche Aufstellung in einer halbrunden Apsis eignete.
Abbildung 0. Raveiiiw, S. ApoUiiiare nuovo: Mosaik des Abeiidmald'
' Sulp. Sev. de vita beati Martius, c. i23. — - Sidon. A))oll. epist. I, 11.
' Miraculoram lib. I, 80, Maxima biblioth. patrum Lugd. 1077, Vol. XI, p. 852. Vergl. Doljbert, Reper-
torium für Kunstwiss. XIV, S. 186 f; — * Liutprand, Avtapodosis VI, 8.
■'■ Die Religion in Gesibiphte und Gegenwart, S. .51 f. Witting, Die Anfänge christl. Arcbiteklur. S. 74.
<= Roliault de Fleury, La Messe, Rd. I, S. 164 f.
Der sigmaförmigc Tiscli und der älteste Typus des Refektoriums. 79
Wie ist nun rlie Verwendung solcher Platten als Grabstein zu verstehen? Es \nrd
(laljei vielleicht auszugehen sein von der Tatsache, daß in der linken Seitenapsis des
Deir Abu Hennis als Altarplatte die Grabstela der Febronia verwendet ist. Ursprüng-
lich mögen auf Altären, die über den Gräbern oder Reliquien von Märtyrern errichtet
wurden*, ähnliclie Inschriften angebracht worden sein, wie auf Grabsteinen, d. h. die
Altarplattc selbst zum Grabstein gemacht worden sein. Es mag daher in manchen
Gegenden von Ägypten und Syrien Sitte geworden sein, Grabsteinen nach Art der Mär-
tyrergräber die Form einer Altarplatte zu geben. Man mochte glauben, den Verstor-
benen damit ähnlich pietätvoll zu ehren, wie einen -Märtyrer. Die Muhammedaner
werden zu dem Brauche kaum anders als durch Nachahmung oder Verwendung christ-
licher, vom Lager weggekaufter Grabsteine gekommen sein.
Konnte ich bisher nur Meinungen äußern, so komme ich auf etwas festeren Boden,
sobald wir vom Altar und Grabstein weg auf das Refektorium übergehen. Hier handelt
es sich zunächst einmal um den richtigen, rein materiellen «Speisetiscb. Ich glaube nun.
daß einige auffallende Merkmale der oben publizierten Steinplatten sich ausschließlich
aus dieser Bestimmung, d. h. als i'ein praktische Vorkehrungen erklären lassen. Ich meine
damit den Rand und die eigentümliche Art, in der er unten geöffnet ist. Es wird ja
vielleicht auf den ersten Blick scheinen können, als wenn damit die ursprünglich um
den Tiscli herumlaui'ende Polsterung in Stein nachgeahmt wäre. Und tatsächlich mag
die Breite des Randes und seine sanfte Rundung aus diesem Ersatz zu erklären sein.
Aber im allgemeinen handelt es sich doch vor allem um einen Rand für das tiefer-
liegende Innenfeld, auf das die Speisen gestellt und auf dem sie geteilt und verzehrt
wurden. Der Rand sollte verhindern, daß die Reste nach allen Seiten verworfen würden.
Beweis dafür eben die «untere» Öffnung. Ich nahm diese Orientierung von den ver-
tikal aufgestellten Grabsteinen. In Wirklichkeit liegen die Speiseplatten horizontal,
die gerade Seite ist vorn, die gekrümmte Seite hinten zu denken. War die Mahlzeit
beendet, dann kehrte der Diener das Innere jeder Tischplatte ab und fegte die ge-
sammelten Reste durch die vordere Öffnung in einen Korb oder dergleichen. Die Eigen-
art der Platte ist also rein aus Zweckmäßigkeitsgründen unter Voraussetzung freilich
der signiMlVh'migen Gestalt des Tisches zu erklären.
Man blicke nun nochmals zurück auf die .Vbli. 5 und U, die Trapeza in der
athonischen Lawra: die Tische liegen so auf den Untermauerungen, daß die halb-
runde Seite stets nach der Mauer, die gerade mit der Öffnung des Randes nach dem
Mittelgange zu gerichtet ist. Der scheuernde Diener brauchte also nur von diesem
Mittelgange aus an jeden Tisch heranzutreten, um ihn reinigen zu können. Mau sieht,
wie praktisch die Refektorien eingerichtet waren. Die tj-pische Grundform wird die
sein, daß die Breite des Saales und seine Länge Rücksicht auf die erforderliche Menge
solcher Tischplatten mit der zugehörigen, nach zwei Seiten zu benutzenden Bank nimmt.
Ich verstehe jetzt, warum die alten Refektorien immer so auffallend schmal, dafür aber
überaus lang gebildet sind. Ich führe als Beispiel den endlos laugen Saal im Schenute-
kloster bei Sohag an, das wohl noch aus dem Anfange des V. Jahrhunderts stammt-,
oder den Saal des Kaiolingischcn Klosters zu Münster in Graubüuden', der in beiden
' Vergl. Lucius, Die Anfiiiifre des Heiligenkultes, S. ü'i.
- firundiiß bei de Bock. Materiaux pour servire a l'arch^olopie de l'Egj-pte cliretienno. p. 4'.».
'■' Zeiiip, t)as Kloster Sl. Johann zu Münster, S. 17, Kunsldenkm'der der Schweiz. XK.. V VI.
80
Th. Bloch-Kalkulta.
Fällen sich die ganze Länge der danebenliegendeu Kirche entlang zieht und wie ein
langer Gang aussieht. Im Schenutekloster ist der Saal auf ca. 57 m nur 8 m breit,
in Münster auf 19,60 m (ohne Apsis) nur 4 m breit.
Eine feste Gestalt in Länge und Breite gewann der Speisesaal nur dann, wenn
er — was als Ideal angestrebt worden sein dürfte — symbolisch Bezug nahm auf das
Abendmahl Cliristi, also zwölf Tische in Paaren zu je sechs an den Längswänden,
den dreizehnten für den Vorsitzenden für sich in der Apsis anordnete. Die beiden
Trapezen der griechischen Klöster in Dan und Daphni geben dafür Belege. Es lag
=05
-^^
R
i>
Alihililuni,' 10. Baurili von Sl. (iallcii:
Refektorium.
Alihilduiig II. Baunß von St. Gallen: Schema des Refek-
toriums beiWeKlassung der beweglichen Bänke nach Meringer.
nahe, zu suchen, ob nicht auch im Bauplan von St. Gallen ein Bezug auf diesen Ideal-
plan vorliegt, bezw. ob er sich überliaupt in die vorgeführte Entwicklungsweise ein-
ordnen läßt. Obenstehende Abbildung 10 gibt seinen Grundriß. Gleich das Verhältnis
von Länge und Breite zeigt, daß der Entwurf abweicht, obwohl das Kloster Münster
den Bestand der alten orientalischen Tradition für die karolingische Zeit zu verbürgen
scheint.
Auch die Dreizehnzahl der Tische scheint im St. Gallener Refektorium nicht mehr
gewahrt zu sein. Aber wir konunen sofort auf diese Zahl, wenn wir — wie R. Meringer
meint ~ die auf dem Plane gezeichneten U- und F-förmigen Tische für zusammen-
gerückte Komplexe erklären und sie auflösen, wie Abbildung 11 zeigt.
■ ■
Über einige altindische Götternamen.
Von Th. Bloch -Kalkutta.
I. Visnu, der Sonnengott.
Wie andere Völker des Altertums, stellten sich die Inder die Sonne unter dem
Bilde eines Vogels vor, der am Himmel dahinfliegt. Suparno amjä Savitiir garittmcm
pih-vo jatäh: «der schön befiederte Vogel ist der ältere Bruder der Sonne», lieißt es im
Rig-Veda X, 143, 3 (siehe P. W. unter ganUmant). Wir werden daher kaum fehlgehen,
wenn wir dem Namen Vmin von einer aus vi «Vogel» zu erschließenden Wurzel vi
«fliegen» ableiten, gebildet mit dem Suffix -.s»//, das hier, wie in jisnü «siegreich»,
olqJcarisnü «putzsüchtig» usw. den Verbalbegriff verstärkt. Visiiti, der Sonn->nvogel,
ist der schnell dahinfliegende, der in einem Tage das weite Himmelsrund durcheilt.
Die Verschiebung des Akzents auf die erste Silbe des Namens zeigt, daß man schon
über einige altindische Götlernamen. Hl
in vedischer Zeit den Sinn des Wortes vergessen hatte; nach der Analogie von ji.ynii
usw. müßten wir *visn/'( erwarten.
Die eben angezogene Stelle des Rig-Veda lehrt uns noch mehr. Der «schön be-
fiederte Vogel» ist ja nicht mehr die Sonne selbst; er ist nur ihr «älterer Bruder» {pürvo
jiitäh). So ist in der indischen Kunst gleicherweise aus dem Sonnenvogel Vihm ein
Mensch geworden, anderen Menschen ähnlicli, bis auf die vier Arme, mit denen er
meistens dargestellt wird. Seine ältere ^'oge]gestalt dient ihm jetzt nur als Reittier:
der Vogel Garuda, auf dem Vihin dahineilt, ist in Wirklichkeit ein älteres Bild des Gottes
sel})st, das Bild des Sonnenvogels Visnn. Wir können, die Anthromorphisierung dieses
Bildes noch deutlich verfolgen. Gariida wird bekanntlich als Vogel mit einem Menschen-
kopf dargestellt. Woher dies? Ich denke, die Erklärung bietet sich von selbst dar;
man braucht nur an die zahlreichen Analogien bei anderen Völkern zu denken, auf die
z. B. Meringer neulich hingewiesen hat, um sofort alles zu verstehen. Das S3'mbol
der Gottheit, in diesem Falle das Bild eines Vogels, erhält zunächst einen menschlichen
Kopf, und dieses Bild bleibt auch dann noch erhalten, als man den Gott in mensch-
licher Gestalt abzubilden sich gewöhnt hatte. Der Inder ist jedoch konservativer, als
andere Völker in ähnlichen Fällen waren, und so kommt es, daß schließlich der Mensch
gewordene Gott Vtinn auf dem Tierbilde reitend dargestellt wird, unter dem man ihn
früher abzubilden pflegte. Die gleiche Erscheinung werden wir weiter unten bei Sita
wiederfinden.
Wir verstehen nun auch den .Mythus von der Feindschaft Garudas gegen die
Schlangen. Es ist die alte Sage von dem Kampf des Lichts gegen die Dämonen der
Finsternis ; denn, wie ich eben zu zeigen versucht habe, war ja Ganidn ursprünglich
Vii)iu selbst, also die Sonne. Schwieriger dagegen scheint mir die Ilerleitung des Namens.
Das Nirukta erklärt das Wort gdrudit aus garana «verschlingen», und diese Deutung
will mir iinmerhin die ansprechendste scheinen, weil sie sich mit den mythologischen
N'orstellungen am besten vereinen läßt. .Allerdings ist Yus/.k, der Verfasser des Nirukta,
einer der gefährlichsten unter jenen etymologisierenden Mythologen, deren Künste heut-
zutage kaum Beifall finden werden. Das indische Wort garuf «Flügel» dürfte wolil, wie
das P. W. schon bemerkt, fälschlich aus gunifiiKuii erschlossen sein. Daher hat eine
spätere indische Etyniologie des Wortes garndn. nämlich: «der mit den Flügeln fliegt»
{ganidbliir dayaf{\ von dl «fliegen»), kaum etwas Überzeugendes an sich, während bei
der Herleitung aus g'iräti «verschlingen» nur das Suffix -iidu befremdet. Ähnliche Suffixe
finden sich jedoch schon früh in Wörtern aus der Volkssprache, und von daher mag
auch das Wort mit der Vorstellung des den Dämon der Finsternis verschlingenden
Sonnenvogels sell)st in das Sanskrit eingedrungen sein.
Wir kennen nun weiterhin noch eine Anzahl anderer Namen J'/Vhm'.n-, die seine
Sonnen -Natur deutlich verraten. Ich sehe dabei von Wörtern, \\\c trivikra ab; hier ist
die zugrunde liegende, mythologische Vorstellung wohl zur Genüge bekannt. Interessanter
sind jedoch Namen wie hai/ahrali, liayuiiiukha «mit einem Pferdekopf versehen», auch
liar/lnii/ii, «falbe Rosse habend», ein Name, der, wie es scjieint. oi-st von Indra auf VisHii
übertragen wurde. Hier liegt das Bild des Sonnenrosses zugrunde, das man in Indien
ebenso wie in europäischen Ländern verehrte und als Opfergabe aufzustellen pflegte.*
Diese Sitte hat sich in Indien bis auf den heuligen Tag erhalten, um! ist von den
' Siehe Soiiliu.-; Miilloi-, l' rsiescliichto Kiuop.TS, p. IUI.
Wörter und Sachou. 1. n
82 Tl). Bloch -Kalkutla.
Hindus auf die Muliamniedaner übergegangen. Bei jedem Grabe eines nmhaninu'da-
uisclien Heiligen in Indien kann man eine An/.abl kleiner, tunerner Pferde aufgestellt
finden, über deren Bedeutung die Leute selbst sich kaum klar zu sein scheinen. Sie
sagen, die Tierclien sollten dem Heiligen als Reittiere dienen (J'ir hl sawurj, nennen sie
es). Die tönernen Pferde erinnern in ihrer Form auffallend an das von Sophus Müller
(1. c. Fig. 97) abgebildete ^"ütivpferd aus Bronze, «wie solche in Olympia, wo man sie
im heiligen Haine als Opfergabe aufhängte, massenhaft gefunden worden sind». Daß
wir in Indien diese Sitte gerade bei den Muhammedanern, besonders im östlichen
Bengalen und auch sonst, so stark verbreitet linden, erklärt sich daraus, daß jene
Muhammedaner Konvertiten sind, aus den unteren Schichten iler Bevölkerung Indiens.
Hier waren volkstümliche Sitte und volkstümliche Religion zu Hause, und blieben uns
erhalten auch späterhin, als jene einfache F'ischer und Ackerbauer sich zu Allali und
seinem Profeten bekannten.
Außer dem Pferdekopf ist es auch sein langes, strupj)iges Haar, das Msiin von
seiner Abstammung als Sonnengott lier beibehalten hat. Jetzt verstehen wir es daher,
warum er /{cMra «behaart» und Jniikeh «mit struppigen Haaren» heißt. Die Haare
sind der Strahlenkranz, der dem indischen Helios verblieben ist. Auch die Sage von
dem Aufenthalt Vimu's im Meere wird 'nun klar. Im Mahabhnrata, Siintiparva», 339,
59, 60 sagt Visnu von sich: aJiq Juiyastra hhütvu samudre paieinioüare pihoiti siihutq
havyq kavyq ca' Sroddhay- nncifam. «Als der Gott mit dem Pferdekopf verzehre ich im
nordwestlichen Meere richtig geopferte, mit frommem Sinne dargebrachte Opferspeisen
für Götter und Manen.» Im nordwestlichen Meere taucht die Sonne des Abends unter;
hier bleibt sie während der Nacht, und in der Nacht erhalten (he Fürs, die Geister
der Verstorbenen, ihr Jcavya, ihre Opferspeise. In unmittelbarer Nähe des Meeres steht
noch heutzutage einer der heiligsten Tempel Visnu's: es ist der bekannte Tempel des
Gottes Jaijunnath, des «Herrn der Welt», in Puri, in Orissa. Die Inschriften, die sich
auf seine Erbauung beziehen, lassen keinen Zweifel darüber, daß dieser Tempel von
Anfang an als ein Aufenthaltsort für den «Meerbewohner» Vi^mi gedacht wurde, und
samuäfüdli'nasa bleibt einer der vielen Beinamen dieses Gottes.
Auch die Abzeichen, ciliua, che Visnu. in der bildenden Kunst trägt, erklären sich
ohne weiteres aus seiner Sonnennnatur. Da ist zunächst das Rad (caJcra), jenes uralte
Symbol der Sonne. Ferner die Lotusblume (padnio), das Symbol der lebenerweckenden
Kraft des Himraelslichts ; bekanntlich wird in der indischen Kunst der Sonnengott selbst,
Sarya, mit zwei Lotusblumen dargestellt, die er, in jeder Hand eine, hält. Auch die
Keule (gada), statt der Viiiui in älterer Zeit, wie es scheint, gelegentlich ein Schwert
trug, wird nun verständlich: es ist die Waffe, mit der der Sonnengott Visnu den Dämon
der Finsternis tötet. Das Gewand Visiju's ist von heller, strahlender Farbe; er heißt
intamhara «mit gelbem Gewände». Aber seine Hautfarbe ist ja dunkel, schwarz; wie
paßt das für einen Sonnengott?! Ich glaube, daß hier die enge Verschmelzung Visnu s
mit den beiden indischen Nationalhelden, wenn man sie so nennen darf, Brnna und
Krsiia, zur Erklärung herangezogen werden darf; diese zwei Lieblinge des indischen Volks
haben den Sonnengott Visnu schwarz gefärbt, wenn ich uiich so ausdrücken darf. Sie
brachten die dunkle Hautfarbe von Haus aus mit sich, und so verlor die indische Sonne
« Visnuy> ihren Schein.
Dies bringt mich schließlich noch auf die Lehre von den uratäriis, den Inkarnationen
über einige altindische Götternamen. 83
Viiuit's. Ich gebe gern zu, daß man eine Reihe indisclier Lokalgottheiten dadurch
populär zu machen suchte, daß man sie als antffuas Visint's auffaßte. Eine der letzten
Adaptionen dieser Art ist vielieiclit der bei<annte indische Reformator Caitnuya, der im
15. Jahrhundert unsrer Zeitrechnung im nordüsthchen Indien lelirte. Er wird heutigentags
vielfacli in Bengalen als eine Verkörperung oder Menschwerdung Vimus verehrt. Die all-
gemeine Idee des Wiedergeborenwerdens, die den uvulnras Viinu's zugrunde liegt, paßt
jedoch nur für einen Sonnengott. Sie ist dem Bilde der Sonne entlehnt, wie .«ieTag für Tag
neu erscheint, um das Dunkel der Nacht zu versche.-.chen : ebenso ist Viinn zu neun Malen '
— nach der orthodoxen Auffassung — auf die Erde herabgekommen, um die Dämonen
zu vernichten, die dem Dunkel der Nacht entstannnen.
2. Rudra-Siva.
Wenn Visnu, der Sonnengott, zuen^t unter dem Bilde eines Vogels dargestellt wurde,
so begegnet uns Bndm, der Gewiltergott, in der indischen Kunst zunächst unter dem
Bilde eines Stieres. Wir gewinnen damit zugleich die richtige Erklärung des Wortes
rudrä. Es ist von rud, rodHi «jammern, heulen, weinen» herzuleiten. Der Donner
der Gewitterwolken wurde von den Indern als das Brüllen des himmlischen Stieres
gedeutet, und so kommt Rudra-Siva zu dem Bilde eines Stieres. Wir kennen dieses
Bild schon aus alter Zeit, wo es uns neben anderen Tierbildern indischer Gottheiten
begegnet. Ich möchte hier nur darauf aufmerksam machen, daß man auf der Rückseite
der Münzen einiger Arsakiden-Küuige des rartherreiclies das Bild eines indischen Stieres
mit dem charakteristischen Höcker findet. Diese Münzen waren entweder in Indien
selbst oder in angrenzenden Ländern geprägt, und das Bild des indischen Höcker-Stieres
«EMdraSiva» sollte ihnen auf dem indischen Markt Eingang verschaffen. Liegt doch
der Sitte, Götterbilder auf der Rückseite der Münzen zu prägen, in Indien wohl auch,
wie anderswo, der Glaube zugrunde, daß die Gottheit für die Echtheit und Güte der
Münze Gewähr leistet, auf deren Rückseite man ihr Bild geprägt hat.
Wie ]'iini( sein altes Bild als niJntna, oder Vehikel, beibeliält, auch in späterer Zeit,
als man ihn selbst als Menschen darstellte, so reitet bekanntlich Biidrn-Siva auf seinem Stiere,
Na)idin genannt. Wir verstehen von seiner Gewitternatur her auch am besten die
doppelte Natur seines Wesens, die sonst so widerspruchsvoll erscheint. Wie konmit es,
daß der Gott der Zerstörung, Biidra-Siva, unter dorn Symbol der Fruchtbarkeit, dem
Imya, oder Phallus, verehrt wird? In Indien ist es die Gewitterwolke, die alljährlich
das befruchtende Naß dem verdorrenden Lande spendet. Wie der griechische Poseidon,
trägt Sird den Dreizack, trisida, das Symbol ties wolkenzerreißenden Blitzes. Seine Farbe
ist weiß, und auf den Bergen, hocli oben im Himalaya, ist seine Heimat, denn von
dort kommen die Gewitterstürme auf die nordindische Ebene herab. Wir verstehen
es nun auch, warum Biidni-Siva sich mit dem anderen indischen Gewittergott, Indra,
nie gut vertragen zuhaben seheint. !'/>//«, der Sonnengott, war Indra. ■< älterer Bruder;
er heißt daher l'jiemlra. Ihtdra-Sira dagegen war /»rf/a's Konkurrent. Die Buddhisten
fanden liidra und Visiiii im ^'olksglauben friedlich vereint und gesellten beide Buddha
als stänilige Begleiter zu; Sira dagegen adoptierten sie erst viel später, und machten
aus ihm LoJcisvara oder ArnlokUc-^rara, den Herrn der Welt.
' Der zehnte Avatara l'i.j(iMs al.s Kalkin steht bekannüicli noch auü.
II«
84' Leopold Wciigcr.
Ich entsinne mich einmal, als ich im Winter auf einer Reise von einem anhaltenden
liegen überrasclit wurde, wie er im nördlichen Indien im Januar mehrere Ta2;e hindurch
regelmäßig anzudauern pflegt. Als sich des Abends meine Leiden Zeltwiichtcr vor dem
Eingang meines Zeltes niederkauerten, hörte ich, wie der eine zum andern sagte: äj
JSfaiuhh'v In harn diu hui «heute feiert JSIahniJcr (Siva) sein großes Fest». So begegnet
man der alten Vorstellung von liiidraSird, dem indischen Gewittergott, der den Regen
spendet, noch heutigentages im Glauben der einfachen Bewolnier des nordindischen
Flachlandes.
Wenn für Bnära, den indischen Gewittergott, späterhin der Name Siva «der
Freundliche» aufkoamit und dann bald allgemein wird, so haben wir darin eine sehr
bezeichnende und interessante Analogie zu solchen Redewendungen, wie sie Meringer
neulich aus den österreichischen Alpen belegte: «wenn doch der liebe Wind aufhören
möchte» u. ä. Man will dem Gewittergott liudra schmeicheln, indem man ihn 6iva
«den Fi-eundlichen» nennt. Aber nur der Name verändert sich; sein Wesen bleibt auch
als Siva das eines blutdiu'stigen Zerstörers.
Sprachforschung und Rechtswissenschaft.
Von Leopold Wenger.
Wem die Bedeutung der Sprachforschung für die Rechtswissenschaft ein selbst-
verständlich Ding ist, für den ist dieser Aufsatz, der ihm nichts Neues bringt, nicht
geschrieben. Ich sollte mich freuen, wenn es recht vielen Gelehrten in beiden Lagei'u
so ginge. Aber sie mögen dann ein gutes Wort an gutem Orte verzeiben: ein Wort,
mit dem ich am ehesten den Tendenzen der Redaktion dieser neuen Zeitschrift gerecht
zu werden glaube, die auch den Juristen zur Mitarbeit freundlich auffordert; und dies
Wort ist denn wieder einmal: Weg mit den Fakultätsschranken! Nicht daß jeder dort
hineinpfuschen soll, wo er nichts zu sagen hat, weil er nicht auf dem Gebiete gearbeitet,
aber nicht fremd oder gar feindselig und geringschätzend, nicht einmal irgendwo gleich-
gültig soll er der Arbeit des Kollegen zusehen , weil dessen Amtstalar andere Farben
hat. Ich will aber kein Klagelied anstimmen , sondern auf positive Arbeit verweisen,
die Sprach- und Sach-, diesmal rechtshistorische Forschungen fruchtbar vereinigt.
In der letzten Zeit hat namentlich Meringer verschiedene Anregungen gegeben.
Wieviel Material steckt in der Aufsatzreihe: Wörter und Sachen.' Mit Vergnügen er-
innere ich mich aus der schönen Grazer gemeinsamen Arbeitszeit, wie er mir einmal
lex als die Legung, Festlegung, Bindung^ auseinandersetzte und wie er sich freute,
da ich ihn auf Moramsen, Staatsrecht III, .SOS, Anm. 3 und 4, hinweisen konnte, wo die
auf sprachforschendem Wege gefundene Bedeutung von /('./• = «Bindung im privaten
Vertragsrecht und im öffentlichen Rechte» vorgetragen ist, eine Bedeutung, die jetzt von
den Juristen wohl ziemlich allgemein angenommen wird. In solchen Fällen gilt nicht
bloß, daß doppelt genäht besser hält, sondern da ist von verschiedenen Wegen her das-
selbe Ziel gefunden: es ist das, was man die mathematische Gegenprobe nennt. Wer
' Indog. Forschungen, in Bd. XVI— XIX und XXI. — - ]. F. XVII, S. 144.
Sprachforsclmiig iiiid Rechtswissenschaft. 85
den Artikel Reclit in Schraders Reallexikon der indogermanischen Altertumskunde
durchliest, der sieht sowohl, wieviel du schon erarbeitet ist, als auch, was da nocli
alles aussteht: bei /'a.s und j«s , bei lex und jus, bei i>£[n?, oiy.q, vö(j.o; — um bei deu
Römern und Griechen, wie es mir ziemt, stehen /u bleiben. Kann der Jurist nicht
olnie Sprachforscher erkliireii, so auch dieser nicht ohne jenen.
Für Jks stellt ScJirader unter Heranziehung \onjiirarr die Bedeutungsentwicklung
auf: «Reinheit von Schuld (aw. i/aos), Mittel zur Reinheit von Schuld zu gelangen,
Reinigungseid (lat. jus in jiiriirc), Ueinigungseid im Rechtsgang, Rechtsgang überhaupt,
Recht» (S. 657). Ähnlich denkt auch J. Schmidt (bei Mommsen, a. a. O. 310).
Einen ganz anderen Weg schlägt Meringer ein, der ^'«.s- zur Wurzel *jii cbinden, an-
jochen» stellt, zu jüngere, Ceü^vd]!!. Vom rechtshistorischen Standpunkt aus betrachtet,
leuchtet mir Meringers Erklärung viel besser ein. Vollends die Bedeutungsreihe bei
Schrader widerspricht der Auffassung, die wir uns vom Recht machen. Wollte man
Schraders Reihe akzeptieren, so müßte man das Recht einseitig vom Gesichtspunkt
des Beklagten im Zivil-, des Angeklagten im Strafverfahren aus besehen. Gerade so
wie Reinheit von Schuld kann auch Vorhandensein der Schuld Recht sein. Ja,
denken wir nicht bei «Recht des X» in erster Linie an eine Berechtigung, nicht aber
an seine Freiheit von Schuld? Der Berechtigung des X steht aber die Verptiichtung
des Y entgegen, nicht dessen «Reinheit». Auf dem von Schrader gewiesenen Wege
der «Reinheit von Schuld» kommen wir nicht zum Rechtsbegritte. Daß dagegen aw.
yaos «rein» nicht aus der Kombination ausgeschaltet zu werden braucht, da der sprach-
liehe Zusammenhang wohl gegeben ist, hat Meringer schon beobachtet. Daß die her-
kömmliche Bindung als rein gilt, das begreift sich viel leichter. Das Reine muß vor
Verfäl.schung bewaiirt bleiben, ganz gleichgültig, ob der (Gläubiger das Recht hat nder
der Schuldner, der Verletzte oder der Verletzer. Das stimmt dann aber auch vortreff-
lich zum sachlichen X'crhältnis von le.r und ;'/(.s-. Lr.r die Bindung, jus der durch
Bindung (Gesetz oder Gewohnheit) erzeugte Zustand des Gebundenseins. Uralt ist die
Trennung von göttlichem und weltlichem Recht, von fas und jus. Bei jenem liegt der
Hauptton auf der Heiligkeit und Reiidieit, bei diesem aber auf dem Zwange aller zur
Rechtsgemeinschaft A'erbundencn. Wie das cnnjiKjiuni die Ehegalten, so bindet das jus
die Rechtsgenossen aneinander. Aber hier wie dort steht hinter der Bindung auch der
Zwang gegen den, der sich davon lösen will. Beides, Bindung und Zwang, vermittelt
das Joch. Meringer' fragt, ob das Joch ein Symbol der Ehe gewesen. Die Frage
ist bei den Rechtshistorikern schon viel verhandelt. Mir scheint es sehr naheliegend,
an diese Etymologie von conjuijiKin zu denken. Lei st* nennt sie freilich mißverständ-
lich mul führt fo)iju(/iiiiii und ouCuvia auf den alten griikoitaliischen Brauch des Sitzeus
dos Braut|iaarcs auf zwei durch ein Tierfell verbundenen Sesseln (,s<7/(7s duas juijofas
orili pelle bei Serv. ad Aen. 1\', 374) zurück. Dies oder die Vereinigung der Hände
scheinen mir aber doch eher als spätere symbolische Akte zum Zeichen der Vereinigung.
Sinnlicher und darum ursprünglicher scheint mir die Jochgemeinschaft als Recht so-
wohl als auch als Ehe. Jus und eniijugiuw zusammenzustellen, gemahnt an eine anders-
sprachlichc Parallele zwischen Recht und Ehe. t'Aca (ahd.) ist beides: Gesetz und Ehe.*
«Recht» ist der aufgerichtete Bau {erigere. op^^stv, «senkrecht stellen»).* Die Balken
' I. F. XVllI, S. -IW. AniM. I. — - Altarischcs Jus Uentium, S. 158 f.
» Meringer, I. F. .Will, S. Ü'.».j. — * Meringer, I. K. XVll, S. 143; XVllI, :>. i'M.
S(j Leopold Weuger.
siud zunäclist roh und uiibehaueu. Diese Uiibilde (Unbill) mag den Bau nicht gerade
verscliunen. sie mag den Bau liäßHcii machen, aber sie niaclit ilm nicht unrecht. Un-
recht aber ist der Bau, auch wenn ein geglätteter Baiken die Bicbtlinie verläßt. So
treten Unrecht und Unliill einander gegenüber, inJHStuui und ii/iijnutii. Die entsprechen-
den positiven Gegensät/.e sind aber Recht und Billigkeit, jus und aeqnitas, das Auf-
rechte und das sich Fügende. Saclilich steht es nicht anders. Starr aufrecht steht das
strenge Keclit, die Billigkeit glättet seine Härten. Fug ist das Ineinanderfügen der
Balken — ein Bild vom Bauhandwerk.* Ich kann auch hier wiederum Meringer nur
Recht geben.
Für die griechischen Wörter ist nunmehr viel Material und noch mehr neue Arbeit
liinzugekommen mit Hirzels Buch: Themis , Dike und Verwandtes (Leipzig 1907).
Fangen wir gleich mit der Themis an i;nd sehen wir, wie da energische Sacharbeit die
Sprachforschung befruchtet. Wir alle^ glaubten, daß dqiic kaum etwas anderes als
«Satzung» bedeuten, sprachlich kaum anders als mit T[&Y);xt zusammenstehen könne.
Die Wurzel 9-s ist vom Altertum her für äi[j.i? in Anspruch genommen worden. Folgen
wir dementgegen zuerst Hirzels Sachforschung. «Guter Rat war die Bedeutung des
Wortes deij.'.?, als die Göttin anfing, aus ihr im Geiste der Griechen emporzusteigen,
und diese Bedeutung, da sie an dem Worte haftete zu einer Zeit, die über alle litera-
rische Überlieferung zurückreicht, hat uns y.unächst als die erste und ursprüngliche zu
gelten. 5 So Hirzel zusammenfassend (S. 19). Der Rat wird leicht zur zugreifenden
Tat. Rat und Tat gehören nicht bloß in der Sprache zusammen (S. 14, 28 f.). Aber
wenn der Rat auftritt im Namen der Götter, so bewegt er den Beratenen stärker als
irdischer Rat. Die Autoiität des Ratenden kann den Rat für den Beratenen zum (je-
setze machen. CinisiliKin und lex sind zu Unreclit als Gegensätze zugespitzt worden,
jener geht unschwer in dieses über (S. 37^). Ist d-s\i.<.<; der Rat, der den Willen der
Gottheit zum Ausdruck bringt, so ist die Nähe von «Gesetz» ohne weiteres gegeben
(vergl. S. 41). Die öejj.t? ist der Rat für eine bestimmte Situation, aber wenn sich diese
Situation wiederholt, wenn aus der Besonderheit des einzelnen Falls und über dieser
die allgemeine von Zeiten und Individuen abstrahierende Regel erscheint, dann wird
leicht aus dem von göttlicher Autorität gedeckten Rate ein für alle Fälle dieser Art
geltendes «Gesetz»: ein ungeschriebenes Gesetz, der Jurist würde lieber von Gewohn-
heitsrecht sprechen — aber wir wissen ja, daß auf primitiven Stufen beide ineinander
übergehen. Die opinio necessitatis erkennen die .Juristen als das Movens, das die lange
tatsächliche Übung zum Recht verdichtet Aber wer erinnert sich, wenn er einmal
römische Quellengeschichte gehört hat, bei der Entwicklung der ddfitc aus dem ein-
maligen, dann in gleicher Situation wiederholten göttlichen Rat zum allgemeinen Gesetz
nicht der ganz gleichartigen Entwicklung, die vor unserem Auge sich vollzieht, da aus
dem Rate des Princeps auf Anfragen von Partei oder Richter, gegeben für den einzelnen
Fall zur Darnachachtung beim Urteil, sich das allgemein gültige Gesetz herausbildet —
m. a. W., wer gedenkt nicht der responsa als Abart kaiserlicher Konstitutionen? Der
parallele, so viel spätere Entwicklungsgang des rein weltlichen Rechts vermag jene Hypo-
these über die Tliemis nur zu stärken. Wie reimt sich nun aber zu &s\ii(; = «guter
' I. F. XVIII, S. 285 und 295.
^ Vergl. etwa Meringer, 1. F. XVII, S. l-i5. J. Sclnnidl, hei Momnisen, a. a. 0. 308 f.*.
Seil rader, Reallexikon, 6.j6.
Spracliforacliuiig und Keclitswissenschaft. 87
Rat» die sprachliche Frage? Geht ä-e[i.t? vom Rate aus, so kjinn das Wort sprachlich
nicht zu v.&ho.i gehören. Tlirzel weiß Rat. Auch sprachlich soll alles klappen.
ÖEjj.;? ist nicht auf die Wurzel ds-, sondern auf i>=[j- zurückzuführen. In leisem Drange
drängt die Welle das Schitt' des Odysseus: €-s^.o>^£ (Od. IX, 486). Der Rat, das leise
oder stärkere Drängen, im einen oder anderen Sinne zu handeln, das ist die di|i'.?.
Dieser Drang personifiziert sich zur Ciottheit. Und wirklich: Hat, consUiiim . ßooXvj ist
auch Bezeichnung geworden für die Körperschaften, die zunächst den Rat erteilen, so
zu handeln, wie sie es für gut halten (S. 56), die dann aber auch die Möglichkeit
haben, ihrem Rate Nachdruck zu verleihen, so wie dies ehedem Zeus konnte, wenn er
dem Sterblichen etwas anriet. Hirzels Deduktionen kann die rechtswisseuschaftliche
Sachforschung, wie ich glaube, akzeptieren. Wird die Linguistik die neue Wurzel für
i>s'(ii? gelten lassen? Mit ihr steht und fällt freilich die ganze Ausführung. Aber
Hirzels sachliche Position ist, soweit ich' prüfte, stark genug.
Und nun von der ö-sij.;? zur 0'l/.-/j. Seh rader'' sieht in ihr wie herkömmlich die
Weisung (Sstxvojit, dico). Aber auch hier führt Hirzels Sachforschung in andere Rich-
tung. Dike ist danach die strengere Tochter der Themis. Sie ist Recht, und zwar
strenges Recht und kommt erst auf Umwegeu zur Bedeutung ^Sitte». Wenn die Dike
aber nicht aus der Sitte herausgewachsen ist, so kann die Etymologie nur anderwärts
gesucht werden, als dies eben geschah. Die sachlichen Bedenken lassen eben an der
Richtigkeit der sprachhchen Erklärung zweifeln, und diese Zweifel führten Hirzel zu
einer anderen Etymologie. Der Stüli des Richters weist auch uns hier zu, wie ich
glaube, richtigerer Deutung. Nicht zu Sj-.xvüva! stellt sich SixTrj, sondern zu o:/.=:v — wie
Träa-Tj zu r7.i>£iv, iii^Ti zu |j.a&etv — als Wurf oder Schlag oder auch ein Ausstrecken des
Stabes. Und da sind wir wiederum bei der sinnfälligen Handlung. Der Stab dient
dem Richter, dem Kampf- wie dem Friedensrichter, um die Streitenden zu trennen
(xfAVitv), die beiden zunächst körperlich auseinanderzuhalten, mit dem Stab zwischen sie
zu treten, und wenn es nottut, damit dreinzuschlagen (S. 91 ff., 93). Das ist 5tx=?v, und
das Recht, das dreinfährt, ist die oty.Tj.
Am sichersten sind wir beiui vö[io?. Das Wort gehört zu vsjis'.v «zuteilen». Wie
vo[iö? der Weideplatz, Wohnsitz, weiterhin Gau, so ist vöiio; die Zuteilung von Grund
und Boden, Bezirk, in dem das viu.='.v staltgefunden, der Gesetzesspreugel, das Gesetz.
So Meringer^. Das wird durch Hirzel nur bekräftigt. Bezeichnend ist da besonders
die Beobachtung, daß der Grieche bei vö;j.oc die Nebenvorstellung eines Gebotes hat.
«das unmittelbar nicht dem gesamten Staatskörper, .sondern einzelnen Gliedern desselben
galt» (S. l'J'J). An den vö[j.oc ist von Anfang an die seinem \\'esen entsprechende Vor-
stellung geknüpft, «daß die betreffende Satzung oder Sitte einer bestimmten Klasse von
Wesen als eigentümlich zugeteilt war» (S. 200, N. 2 ex 199 a. E.). Wir erinnern uns
da sofort an das Smnn cui(iur. Es ist die justitiit distribiitira, deren Walten wir erkennen
(vgl. Hirzel, S. U)5). So wie das Justinian seine Institutionisten lehrt und wie es seit
ihm dem jungen Juristen in den ersten Lehrstundeu immer rezitiert wird: JustUia est
consfdiis rt jurjH'f/ia rnlKiitas jus sintiii ciiiqiif frihitciis (Inst. Just. I. 1. pr.K Der ganze
Satz liegt im Worte voaoc, <las den Lateinern und uns fehlt.
' Zustimmeiul, wie ich mit Verimügon konstaticifii kann, jrtnjTslens audi Ral>el in seinem schönen
Referate über Hirzel in der D. Lit. Zeitschrift vom U. XI. 190S, 2933— ö,
- Reallexikon, S. Oöti. — » J. K. XVIII, S. ^SS f.
88 Leopold Weiiger.
Ich will bei diesen Proben aus Hirzels Buch stehen bleiben, wieviel auch da
noch Erörterung und Besprechung verdiente. Wo und wie der Jurist noch weiterbauen
muß, hat Kabel in seinem jienannten Referate gezeigt. Wie weit die Philologen ein-
verstanden sein werden, weiß ich nicht abzuschätzen. Aber mag auch noch hie und
da ein Mißverständnis aufzuklären sein, ehe wir voll und ganz einer des anderen Arbeit
nützen und werten können — Juristen und Philologen sind da wieder einmal bei
genteinsamer Arbeit, und diese Tatsache begrüße ich speziell an Hirzels Buch. Es zu
studieren, ist ein Vergnügen, auf Schritt und Tritt gibt es uns neues.
Aber der Rechtshistoriker braucht nicht bloß zu nehmen. Da möchte ich die
iSpracbforscher einladen, in eines unserer neuesten Büclier Einblick zu nehmen :
Mittefs, Römisches Privatrecht bis auf die Zeit Diokletians, I. Bd. (Leipzig 1908). Ich
will auch aus diesem Buche an einigen Stichproben den Beweis erbringen, daß nur
durch gemeinsame Arbeit weiter zu kommen ist. Da bieten gleich die Grundwörter
des Personen- und Vermögensrechts einen fruchtbaren Boden, Wörter und Sachen ge-
meinsam zu behandelu. Manus ist die Gewalt über die Ehefrau, aber die Bedeutung
des Wortes muß ursprünglich eine weitere gewesen sein, heißt doch der feierliche Eigen-
tumserwerbsakt an gewissen Sachen nmnripatio, vom Symbol des Handgriffs beim Erwerb,
und hieß die Entlassung des aus dein väterlichen Gewaltsverhältnis Scheidenden
emancipatio, die Entlassung des Sklaven aus der Sklaverei DiiDiitniissio. An einer Reihe
von Belegstellen läßt sich Mamis als Gewalt ülier Söhne und Sklaven für den nicht-
juristischen Sprachgebrauch des täglichen Lebens nachweisen (S. 75). Die Mamimisi/o
wird mit Mornmsen, dem Wlassak und Mitteis zustinnnen, nicht geradezu als
«Freilassung aus der Manus», wohl aber entsprechend wieder der symbolischen Handlung
als Freigeben mit der Hand» ■ zu bezeichnen sein. So weist auch diese Vorstellung
auf einen erweiterten Manusbegriff zurück (Mitteis, a. a. O.). An «Bindung» Binden der
Hände ^ möchte ich dabei nicht denken. Das paßte wohl für die Sklavenbeherrschung,
nicht aber für die Gewalt über Weib und Kind. Aber in der klassischen Rechtssprache
ist manus nur die Gewalt über die Ehefrau, für alle anderen Gewalten behauptet das
Wort 2>otcst(is das Feld. Es ist dies' die Gewalt des Herrn über Sklaven und Kinder, des
Vormunds über den Pflegling, des Magistrats über den Bürger. Auch hier klärt die
Etymologie gut auf. Idg. *poti- hegt in potestus, aber auch im griechischen 0Bzzövfi(;
finden wir dieselbe Wurzel. Es ist der Hausherr, idg. *<Jem-s-poti-; idg. *dem- = skr.
dam, 8ö|j.oc, domu.s. Und wir dürfen mit Schrader^ aus dieser sprachlichen Gleichung
gewiß den sachlichen Schluß wagen, daß auch der Hausherr in Hellas einmal die un-
umschränkte Gewalt gehabt, sowie in historischer Zeit die römischen Träger der potestas,
mit der wir also wiederum «auf uraltem indogermanischen Rechtsboden» stünden. Das
zu konstatieren ist aber wertvoll, haben doch die Römer schon selbst auf die ganz
exzeptionelle Stellung ihrer patriu potestas gepocht und hat eine weitverbreitete Meinung,
auf dieses und andere Scheinargumente gestützt, den ludogermanen die patria potrstas
absprechen und den Römern auch hierin eine ganz spezifische Rechtsentwicklung zuer-
kennen zu müssen geglaubt. Daß die strenge Gewalt des Vaters über Leben und Tod
des Kindes sich beim einen Volk erhält, beim anderen verloren geht, begreift sich gewiß
leicht — unerklärlich aber wäre es fast, wenn ein Volk, das eine so einschneidende
Frage bereits im vorgeschrittenen Sinne beantwortet hätte, wieder ins frühere Stadium
' Darauf deutet Merin^rer hin I. F. XVII. S. 114. — - Reallexikoii, S. ^17.
Sprachforschung und Rechtswissenschaft. 89
zurückkehrte. Nicht minder wichtig ist die Erkenntnis der Tatsache, daß schon die
indogermanische Verwandtsciiaft auf Agnation beruhte, die Kognation aber nur «Freund-
schaft» war (Schrader, S. 213 f.). Zu diesem Ergebnis ist der Rechtshistoriker
Beruh oft ^ auch schon gekoinmen, aber der Nachweis fehlte, diesen hat erst die Sprach-
vergleichung liefern können.
Fcnnilia wissen die Sprach forscher, wenngleich nicht mit voller Sicherheit, über
die italischen Sprachen zurück bis ins Sanskrit zu verfolgen. Es bedeutet die «Haus-
bewohnerschaft» (Schrader, S. 222). Auch die sprachliche Erklärung von Pecunia macht
keine Schwierigkeit. Aber wie sich beide Begriffe säclilich zueinander verhalten, und
wie sie voneinander abzugrenzen sind, darüber mit größerer oder geringerer Sicherheit
zu urteilen, ist Sache des Rechtshistorikers. Familia umfaßt die Hausbewohner, die
der Gewalt des Hausherrn unterstehen, daneben aber auch das Hausvermögen. Familia
begreift, wenigstens zu wiederholten Malen, die pecxiiia in sich, aber nichi umgekehrt
die iwcunia auch die familia. Und doch ist das Verhältnis nicht das reiner Unterordnung.
Denn warum sagte man dann häufig familia pecimiaque? Mitteis hat unter Heran-
ziehung eines großen Quellenapparates die plausible Hypothese geäußert, daß unter der
pecunia die res nee manripi gemeint seien (S. 81). Der Großteil des Viehstandes war
in der Tat nicht manzipabel, und es ließe sich wohl begreifen, daß man unter familia
bald die Hausangehörigen und alles Vermögen {res mancipi und res nee manclpi), bald
aber die Hausangehörigen und vom Vermögen nur die res mancipi zusammenfaßte.
Sklaven werden jedenfalls zur Familia gerechnet — sie sind ja auch manzipabel — , ja
zuweilen begegnet familia für die Sklaven eines Herrn xat' iio-/r^'j. Wie denn auch
griechisch cIxetttj? von ovmq gebildet ist (S. 83 -"). Bona ist einmal von philologischer
Seite auf *(lii-ona, was man durch dare übertragen könne, zurückgeführt worden. Das
wären Vermögensstücke, bei denen die feierliche Form des mancipare entbehrlich wäre.
Aber ein derartiger Erklärungsversuch scheiterte an der Tatsache, daß die bonorum
possessi.o sowohl, als auch das honis intcrdicerc gegenül)er dem \'erschwender das man-
zipable Gut mitumfassen und beide Institutionen in sehr frühe Zeit zurückreichen
(Mitteis, S. 84). So behütet auch gelegentlich die Sachforschung die Sprachforschung
vor irrigen Resultaten.
Welches ist die Etymologie von hercs «der Erbe»? Schrader- stellt heres zu "/f^poc,
verwaist, und sieht im heres den, der verwaistes Gut antritt. Aber die Unterstützung,
die er seiner Etymologie zu geben sucht, ist vom rechtshistorischen Standpunkt sehr
bedenklich. Auch das griechische yr^oc habe «in der homerischen Ableitung /tj^wstt;?
eine Beziehung zur Erbschaft angenommen», da die Ilias V, 158 unter -/Tjpcüstai solche
(Verwandte) verstehe, «die in Ermanglung von Söhnen den Besitz eines Verstorbeneu
teilen». Aber wer den römischen Heres-Begrifl' kennt, wird dem nicht zustimmen köimen.
Die Eri)schaft ist nicht verwaist, die vermögensrechtliche Pei-söulichkeit des Erblassers
lebt fort, bis der Erbe die Erbschaft antritt. Und wenn wir von dieser klassischen
Auffassung rückwärts blicken, so sehen wir erst recht kein «verwaistes» Vermögen, in
das die Verwandten eintreten und späterhin auch Fremde eintreten können, sondern
wir müssen in der hcreditas ein rechtlich gebundenes \'ermögen sehen, ein Vermögen,
das allen Familienangehörigen gehört und über das der Verstorbene nur die Disposition
' Staat unil Rcolil in iler nMiiis.hiii Königszeit (188-2), S. iOi.
- Realle.xikon. S. 181.
Wörter uud Snchcu. I. li
90 Leopold Wenger.
— und auch diese keineswegs unbeschränkt — hatte, eine Disposition, die nunmehr
auf den oder die Erben übergeht. Sachlich wäre darum die Zurückführung von licrcs
auf herns, den Herrn, ja durcliaus erfreulich; wie jene Etymologie Bedenken wachruft,
müßte diese nur Zustimmung erfahren. Aber ist diese Etymologie wegen der Quantitäts-
verschiedeuheit des c auch möglich? Audi Mitteis äußert diesen Zweifel (S. 96 *).
Andere Schwierigkeiten gibt es beim griechischen xXrjfjovö[j.o<;: xXfjfjo? «Ackerlos» und
ve[jL5tv liegen zugrunde. Aber welchen Sinn hat hier das Verbum? Sehr ad er (S. 184)
denkt an «regieren, verwalten», läßt aber auch «nehmen» zu. Ist der 5CA7jpovö[ioc also
der «LosverwaUer» oder der «Losnehmer»? An letzteres denkt Meringer^ und mir
scheint eine sachliche Erwägung dafür zu sprechen. Auf den Moment kommt es nämlich
an, da der xX^ipovöiAo? das ihm zugefallene Los — noch nicht als Erbe — in erbhchen
Besitz nimmt, dieser Moment fällt deutlich in die Augen, ganz anders als das spätere
Verwalten, das der Losnehmer mit jedem anderen gemein hat, der auch nur fremdes
Gut z. B. als Pächter bewirtschaftet.
Commercium ist erst durch sachlich korrekte Erklärung (Mitteis 116 f.) auch
sprachlich zu seinem Reclite gekommen. Es ist dies nicht, wüe herkömmhch gelehrt wird,
die Teilnahme am römischen Vermögensrecht, sondern die Teilnahme am rechtsge-
schäftlichen Verkehr unter Lebenden, eine Riciitigstellung, auf die schon Ulpians Defini-
tion als cmendi vendendique invicem ius (Ulp. 19, 5) hätte führen sollen. Was im einzelnen
zum Commercium gehört, das zu bestimmen wird nach dieser begrifflich prinzipiellen
Richtigstellung der Philologe gern dem Rechtshistoriker überlassen. Der Ausgangspunkt
aber ist für beide von gleichem Interesse.
Vielverhandelt, ja fast vielgequält ist das Ne.vnm. Die Etymologie, die ncxum auf
?jec<f>T zurückführt, auf rechtsgeschäftliche «Bindung» (Mitteis, S. 142) läßt den Juristen
im Nexum «das bindende Rechtsgeschäft des alten Rechts» sehen, also Manzipatiou und
Darlehen. Eine schöne sprachliche Analogie findet Mitteis im pecioviam aUif/are bei
Varro, de 1. 1. 5, 182. Aber die Stelle bei Plaut., Pseudol. 2, 2, 34—35 (Pseud.: Dum
tu sfrenuas, res erit soluta. Harpax : Vinctam poiuis sie servavero) muß nicht in diesem
übertragenen Sinne auf «gebundenes (= geschuldet bleibendes) Geld» gedeutet werden.
Es wäre auch möglich, bloß an den gebundenen Geldbeutel zu denken (S. 142").
Dunkel wie die Anfänge des Nexums sind die der Sponsio. Auch sie ist in neuester
Zeit wieder in den Mittelpunkt rechtshistorischer Diskussion gerückt und auch bei ihrer
Erklärung spielen sprachliche Argumente eine erste Rolle. Über diese Fragen auch
nur einigermaßen eingehend zu orientieren, würde im Rahmen dieser Skizze unmöglich
sein, so sehr verflechten sich hier alle möglichen Prol)leme verschiedener Rechtsmaterien.
Aber das eine mag das Interesse besonders des Sprachvergleichers auf diese Fragen
lenken, daß hier die römische Rechtsgeschichte in ausgedehntem Maße mit Reclitsver-
gleichuug operiert. Die griechische l-('l''^ und s-f/ürpt?, die germanische Wadiatioii leisten
wertvolle Dienste (vergl. Mitteis, S. 271 f.). Aus der sprachlichen Gleichsetzung der
familien- und vermögensrechtlichen Verlobung kann auch der Rechtshistoriker seine
Schlüsse ziehen. Die römische Sjmisio galt nur für den römischen Bürger, aber der
Latiuer und weiter wohl auch der Italiker werden durch Handschlag verpflichtet — der
Handschlag verdient vollauf die wiederholte Darstellung auf weitester lechtsver-
> I. F. XVIII, S. 240.
Sprachforsrliuni; und Rechtswissenschaft. 91
gleichender Basis.* Auch die Pap3'ri bringen da schon Beispiele. Promissio erklärt
sich sinnlich aus promittere seil, manuni (S. 270'^).
Im Bürgschaftsrecht, sowohl im prozessualen als im materiell-rechtlichen, gibt es
noch zu forscheu genug. Da sind pracs, vas, vindex Wörter, die philologische und juri-
stische Arbeit erheischen. Mommsen, Lenel, Schloßmann haben in letzter Zeit^
darüber gehandelt, ohne zu übereinstimmenden Ergebnissen zu gelangen. Viard^ hat
kürzlich in einer über das normale Maß hinausreicheuden Doktorsdissertation die Sache
des praes ex pro fcsso zur seinigen gemacht. Stets nimmt die sprachliche Seite der Sache
einen breiten Rahmen ein.
Der Begrift' des Ohlif/atio selbst kann nicht ohne sprachliche Untersuchung sieher-
gestellt werden. Damit sind grundlegende Fragen, wie Schuld und Haftung, auf-
gerollt, die nicht bloß für das römische und germanische, sondern für die Erkenntnis
jedes Obligationenrechts unentbehrlich sind. Wie alt ist der klassische Begriff der obli-
gatio? Plautus verwendet, wie Mitteis beobachtet (S. 86^*), das Wort nur an einer
Stelle im juristischen Sinne, dort aber heißt es «verpfänden», geht also auf Haftung,
nicht auf Schuld. Daß auch die Geschichte des Praes, so dunkel sie noch sein mag.
die Haftungstheorie für das römische Obligationsrecht stärkt, sei auch hier betont.*
Eine andere Frage: Läßt sich die sachlich postulierte Grundbedeutung von dolus
= «List» etymologisch mit SsXsap «Köder» stärken? Mitteis setzt zur sprachlichen
Bemerkung ein Fragezeichen (S. 316). Aber soviel wissen wir, daß die Laiensprachc im
Dolus nicht moralische Verwerflichkeit sieht, wogegen allerdings die Rechtssprache in
den uns zugänglichen Quellen damit einen tadelnden Nebenbegriff verbindet. Und so
gibt es in Mitteis' Buch noch Dinge genug, die über den Kreis der Rechtsbistoriker
hinaus Interesse erregen müssen.
Rabeis Untersuchung über die nachgeformten Rechtsgeschäfte-'' muß die Verbindung
dicis causa behandeln. Da ist (27, 307) die Etymologie geprüft, die das notwendige
Korrelat zur Sachforschung bildet.
Ins Prozeßrecht spielt die Lehre vom praes, vas und ri)idex, deren wir schon ge-
dachten. Besonderes Interesse hat da in neuester Zeit der testis gefunden. Verschiedene
Forscher haben unabhängig voneinander im Worte (cstis «die Dreizahh gesucht.'' «Die
idg. Bildung für Dritter war *tritös, vielleicht auch */W//os.» Zeuge ist nach Meringer,
der an dritter Stelle steht, also *tri-sfo-.'' Sachlich ist der Zeuge der natürliche Schieds-
richter, wenn über den Handel Streit entsteht. Aber fcsfis hat sich nicht in dieser
Richtung entwickelt. Schiedsrichter ist in Rom der arbiter, aber ebenso ist, wie wir
aus Whissaks Prozeßforschungen wissen, dov judex, an den jeder in erster Linie denkt,
' Die bekannten Forscliungon : v. Amira, Nonlgenu. Obl. R., Puntscharl, Schuldvertrap und Trcn-
gelöbnis, zu denen nun die rechts- und s|)rachvcrgleiclienden Untersuchungen von Partsch, Griecli. Büiv-
schaftsr. S. 33^ 4ü ff., h-2 f. treten. Veigl. aucli Meringer, I. F. XVI, S. 170 f.
* Vergl. Ztschr. d. Savigny-Stittg. Rom. Abt.. Bd. -2X -U, -26.
' Paul Viard, Le praes, Dijon 1907. Sehr verständig urteilt darüber F. Schulz, Ztschr. d. Sav.-
St. Rom. Al)t, 18, 470ff. Ich freue mich .1. Partsch' soeben (I90!i) erschienenes bedeutendes und vor
allem auch rechtvergleichend aibeilendcs Buch tiriechiscbes Bfu-gsohaftsrecht in der Korrektur wenigslens
noch nennen zu können.
* Vergl. Schulz, a. a. O. 474. •- ' Ztschr. d. Sav.-Sl. Rom. Abt., Bd. -^7 u. iS.
'■ Skutsch, Solmsen, Meringer. Näheres, auch die Literatur bei lelitercm I. F. XVI, S. l6".>fT.: XVIII,
S. ailOff.: XIX, 8. 151 ff. - • I. V. XVIll, S. '»»3.
92 Leopold Wenger.
dem das Wort in den juristischen Quellen begegnet, Schiedsrichter. Es ist für den Roma-
nisten von besonderem Interesse zu hören, wie sich der an den rechtshistorischen Streit-
fragen über beide «Richter» unbeteiligte Sprachforscher zu arbiter und judex stellt.
Arbiter erklärt Meringer als Fremdwort, das die Römer von den viehzüchtenden indo-
germanischen Mitbewohnern Italiens, des Rinderlandes, entlehnten (S. 291 f.). Wlassak
aber hat in den inhaltsreichen Artikeln Arbiter und Arbitriiaii bei Pauly-Wissowa
für Arbiter die Etymologie von ad und beterc, also «der Hinzukommende», nicht ab-
gelehnt. Das bietet sachhch nichts Unvereinbares. Gerade der Schiedsrichter kommt
als Dritter hinzu. Aber *jo)(S(lics, judex ist ein gelehrtes Wort «der höheren Stellung
des beamteten Richters entsprechend».^ Da wird der Rechtshistoriker auf den ersten
Blick eine Korrektur vornehmen wollen. Wir wissen sicher, daß auch der judex, soweit
er neben dem arhiter begegnet, ein Laienrichter war wie dieser, aber allerdings ein be-
hördUch autorisierter Laienrichter, ein Geschworener, der sein Amt weder bloß den Par-
teien, die sich auf ihn einigten, noch bloß dem Magistrat, der ihn ernannte, sondern
der Kombination von Bestellung durch die Parteien und Ernennung durch den Be-
amten verdankte. Des Judex LMeil ist darum stärker als das des Arbiters, es ist
staatlicher Exekution fähig, während die Parteien den Spruch des Arbiters erst durch
gegenseitige Versprechungen für den Fall der Nichtannahme sichern müssen. Neben
diesem privaten Arbiter (1), den wohl Meringer im Auge hat, gibt es noch einen
Namensvetter, der unter obrigkeitlicher Autorität bestellt wird und judex arbiter ce heißt (2),
endlich — freilich erst in der Spätzeit, als sich die Begriffe nicht mehr strenge scheiden
— noch einen Arbiter, der vom Oberbeamten als richtender Unterbeamter bestellt
wird (3). Der ist Beamter, kein Schiedsmann mehr, den die Parteien erkiesen. Immer
urteilt der Arbiter nach billigem Ermessen, er ist in seinem Spruche freier als der Judex.
Sicher unterscheidet sich der erstangeführte Arbiter (1), der dem Parteienkompromiß
allein sein Amt verdankt, vom magistratisch ernannten geschworenen Judex. Aber an
der sicheren Abgrenzung des ebenfalls geschworenen Arbiters (2) vom geschworenen
Judex felilt es, soweit wir sehen können. Hier werden zurzeit die sachlichen Hypo-
thesen und Kontroversen auch von der Linguistik nicht entschieden. Aber Meringers
Antithese vom arbiter und judex führt mich auf eine andere Idee, die dieser Gelehrte
vielleicht selljst seinen Worten zugrunde legte. Über das Alter des Arbiters (sowohl im
Sinne 1 als auch 2) wissen wir nichts. Aber Aev judex als Geschworener ist eine gewiß
republikanische Einführung. Daß die römische Sage das Institut auf Servius TuUius
zurückführt, stimmt nur dazu. Judex war in der absoluten Küuigszeit der König selber
(Mommsen, Staatsr. IP, 5). Dann aber hieß, wofür sich noch Spuren in den Quellen
finden (Mommsen, S. 76 f.), auch der Konsul judex, ein Name, der freilich gegenüber
praetor und besonders consid ganz zurücktritt. Daß der arbiter älter ist als der judex-
Geschworene, dürfen wir wohl als sicher annehmen. Ebenso ist der Beamteu-judex,
mindestens der König älter als der Geschworene. So bliebe für die «alte Zeit» tatsäch-
lich der Gegensatz: staatlicher Richter Judex, von den Parteien gewählter Schiedsrichter
Arbiter. Verwirrt wird das Verhältnis erst, als ein judex begegnet, der als Geschworener
urteilt, und anderseits ein arbiter, der wie der judex vom Gerichtsherrn ernannt wird.
Außerdem muß ich, um nochmals auf den Zeugen-Schiedsmann zurückzukcmmen,
Meringers Polemik gegen Schloßmann, einen im besonderen Maße mit Wörtern und
> Meringer, I. F. XVIII, S. 292.
Spi-acliforscliuiig und F><-i'lil-wis«on?rliaft. 93
Sachen arbeitenden Gelehrten, akzeptieren, wenn er Zeugnis und Schiedsamt im bürger-
lichen Rechtsstreit für mindestens ebenso alt schätzt wie im Strafverfahren. Und was
Meringer über [J-s^o? und [j.=atr/j? als Zeuge und Schiedsrichter sagt, läßt kaum eine
andere Deutung zu (I. F. XIX, S. 453).
Ich muß schon zu Ende und habe bisher noch gar nicht der neuen Wissenszweige
gedacht, die uns die Papyrusforschung gebracht hat. Wie viele Termini kann da nur
gemeinsam mit dem Philologen der Jurist erklären. Das gilt für alle Gebiete des Pri-
vatrechts, des öffentlichen Rechts und der Prozesse. Lebendige Anschauung, gewonnen
aus dem Studium entsprechender modernrechtlicher Institute, verhalf zur Deutung des
ägyptischen Gruudbuchsrechts. Wer die Sache kennt, wird sich auch bei Wörtern zu-
rechtfinden, die ihm das erstemal begegueu. Die Schrift von Lewald, Beitr. z. Kennt,
d. röm.-ägypt. Grundbuchsrechts, klärt über den neuesten Stand der Forschung vor-
trefflich auf. Freilich nicht immer liegt die Sache so klar, daß die Bedeutung des
neuen Wortes sofort gegeben ist. Auch hier fehlt es nicht an Irrgängen der Forschung
und an Zweifeln. Nur zwei Beispiele. Das in verschiedenen Verträgen, aber beson-
ders Pachtverträgen vorfindliche avujiöXoY&v xavTÖ? 0:10X0700 hat Braßloff' auf Aus-
schluß der Kompensation zu deuten, also mit «inkompensabel» wiederzugeben gesucht,
aber Waszynski^ erklärt das Wort ohne prägnante juristische Bedeutung als «durch
keinen Abzug gemindert, durchaus ungemindert». Neue, Braßloff noch nicht be-
kannte Funde entschieden m. E. für Waszynski. Dann, was hat es für eine Be-
wandtnis mit der typischen Haftungsübernahme des Verkäufers von Sklaven für Ufji
vöao? und ejratpv]? Über die tspä vöao; als Epilepsie haben sich Übersetzer und Erklärer
geeinigt. Aber iz^-f-ij ist schon ganz verschieden erklärt worden.^ Kubier hat die
herrschend gewordene Deutung auf «Aussatz» neuestens energisch bekämpft und ist
mit eingehender Begründung für Gradenwitz' ursprüngliche Deutung auf «Herren-
rechtsreservation» eingetreten (Ztschr. d. Sav.-St. 29, 474 ff.).
Am Anfang und am Ende der römischen Rechtsgeschichte muß der Jurist philo-
logischen Rat holen. Die Zwölftafeln können nur beide gemeinsam erklären, nicht
anders steht es mit den bedeutsamen Problemen der luterpolationenforschuug im Ge-
setzbuche des Kaisers Justinian. Doch das sind bekanntere Dinge. Aber wenn wir über
die römische Rechtsgeschichto zur griechischen und hellenistischen und von dieser, was
ja unserer Zukunft sichere Aufgabe ist, zur antiken llechtsgeschiehte vorschreiten wollen.
da wissen wir erst recht, wie notwendig wir die Philologie brauchen.
Die vorliegenden Zeilen sind fast zu einer Apologie der Jurisprudenz geworden,
daß sie die Bedeutung der \\'örtcr für die Sachen nicht übersehen habe. Wer Apo-
logien nötig hat, braucht gewiß nicht ein schlechtes Gewissen zu liaben, wohl aber
wird er Grund haben, sich gegen Vorwürfe zu verteidigen. Die Jurisprudenz mag zu
zelten sich eingeschlossen und abgeschlossen haben, aber die gegenwärtige rechts-
hislorische Richtung ist gewiß von solchem Vorwmf frei, wird sie ja doch gelegentlich
als «philologische» Richtung bezeichnet. Der bequeme Standpunkt: tgrana sutit non
legiintur» ist ernstlich aufgegeben. Dankbar nehmen wir, wo immer in philologischer
' Zl.>;ohi-. li. Sav.St. '21, ■M\-2 ff. Zwciloliid tür BralHoff jetzt Kühler -29. 197.
- Die Bodenpaclü (1".)().5}, S. 127 IT., 1-lü f.
' Vergl. die von mir schon vor Jahren gegebene Zusammenstellung in den Götl. Gel. Aiiz. 190:!,
S. .V2'.> f. n;ii:i icli mi.li <lurl zu bostimnil iieaußoil. tadoll Kühler mit Recht (S. 475').
94 Josef Janko.
Arbeit rechtsgeschichtlicher Dinge gedaclit wird. Dankbar und freudig nehmen wir die
Einladung an, bei spracldicher Forschung sacliliche Anflviärung zu geben. Und wenn wir
etwas al.s besondere Gegengabe heischen, so ist es philologisclicr Einbliclv in juristische
Bücher. Es gibt deren genug, in denen keine ominösen Paragraphen stehen.
Über Berührungen der alten Slaven mit Turko-
tataren und Germanen vom sprachwissenschaft-
lichen Standpunkt.
Von Josef Janko.
Unter diesem Titel habe ich im «Vestnik Ceske Akademie» XVII (Prag 190S),
S. 100 — 131 und 139 — 192 eine eingehende Kritik der Aufstellungen und Schlußfolge-
rungen J. Peiskers veröflentlicht, insofern nämlich der bekannte Sozialhistoriker die
Grundthese seiner Schrift <^I)ic älteren Beziehungen der Slawen zu Turhotataren und
Germanin und ihre sozialgeschichtUclie Bedeutung» (Vierteljahrschr. f. Sozial- u. Wirtschafts-
gesch. in, S. 187 — 533, auch als S.-A. bei W. Kohlhammer, Stuttgart 1905) auf Sprach-
und damit aufs engste zusammenhängende Sachforschung stützt. Obgleich ich nun vor
kurzem eine Besprechung von Peiskers Buch als Ganzem für den AfdA. geliefert habe,
so stehe ich bei der Wichtigkeit des Gegenstandes doch nicht an, der Aufforderung
der Redaktion unserer neuen, auch mir höchst sympathischen Zeitschrift Folge zu
leisten und meine sprachlich-sachliche Nachprüfung in entsprechendem deutschem Aus-
zuge den Fachkollegen im weitesten Sinne des Wortes zu unterbreiten.
Vom Inlialt der Peiskerschen Schrift will ich hier nur anführen, was zum Ver-
ständnis meiner Auseinandersetzung unumgänglich notwendig ist; es leuchtet ein, daß
eine Ablehnung der Grundthese die- Annullierung oder wenigstens Berichtigung aller
weiteren Deduktionen und Erklärungen Peiskers unabweislich zur Folge haben muß.
Peisker nimmt vor allem für die slavische Urzeit, also für die vorhistorische und
speziell vorchristliche Periode, eine doppelte, miteinander abwechselnde Beherrschung und
Knechtung der Slaven an, eine geradezu bestialische von Seite der Turkotataren (genauer
der von ihm für iranisierte Türken gehaltenen Skythen) und eine minder grausame,
menschlichere von Seite der Germanen (genauer Westgermanen). Die turkotatarische
Knechtschaft begründet er neben späten Nachrichten und soziologischen Analogien, die
keinen Ausschlag geben, im letzten Grunde bloß mit der bestimmt behaupteten Ent-
lehnung des slav. tvarogi, «geronnene Milch, Topfen» aus türk.-dzag. turak «Käse»: die
Türken als Reiternomaden hätten den Slaven jegliche Viehzucht verwehrt und alle
Weide für sich beansprucht, wären also zu alleinigen Zuj)anen «Weidegenossen», die
Slaven zu ausschließlich ackerbauenden «stinkenden» Smerdcn, aus Slari zu Sclari ge-
worden; da sie selbst kein Vieh und keine Milch hatten, bei ihren Peinigern aber nur
geronnene Milch, Topfen, Käse sahen, vergaßen sie nach Peisker sogar das idg. Erb-
wort für «Milch» oder vielmehr, sie schränkten es (*ml('Zh, mleziro) lediglich auf mensch-
liche und tierische «Biestmilch» ein und übernahmen dafür den Namen derjenigen
über Berührungen der alten Slaven mit Turkotataren und Germanen. 95
Milch, welche ihre Nomadenherrea in Lederschläuchen gerinnen und zu «Topfen»
(tvaro(J^) werden ließen.
Als die Slaven das harte türkische Joch al)schüttelten, harrte ihrer nicht die
Freiheit, sondern von Westen her die mildere germanische Knechtschaft. Auch diese
äußerte sich nach Peisker durch einen wirtschaftlichen und zugleich sprachlichen, zu-
vörderst die Milehnomeuklatur betreffenden Umschwung. Die Slaven sahen jetzt bei
ilu-en milchesseuden Herren wieder «süße Milch» und durften auch selbst wieder teil-
weise «Vieh» halten: diese ihnen neuen Ausdrücke (mleJco; ntita und skotb) nahmen sie
demgemäß aus dem Germ., speziell ^Vgm. auf. Es ist gerade die Beeinflussung der Ur-
slaven durch Westgernianen, auf die es Peisker ankommt: sie wird nach ilim noch
durch das entlehnte plugh 'Pflug», ferner durch den als NembCb «Deutscher» generali-
sierten Namen der wgm. (urspr. vielleicht kellischen) Xemeics erhärtet, während die
politische und kulturelle Abhängigkeit von Germanen überhaupt durch den gesamten germ.
Lehnwörterschatz im Slav. und die altnordische Beherrschung im besonderen durch das
entlehnte vitfzb = an. VihiiKjr dargetan wird. Zu allen diesen Thesen hatte ich im
bewußten Aufsatz in drei mehr allgemeinen und \\ev speziellen Kapiteln Stellung ge-
nommen; die Keihenfolge derselben soll auch hier beibehalten, ihr Inhalt namentlich
in kulturgeschichtlicher Beziehung wiedergegeben werden.
1. Jedem Sprachforscher ist es klar, eine wie labile, subjektive Wissenschaft die
Etymologie ist, zumal wenn sie sich auf die unbedingte Ausnahmslosigkeit der Laut-
gesetze verläßt, dabei aber die Lücken in unserer sprachlichen Tradition und die un-
erläßliche vergleichende Sachforschung, wozu selbst die geringsten historischen An-
deutungen gehören, nicht in Rechnung zieht. Daraus folgt, daß die an und für sich
mehrdeutigen Ergebnisse der ausschließlichen Sprachforschung nur einen bedingten
noetischen Wert, nämlich nur den von Wahrscheinlichkeitsrechnungen, haben und daß
sie uns in der Kulturgeschichte die direkten Quellen und Dokumente nimmermehr
ersetzen können.
2. Was die Lehnwörter üljcrbaupt anbelangt, so steigern sich die Schwierig-
keiten durch die Unsicherheit, ob wir im gegebenen Falle nicht etwa doch ein alter-
erbtes oder aber ein völlig entlehntes oder ein zwar einheimisches, jedoch mit einem
fremden nur kontaminiertes Wort (vergl. neben regelrechtem lett. mesa «Fleisch» aus idg.
*mcms-[u] = apr. niciisci, -o, slav. nicso das nach Zubaty mit russ. mmo kontaminierte
lit. nu'nä, oder das aus halt, sürfijs und {loln. scr vermengte lett. sers «Käse») vor uns
haben. Der noetisclie Wert der Lehnwörter ist sehr ungleich und in jedem Einzelfalle
eigens zu bestimmen; im allgemeinen kann man sagen, daß die Wertschätzung der
Lehnwörter nur dann unzweifelhaft ist, wenn zugleich mit dem Namen eine neue, für
uns erforschbare Sache gewonnen wurde. Wemi aber ein fremdes Wort für eine schou
bekannte oder ganz alitägliche Sache Eingang findet, ist die Entscheidung schou
schwieriger: entwetler hat da eine geringe Abweichung des Fremden vom Hergebrachten
bestanden (wie z. B. bei slav. rhlebh, wenn dies wirklich entlehnt ist), oder die Sache
war auf beiden Seiton ganz gleich und ihre Bezeichnung ist nur im Gefolge der übrigen
zahlreichen Lehnwörter von der kulturell weniger entwickelten, doppeK<prachigen und
daher über das Maß des unbedingt Erforderlichen aufnehmenden Bevölkerung entliehen
worden (vergl. slav. (Wo «Kind» oder ttih'lo <Miloh», wenn anders diese Wörter entlehnt
sind; das von den Lappen dem An. ontuommene micikicc, melke, »i»7/r könnte schließlich
96 Jubcf Jauko.
eine wirtschaftliche Neuerung, das Melken der Renntiere, zur Voraussetzung haben,
wenn das Finnische nicht sein eigenes Wort für »Milch» hätte; dagegen ist eine £0»jhe
Möglichkeit völlig ausgeschlossen bei dem aus dem Lat. stammenden ir. laclit, körn.
lait und kymr. Uath und bei dem aus lat. lad- und ir. mlicht, Nicht m. E. kontaminierten
ir. nilaclif. hlacht). Vollends unicuverJässig sind die aus Lehnwörtern gezogenen sozial-
politischen Schlüsse; man kann behaupten, daß bis auf einige untrüglich «politische»
und «kriegerische» Lehnwörter (wie slav. Jnnc^b «Fürst» oder die germ.-slav. Waffen-
namen) die große Masse derselben ganz unpolitischen Charakters ist, daher Rück-
schlüsse dieser Art von vornherein anfechtbar und ohne sachlich-historische Stützpunkte
zu vermeiden sind. Der Beweis dafür wird sich auf den folgenden Seiten ergeben.
Und nicht einmal die bedeutende Zahl der irgendwo aufgenommenen Lehnwörter zeugt
inuuer gleich von politischer Abhängigkeit, sondern nur von intensiver und langdauernder
Berührung der einen Völkerschaft mit einer anderen gebildeteren, wie wir dies deutlich
an den kulturellen Lehrern der Germanen, den ihnen unterliegenden Kelten, und
andrerseits an den siegreichen, von den unterworfenen Slaven fast alle europäische
Bildung erst erlernenden Magyaren sehen.
Grundsätze wie die vorerwähnten, haben also auch bei Beurteilung der slavo-
ger manischen Berührungen Platz zu greifen. In sprachlicher Hinsicht ist weder
H. Huts (PBrB. XXIII, 330 f.) noch 7?. Löires (KZ. XXXIX, 313 f.) Verfahren zu billigen,
wenn nämlich jener auch dort, wo keine Anzeichen einer Entlehnung vorliegen, dennoch
eine solche der Wahrscheinlichkeitsrechnung nach (die aber z. B. bei keltogermanischen
Beziehungen nicht angerufen wird) statuiert — und wenn dieser dort, wo die uns be-
kannten germanischen Dialekte versagen, also Ausgangspunkt einer vermuteten Ent-
lehnung ins Slavische das mehr oder weniger imaginäre Balkangermanische voraussetzt.
Im Hinblick auf die vorchristliche slavische L^rzeit kann von bestimmten altgermanischen
Schattierungen in der Regel keine Rede sein : man kann höchstens Lehnwörter aus der
Zeit vor der Lautverschiebung (Mach) und nach ihr unterscheiden; bestimmtere Dialekt-
grenzen lassen sich erst gegebenenfalls mit dem Auftreten der Goten im 3. Jahrhundert
n. Chr. ziehen, wobei aber von einer Scheidung zwischen Hoch- und Niederdeutscheu,
zwischen -westlichen und östlichen Westgermanen, wie sie Peisker betont, aus Mangel
an Kriterien abzusehen ist.
3. Bei Beurteilung des slav. tvarog-h ist von Seite des Indogermanischen folgende
Grundlage leicht erreichbar: Die Indogermaneu als Milchesser hatten von Anfang an
Gelegenheit, den ganz natürlichen Übergang von flüssiger zu dicht gewordener, ge-
standener Milch und zu Topfen zu beobachten ; die Veränderung des Äußeren fiel wohl
dem primitiven Menschen zuerst in die Augen und erst dann belehrte ihn der Ge-
schmack von dem inneren Wandel. Mit der Zeit begann man den Topfen mit den
Händen zu Kugeln zu gestalten oder gebrauchte eigene hölzerne oder geflochtene
Formen dazu, es entstand zuerst weicher, dann durch Pressen fest gewordener Form-
käse, der in kleinere Stücke geschnitten werden konnte. Zur Beschleunigung des
Gerinnens der Milch wurde mit der Zeit ein Lab angewendet und das Ganze mit einem
Stock oder dergl. umgerührt.
Allen diesen Stadien entsprechen im Indogermanischen eigene, ihrem Alter nach
genauer bestimmbare Bezeichnungen. Av. tüiri «käsig geronnene Milch, Molke» (Adj.
tüinja «käsig, verkäst») und gr. Töfjo? "Käse» sind beide urspr. «lac coagulatum», ge-
über Beriiliiungeii der allen Slaven mit Türkctalaren und Germanen. 97
bildet aus der Tiefstufe der Wz. tuer- «coercere», die aber mit der gleichlautendeu,
ein «Drehen, Mischen» bedeutenden (s. weiter unten) nichts zu tun hat, also «zusainnieu-
gefaßte, gebähte, kompakt gewordene Milch, Topfen*. xMit der Zeit werden (und das
kann mau auch sonst beobachten) die Ausdrücke für «Topfen», infolge des Fortschrittes
der Technik zu wirklicher Käsebercitung, auch auf tFormkäse» übertragen, wie z. B.
im Griechischen'; doüh schimmert die Urbedeutung noch in dem echt griechischen
ßo6-töpoy «Kuhquark, von der Kuh herkommende Masse, Butter» durch. Die Her-
leitung beider obiger, sicher uralter, ja ursprachlicher Wörter von der andern Wz. tuer-,
also von der Manipulation des Umrührens, ist für die ältesten Zeiten aus psychologischen
Gründon abzulehnen, später und speziell bei der Butterbereitung (vergl. ae. üicxre «Butter-
faß», huter-gedifcor «uuguentum butyri») aus technischen Gründen ohne weiteres zuzugeben.
Nicht mehr äußerliche, sondern eine Geschmacksbezeichnung ist das bekannte
lat. cäsciis, das, verwandt mit asiav. Irash «fermentum», rus.«. aeaa, «säuerlicher Ge-
schmack, ebensolches Getränk» usw. (idg. St. Infits-). urspr. auch nichts anderes als
«Topfen» war, aber zum «Formkäse> geworden ist (schriftsprachlich ist Topfen = lac
concretum); und als Formkäsc ist es zu Kelten, Romanen und Westgermanen (ins Nord,
als hxsir «Lab», das dabei wohl eine Rolle spielte) übergegangen. Die Germanen
besaßen freilich ihr, mit Recht als urgermanisch angesetztes ^jasta^ ( = finn. juusto
«Käse»), welches gewöhnlich zu ai. tjui- «Suppe, Brühe», gr. Jüjiyj «Sauerteig», \aX. jus
«Brühe» usw. gestellt und von der Wz. ijii- «umrühren» abgeleitet wird. Es war also
ein schon durch Mischen bereiteter, mehr oder weniger flüssiger «Quarkkäse»; er wurde
aber im Westgermanischen von dem römischen Formkäse (*I,-nsjus) verdrängt und nahm
im Nord, {ostr usw.) selbst diese Bedeutung au: die Skandinavier kennen heute weder
wirtschaftliche Verwendung noch Namen des eigentlichen Topfens.
Auf die Aggregatsveränderung, aber noch mehr auf das künstliche Formen des
Topfens iind des daraus entstehenden Käses weist der zwar alte, doch im Vergleich
mit cüscus jüngere und von forma sekundär abgeleitete vulgärlat. Ausdruck fonnaiicus,
-lim hin, der sich noch mlat. als formadius «ein quarck>, -Quarkkäse» Hndet. Freilieb,
die vorherrschende Bedeutung, welche die Grundlage für das Rom. (it. formaggio, frz.
fromage usw.) abgegeben hat, ist «Käse» in einer Form, einem geflochtenen Geföße
bereitet. Hierzu trat noch vulgärlat. ioma, das im Mlat. {fomdiitnia u. ä.) und Rom.
(nprov. ttiiiio «frischer, salziger Käse» u. ä.) weiterlebt und wohl aus gr. tofiij «etwas in
Formen Abgeteiltes» stannnt, ein lehrreiches Fremdwort dort, wo die heimische Technik
so vorgeschritten war.
Im Slav. ist ein dem gr. tOpö? entsprechendes *///(t, nicht vorhanden, dafür aber
das bezeichnende, von Peisker völlig übersehene, von baltoslavischer Urzeit bis heute
gebräuchliche .fi/n, «Käse», im Südrussischen noch in der ursprünglichen Bedeutung
«Quark». Es steht auf tler zweiten Stufe der oben aufgestellten Benennungsskala
(= lit.usw. siiris «großer runder, gepreßter Käse», alb. hife «Molken» neben lit. süras «ge-
salzen», gcrm. sür- «sauer») und stimmt mit lat. cäseiis auch in der Entwicklung zu «Form-
käse» überein. Und wie von forma vulgärlat. /(in)m?/c«s, so wurde von darb «opus, Schöpfung»
hzw.^tvnrT, (idg. tiuiros = gv. atopö? «Haufen») das substantivierte Adj. tvnrogh «res formnm
habcns» (idg. fnüroghoa, event. tiiörjglios, mit verwandtem Suffi.x gr. *T/{i)paxoj = owpsxo,
«Kiste, Korb») gebildet, was um so annehmbarer ist, je deutlichere Derivate der ersten
•
' «Quark» ist dann tpotpaXi; von -{iXiL rpsstiv «-kilnsllich perinnen machen».
Wörter und Snclu'n. 1. 18
98 Josef Jaiiko.
Wz. tuer- m lit. treriü, tvert'i "fassen, einfassen, zäunen, in eine Form fassen, formen
(auch Käse)» usw. und in slav. tvoriti «formare, creare, fingere (poln. seib. auch
Käse)», slov. serbokr. tiorilo, pohi. fworzi/dto, c. tvontko, tvofidlo «Käseform, Käsenapf»
vorliegen. Deshalb kann auch ti-arogv, obwohl es im Südslavischen ,<ianz zu felilen
scheint, uns für nrsiavisch gelten, mindestens ebenso wie *jüstaz für urgermanisch; die
selteneren Nebenformen mit -o- (z. B. nordruss. irorörjh) erklären sich leicht durch Analogie
nach iniriti, der Akzentwechsel [tvnröfjh, seltener tvärog-b) nach ursprachlichen Typen
wie ai. ärhhar/as : arhhakäs, lit. 'iszeiga: is£('i(i('i (Brugmnnn, (Jrundr. IP, S. 2öl). Eine
Stütze meiner Etymologie, welclie suchlich namentlich auf das Formen in hölzernen
oder geflochtenen Gefäßen (vergl. oben gr. awpaxo?) hinweist, l)ildet sprachlich das nach
Berneker-ebenfalls aus dehnstufigem iterativem Stamm abzuleitende slav. pirogv «gepreßte,
gefüllte Mehlspeise» (zu pirati «schlagen, stoßen»).
Das so aus idg. Erbgut erklärte Wort ist von den ^?laven auch gewandert, einmal
zu den Magyaren (taröh, farhö, farha. fark übernommen aus dem Slovak., f/irö viel-
leicht kontaminiert aus taröfhj und magy. *^o■- nach \'äml>ery «Salz») und im 14.,
15. Jahrhundert zu den Ostdeutschen {fwarr. quarJc. „-(wot? usw. aus poln. oder kasch.
twarogy'fwarfajg; die besonders von Heyne verteidigte, an und für sich mögliche Ver-
bindung mit der — meiner Meinung nach ersten — idg. Wz. fuer- ist aus topogra-
phisch-chronologischen Gründen abzulehnen). Einen politischen Hintergrund haben
jene Entlehnungen nicht, höchstens einen wirtschaftlichen, daß nämlich Topfen von
den genannten Slaven reichlich verwendet wurde. —
Gegenüber dem von mir soeben dargelegten idg. Ursjn'ung von ^varog^ steht Vam-
berys und Peiskers Annahme einer Entlehnung aus dem Turkotatarischeu. Dies führt
uns auf den Gegensatz zwischen nomadisch-asiatischer und idg. Milchwirtschaft, welcher
darauf beruht , daß der Türke die süße Milch überhaupt verschmäht und nur die auf
besondere Weise zum Gerinnen gebrachte, «vermischte> saure Milch, Aqu jogurt (von
jogurmak «mischen») oder (Uiignif liebt, daraus auch eine Art getrockneten Käses in
Form von Kügelchen (knruf von Ävov( «trocken») bereitet. Diese Wörter und besonders
das alltürkische jo^;(;•^ das ins Persische und Arabische. übergegangen, hätte bei nach-
haltig türkischem EinHuß auf die slavisehe Milchwirtschaft vor allem von den Slaven
übernommen werden müssen. Das ist nicht geschehen, statt dessen führt Peisker das
nur osttürk. (dzag.) forak ins Feld, welches Vämb^ry mit tuz- «Salz, sauer» in Ver-
bindung bringt, das aber R. Dvorak wegen des nicht nachgewiesenen Überganges von
2 in r, ferner wegen des nicht beweiskräftigen osmauischen, weil eigentlich persischen
Adjektivs furus «gesäuert» auf das nur die rein äußerliche Seite betreffende fitrak, darak
«das Stehen, Stehenbleiben, Gerinnen; das Geronnene» (zu iunnak. diiniiak «stehen»)
als psychologisch primitiver zurückführt. Und da tiirak nicht alltürkisch ist, so müßte
erst der Nachweis geliefert werden, daß gerade Osttürkeu die Nachbarn der Urslaven
waren. Heute wissen wir nur, daß letzteren in ihrer jenseits der Karpatheu verlegten,
überdies durch Urwälder geschützten Heimat im Südosten die iranisch sprechenden
Skythen, im Nordosten die Finnen, welche selbst für Käse und auch für «lac coagu-
latum» (piimä aus lit. jimas »Milch») Fremdwörter entlehnten, benachbart waren.
Doch bisher hatten wir lediglich das Verliältnis von slav. ttarogo zu türk. fiirak
im Auge; wenn wir alle drei wurzelähnlichen Wörter (av. tftiri, gr. tOpö?, slav. frarogh),
wie es nur billig ist, vereinigen, 'so wird das Problem noch komplizierter und es handelt sich
über Berührungen der allen Slaven mit Turkotalaren und Germanen. 99
dauu um Entlelmung jeuer drei Wörter aus dem Osttürkischen, d. h. um Beeinflussung der
entsprechenden idg. Stämme bzw. (auf Grund von ursprachUchem , aus dem ir. und gr.
Reflex erschlossenen *titri, -o.s) der noch in Europa, etwa in Ostdeutschland oder West-
rußland , vereinigten Indogermanen durch Turkotatarcn. In diesem Falle können wir
aber erst recht nichts Greifbares ausflndig machen, höchstens das, daß lautlich zwischen
idg. tar- und dem von ^'ambery zitierten jakutischen für «gesäuerte Milch» eine Inkon-
gruenz der vokalischen Quantität besteht, welche die vor allem örtlich schwierige Her-
übernahme nicht wahrscheinlicher macht.
Am ehesten noch hätten die Iranier, doch nur sie allein und von den anderen
Stämmen getrennt, ein solches Wort aufzunehmen vermocht, wie überhaupt das Beispiel
der türkisch-iranischen Beziehungen in alter Zeit wenigstens negativ zur Aufhellung der
turkoslavischen herangezogen werden kann. Die Iranier, ein ebenso emsig ackerbauendes
Volk wie die Slaven, waren schon ihrer geographischen Lage nach den Anstürmen
der turkotatarischen Nomaden des Nordens ausgesetzt; ihre \'olksreligion, der Zoroastris-
mus, findet sich mit dieser traurigen Tatsache auch wirklich ab, erhöht den Ackerbau
zu einer göttlichen Beschäftigung und sieht den Zweck des Lebens in Wachsamkeit
und Tätigkeit, in stetem Kampfe mit den bösen Dämonen, der Hölle, welche er
bezeichnenderweise nach Norden verlegt. Und einen solchen Nachhall müßteu wir,
wenn bei den Urslaven ähnliche Verhältnisse bestanden hätten , auch hier erwarten,
entweder in der slavischen oder selbst germanischen Tradition oder in den Nachricliten
der Schriftsteller, die uns das erste Auftreten der Slaven in der Geschichte vom 4. bis
7. Jahrhundert n. Chr. schildern, was durchaus nicht der Fall ist. —
Ergebnis: Das eiiiügr von Peisker angeführte sprachliche Dokument einer turko-
tatarischen Beeinflussung der Urslaven, slav. tcarotp,. kann sehr wohl idg. sein; sollte es
aber allen obigen Schwierigkeiten und Unsicherheiten zum Trotz dennocli aus dem Tür-
kischen stammen, so müßte dieser Umstand ganz anders gedeutet werden als bei Peisker.
Es wäre dann keine urslavische, sondern eine spätere, vielleicht erst ins 8. Jahrhundert
fallende Entlehnung zuvörderst ins Kussische und von da weiter; die Entlehnung wäre
ferner eher eine Kontamination, eine volkstümliche Umbildung eines *torok nach tvarb.
troriti, was bei einem Volke, das von alters her seinen sgrh hatte, nur zu begreiflich ist.
Politische Bedeutinig hätte die Entlehnung — ebenso wie die von rasnis u. dgl. — keine
gehabt (höchstens daß Abgaben von slavischem Topfen und Käse mit fremdem Namen
gefordert worden wären?) und eine wirtschaftliche nur insofern, als die Russen die Milch
in Schläuchen hätten gerinnen, die Kügelchen des lunif trocknen gesehen; doch wäre
dabei auffallend, daß die Slaven trotzdem die nomadische Bereitung des Topfens nicht
angenounnen, sondern die altererbte in Gefäßeu beibehalten hätten. Lauter Warnungs-
zeichen dafür, daß wir sogar aus der konzedierten Aufnahme des Wortes aus dem Tür-
kischen alle weitausgreifcndeii , von Peisker und teilweise auch von Schrader (Sprach-
vergl. u. Urgesch.' 2, S. 14ti u. i()2) leider gezogenen Konsequenzen zu vermeiden haben.
4. Bei Beurteilung von slav. wleko. recte *»)rlkö kommt es vor allem auf die sprach-
psycliologische Frage an. ob man das Vergessen eines Gegenstandes und Namens (nach
Peisker der süßen Milch) annehmen darf, wenn das Korrelat dazu (die sauere Milch)
dem Sprechenden seit jeher und auch in der kritischen Zeit bekannt und vertraut ge-
wesen ist. Um aber diese Seite besser beleuchten zu köiuien, seien zuerst die sprach-
lichen Verhältnisse des Wortes untersucht und vorabgenommen.
100 Josef Janko.
Vrslaw * mcllcö, die einzige notwendige Grundform mit ursprünglich geschleifter In-
tonation (sinkendem Akzent) auf der ersten Silbe, kaini man als idg. Erbwort be-
trachten; man wird da natürlich nicht direkt von Wurzel nidäfi- oder nirkfi- «melken,
eigentlich abstreifen, wischen» (vergl. ai. iiirj''ifi, Diarsfi, warjati «wischt, reilit ab; reinigt,
putzt» usw.) ausgehen, sondern alle ähnlichen, nur in der Liquida bzw. im palatalen
oder labiovelaren , stimmhaften oder stimmlosen Wurzelauslaut variierenden, sonst aber
der Struktur und Bedeutung nach verwandten Formationen heranziehen , welche sich
kurz durch folgende Äquivalente zusammenfassen lassen: ai. mrjäti «wischt« = gr. äij-eXYM
«melke» = lat. miäcco «streich(l)e» = ai. mrsäti «berührt» = gr. ßf^azsiv " auvtevai =
gr. [xdpJtTW «fasse». Zu der Annahme eines so schwankenden Lautstandes berechtigt
uns eben 'die Grundbedeutung «fassen, streichen», also gewissermaßen eine Sehall- und
Tastgefüldsnaehahmung (vergl. Liden, Afsl. Ph. XXVIII, 37): wir können uns also ent-
weder mit J. Kirste auf gr. [iapTrrü) oder auf poln. osmoryac «Blätter abstreifen», nach
E. Zuspitza ein Beispiel ursprachlichcr Reaktion der Centura- auf die Satjmgruppe,
stützen und so statt des von äfi^X-cw, aksl. mhzq, rnlesti «melken» geforderten palatalen
einen labiovelaren bzw. rein velaren Wurzelau.'^gang (iiiclel" -, event. nicJch) eben für slav.
* wellö als nicht unwahrscheinlich proponieren.
Die Annahme velaren Auslauts wird noch wahrscheinlicher, wenn wir nach dem
Vorbilde Hirts «D. idg. Ablaut» § 274 u. 838 (S. 197) annehmen, daß eine Konta-
mination der beiden laut- und bedeutungsverwandten Wurzeln idg. (eui'.j mdaß- «melken»
(gr. aiJLsXY«) usw.) und gdäg- event. (idah- «Milch» (gr. -/äXa usw.) schon in der Ursprache
vorbereitet und in den bereits differenzierten Dialekten mit folgendem Ergebnis durch-
geführt worden ist: leichte Wurzel mcicg-, event. luclc!:- im Keltisclien und Slavischen,
schwere Wurzel iiieläg- (got. viHkJc-s u.sw.) im Germanischen, während fürs Gr. Lat. Alb.
unkontamiuierte Grundformen zu gelten haben. Das slav. * inclkö wäre demnach auf
der L Stufe der v'clar auslautenden Wurzel iiiclrk- ganz analog wie das air. iiidg ii- (aus
*melgom) als primäres o-Ntr. gebildet, oder es gliche als Sekundärbildung der Wurzel
meleg- im Suffix dem mir. mlicld usw. (aus *nillc-t-), ergäbe also im urspr. konsonantisch
auslautenden N. Sg. *m('JJc(t). ferner so wie slav. m^.s-o u. a. in die o-Deklination über-
führt und durchdekliniert "mfik-ö mit Akzenterscheinungen und einzeldialektischcn
Reflexen, wie sie eben in Erbwörtern gang und gäbe sind. —
Von Seite des Germauischen läßt sich der Nachweis führen, daß alle altgerma-
nischen Dialekte eine Grundform * mduk-, einige (das Ae. und m. E. auch das Ahd.)
eine zweite * »lelik-, niilik- verlangen, wobei die Synkope des Mittelvokals -i- oder -u-
selbst lange Jahrhunderte n. Chr. unterbleibt; sie ist am frühesten im An. und Ae.
(hier für -i- im 7. Jahrhundert und für -u- um 900) nachgewiesen, im Deutschen tritt
sie allgemein erst mit dem Übergang zur mittleren Periode (mnd., mnl. iiidk mit zwischen
i und e schwankendem Vokal) ein. Was die Erschließung jener Grundformen anbelangt,
so verweise ich fürs Ae. auf Wej-he PBrB. XXXt, 8. 43£f. , der im Urengl. oder
Urwgm. eine phonetische Erhöhung des wurzelhaften c in Formen wie D. Sg. * lutinki
zu *milikCO, woraus durch Synkope angl. Dille, voraussetzt; dabeiist Wey he gezwungen,
den unbedingten Abfall des urgerra. -i in dreisilbigen Wörtern anzuzweifeln, ohne natür-
lich das Gegenteil strikte beweisen zu können. Nun gibt mir aber die Betrachtung
z. B. von G. Sg. milichi (bei Steinmeyer -Sievers «Die ahd. Glossen^ II, 083, 51, wenn
anders solche Formen wirklich aus dem 8. — 9. Jahrhundert stammen) einerseits und
über BeiiihruiigL'ii der alten Slaven mil Turkolalaren und Germanen. 101
späterer identischer, nicht notwendig Svarabhakti enthaltender Formen (z. B. noch im
11. Jahrhundert bei Wiüiram, der auch sonst keine Synkope zeigt, D. Sg. milirlii. milichf.
■inilcclic neben N. A. Sg. niihih) andererseits die Mögliclikeit, ein bereits urgerm. (bzw.
urwgm.) '^■tiicUk-, milik- gleich neben * iiichil,- anzusetzen, ohne wie Weyhe mich mit
dem urgerm. Abfall des -i in S.Silbe auseinandensetzen zu müssen: und jenes *melik-
wäre entweder in palataler Umgebung aus * nicl/J:- (dieses sonst = *)iieJi(k) phonetisch
entstanden oder zu fertigem * inrluli- nach dem Muster von \\gva.*ahtp- : alip- tBier»
u. ä. analogisch hinzugebildet worden.
Aus alledem folgt, daß aus urgerm. (altgerm.) -Mchtl--, melih- und weiter milik-,
miluk- ein urslav. iiidkü nicht hergeleitet wei'den kann, da — abgesehen von dem
Oxytonon und den mit altertümlichem, später nicht mehr prdduktivem jo-Suffix gebil-
deten Ableitungen wie urslav. *nifh'h (c. inlev, mlic «Milchsaft, Mik-hschwamm, Gänse-
distel, Wolfsmilch» u. dgl.) — namentlich auf die erhebliche, gegenüber dem Türkischen
eine genaue Sprachkenntnis der Slaven voraussetzende Lauttreue der Lehnwörter aus
dem Germanischen Gewicht zu legen und lediglich folgende Vertretungs reihe zuzulassen
wäre: iiiehk-, mehk-, nnhk- oder mhhk-, aber kein »iflkö. Dieser Uiielstand wird nicht
behoben durch Lowes Hinweis auf ein imaginäres Balkangermanisch oder auch nur
Herulisch, wo ein *melnk zu erweisen gesucht wird; der springende Punkt bleibt doch
immer die Frage nach der Möglichkeit einer altgermanischen Synkope, welche durch
krimgot. mcnns «Fleisch» (wenn richtig überliefert) oder scrrnc «7» (beides aus dem
IG. Jahrhundert) erst recht illusorisch wird — ohne daß Jordanes' Worte von der Milch-
nahrung der Gothi minores etwas daran änderten: auch Caesar berichtet von den West-
germanen, aber freilich auch von den keltischen ßritannen dasselbe (BG. VI, 22 und
V, 14), und über slavischen N'iehi-eichtum sind wir durch den sogenannten Maurikios
genügend unterrichtet.
In dieser Notlage versucht Peisker unter Zustimmung Uhlenbecks (S. 264 u. 282 ff.)
einen anderen Ausweg, er faßt nach dem Vorbilde der Germanisten seit Müllenhoff das
zuerst bei Galenos (2. Jahrhundert n. Chr.) überlieferte lat. -gr. miica, den Namen einer
erfrischenden, gewöhnlich mit Gewürz versetzten saueren Milchspeise, als westgermanisch
(«vorahd.») und erklärt es für die längst gesuchte Quelle des slav. "^iiirlkü. Ich habe
über dieses Prol)lem, ob nämlich mrlra für germanisch oder lateinisch anzusehen ist, in
«Glotta» I (noch nicht erschienen) gehandelt und glaube dort aus philologischen und kultur-
geschichtlichen Gründen nachgewiesen zu haben, daß das Wort gar nicht germanisch, son-
dern hüchstwahrscheiidich altitalisch (umbrisch) war; mcica, verwandt mit »iidcco (oder
maJai?), war «gestrichene, geriebene Speise>\ Indem ich auf jenen Aufsatz verweise,
will ich hier nur die Konsecjuenz meines Nachweises ziehen, daß also melca als zu-
mindest zweifelhaft aus Peiskers Deduktionen ganz auszuschalten wäre. Doch will ich
diesmal Ilyperskeptikcr sein und mich bedingungslos auf Peiskers Standpunkt stellen,
daß nämlich in der Tat ein wgm. mclca ins Lateinische und Slavische übergegangen:
was folgt daraus sprachlich und was sachlich?
In sprachlicher Hinsicht wäre auch Entlehnung eines germ. *meJica ins Lateinische,
aber ninunermehr ins Slavische möglich; verbleibt man aber bei einem mutmaßlichen
germanischen Neutrum *mdka("\ so widerspricht im Slavischen der Akzent und iiu Ger-
manischen der Umstand, daß ein solches wgermanisches Neutrum des Adjektivs von
der Wurzel ludcfi- in der Bedeutung «Milch gebend, dial. «ic//.» (ac. »ii<7f, ahd. usw.
102 Joscl Jaukü.
melch) bereits existierte, womit aber unser melca desbalb nichts zu schaffen hatte, weil
es «sauere Milch' bedeutete. Und auch Anthinius, welcher die altdeutschen Küclien-
tenniui des G. Jahrhunderts kannte, spricht bloß von dem ausdrücklich als römisch be-
zeichneten Ausdruck indca (= gr. 6i''y(aka.).
Wirtschaftlich sind die Widersprüche noch größer. ' Die Urslaven sollen doch nach
Peisker den Namen für «süße Milch» durch fvanxjh ersetzt und jenen erst später eben
von den (iermanen entlehnt haben; was aber bedeutet melca? Das gerade Gegenteil,
nämlich «geronnene Milch», die die Slaven doch schon bei den Turkotataren gesehen
hatten! Aber gesetzt den Fall, daß mdca trotzdem zu den Slaven gewandert sei, so ist
daraus doch nur das zu folgern, daß auch jenes erfrischende Milchgetränk zu ihnen (wohl
nur auf kurze Zeit) gekommen, sein Name jedoch allmählich auf alle «Milch» über-
tragen worden sei; also ein iiberflüssigerweise umständlicher Bedeutungswandel! In
keinem Fall hätte aber die Herüberuahme des melca seitens der Slaven in sozial-poli-
tischer Hinsicht etwas bedeuten können, ebensowenig wie bei den dasselbe Wort emp-
fangenden Römern, also keine härtere oder mildere Knechtschaft; melca wäre gerade so
wenig wie tvarog-b ein Lehnwort politischer, sondern rein wirtschaftlicher Natur gewesen
und seine Übernahme von den alltäglichen Geleisen der \'ölkerberührungen nicht ab-
gewichen.
Ergebnis: Da meines Erachtens *melki'> noch immer besser als slavisch und nur
bei Annahme einer problematischen Synkope des Mittelvokals als germanisch zu deuten
ist, so eignet es sich nicht als Stütze der Argumentation Peiskers, der übrigens noch
folgende Mängel anhaften: Daß *mclzico (event. mclsb) ehemals «Milch überhaupt» und
erst dann, unter turkotatarischem Einfluß, «Biestmilch» bezeichnet hätte, ist durch
nichts erwiesen; im Gegenteil, das Suffix -/ro deutet auf eine von Anfang an prägnante
Bedeutung «was gemolken, selbst abgeflossen, ausgeschieden ist», also auf die kollek-
tive Beschaffenheit der ersten trüben, dichteren, molkenartigen Muttermilch, eine Eigen-
schaft, welche sichtlich die CJrundlage des kymr. cyn-flitli und ae. dicce meolc (neben
hifstntg) bildete.
Wollte man dennoch an Entlehnung des *mcJlv aus dem Germanischen festhalten,
so müßte ein *mclzö «Milch» von Uranfang vorausgesetzt und dieses in der P'olge mit
irgendeinem germ. (unbelegten) ^niclh-- kontaminieit werden. Da wären aber die kultur-
historischen Folgerungen ganz andere. Denn daß die Slaven in der ersten türkischen
Knechtschaft (wie war es notabene in der zweiten?) Begriff und Ausdruck «süße Milch»
vergessen, zeitweilig nur «Topfen» gekannt und «süße Milch» erst wieder bei den Ger-
manen kennen gelernt hätten, ist eine philologisch und psychologisch völlig unzu-
lässige Anschauungsweise: man kann eben nicht einen Gegenstand, einen Begriff aus
dem Bewußtsein verlieren, solange das Korrelat, der Ergänzungsbegriff dem Sprechenden
vor Augen, in steter Vorstellung schwebt. Und die Slaven haben mindestens nach
Ausweis von syri die «sauere, geronnene» Milch seit jeher gekannt, und nicht nur dies,
sie besaßen auch zu allen Zeiten in hinreichender Menge und verschiedener V'erwendung
«süße, gemolkene Milch». Das beweist vor allem ihre überaus reich entwickelte, alter-
tümliche, fast insgesamt von der Wurzel mel//- = slav. melz- abgeleitete Milchnomen-
klatur, von der ich nur anführe: mlesti «melken», bulg. mldziiica, slov. smohnka
«melke Kuh oder melkes Schaf», c. mlznice «sus nutriens», serbkr. mlnz. -a «mulctum,
Ausspritzung beim Melken», zamlaz «oxygala quaedam», zamldziti (za»iuztij «anmelken,
über Berührungen der allen Slaven mit Turkolalaren und Germanen. 103
lac inspergere alicui» usw. Das Slavische war und ist bis heute von dem Wortelement
«melken» so durelisetzt, daß man die zugehörige Terminologie und die damit un-
trennl)ar ver))undene Sachkenntnis den Slaven auch nur für einen Augenblick nicht
absprechen diirf, nicht einmal in der Weise, daß sie etwa Biestmilch und sauere Milch,
niclit aber die durch die Sprache verbürutc und als vermittelndes Korrelat einfach un-
entbehrliche süße Milch gekannt hätten. Freilich, die Sprache kann gegebenenfalls
eines einfachen Ausdrucks für einen ihr notwendigen Begriff entbehren, doch deshalb
liört der Begriff, die Vorstellung und Anschauung nicht auf zu existieren; es tritt dann
nach Art von ae. äicce meolc «Biestmilch», lat. hir rcHiorfmn «Topfen» u. ä. eben eine
zusammengesetzte Ausdrucksweise ein.
Die Entlehnung des Wortes »ili-ko aus dem (iermauischen, sollte sie konzediert
werden, betrifft jedenfalls ein unpolitisches, ganz alltägliches Wort, welches keinen Vor-
zug der Germanen in der Milchwirtschaft involviert; die Indoeuropäer waren ja alle
neben dem Ackerbau zur Viehzucht von Anfang an befähigt, und wenn die Italer im
Milchwesen bekannterweise hervorragten, warum hätten es die den syn bereitenden, in
ihrer Urheimat in jener Beziehung recht günstig situierten Slaven nicht auch sollen?
Dann aber wäre der kulturhistorische Wert eines Lehnwortes für «Milch erst recht ge-
ring gewesen — es wäre mit den übrigen ur- und altslavischen (etwa 170) Lehnwörtern
aus dem Germanischen mitübergegangen und bewiese lediglich sehr enge Berührungen
mit Germanen, welche nicht einmal als Herren Ackerbau und Viehzucht der Unter-
gebenen in empfindlichem Maße, trotz gewisser geforderter Abgaben, beeinträchtigten.
5a. Das schwierige slav. sJcofi, «Vieh» (nur aruss. auch «Vermögen, Geld», aruss.
klruss. slcothnic'i u. ä. «Schatzkanuner; ) halte ich zwar für ein Lehnwort aus germ.
*shdtaz (got. .s7,y///s usw.) = idg. * shod-n-6i zu Wz. sk(lik'(l- «spalten» (vergl. gr. T/.=5ivvj[j.'.
«zerteile, zerstreue?, axiSva^tat «zerteile mich», ayeSirj «Brett, Blatt», ai. skhndaff: «spaltet»
usw.), sehe aber nach der eben vorgebrachten Etymologie Müllenhoffs, Curtius', Heynes
u. a. als Grundbedeutung nicht «Meh», sondern abgespaltenes Stück Edelmetall, primi-
tive kleine Münze» an. Dies klingt ja auch in den meisten altgerm. Dialekten
(Bedeutungen hierselbst: Münze — Geldsumme — Abgabe — Reichtum, Vermögen) nach,
während das altfriesische, erst aus dem XL— XIII. .Tahhundert belegte sket, schrt. srhaf
seine gewöhnliche Bedeutung «Vieh» sehr wohl erst sekundär erlangt haben kann. Dabei
ist zu betonen, daß nicht nur die Entwicklung des abstrakteren pciioua aus pccu in
den Sprachen belegbar ist, sondern auch die umgekehrte in Fällen wie aksl.
dohiflhkh «facultates — pccus», an. gripr «res pretiosa — armeutum», got. inaij'ms «Ge-
schenk», as. iiii(hiiii «Wertsache, Kleinod» — mhd. inrldciti männliches, besondei-s verschnit-
tenes Pferd». Und ganz dieselbe Bedeutungsentwicklung wie im Friesischen hat wohl selb-
ständig auch im Altslavischen platzgcgritien, so daß das Nebeneinander von Geld» und
«Vieh gerade im Russischen nicht auffallen kann; freilich, die Aufhellung von klruss. </.•.>/,
skof, altpoln. sl-ocicc usw. aus * skot- Mb «s^coius», lit. usw. sl:at)J:as «poln. Groschen-, ostpreuß.
sJcoft, sjiotrr bleibt schwierig, nicht semasiologisch, sondern chronologisch: m. E. liegen hier
alte, vielleicht wiederholte Entlehnungen aus dem Ndd. vor. wobei aber der Terminus
von den Baltoslavcn wieder zurückgewandert ist und auf ehemals slavischem. im vor-
geschrittenen .Mittelalter bereits germanisiertem Boden mit ndd. *scot, achot «direkte
Steuer" (vnii as. sceolan = nM. scliirfcn «schießen, zusammenschießen>) sich kontaminiert,
überdies ins Lateinische und vereinzelt ins Französische ver[>tlanzt hat.
lO't Josef Janko.
Von näheren Umständen seiner Herübernahme verrät uns das als germ. gedeutete
altslav. sl-oh gar nichts, vermag somit die ilun von Peisl<er zugemutete Aufgabe eines
kulturhistorischen Dokuments nur sehr unvollkommen zu erfüllen. Schon das ist ein-
fach unbeweisbar, daß das Wort gerade von Westgermanen, nämlich einem den Friesen
nahen Stamme, geliehen sei; es könnte ebensogut aus dem Urgermanischen oder (was
am glaublichsten) aus dem Gotischen oder überhaupt Ostgermanischen stammen.
Sachlich fällt bei der heute einzig plausibeln Etymologie ins Gewicht, daß die Urbedeutung
mit der Viehzucht gar nichts zu schaffen hat, sondern erst dadurch in diesen Zusammen-
hang gerückt wurde, daß «Vieh» das wichtigste Zahl- und Schätzungsmittel beim
Tauschhandel war; es kann daher von einem Zeugnis für zeitlich vorau.«gegangene
urslavische Knechtschaft und speziell dafür, daß die Slaven damals keine Viehzucht
treiben durften, daß sie zu ausschließlichen Ackerbauern und erst unter den Germanen
wieder mit der Viehwirtschaft vertraut wurden, keine Rede sein. Allerdings, sollte den
Slaven schon die Bedeutung «Vieh» von den Germauen überliefert worden sein, stünde
die Sache etwas anders, man könnte an bestimmte Abgaben von Vieh denken, welche
die Slaven zu leisten hatten, wie ja solche bei den Germanen selbst bestanden (M. Heyne,
Fünf Bücher deutscher Hausaltertümer H, S. 1(36); doch die nächste Konsequenz wäre
der Peiskerschen These wieder entgegengesetzt, nämlich die unbedingte Existenz einer
entwickelten altslav. Viehzucht, welche noch dazu in untrüglicher Weise durch die
reiche, sprachlich zu keiner Zeit gestörte, von Peisker selbst (S. 287) anerkannte Nomen-
klatur für Groß- und Schmalvieh als direktes idg. Ei-bgut erwiesen wird. Vielleicht
lassen sich in dem oben ins Auge gefaßten Falle die Nachrichten Caesars und Tacitus'
von dem Viehreichtum der Germanen und ihrem Streben danach mit dem Viehreichtum
der Slaven derart kombinieren, daß letztere den ersteren Vieh verkauften und dafür von
ihnen Gold, Silber, Metallstücke eintauschten (sJcoh also = eingetauschtes «Geld» und
zugleich ausgetauschtes «Vieh»).
b. Peiskers Hauptthese kann ebensowenig auf Unterstützung des sicher germ.
Lehnworts nuia «bos, boves», das noch dazu nicht gemeinslavisch ist, rechnen; denn
mit demselben Rechte müßte sie dann für Finnen und .Lappen auf Grund ihrer Lehn-
wörter (nautd «Vieh: , bzw. iiavvdr «Tier») geltend gemacht werden. Außerdem ist eine
ähnliche Entlehnung oder wenigstens Kontamination für das ursprachliche Baltisch (lit.
pekus, apr. iwclcn, welche beide im Velar mit palatal auslautendem ai. päsu, av. pasu nicht
übereinstimmen) von einer Centumsprache her, natürlich ohne jeden politischen Hinter-
gedanken, vorauszusetzen. Plausible Etymologie des germ. *nauta (aisl. »uint, ae. iicaf,
ahd. nö2, as. uoti}) bei Meringer IF. XVÜI, 234 f. ; sonst läßt sich nichts Bestimmtes
ermitteln, aus welchem Dialekt es von den Slaven entlehnt worden : es könnte ebenso
urgerm. PI. Ntr. *naufti wie späteres (bis zam 3. — 4. Jahrhundert ungefähr) *nautö «Stücke
Vieh, selbstredend wieder im Tauschhandel» in Betracht kommen, wobei den Slaven (ihr
(loliifh,h, dürfte jünger sein) wohl die kollektive Bedeutung — so etwa wie die persönliche
bei miniSficH» — besonders gelegen kam. So könnte iinfa das ältere von den beiden Lehn-
wörtern für «Vieh» gewesen und in der Folge von slcoto meistenteils verdrängt worden sein.
Ergebnis: Die Hypothese Peiskers von dem zeitweiligen ausschließlichen Ackerbau
und \'egetariertuni der Ur.-^laven ist vom sprachwissenschaftlichen Standpunkt abzu-
lehnen. —
c. Über slav. ph<H^' liat Meringer IF. XVI, 184 f., XVII, lOOf., XVIII, 244f. ge-
über Beiülirungeii iler alten Slavoii mit Turkotataren und Germanen. 105
handelt und es ausdrücklich als Lehnwort aus dem (iermanischeu bezeichnet, was zu
billigen ist; dadurch aber, daß er es zugleich als germanisches Erbwort zu labiovelarer idg.
Wurzel hlelc,- (in lat. hn-hulcus «Viehhirt», eigentlich »Treiber des Viehes mit dem Stachel»
und in xxrwgxn. pUgan «pflegen», ursprünglich «ackern, ackern müssen: ) zu erweisen sucht,
hat er indirekt Peisker Veranlassung gegeben, das slavische Wort als westgermanisches
Lehnwort zu einem «soziologisch allergewichtigsten» (8. 282) zu stempeln und es zum
Ausgangspunkt einer seiner künftigen Arbeiten über altslavischen Ackerbau machen zu
wollen. Das Folgende soll nun ein aufrichtig gemeinter Warnungsruf für alle Kultur-
historiker sein, daß sie auf den sprachlichen, selbst heute noch nicht völlig geklärten
Verhältnissen ja nicht zu bauen und etwas Positives oder gar Weittragendes daraus zu
erschließen versuchen. Ich dehne diesmal meine kritischen Bemerkungen auch auf N.
van Wijks neueste Erklärung des germanischen Wortes in IF. XXIII, 36(5 f. aus.
In plugü sehe ich zuvörderst mit Heyne nur eine neue Erfindung (Räderpflug
mit eigentümlicher Form des Pflugeisens und außerdem wohl mit Anbringung des Sechs
vor der Schar), welche ihren Weg von Westen nach Osten, also über das Slaventum
als Vermittler der osteuropäischen Kultur, noch weiter zu Balten, Rumänen, Albanesen
(auch deren iil'ug, pVnar halte ich für Lehngut aus dem Südslavischen, das erstere aus
dem Nominativ, das letztere aus dem Genitiv Singularis oder aus unverstandenem plugitr
«Pflugmacher»), Rumänen und Griechen genommen hat. Daß die Germanen, welche
nach Tacitus auf den Ackerbau keinen Wert legten (siehe Hoops' richtige Interpretation
bei Peisker, S. 341 A.), gerade diese epochale Erfindung gemacht hätten, dünkt mich
schon deshalb weniger glaublich, weil dabei Phnius' Nachricht (Hist. nat. XVIII. 172)
über die rhätischen Gallier als eigentliche Erfinder des Räderpfluges «in unlängst ver-
gangener Zeit» unbeachtet bleibt, trotzdem die Kelten auch sonst im Wagenbau und
speziell in der Eisenkultur als bahnbrechend zu gelten haben. Übrigens weist bereits
das von Meringer angeführte lat. currus «Räderpflug> bei Vergil auf das cisalpinische
Gallien hin; und so könnte als rhätisch-gallische Form plonum, die Quelle des lad. ^Z«/'
und lomb. pih, während der äußerst engen kelto germanischeu Beziehungen ins Ger-
manische gekommen und dort die anderen von Meringer statuierten Grundformen
*pJö,j(iz und (nicht unbedingt nötig) *plo-foz durch analogische Nachbildung von Erb-
doppelformen hinzugeschart'en haben. ^
Was Meringers Etymon angeht, so ist außer der jetzt auch von Wijk angezweifelten
Bedeutungsentwicklung von *pJcjan «ackern» aus noch das bedenklich, daß lat. hu-
hidcKs, sii-l/ulcii.< «Schweinehirt» u. ä. wegen it. Jn-folcor von der Mehrzahl der Forscher
zu Wurzel hlndlc- (gr. <fSkri.%rjc. «Wächter» usw.) gestellt wird, so daß die Wurzel
hJcku- «antreiben, ackern» illusorisch scheint; Meringer verschiebt übrigens in W. XXI,
* Da vom Shuulpunkl dos (ionnanischen ein i(-St. *plo sie strikte niclit nachweisbar ist. mQIJte man
nacti der Gultiir.ilthenric Zii|iitz.Ts seihst bei rein germ. Ureprung des Wortes im N. Sg. ein *ploua: und ein
erst analogiscli binziig(-l)ildetes "plojiaz annehmen.
- Mit diesem Worte oder vielmehr seinem vulg.-lat. Vorgänger könnte man vielleicht die angeblich
avarische Benennung der bOlnnischen Vinider bcfiilei verbinden, die Fredegar (s. bei Teisker, S. ät1(> f.1 kaum
riclitig mit hin «dop|iell> und ftilrire «stützen» in Zusammenbang bringt: doch hätte jene von mir angeregte
Etymologie keine üewoisknift für die slavische Urzeit, sondern nur für die Dauer der avarischen Beherrschung,
und zwar insofern, als den mit den Avaren (z. B. auf dem Balkan) zugleich aufiretenden und d;us gemeii\same
Vieh besorgenden, also damit wohl vertraulon Slaveii elien deshalb von den Lnteineni der Name «Vieh-
hirten» gegeben wurilo.
Würlor uiiii Siiclicn. I. H
lOG Josef Janko.
309 die Basis seiner Etymologie dadurch, daß er Kluges Erklärung von wgm. plejan
aus *(a)f-Iig(m zustimmt und das Pflügen für «ein gosclilcchtlich gedachtes Aufliegen»
erklärt: hiermit hat er aber eine nicht weniger schwankende Grundlage gewonnen und
sich überdies der Möglichkeit beraubt, ein unzweifelhaft urgerm. ^plo.jaz anzusetzen,
welchem lautlich unversehrt bewahrtes got. (if-lanjaii widerspricht.
Durch ein wirkliches, vielleicht nur westgermanisch-nordisches Lautgesetz (idg. dl-
wird zu germ. tl- und weiter zu pl-) sucht jetzt v. Wijk a. a. 0. die einzige von ihm
statuierte Grundform *plösaz unter Lostrennung von *jilejan mit idg. *dlögho-, ir. dlnifjim
«scindo» in Beziehung zu setzen und von der «aufritzenden» Wirkung des Pfluges an-
zugehen: als vorläufige Kritik seiner neuen Etymologien will ich jetzt nur anführen,
daß sein' phonetisch jedenfalls mögliches Lautgesetz sich erst bewähren muß und daß
er speziell in unserem Falle mit den nachweisbar ältesten phnjFonnen (bei Plinius,
welchem er ebenfalls keine Beachtung schenkt, pJaninorati und im Langobardisch-La-
teinischen pJovian u. ä.) sich offenbar nicht auseinandergesetzt hat.
Was folgt aus der Sprache für den slavischen Ackerbau? Abgesehen von der
späteren, nicht streng urslavischen Übernahme des Räderpfluges von Seite der praktisch-
fortschrittlielien Slaven ist es von großer Bedeutung, daß letztere aus idg. Zeiten den
ganz einfachen Pflug *r(idlo (vergl. rfniius «Ast») und dann aus urslavischer Zeit den
«Haken pflüg» socJia (noch heute russ. poln. so) überkommen haben. Prof. Zubaty nimmt
zwar hier wegen lit. szalä «Ast» skythisch-iranische Entlehnung an, ich selbst trete aber mit
Strekelj {soclia = idg. *S9Jcm «das Schneidende» zu lat. saxum «kantiger Fels», an. sax
usw. «Messer») für einheimischen LTrsprung ein. Ja, die Zoche ist aus dem Slavischen
ins Deutsche *, von da ins Italienische {-oco), von dort erst m. E. ins Französische (soc,
souclie) und ins Griechische (tCoxo?) gewandert — also ein zweiter wichtiger und nach
Meringer gar nicht so einfaclier Kulturbegrifl'. Auch das spezifisch russ. losiilja «Haken-
pflug» (vergl. Ivsa «Sense») deutet auf eiidieimische Entwicklung der zugehörigen Ety-
mologie und (wenn wir daraus, gegenüber den sonst ini Slavischen beliebten Fremd-
wörtern, einen Schluß ziehen dürfen) auch der zugehörigen Technik. Dazu gesellen sich
dann noch andere, die Altertümlichkeit, ja Eigenart des slavischen Ackerbaues m. E.
ziemlich deutlich bekundende heimische Termini, wie z. B. f/reda «Balken» und dazu
südsl. grcdi'lj und russ. (jrjadilh «Pflugschar» u. ä.
Ergebnis: Die slavischen Ackerbauverhältnisse können unmöglich unter dem
Gesichtspunkte einer urzeitlichen turkotatarischen oder germanischen Knechtschaft be-
trachtet werden, im Gegenteil: das Los der fleißig und selbständig arbeitenden Urslaven
ist ohne Zweifel besser gewesen als das der ebenso eifrig ackerbauenden, aber den Ein-
fällen der Nomaden tatsächlich ausgesetzten, wenn auch nicht in stetiger brutaler oder gar
bestialer Kneclitschaft schmachtenden Iranier.
6. Von den linguistischen Nebenstützen der Peiskerschen Hauptthese seien noch
zupa{m), Snierdi, Sclavus, NnnbCb, vitfzr. einer kurzen Prüfung unterworfen.
a) Die uns nicht ganz klaren Wörter slav. injm, iupam faßt Peisker zwar mit
Brugmann als Erbgut, sie sollen aber von den turkotatarischen, allein viehzüchtenden
Herren der Urslaven nur für sie als die einzigen «compastores» in Anspruch genommen
' Unter phonetiseber Vertretung der sLiv. Tenuis (s) nirlit durch deutsche Tenuis leni.s, .sondern
AlVricat.i forlis (ts = z).
über Berührungeu der altuu Slaveii mit Turkülalaren und Ciermanen. 107
und so zur Benennung der fremden Herren- und Hirtenschicht, zum Zeugen jeuer ur-
zeitlicheu Kueclitung geworden sein.
Hier hat aber wiedei- eine mißverstandene Et\auologie den i<oustruierenden Sozial-
historiiier irregeleitet. Wenn wir uns nämlich so wie Peisker S. 288 auf den Standpunkt
Brugmanns (iiipa = idg. *geupa «die Pflege, die Hut» zu gr. yötttj «Vertiefung in der Erde,
Nest» usw.) und 0. Hujers (neben zupmn = *geiq>aii7, liege ein *g7,pam = acech. Iipän,
dann 2>üii) stellen, so müssen wir entschieden gegen die von Peisker als urslavisch er-
schlossene Grundbedeutung der zujm als «Weiderevier», iupdui «Weidegenossen» als
unerwiesen Stellung nehmen. Dasselbe tut übrigens auch A. Brückner, der jetzt
(IF. XXIII, S. 217 f.) die Brugmann-IIujersche Erklärung in ziemlich scharfer Weise ab-
lehnt, selbst das Wort hipai) «Beamter als Verwalter von Regalien» (dazu iupa \äelleicht
erst neugebildet) für fremd, vielleicht avarisch hält und das cech.-poln. j)(in aus gekürztem
*zpa)i {= magy. ispaii) erläutert. Ohne in dieser Frage ein endgültiges Wort sprechen
zu wollen, möchte ich nur zu bedenken geben, ob wirklich aus *zpaii ein acech. (Jt)pdii
und nicht vielmehr *spdn erwachsen wäre. Ich will also vorläufig das sonst so fein-
fühlige Kriterium der Jersilbe in aöech. sc hpänem (= s^ ghpammh) unangezweifelt lassen
und neben hipanh ein [/{lOpanh, durch Kürzung oder Kontamination auch z(b)pauo an-
erkennen ; aus letzterem wäre südslav. spaii, nriagy. ispan, aus ersterem cech. (h)p(in, poln.
jjaw (lit.pö«as) hervorgegangen. Was ferner das Avarische als Urquelle des Wortes ^»jwn
betrifft, so ist es angesichts unserer Unkenntnis dieses Idioms schwer, darüber zu rechten;
dagegen kann die Stellung des mit dem Avarischen verwandten Türkischen zu sla-
visch zupan — nach folgenden, mir neuerdings von Rud. Dvorak mitgeteilten Argu-
menten — kaum zweifelhaft sein. Im Türk.-Osmanischen haben wir zwar ein cohan
«Hirt, pastor ovium et equorum», das alter selbst von türkischen Lexikographen als
entlehnt angesehen wird; in der Tat ist es ein persisches Lehnwort, welches zu lat.
pecu, ai. ^;a,s«-«Vieh», speziell zu altiranisch pasuman, jungavestisch fsniiid «Herden-
besitzer» zu stellen und direkt auf neupersisch mhän «Hirt» zurückzuführen ist. Das
einzige türkische Wort also, welches an slavisch iiipaii anklingt, ist nichts weniger als
turkotatarisch: während es auf persischem Boden, wo Ackerbau und Viehzucht gleicher-
weise gedieh, sachlich und ebenso etymologisch wohl begriffen wird, ist es vor allem
kein all türkisches Wort, und auch das von Vämliery (siehe bei Peisker S. 290 A.) an-
gpfidute, aber eigentlich mit einem Sternchen zu versehene Jiojhan (wobei Zusammen-
bang mit alltürk. koj «Schaf» vermutet wird) ist nichts als eine hypothetische Projektion
ins Alttürkische, die jedoch von keinem Wörterbuch verzeichnet wird. Es ist somit
ganz unwahrscheinlich, daß überhaupt aus dem allgemein türkischen Wortschatze ein
das slavische 'zupan bedingendes Cirundwort zu den Slaven übergegangen wäre; daß
aber auch jenes persische Lehn- oder gar Originalwort nicht die gesuchte Quelle von
htpaii gewesen ist, geht aus zwei Umständen deutlich hervor: einerseits ist die türkische
Bedeutungsentwicklung des Wortes cobaii der des slavischen htpanh gerade entgegen-
gesetzt, nämlich von «Hirt, Beschützer» sogar zu «bäurischer Mensch, Tölpel» herab-
gesunken, andererseits linden sich in der orientalischen Transskription der arabisch-
persischen Reiseschriftsteller die beiden Wörter, das slavische cnpun und das heimische,
den Autoren geläufige rohun, genau ditVeren ziert, nämlich ersteres als r^c-j- = siiliand^.
letzteres als o*;^? = roban geschrieben (vergleiche A magyar honfoglaläs kütfoi, 1V»0(>.
108 Jürifl' Jaiiko.
S. 178 f.); und diese, der neugriechischen Unterscheidung des slav. iiqmm als ^ouJcävo?
«praefectus proviuciae vcl civitatis» von T^o[j,;rävYjC, xaoTrävrj?, T^oTiävoc «Hirt» = türkisch
roban ganz parallele sprachliche Distiiiktion erweist zur Genüge, daß auch von einer hegriff'-
hchen Identität der beiden Wörter keine Rede sein kann, daß also dem slavischen
supam vor allem andern der Grundliegritt' «Hirt, compastor» abzusprechen ist. —
Dies alles hat uns in sachlicher Beziehung erst wenige Schritte weiter gefördert; doch
soviel ist klar geworden, daß Peisker in diesem Worte vergeblich einen Anhalt für seine
urzeitHche Grundlhese gesucht hat.
b) Desgleichen ist Smcnli, der Name der aruss. und polab. (daleminzischen) Bauern-
schicht, also einer der in etymologischer Hinsicht so heiklen Eigennamen, ein für Peiskers
Zwecke nichtssagender Zeuge. Treten wir nämlich an urslav. smndi «plebei» mit ge-
bührender A'orsicht heran, so können wir Ortsnamen wie c. Smrdor, Snirddkov, Smrddly
(alle ohne Schwefelquellen) nicht übersehen, obgleich letztere nichts weniger als klar
sind; verbleiben wir aber bei dem naheliegenden Zusammenhang mit swy-M?*'/« «stinken»,
so leuchtet ein, daß ein derart primäres Wort in keinem Fall von den «rasch slavi-
sierten» Türkenherren erst geprägt werden konnte (S. 305), nein, diese hätten nur einen
fertigen, altertümlichen Ausdruck, höchstwahrscheinlich einen Spitznamen der schwer
arbeitenden Ackerbauer, aus dem Munde der Urslaven aufnehmen können. Die von
Peisker angenommene Zweischichtung (Viehzüchter und Ackerbauer) wäre also, wenn
anders sie überhaupt in der Urzeit bestanden hat, älter als die vermeintliche turko-
tatarische Knechtung.
c) Mißglückt ist ferner Peiskers Berufung auf den Bedeutungswandel von Slavus
zu Sdarus, welch letzteres, ein erst spät nachchristliches Wort, zuerst nur einen Teil
der Südslaven in byzantinischem Mund bezeichnete und seine Verböserung zu «Sklave»
erst im lateinisch -italienischen Milieu, im 8. oder 9. Jahrhundert , höchstwahrscheinlich
als Erinnerung an die avarische Knechtschaft und den damit verbundenen Sklaven-
handel — auf uns im Detail unbekanntem Wege — erfahren hat. Einen retronoe-
tischen Wert für die Urzeit hat das Wort natürlich nicht.
d) Bei NeiiibCh halte ich aus sprachlichen Gründen an der Zeußschen Herleitung
aus nhm «fremd» (bei Nestor) fest. Die regelrechte Ableitung aus Neimics. dem Namen
einer wgm., ehedem wohl keltischen, später ganz westlich wohnenden Völkerschaft, würde
eher altbulg. *NemeHe mit den entsprechenden Einzelreflexen ergeben. Die umgekehrte
Bedeutungsentwicklung wie bei nemo findet sich übrigens in got. pindu «Volk», dann
*Tjiidi «Germanen (Goten)», endlich altbulg. usw. stiizdi, <fremd». Daß Kemhcb hier-
nach keine, wenn auch a priori noch so wahrscheinliche urzeitliche Berührungen mit
Westgermanen, gar den «später westlichsten» (S. 285), z. B. den Friesen, erhärten kann,
zumal da schon früher nürkv, slvh, nuta, pliigi ^ede Auskunft darüber verweigert haben,
ist selbstverständlich.
e) Durch das spät auftretende allslav. rife.-b «heros, miles» (erhalten in polab.
*ricaisi = daleminz. Withasii, Witsezen «in equis servientes; rustici») will Peisker den
Beweis erbringen, daß \\'ikinger bis nach Meißen gekommen und als Beherrscher der
Polaben eine neue Herrenschicht, die späteren Withasen, begründet hätten. Auch ich
entscheide mich für nordische Herkunft des Wortes, da Safanks Erklärung aus goti-
schen Vitti)i(jui (Vithiingi: .S.Jahrhundert n. Chr.) wegen der zeitlichen Entfernung und
der doppelgestaltigen Endung weniger wahrscheinlich, rein slavischer Ursprung au den
Etymologien. 100
Nachweis gebunden ist, daß -m nicht fremdes Suffix (wie in Tchn-^zh u. a.) sei. Doch
folgere ich aus der an. Grundlage (r!l:inf/r) noch nicht das Vordringen der Wikinger
auf der Elbe bis ins Meißener ].,and ; das Wort wurde von den baUischen Slaven (Adam
Bremensis bezeugt es als n-ifliingi mit durch -f- substituiertem palatalen -Zr- im 11. .Jahr-
hundert) und ferner von den Balten übernommen, bei denen es vom 1.3. .Jahrhundert an
«die vornehmsten eingeborenen Edlen des Samlande.«. die Freien und Dienstleute des
Deutschen Ordens in I^reußen» (Miklosich , Fremdw. i. d. slav. Spr. , S. 136) bezeichnet.
Es wurde also im Norden aufgenommen und ist bereits dort zum Appellativum «eques»
gestempelt und als solches zu den übrigen Slaven noch während der sprachlich -kultu-
rellen Einheitsperiode (8. — 10. Jahrhundert) verbreitet worden. Auf diese Weise brauchen
die dalemiuzischen *rit'azi weder irgend welche nordischen und auch nicht notwendig
die deutschen, historisch bezeugten Eroberer ihres Landes gewesen sein, sondern sehr
wohl berittene einheimische Krieger, nach Peisker selbst eine Art «milites agrarii». Mit
den Supanen und Zraurden (S. 320 f) würden eben die Wilhasii den Grundstock der
echt slavischen Bevölkerung in Meißen ausgemacht haben. Die oben berührte baltische
Parallele ermöglicht uns. hier ihr Gegenhild zu suchen.
7. Schluftergebnis: Die von Peisker zu Zeugen aufgerufenen sprachlichen «Tat-
sachen» vermögen seine Ilauptthese nichts weniger als zu stützen; die von einem her-
voi'ragenden Sozialhistoriker diesmal geübte Überschätzung und gläubige Verwendung
selbst des unsichersten linguistischen Materials wird in der Folge vermieden, die Auf-
hellung der slavischen Urzeit mit anderen Mitteln und (was die Hauptsache bleibt) mit
anderer Methode in Angriff genommen werden müssen. Auch Peiskers ziemlich eigen-
mächtige Quellenerklärung und die Heranziehung von nicht immer gleicherweise be-
dingten geschichtlichen und soziologischen Analogien konnten seine These von der ur-
zeitlichen Doppelknechtschaft der Slaven nicht vor dem Fall erretten, der natürlich den
Zusammenbruch so mancher weiteren Konsequenz (z. B. der Annahme slavischer Pro-
venienz bei den sirrl des Tacitus u. dgl.) nach sich ziehen mußte. Es hat eben den
goldenen Schlüssel zur slavischen Vorzeit selbst Peiskers Fleiß und Begabung noch
nicht gehoben, ihn soll die Zukunft erst schmieden oder durch einen glücklichen Fund
entdecken.
Etymologien.
dazu Daniele, Rjei-nik iz knjizevnih starina
srpskili : snibm caplivtis). Sonst heißt der Ge-
Slov. suzenj '^Sklave», muka ^""^^ •" 1'r S"'"u ''^'•^-'"'V ""? ''''■''"''
•' ein Beweis, dau Doppelformen, wie slov. /tilgen f
« Marter ^>. ,]„(} s„-,„_ sehr alt sind, obgleich es keinem
Im Slovenischen lieil.il der Sklave i^zeiij, .'<itze>i Zweite) unterliegt, daß von einem Suffixe -h/i/o'
(diese Form schon bei Dalmatin). siUnW. Das auszugehen ist. was namentlich aksl. «irrjn»*.
^Vort mit seinen Ahleilungen ist seil dem l(i. Jahr- ,.. ,-,;^,.;,. p. ,r/V--i>ii, klnruss. rjmeiih beweisen. Doch
liundert in verschiedenen Ouellen und aus ver- der .\uslaul und seine Weilerentwieklung kommt
sehiedenen Gebieten belegt (s. Pleter.snik. lijer niclit in Betracht. Für uns ist wichtig der
Slovar) und gehört zu der von Miklosich EWh. Umstand, daß wir im Siovenisclien für <i regcl-
uiiter -en: zusammengestellten Sippe: ve:ati bin- leiiit o (als« «),»,-»;) erwarten würden, das In
den. lazh, qzu, rqza, .fhrq:a Band USW. Ein
ganz entsprechendes aksl. sqHnh captivus stammt 1 Vondrak, \ "1. lir. I. »:!7.
nur aus seihischcn Quellen (Mlkloslcii. Lex.; -' Miklosich, Vgl. t?r. 11. l'Vi.
110
Etymoiügiun.
voza Band, Kerker, speziell der des Kriegsgelhii-
genen ', voznik- Gefangener wirklich vorkommt.
Aus einem Dialekt kann dieses it nicht
stammen. Im Görzischen wird allerdings q regel-
mäßig durch « vertreten ^, teilweise auch im
Resianischen in Italien, doch in die Schriftsprache
ist das Wort in Krain, speziell in Unterkrain
(Dalmatin) geraten und ehenso weisen die älteren
und jüngeren Belege auf Steiermark liin. Bei
Trüber, dem Begründer der slovenischen Schrift-
sprache, finden wir neben regelmäßigem o (auch
vosa^) zwar suseb, zuper^, doch erblicke ich in
diesem u nur eine unbeholfene Wiedergabe eines
dumpfen Lautes, während wir es in suzenj mit
einem deutliehen und alten u zu tun haben, das
in Unterkrain, der Heimat der slovenischen Schrift-
sprache, zu ä geworden ist.^ Dementsprechend
ist auch an einen allmälilicheii Übergang zum
serbo-kroatischen u oder an eine Entlehnung des
Wortes aus dem Provinzialkroatischen niclit zu
denken, denn in letzlerem Dialekt verdrängt ja
II erst allmählich o.
Eine Entlehnung aus weiteren serbo-kroati-
schen Gebieten ist auf den ersten Blick wenig
wahrscheinlich, doch eine sachliche Betrachtung
löst sofort alle Schwierigkeiten. Alle älteren serbo-
kroatischen Wörterbücher führen nebst der Be-
deutung Sklave auch Gefangener, Kriegsgefangener
an (vergl. Jambresic captivus, sodann ruznik
prodan v hojic s. v. mancipium, Habdelic und
Belostenec s. v. suzenj), die neueren Viik
Karadzic und Broz-Ivekovic kennen nur die
letztere Bedeutung von suzanj, die offenbar die
ursprüngliche ist, und bringen die volkstümlichen
Belege aus den nordwestlichen Gebieten. Eben-
dahin werden wir namentlich durch zahlreiche
epische Volkslieder der bosnischen Mohamme-
daner® geführt, wo die in den Grenzkämpfen ge-
fangenen Christen oder Mohammedaner siiznji.
' Veigl. K. SIrekelj, Slovenske narodne pesmi I,
21). 31.
■' Miklosich, Vfl. Gr. I-, 317.
•■' Fr. Levec, Die Sprache in Truhers Matthäus,
Laibach (Gymnasial-Programm 1878), 42.
■* Miklosich o. c. 318.
" Fr. Levec o. c. 5.
" S. Hrvatske narodne pjesuie, Bd. 111 und I\',
hg. von L. Marjanovic, Agram IS'.lS, 1899. Vergl.
z. B. III, S. öO, ,öl, 52, 146, 160 u. o„ 186, 192,
212, 296 usw.
(häufig acc. suznja nevoljnikxi, siiinje nevoljnike)
genannt werden. Die Slovenen waren ein Volk
ohne staatliche Vergangenheit und hatten daher
keine Gelegenheit , Kriegsgefangene zu machen
und sie als Sklaven zu halten ; dagegen wurden
sie in den Türkenkriegen seil 13!16 durch Jahr-
hunderte nur allzuoft gefangen genommen oder
einfach aus der Heimat davongeschleppt, meist
von den slavischen «Türken» in Kroatien und
Bosnien, von denen sie als Sklaven gehalten oder
verkauft wurden. Von dieser gegenseitigen un-
freundlichen Bekanntschaft liefern den besten Be-
weis die Volkslieder der bosnischen Mohamme-
daner, in denen alle Christen oliue Unterschied
des Landes, des Glaubens und der Nationalität
häufig «Krainer» (kranjci, kranjad, kranjadija')
heißen, was der wichtigen Rolle, die Krain tat-
sächlich in den Türkenkriegen spielte, entspricht.
Durch diese serbo-kroatischen «Tür'ken» kam be-
greiflicherweise suzenj zu den Slovenen.
Ebenso befremdend sind im Slovenischen
iiiuka Marter, mucenik Märtyrer, muriti martern,
während gerade aus den nordöstlichen Gebieten
moka aus Ungarn und Steiermark an der kroa-
tischen Grenze, mociti aus Ungarn belegt wird;
moka steht schon in Dalmatins Bibel (1584), aber
nur im «Register» der dialektischen Worte als
provinzialkroatisch für «krainisches» martra, wel-
ches deutsche Wort überhaupt bis auf den heu-
tigen Tag im Volke stark verbreitet ist. Da alle
Formen mit u erst aus dem 19. Jahrhundert (zu-
erst mu'cenec bei Ravnikar) belegt sind, so ist
dieses kirchliche Wort wahrscheinlich erst um
diese Zeit aus serbo-kroatischen Büchern ent-
lehnt worden; falls jedoch die Entlehnung älter
und auch volkstümlich sein sollte, so wäre sie
durch die zahlreichen kroatischen, selbst aus Dal-
matien stammenden Geistlichen zu erklären, die
im 16. und 17. Jahrhundert nicht bloß südlich
der Drau (Patriarchat Aquileja), sondern auch
zwischen der Mur und Drau (Salzburg) wirkten.*
Ein drittes derartiges Wort nuja Not , Be-
drängnis hat bereits K. Strekelj^ als Konta-
mination aus noja (aksl. nqida) und dem fremden
muja (d. Mühe) nachgewiesen.
' L. Marjanovic o. c. III, S. XL.
- Vergl. Fr. Kovacic. Trubarjev Zborn''i, S. 97:
Kopitar, Grammatik, S. 4Ü.") (Zeugnis Trubers).
•' Zur slavischen Lehnwöiterkunde, Denkschriften
der Wiener Akademie, Bd. L, S. 4(1.
Etymologien.
111
Durch diese Erklärungen werden alle Aus-
nahmen von einem slovenischen Lautgesetz be-
seitigt. Der Fall bietet also ein prinzipielles In-
teresse, obgleich ihm keine übertriebene Bedeu-
tung zugeschrieben werden soll.
(! raz. M. Miirko.
Tenuare im Rumänischen.
Wenn man als Lexikograph über ein ziem-
lich reichhaltiges Zeltelmaterial verfügt, kommt
man oft vor eine etymologisch noch unaufgeklärte
Wortsi])pe zu stehen, welche zwei oder mehrere
Bedeutungen aufweist, die sich eine aus der an-
deren ohne Zwang nicht herleiten lassen. In
solchen P'ällen stehen dem Autor eines Wörter-
buches zwei Wege offen: entweder hört man den
Rat der Vorsicht und, selbst auf die Gefahr hin.
Zusammenhängendes gewaltsam zu trennen, ver-
zeichnet das Wort an zwei verschiedenen Stellen,
als ob es sich um Homonymen handelte — ein
Verfahren, welches, man möchte sagen, leider so
oft von den Verfassern des französischen Diction-
naire giniral befolgt wurde, — oder, da keine
noch so verschiedenartige Begriffe existieren, die
sich nicht in irgendeinen Zusammenhang bringen
ließen, man sucht ein Bindeglied und stellt das
Wort als Ganzes dar, mit dem Risiko, Unzu-
sammengehöriges künstlich aneinandei' zu leimen.
Beide Wege haben iiire Vor- und Nachteile, und
es ist lediglich Sache der Auffassung eines jeden
einzelnen Forschers, welche Ai't er befolgen wird.
Vor einen solchen Fall wurde ich neulich
gestellt, als ich für das Wörterbuch der rumä-
nischen Akademie die Wortgruppe h>{inä, mit
dem als Adjektiv gebiauchten Partizip in{iiiut,
mit einem anderen Präfix a(iiiat, auszuarbeiten
hatte. Die Wortsippe weist zum mindesten zwei
ganz verschiedene Bedeutungen auf:
1. von Sachen: angelehnt, lose angefügt, ohne
feste Gnuidlage:
2. von Menschen; bockbeinig, störrisch, un-
wirsch, stolz, zurückweisend, drohend.
Es ist vielleicht keine unnütze Arbeit, den
Lesern dieser Zeitschrift zu zeigen — da es sich
herausstellen wird, daß die Lösung des Rätsels
von der Kenntnis der «Sache» selbst abhängt — .
wie sich für mich allmählich der Pfad zum
Lichte ergab.
Zunächst nnilite das Material uesichlel werden.
denn das. was die bisherigen Wörterbücher liefern,
ist keinesfalls geeignet, Klarheit zu verschaffen.'
Bei dieser Gelegenheil konnte ich nicht nur in
Hinblick auf die Bedeutung die zwei obenan-
geführten Gruppen feststellen, sondern es stellte
sich auch die Talsache heraus, daß die Woil-
giu|ipe territorial begrenzt ist: sie erscheint in
der Moldau und in den daran angrenzenden
Gegenden der Bukowina und in Siebenbürgen.
Nun mußte ich nach dem Ursprung suchen, da
die Kenntnis der Etymologie in der überwiegen-
den Zahl der Fälle tien Ausgangspunkt jeder
semasiologischen Erklärung liefert. Was bisher
vorgeschlagen winde, war sicherlich verfehlt^ und
eine Umschau, die zunächst sich auf die Be-
deutung bauen mußte, im Lateinischen, Roma-
nischen und in den Nachbarsprachen blieb eben-
falls erfolglos. Da das Wort aber allem Anscheine
nach lateinisch ist — schon die -are-Konjugalion
weist daiauf — , so wählte ich noch den letzten
Weg, den der Rekonstruktion. Wenn man vor-
derhand von der Bedeutung absieht und ein la-
teinisches Wort rekonstruiert, welches dem ru-
mänischen -fin, -are in der Form entsprechen
soll, so gelangt man zu ten(it)o, -are. Dieses be-
' Die er^;te Erwähnung des Wortes findet sich
bei Anonymus Caransehesiensis XVII. .lahihunderl),
wo jedoch die angeführten Formen eiicin, encinnt un-
iiberselzt bleiben, im Budaer Lexikon {lSiT>) wird
intin, -are durch «aliquid leviter adligo erklärt.
Dann fehlt das Wort liei I'olizu, Pontbriant. Cosli-
nesru, Cihac und in den älteren Auflagen auch hei
Harcianu. wo erst später hilinat angeführt und, des-
gleichen wie bei ^äineanu, durch «lockers und «dumm-
stolz» übersetzt wird, auläerdem beim ersteren auch
ein afiiiat «hänf;enda erscheint. Dies wird auch bei
Hasdeu ausgeführt und in einem Volkslied aus Siel>en-
bürgen belegt; es fehlt aber bei Tiktin und DamtS
welch letzterer inliiiat durch «qui tient h peinev und
übcrllüssigerwelse noch durch «chanceUnt, tremblant,
vacillant» übersetzt.
- Von teuere, mit Konjugationswechsel (Budaer
Lexikon), sreht es selbstverständlich nicht. .\ber
aucli was Hasdeu in seinem Eiymologicum vorge-
schlagen hat, ist zu verwerfen. Er geht von der
Bedeutung «hängen» aus und meint, daß wir es mit
einer Aldcitung von tfiiH.--: -orig zu tun hätten. Aber
selbst wenn man (ür dieses Wort die Bedeutung
«Bändohen» (statt «Kallslrick»^ mit Hasdeu nnnimml.
so ist eine Bildung *<illeiinre morphologisch unmög-
lich, da sie docli nur *ntlfii»rnre beiUen könnte.
112
Elyiuologien.
deutet «etwas tenuis, tl. h. diiiin oder schwach
machen», im eifjentlicheii und im bildlichen Sinne.
Aus der Natur der Sache selbst l'ülgt, daß der
Ausdruck vorzüglich in den Fällen gebraucht
wurde, wo von einer umwandelnden Hand-
lung die Rede war: einen dicken, kräftigen Gegen-
stand verdünnen oder schwächen. Es mußte also
untersucht werden, oh der Sinn des rumänischen
Wortes sicii irgendwie mit demjenigen des latei-
nischen in Zusanmienhang bringen liefs.
Nun fiel mir gleich eine ganz spezielle Be-
deutung des rumänischen ln{inä auf, die ich oben
noch nicht angeführt liabe. Wenn man einen
Baum (oder einen Ast) nur soweit absägt oder
abhaut, daß er noch nicht umstürzt, sondern ge-
rade noch an dem Stamm sieb hält, so wird
dies im Ituuuinischen durch a hifiin) na copac,
nn copac '/nfinat wiedergegeben. Dies würde
nun zu der Etymologie passen und zugleicJi als
Bindeglied von der Bedeutung 1 zu i dienen können.
Nimmt man an, dafä das Wort Tn(inä ur-
s|)rünglich die allgemeine Bedeutung «dünn oder
schwach machen» hatte, so steht zunächst nichts
im Wege zu vermuten, daß sie auch auf den be-
sonderen Fall angevi'endet werden konnte, wo
ein Baum durch Absägen oder Abhauen zugleich
an der betreffenden Stelle dünn und überhaupt
hinfällig gemacht wurde. Das Bild eines der-
artigen Baumes konnte nun nach zwei Richtungen
hin für die Sinnesentwicklung des Wortes wirk-
sam werden:
1. Zugrunde lag das konkrete- Bild, und
hitiiiat (atlnat) wurde mit demselben Rechte bei-
spielsweise flu' eine aus den Angeln heraus-
gehobene Tür, die dann nur angelehnt wird', ge-
braucht, ferner für einen Steinblock, welchen
der angeschwollene Bergfhiß untergraben hat. so
daß er sieb luu' noch schwach auf seinem Platze
hält und in jedem Augenblick wankend gemai'lit
werden kann^, weiter für ein schwach zusammt'u-
' Bagä de seamä cä u^a e nuniai hiliiia/a i-\
are se cadä pe tine! (geliiirt in der Bukowina) =
«gib acht, denn die Tür ist nur angeleimt, und
sie wird auf dich fallen!»
' Cum curgeau päraile grozav . . . urnim o staiicä
din locul ei, care era numai infinatä; §i unde nu
porne^te sfanea la vale . . . Creangä, Ämintiri, ÜS =
<:V\'rdirend die Bäche wütend flössen . . ., bewegten
wir einen Felsen, welcher untergraben war, von
seiner Stelle; da rollte der Stein liergab ....
gestelltes Flechtwerk, welches über eine Grube
gelegt wird, mit der Absicht, dadurch einem Tier
eine Falle zu bereiten^, dann auch für eine Brücke,
die ebenfalls so gebaut winde, daß sie nur locker
auf den Pfeilern ruht, damit der ahnungslose
Feind bei ihrer Benützung ins Wasser stürze",
endlich für Kinderspielzeuge, die nur schwach
gebaut sind, oder, im figürlichen Sinne, für die
unfreiwillig geleistete Arbeit der Diener, welche
gerade nur den Schein wahren wollen, daß sie
den Befehlen nachkommen, olme daß es ihnen
daran läge, eine gründliche Arbeit zu verrichten.'
2. Das Bild des durchgesägten Baumes wird
in mehr abstrakter Weise auf den Menschen
übertragen, und es wird zunächst die «drohende»
Haltung beider hervorgehoben, indem durch hi-
(inat ein Mensch bezeichnet wird, der jeden
Augenblick bereit ist, sich auf einen loszustürzen.''
' Fmple groapa cu jaratec . . ., dupa asta a^aza
o leasä de nuiele numai lnj,iiiaiä §i ni^te frunzari
peste dinsa; peste frunzari toarnä Jernä §1 peste ^ernä
ablerne o rogojinä. Creangä, I'ovesti, 29 := Sie lülll
die Grube niil glühender Kohle . . ., gibt darauf ein
aus jungen Zweigen lose berge.slellles Geflecht und,
über diese, Beisig; darüber schüttet sie Erde und
breitet darauf eine Matte aus.
- Gätarä pod viclean, iii(i)iat slab, pre apa Rä-
nudui. Dosofteiu, fiola sfiiililoi; 17 verso = «sie
bereiteten eine Brücke in hinterlistiger Absicht, welche
sie nur lose und schwach über den Fluß Rom
bauten».
'■' Dar §tiji D-voasträ, cum e lucrul ce-1 faci silit
§1 farii voie: numai atiiinf, ca jucäriile copiilor §i ca
lucrul ce |i-l fac slugile. Mera, Diu liiiiiea hnsntelor.
2.")9 = «aber Ihr wißt doch alle, wie eine Arbeit.
die man mit Widerwillen und auf Befehl macht, aus-
sieht: sie ist nichts weniger als gründlich, nach
Art der Kinderspielzeuge oder wie die Arbeit, die von
den Dienern verrichtet wird».
■• In einem Volkslied aus der Moldau (Sezälüare«,
II, 138) lesen wir: . . . Strig la puTca, nu m'audi. —
Ba ti-aud, puiuli, bghini, Da nu pociü vin'i la tini, Ci-i
dujmanu lingi mini, -^i du§manu-i mort di hat, |edi
cu pu^ca'ncärcat', Cu pchistoaU di-a pchicioarl, In-
fiiiat sl mä omoari = «. . . Ich rufe die Geliebte,
aber sie hört mich nicht. — Doch, ich bore Dich
wohl, Geliebter, ich kann indessen nicht zuDir kommen,
denn der Feind (= mein Mann) sitzt neben mir, und
der Feind ist betrunken, ist mit geladenem Gewehre, •
mit Pistolen an seinen Füßen, in jedem Augen-
blicke bereit, mich zu tiiten.» Der Herausgeber
hat sich verpflichtet gefühlt, das Wort inlinnt zu er-
Etymologien.
113
Wenn dies nicht als eine gelegenlliclie Haltung
ik's Menschen, sondern als eine ihn charakteri-
sierende Eigenschaft gedacht ist, gelangen wir zu
den Bedeutungen «leicht in Aufwallung geratend,
streitsüchtig, störrisch, unwirsch, bockbeinig, eigen-
sinnig und stolz».'
Die hier angenommenen Bedeutungsentwick-
limgen sind wohl möglich; damit sie aber
wahrscheinlich erscheinen, müßte gezeigt wer-
den, dafs im Leben der Rumänen, speziell in
dem oben als begrenzt gezeigten Gebiete, die
Bäume, die man in(inaii nennt, tatsächlich eine
so bedeutende Rolle gespielt haben, daß erstens
der weite Sinn des lat. fenuare sich auf einen
ganz spezifischen P'all einschränken und daß
dann diese Bäume als geeignetes Mittel zu einer
bildlichen Ausdrucksweise gebraucht werden
konnten.
Während die walachischen Geschichtschreiber
nichts Ähnliches überliefern, wissen uns die mol-
dauischen Chronisten über eine ganz besondere
Art der Kriegsführung ihrer Vorfahren in alter
Zeit zu berichten. Sie bestand darin, daß der
Feind in den über fast das ganze Land aus-
gebreiteten Urwäldern abgewartet, oder geradezu
in sie hineingeluckt wurde, nachdem vorerst die
Bäume hifiiiafi wurden. Der ahnungslose Feind
kam in den Wald hinein. — und auf einmal
klären, und er tat es in folgender, nicht besonders
geschickter Weise : Gata, pregätit, pujin trebue iiital,
ca sä saie ars (ihid.) = «fertig, bereit, es ist nur
ein geringer Anlaß notwendig, damil er aufbrauseml
emporspringe».
' In der Bukowina in diesen Bedeutungen oft
zu liöroii. Aus der Literatur führe icli an, ohne zu
übersetzen: Deacii cunc-jcänd Aron-Yodä cä nu va fi
bine pänä in sfar§it, ji ^eara scär§cä, pribegii sta i/i-
(inn^i, au socolit . . . Gr. Ureche, Letopi.itfe, I ', 20!>.
Doamna, incäpfi^inalä ^i tnfinntä cum erii, nu voi
sä-1 asculte. Marian, Tradifii, 67. Daoä mirele
voe§ie ca . . . sä nu i se Inlämjjle nimica. plätejte
. . . färä . . . imiiolrivire . . . Daca insu mirele e un
om hilixnt |i cärpänos, dacä se pune de pricina ^i
nu voe^te de fei sä pläte.iscä . . . Marian. Xiinln, G()3.
Mama, penlru ce se Jine Sandu-a§ä de inlinati' Sliu
ca nu-i de Impärat! Tojbue, SdmäniHonil, vol. II.
:28. De la sfänl-Väsiu a treia duminecä, l§i jucä Iclea
Solomie nora . . . Solica jiä^eä niändrä ji alinatä,
soacrä-sa o Jineä de dupä lap. V. R. Butioescu, Xoiia
revistä ronntiiti, I, Siipl. II, pag. 30. Mä uil iiithint
(= aspru). Pamfile. Jocitri. II ((Jlossar).
Würicr mirt Snclieii. I.
krachte es rings um ihn herum, auf ihn fielen
uralte Stämme herab, die zugleich den Weg nach
rückwärts und nach vorne versperrten, und auf
den dem Tode Geweihten flogen nun die wohl-
gezielten Pfeile der bis dahin gut versleckten
«arca§i». Die ersle Schlacht, die überhaupt von
der ältesten rumänisch geschriebenen Chronik
überliefert wird, war eine derartige. Nur wenige
Jahre nach der Gründung des selbständigen mol-
dauischen Fürstentums, in der zweiten Hälfte des
XIV. Jahrhunderts, entstand zwischen den Brüdern
pETur und §tef.ax ein Kampf um den Thron :
«Da Kasimir, der Polenkönig, das Land erobern
und §telan einen Dienst erweisen wollte, gab er
ihm ein Heer, mit dem dieser am ersten Juh ins
Land einbrach. Und anfangs war das Glück auf
ihrer Seite; später aber wurden sie von den
Unsrigen überlistet und in den Urwald binein-
gelockt. Da die Bäume längst des Weges iiitinafi
waren, stürzten sie diese auf den Feind, und die-
jenigen, die nicht daran zugrunde gingen, wurden
lebend gefangen.»' Etwa um ein Jahrhundert
später (1497) gebraucht der Fürst §lefan der
Große gegen die Reiter des Polen .Albrecht die-
selbe Kriegslist, die ihm den berühmten Sieg im
Kosmincrwalde sicherte: §tefan, welcher erfahren
hatte, daß Albrecht durch den Kosmincrwald
ziehen wird, «bat Leute vorausgeschickt, daß sie
den Wald Uifineze, damit er ihn auf das Heer
herabstürzen könne, wenn die Polen in den Wald
eingetreter. sein werden. Er selbst verfolgte sie
mit dem ganzen Heere und mit zweitausend
Türken. Und am vierten Tag holte er sie ein.
im Augenblicke, wo die Polen in den Wald ein-
getreten waren, Donnerstag, am iO. Oktober, und
mit Gottes Hilfe . . . schlug er von allen Seilen
auf sie los und, da er die copacii iiitina{i auf
sie herabstürzte, wurden viele polnische Soldaten
getötet, einige durch die [rumänischen] Soldaten,
andere durch die sie wie in einem Netze um-
zingelnden Bauern, und wieder andere durch die
coparii iii(inati.** Bald, mit dem Aufkommen
der Feuer wallen, wurde diese, jedenfalls sehr ;dle
Kampfesweise aufgegeben und. soviel ich weiß.
» Gr.Ureche. Lrfopi'.'«'/*,!«, 100. Auf der nSdulen
Seile ist dieselbe Besclireiliung bei X. Cosün, mit
vielen Einzellioiteii abpcdiuckt. Kl>onso bei Sinoai.
Jhoiiiciil. I>. iU.
2 Ebenda. I:N.
114
Etymologien.
wird sie nach flcm XVI. .laiiihunclcrt nicht mein-
angewendet. Sie mnl'i jedenfalls selir alt sein
und sie entspricht den Terrainverhiiltnissen dieser
von Urwäldern bedeckten Gegenden. Leider fehlen
uns alle Mittel, diese Kriegslist geschichtlich fih-
alle Zeiten zu belegen; doch berichtet die itn
Volke lebende Tradition bis auf den heutigen
Tag darüber.' Wahrscheinlich wurde sie aber
gerade zur Zeit der Vülkerwandernng ]iraktiziert :
die Wälder mufaten den Einwohnern der Kar-
pathenländer nicht nur die natürliche Zuflucht vor
den plündernden Scharen liefern, sondern sie ver-
wandelten sich, wenn sich der Feind in diese hinein--
wagte, zum Verbündeten des rumänischen Volkes.
Ist die Annahme richtig, daß die mittelst
copaci m{ina}i durchgeführte Verteidigungsart der
allen Rumänen auf die Bedeutungsenlwicklung
des Wortes mafsgebend war, so erscheint es nur
natürlich, daß das Bild des «drohenden» Baumes
auf den Menschen übertragen w^erden konnte.
Fast alle Beispiele, die oben angeführt wurden,
auch wenn sich das Wort auf Sachen bezog,
enthalten diesen NebenbegrilT der «Drohung» und
der «gegen einen Feind gebrauchten Hinterlist».
Es ist nun auch nicht mehr schwer zu begreifen,
dafä das Wort in{inä, welches in seiner allgemei-
nen Bedeutung mit dem alten suhtiä (< snbtiliare)
«dünn machen, verdünnen» und mit dem neueren
släbl (aus dem Slavischen) «schwächen» zu-
sammentraf, mehr oder weniger überflüssig wurde,
und sich nur in einem speziellen Sinn, für den
der oftmalige Gebrauch einen Ausdiuck erheischte,
erhielt. Sextil Pu§cariu.
Filis. batschlauna ^'pigna».
Questa voce diFilisur e .-^tata ultiniamente citata
dal Guarnerio, Appunti bregagliotti num. 90.
Jo non potrei non mandarla insieme a bisiddna
pannocchia, una voce che ho udita a Sorico (Lago
di Como) e che ancora non conoscevo quando
' Marian, Trculilii, 24: Über den Tatarenein-
bruch erzählt das Volk, daß die Siebenbürger und Mar-
marrscheo Rumänen «als sie erfuhren . . ., daß eine
Tatarenhorde über sie kommt, sich versammelten
und einen Teil des Waldes auf den Bergen Opcioara
und Täiarco, wo sie vermuteten, daß die Tataren
vorbeiziehen werden, abzuhauen begannen, jedoch
hauten sie den Wald nicht gänzlich ab, ci nnmui o
hilinarn'.
ebb! a parlare (Dialetto di Poschiav. tiO.") n) di
batschlaiina. Ambedue le forme sono poi, salvo,
il genere, gli esatti e(|uivalenti di bresc. horolä,
mant. bocoldh, \')avm. bozzilaii , lomb. , piem. i/-
{'•ulän ', buccellato, ciambella, dei quali v. iMussalia,
Beitrag 40. Se questa voce poi sia un diretto
derivato da buccella (Post. s. «buccella» : engad.
biitsckella, e, con suffisso sostituito com. bisci-
oeida, ccc), o rappresenti, con altra uscita, il
pure lat. buccellatü (Post., s. v. ; engad. bil- bi-
tsrhalö, ven. bozzolao, passato nel Voc., sie. gtic-
ciddatu, cal. muccellato ^, ecc.), e cosa ch'io non
so decidere, e clie del resto qui poco importa.
Per il p- di certe forme cisalpine e trans-
alpine, venute al valore di «pigna» (Guarnerio ib.,
Poschiav. ib.), io giä invocava l'enigmatico engad.
piischa pigna. ^ Ma non parmi superfluo di ri-
cordare che nel mezzogiorno occorron per
«buccellato» delle forme come l'agnon. piccil-
leäte, l'irp. piccilatieddii. alle quali tien burdone
il lomb. -sie. puzzuddät, ecc.^ (Note lomb.- sie,
num. 45 n.) II p- potrebbe avere la stessa ragione,
a me per ora ignota, a sud e a nord.''
' II c lombardo-piemontese non puu pero essere
il normale rappresentante di ec, per cui in Lombardia
vorremmo z (s) o s, nel Piemonte q. Ann voglio
insistere nella possibihtä d' un *bucc(u)la, e suUa
ulteriore possibilitä che -cd- avesse un diverso trat-
tamento di -d-, Meglio sovviene che e in Lom-
bardia e nel Piemonte biciUlk significa anehe «bag-
geo, sciocco», e che in tal ufficio ha per sinonirao
cQla dümb. anclie (.'uldn) . di cui v. Arch. glott. XVI,
237.
- M'immagino che a muccelJata si venga atlra-
verso 'mm- 'mb-, secondo quanto s'espone in Appunti
merid, (St. rom. VI), num. 47.
' L'incertezza circa alla natura sorda o sonora
del seh ci toglie di ragionare inlorno a cpiesla forma.
Se si tratta di i, si potrebbe pensare a una estra-
zione da un qualclie derivato di pice. Ma anehe
potrebbe essere l'estratto di un *'pusella; dove e da
ricordare bucella all. a bcccella (cfr. l'it. bocell- ac-
canto a boccell-).
^ Nell'Abruzzo, v'ha pezzelle cialda, ciambella,
per cui potremmo invocare bcccella, quando non
insorgessero difficoltä dal zz (cfr. invece cal. , nap.
azzettare accettare, ecc. ; voci in fondo letterarie).
^ Naluralmente per il nord, dati i significali, vi
sarebbe una spiegazione non valida per il sud : la
intrusione di iiesa, ecc, pino. : il campodolc. pis-
olpta parrebbe addirittura un *piceolana; ma il
breg. pashitm, non ])otrebbe esserlo in causa del .v
Literatur.
lü
Quanto ai signifieati di hatschlauna, ecc. , si
sappia die il «buccellato», sc i" una ciambclla,
puü anche designare dei dulci di forma allungata
o baculare, cosi un «biscottino», ecc, e dei «bis-
cottini» sono appuiito i famosi bicioMh di Ver-
celli.' Da ciö si capisce che ne sia venuto il
significalo milanese di «fuseragnolo» , e anche
quello gergale di «dito indice», a tacere di quello
di «pene», a cui ci preparava dei resto una delle
precedenti uote. Ma un confetto di forma rotonda
e oblunga ben poteva prestare il suo nome e alla
«pigna» e alla «pannocchia».
Sopras. guoiia -chiodo».
Non si puö veramente dire clie soddisfi molto
la dieliiarazione ehe di questa voce tentava l'As-
coli (Arch. glott. it. VII, 531). La parola doveva
venire accolta non nella 1*, ma nella 3* sezione delle
Annotazioni lessicali, quella che considera la
rüde materia tedesca. Poiche in guotta non
potremo ravvisare altra cosa che un derivato da
guva spillone (engad. ('(/ua) che si radduce al
ted. Giife, e per cui son da vedere Brands tetter.
Das schweizerdeutsche Lehngut im Romontschen,
46, e Walberg, Fonetica di Celerina, § 53.
Si rivede la base di qua dall'Alpi, come si ap-
prende dal Guernerio, Appunti bregagliotti,
num. 76. •
Vic, veron. pendola "bietta,
zeppa, cuneo deH'accia».
La voce compare a Ycnezia c Belluno sotto
la specie di penoh, e nel Friuli sotto (pielle di
plniile e prgntdp ; il w della quäl forma tanto
meno ci disturborä, in quanto il Friuli abbia
anche pii/narölc (allato a penarole) astuccio per
le penne. Sara da vedervi un derivato mediante
/. Quanto alla forma vicentino-veronese, essa va
con prnola , con quo.-;ta difTerenza che qui ab-
bianio nn scompiato, mentre lä e stato distratto
in ml come in altri sdruccioli degli stessi dia-
letti: a. ver. cendamo cinnamomo (cixnamv.m;
che andni t'orse col sdi dell'engad. ^iwc/ia. Sempre
che dl non dia sl, come allrove in Lombardia c+cons.
da s (Zsphr. f. r. Tliil.. XXII. 4S0n, Poschiav. 509, dove
i' allegalo Tepiif).
' Del resto anclie la «ciambella» puu designare
uu confetto di forma oblunga. Qui in Milano al-
ineno, vedo nelle bacheche dei confcltieri dei piccoli
biscollini indioati conio «cianibelline di Bolognas.
v. Postille al Vocab. lat.-rom. s. w), ver. cdndeco
canape ca.\.v\bis, che ho dal Dizionario botanico
veronese di Lorenzo Monti. — Quanto alla eti-
mologia (pi.vs.\ o penna), v. D'Ovidio, Zeitschr.
f. rom. Phil. XXVIII, 537.'
Mailand. C. Salvioni.
Literatur.
Walter O. Streng. Haus und Hof im Fran-
zösischen. Mit besonderer Berücksichtigung der
Mundarten. Versuch einer onomasiologischen
Studie. Helsingfors 1907. Druckerei der Finni-
schen Literaturgesellschaft. 168 S. 8°.
Nach Art der Arbeiten von E. Tappelet,
'Die romanischen Verwandtschaftsnamen' und na-
mentlich A. Zaun er, 'Die romanischen Namen
der Körperteile", gibt der Verfasser, mit Beschrän-
kung auf Frankreich, die Bezeichnungen von 'Haus
und Hof. Das Material hat er namentlich aus
Dialektwörterbüchern und natürlich aus dem .Atlas
Linguistique geschöpft, das, was die älteren Texte
in Vulgärs])rache oder in Latein geben, aber nur
beiläufig namentlich nach Godefroy und Du Gange
herangezogen. In der .\ulage folgt er seinen
Vorbildern, teilt also bei jedem Begriffe ein in
I. Lateinische Tradition, II. Galloromanisclie Neu-
schöpfungen, A. Verschiebung, B. Spezialisierung
einer allgemeineren Bedeutung, C. Merkmal,
D. Entlehnungen, E. Dunklen Ursprungs. Der
Stoff ist rrit Fleiß und Gewissenhaftigkeit ge-
sammelt, die Beurteilung im ganzen und großen
eine gute. Der Verfasser kennt die Lautverhält-
nisse der Mundarten, die er heranzieht, zumeist
so weit, daß ihm allzu grobe Mißverständnisse
nicht begegnen, wenn auch freilich bei noch etwas
größerer Vertrautheit gar manches, was als dunk-
len Ursprungs bezeichnet wird, sich ohne weiteres
aufklärt. So ist Schweiz, esro 'Dreschtenne' die
Entsprechung des noch zu erwähnenden afrz.
estre; afßage 'Baumschule" gehört zu aflier 'pfrop-
fen' von *aptificare, worüber A. Thomas, M^langes
d'elymologie franQaise ö, gehandelt hat. Wallis.
Ulla Gartenbeet, kleiner Garten" ist tabula, champ.
' Circa airaffemiazione dei D'Ovidio (ib. 536»
che non esista «pino» per «albero della nave>. mi
acconsenia l'iUustre uomo di ricordargli il maggior
pino dei Sepoleri di l'go Fiwcolo. Si trafta. i vero.
di Ulla figura poetica.
15»
Uf)
Literatur.
li/ü, lotr. ti/ozi 'geschlossener rieiiiiisegarten"
daiisiim hezw. eine Ahleitiiiig davon, hing, oi/otte
'Zainr würde in der Reidisspraclie hayelte lau-
ten usw.
Wenig glütklich ist die Art und Weise wie
Oll Gange benutzt wird. Man sollte, wenn man
das in seiner Art ja unvergleichliche Werk her-
anzieht, stets die Provenienz der Stellen berück-
sichtigen und danach sie beurteilen, sonst kommt
man zu falschen Auffassungen. Das gilt nicht
nur von dem Verfasser, das trifft man auch sonst,
namentlich iiei Nichtromanisten, daher hier ein-
mal darauf hingewiesen werden soll. S. 14 Anni.
figurieren zahlreiche als pnediuni nisticum be-
zeichnete mittellateinische Ausdrücke, von denen
die meisten in einer Arbeit, die sich auf Frank-
reich bezieht, gar nichts zu tun haben, so worlh,
wozu der Verfasser sehr unglücklich hortus, prov.
wort vergleicht. Sclilägt man die Stelle nacli,
so findet man ein Zitat aus den Weslminster-
annalen : vilhi rq/ia, qiiae lingiia Anglontm Beo-
dericheswurth, latine cero Beodriri corfis sive Iiabi-
talio nominatur. Oder ein mwjeria einer aus
Deutschland stammenden Urkunde ist eine 'Meierei'.
Andererseits hat es natürlich gar keinen Sinn,
Latinisierungen überlieferter französischer Wörter
etwa aus Urkunden des XIIL Jahrhunderts anzu-
führen, da sie uns ja nichts besagen, was wir nicht
schon wüfaten. Und endlich darf man bei aller
Bewunderung für das Interpretationstalent Du
Ganges doch nicht vergessen, da& wir seit dem
XVIIL Jahrhundert doch einiges zugelernt haben
und ihn gelegentlich zu verbessern in der Lage
sind. So ist das minagium, das er ah pfiedium
übersetzt, vielmehr identisch mit minagium cni-
porium, hat also an der Stelle, wo es Streng
verzeichnet, nichts zu suchen.
Etwas mehr Kritik wäre überhaupt ange-
bracht gewesen. Im Jahre lüOl b.at ein gewisser
Durrieux ein 'Dictionnaire elymologifjue de la
langue gasconne' erscheinen lassen. Die Ety-
mologien, die er gibt, sind fürchterlich, so soll
hahre 'grande maison en mauvais etat' von einem
bei Pape nicht verzeichneten griech. ößT,p 'großes
Haus' stammen, hakcrat 'KuhstalP, das natürlich
zu vacca gehört, von ßwv.o; 'Ochsenhirt", jouke
'Hühnerslair von Yjauyia 'Ruhe', arrume 'sorte
de. muraille seche, cloture grossierement faite avec
des pierres superposees Sans aucun ciment' von
f,(i)|i-r] 'Stärke, Kraft'. Solchen Unsinn soll man
doch einfach totschweigen oder energisch zuiück-
weisen, nicht ilim mit einem schüchternen ? noch
den Schein einer Möglichkeit geben.
Nicht hesser steht es mit den Herleitungen
aus dem Kehischcn. Der alte Favre, dei' von
wissenschaftlicher Etymologie im allgemeinen und
vom Keltischen im besonderen gar keine Ahnung
hatte, stellt poitev. cliilos 'Haus' zu kelt. chil und
auch das schreibt unser Verfasser nach und setzt
nur ein V dazu. Was bedeutet dieses kelt. ddl,
welcher keltischen Mundart gehört es an, wie
hätte es im Gallischen gelautet, ist sein Anlaut
derartig, dafs er im Poitev. zu cU würde? Dar-
aus, daß zwei Wörter in zwei ganz verschie-
denen Sprachen mit denselben Buchstaben ge-
schrieben werden, folgt, auch wenn sie dasselbe
bedeuten, doch noch nicht ihr Zusammenhang.
Nun aber das Wesentliche. Die Aufgabe einer
Arbeit, wie der vorliegenden, liegt in der Be-
stimmung der Bedeutungsentwickelung und gerade
hier fehlt es an der nötigen Genauigkeit. Die
Schuld dafür liegt z. T. an den Quellen. Nament-
lich die Dialektwörlerbücher lassen es häufig genug
bei allgemeinen Angaben bewenden, so wird man
z. B. oft nicht erkennen können, ob es sich ge-
gebenen Falls um ein Landgut oder um ein Land-
haus handelt; ob ein Stall nur für Kühe oder
nur für Pferde oder für beides dient. Die Schuld
liegt aber auch an dem Verfasser, er hat sich
den Weg, zu erspriefalichen Ergebnissen zu ge-
langen, selber versperrt, weil er von einer ganz
falschen Seite an die Arbeit herangetreten ist.
Er hat das wohl selber empfunden, denn er sagt
in der Einleitung: 'man würde vielleicht erwarten,
spezielle Untersuchungen in kulturgeschichtlicher
Hinsicht zu finden. So wünschenswert es auch
gewesen wäre, etwas kulturgeschichtlich Wert-
volles zu bieten, habe ich, um meine Hauptauf-
gabe, eine linguistische und, wenn man so
will, psychologische Vorarbeit im Sinne Zau-
ners zu geben, nicht aus dem Gesichte zu ver-
lieren, mich damit begnügen müssen, nur hie
ur}d da auf Parallelen zwischen den Ergebnissen
meiner Untersuchungen und denen der Kultur-
geschichte hinzuweisen'.
Ziel jeder wissenschaftlichen Arbeit ist zu-
nächst, möglichst gesicherte Resultate zu ge-
winnen; erst dann wird es sich fragen, ob und
Literatur.
117
wie diese Resultate ;;ur Erreichung neuer, wei-
lerer Ziele verweiulbai- sind. Indem der Ver-
fasser Zauners Arbeit zum Vorbild gencnimen
lial, hat er sich der Möglichkeit, das erste Ziel
zu erreichen, begeben. Er hat nicht erkannt,
dafs der StoÜ', den er bearbeiten wollte, seinem
innersten Wesen nach ein ganz anderer ist, in-
folgedessen auch eine ganz andere Behandlung
erheischt. Eine Nase bleibt immer eine Nase,
ob sie nun grade oder krumm, r(jt oder blau sei ;
sie sitzt immer in der Mitte des Gesichts: sie
dient immer und nur zum Riechen, höchstens in
gewissen Kulturkreisen noch zum Schnupfen. Es
handelt sich also bei den Körperteilen um Gegen-
stände, die durch alle menschlichen Generationen
hindurch nacli Gestalt, Lage und Funktion un-
verändert und unveränderlich sind. Wenn nun
trotzdem die Benennungen wechseln, so liegen rein
psychologische Vorgänge zugrunde, die auf Me-
taphern und unter Umständen auf vermindertem
oder gesteigertem Unterscheidungsvermögen be-
ruhen. Ebenso bei Verwandtschafisnamen:
Schwester ist die Bezeichnung eines Mädchens
im Verhältnis zu den andern von ihren Eltern
erzeugten Geschwistern usw. Ganz anders bei
'Haus und Hof. Ein Stall kann seine Form wie
seine Bestimmung wechseln ; der Ort, wo das
Heu aufbewahrt wird, kann sich neben dem
Hause befinden oder im Hause oder er kann
völlig unabhängig davon sein. Danach kann
dann auch die Benennung eine ganz verschiedene
sein. Tritt ein Wechsel der Form oder der Be-
slimmuiig oder der Lage ein, so kann trotzdem
die alte Benennung lileiben; es kann aber aucli
die Änderung durch eine veränderte Benennung
zum Ausdrucke kommen. Daneben können nun
natürlich die bedeulungsgeschich.iruhen Vorgänge,
die sich bei den Rezoichnnngen der Körperteile
zeigen, auch eine Rolle s|)ielon. Es wird sich
also vor allem darum handeln, in jedem ein-
zelnen Falle festzustellen, was der Bedeutungs-
änderung zugrunde liegt, sonst läuft man Ge-
fahr, dem Psychologen falsche Münze in die
Hände zu geben. Diese Gefahr zu vermeiden ist
aber nur möglich, wenn man von der Kenntnis
der Sachen ausgelit. Denn die denkbaren Be-
deulungsänderungen sind gar mannigfiiltig, um
nicht zu sagen unendlich, positive Wissenscliall
aber kann nur verwenden, was wirklich ist oder
doch wenigstens mit unseren bescheidenen Mit-
teln sich als wirklich darstellen läßt.
Das fehlt luin völlig. Der Verfasser operiert
mit unbestimmten Ausdrücken statt mit kon-
kreten Tatsachen. Man lese z. B., was S. 67 über
ecurie gesagt ist, das an sich richtig zu erii ge-
stellt wird. 'Man hätte es hier also wohl ur-
sprünglich mit einem Raum für die Schilde, mit
einer Schilderhalle zu tun. Eine Verschiebung
von einer Halle, wo die Wände mit Schilden,
Wappen geschmückt waren, zu einer solchen, wo
die Streitrosse standen und wo es wohl kaum
an Rüstungen fehlte, dann zu einem Pferdestall
überhaupt, läßt sich auch gut denken.' Ich ge-
stehe offen, dafä ich mir das eigentlich nicht
denken kann : daß Schilderhalle, Standort der
Streitrcsse und Rüstkammern drei zu verschie-
dene Räumlichkeiten sind, als daß gewohnheits-
mäßig die eine für die andere gedient hätte. Auf
die Schicksale des Refektoriums im ehemaligen
Kloster S. Maria delle grazie in Mailand, das
Leonardo da Vincis Abendmahl enthält, oder auf
die Franziskaner- Kirche in Ragusa, die heute
z. T. als Tisch lerwerkstätte dient, und auf ja
allerdings recht zahlreiche verwandte Falle in
Italien wird man sich nicht berufen wollen, da
einmal diese Fälle doch exzeptionell sind und da
sie vor allem aus einer Kulturumwälzung hervor-
gegangen sind, wie sie in der Zeit, wo Ecurie
entstanden ist, nicht vorkommt. Man braucht
sich übrigens nur irgendeine der mittelalter-
lichen Burgen, an denen ja kein Mangel ist, an-
zusehen, um sich von der Unmöglichkeit einer
solchen Bedeutungsverschiebung zu überzeugen.
Sie geht zudem sprachlich nicht. Afrz. esaierie
ist nicht der Ort, wo die escu, sondern der, wo
die escuier sich aufhallen, die Knappen, die bei
den Pferden sind, und damit ist die Sache erklärt.
Oder ein anderer Fall. Mehrfach findet man
iecfuin für 'Rinderstall. Pferdestall. Sehweineslalf.
nur selten und nicht ganz zweifellos für 'Schaf-
slair. Mit der Bemerkung, es stehe hier 'pars
pro toto", ist, wie gewöhnlich mit solchen Schl;»g-
wörtern, gar nichts erklärt. Warum sagt man
nicht ebenso Dach" für Haus ? Soll man an
eine Redensart 'unter Dach bringen" denken";*
Oder liegt nicht etwas ganz anderes zugrunde':-
In den -Vlpen, z. R. im Fkims- und im Cismone-
lal. gibt es Schulzvorrichtungen für Pfonle. Esel
118
Literatur.
iiiiil Kindvieh, die tatsächlich nur aus einem auf
einer eiits[)rechenden Anzahl von Stangen auf-
gebauten Dach bestehen, denen das, was das
Cliarakteristische für ein Haus ist, die geschlosse-
nen Wände oder Mauern völlig fehlen. Ich habe,
da ich mir der möglichen Wichtigkeit der Sache
nicht bewufst war, versäumt, mich nach der Be-
zeichnung zu erkundigen, aber 'Dach' wäre hier
sehr passend und würde den Übergang zum 'Stall'
erklären. Kür die Schafe, die offenbar weniger
emphndlich sind, habe ich solche 'Dachställe'
nicht gesehen; die Scliweine haben auf den Alpen
vielfach ihre Lagerslellen unter dem weit vor-
springenden Dache der Sennhütte.'
Wenn also der Weg, auf dem die Bedeutungs-
entwickelung zu ermitteln unternommen wird,
nicht der richtige ist, so liegt es auf der Hand,
daß auch die Zuweisung zu den verschiedenen
Kategorien nicht immer richtig sein kann. Mansio
'Haus" wird der lateinischen Tradition zugeteilt,
ustel in derselben Bedeutung als galloromanische
Neuschöpfung, und zwar als 'Verschiebung" be-
zeichnet. Aber die Trennung ist unbegründet.
Lat. iiifinsio bedeutet 'der Ort, wo man bleibt auf
Reisen, das Nacht([uartier , Nachtlager', berührt
sich also darin sehr nahe mit hoxpitale, so dalä
man auch Ijier von 'Verschiebung' sprechen
könnte und zwar von einer galloromanischen,
denn Italien, Rumänien und die Iberische Halb-
insel kennen sie in diesem Sinne nicht. Es be-
deutet dann einen 'Aufenthaltsort für Tiere', sub
diu retibits inclnsa pecorum mcnisioiie heißt es bei
Plinius 18, 23, vgl. dazu altdahnatinisch »iitsun
'Schafstair, südsard. masoni 'Schafstall, Schweine-
' In Verona, Mantua, Parma sagt man dalür
barkessa, dessen nähere Zusammenhänge icli jetzt
nicht darlegen will, von dessen ferneren ich zentralfrz.
barz 'Schuppen aus Stroh oder Binsen zur Auf-
liewalirung des Heus und der Keldgeräte' nur des-
tialb nenne, weil es der Verf. S. ll'.t anführt, ohne
es zu deuten. Ziigeliörigkeit zu barea 'Barke' ist aus
mancherlei (irflnden ausgeschlossen. F'tacenl.pemdaiia
übersetzt Foi'esti mit teltoia und erklärt es 'por-
ticone ruslico sotto il quäle tiensi il bestiame bovino
nella stagione estiva'. Also teltoia, eine Ableitung
von tectum, tritt uns hier wieder entgegen, vergl.
die Erklärung von tettoia bei Petrocchi 'un semi^lice
tetto retfo da muri o colonne o altro per riparu
dalla pioggia'.
stall, Ziegenstall', in Brescia, Bergamo und sonst
in Oberitalien und ebenso in Bari 'Hühnerstall".
.\uch die mansiones aestivae, hibenitie, vernae
und aatuniiialfü sind noch keine in. »iiiisons. Es
gehört als maison genau in dieselbe Klasse wie
hütel, und die Sache wäre im Sinne des Ver-
fassers erledigt, wenn man sich mit solchen
äußerhchen Klassifikationen begnügen will. Aber
es ist eine Selbsttäuscliung, wenn man meint,
damit eine Erklärung zu geben. Gesagt ist mit
dieser Einreihung nichts und geholfen auch der
Psychologie nicht. Der Verl'asser zeigt recht gut,
daß maison das eigentliche Wort für 'Haus' in
Nordfrankreich, hutel bezw. dessen Vertreter das
für Süd- und Südostfrankreich ist, daß hotel aber
auch in Nordfrankreich neben maison steht. Zwei
Fragen waren in einer bedeutungsgeschichllichen
Untersuchung zu beantworten: wie verhalten sich
maison und hötel zueinander und weshalb die
merkwürdige geographische Scheidung? Von der
dritten, oder wenn man will, ersten Frage, warum
casa schon vorhistorisch so stark eingeschränkt
worden sei, sehe ich hier ab. Ich vermute fol-
gendes. Maison bezeichnet ursprünglich das
Stuben- bezw. Stubenküchenhaus, d. h. ein Haus,
das eben nur als 'mansio' für den Besitzer diente,
osfel dagegen ist ein Haus auch für Gäste, also
ein großes, mehrere Zimmer enthaltendes. Natür-
lich ist dann maison auf letzteres übertragen
worden: im afrz. Alexius ist maison auch das
Haus des Königs, wogegen ostel nur die allge-
meine Bedeutung 'Unterkunft' hat an der einen
Stelle 45 e tout fe diirrai: lit et ostel e pain e
carn e vin. Mansio 'Haus' bezeichnet also einen
ganz anderen Typus als hospitale 'Haus', beide
stehen ursprünglich wohl in einem Gegensatz zu-
einander, wogegen casa der übergeordnete allge-
meine Begriff ist. Als nun aus Gründen , die
ich vorläufig nicht anzugeben vermag, mansio zu-
nächst da, wii es sachlich berechtigt war, casa
verdrängte, konnte es, da ja eine Zeitlang casa
und mansio annähernd gleichwertig nebeneinander
standen, auch an die Stelle der casa treten , die
eigentlich ein hospitale war. Das Verhältnis bei-
der Wörter müßte auch im Gaskognischen unter-
sucht werden. Nach dem Atlas Linguistique
herrscht hier allein mansio, aber man .jraucht
nicht einmal viel alte Texte zu lesen, es genügt,
das Wörterbuch von Lespy - Raynaud aufzu-
Literatur.
119
schlagen, um sich zu überzeugen, ihii oii.slriii
früher gebriUichhch war.
Besonders stark lassen die Kapitel über 'Stall"
und 'Scheune', dank der Einteilung nach den mit der
Sache in keinem Zusammenhang stehenden Ka-
tegorien, jede Übersichtlichkeit vermissen und
dadurch schwer zum Verständnis durchdringen.
Worauf es ankommt, ist 1. sind Scheune und
Stall in enger räumlicher Verbindung; 2. wie
weit werden namentlich Pferdestall und Kuhstall
auseinandergehallen? Von diesem Gesichtspunkte
aus müßte die Gruppierung der verschiedenen
Verschiebungen und Übertragungen vorgenommen
werden. Für sich stehen natürlich prov. arsidou
unä j)laso, die Mistral 'Stall, wo der Hengst steigt',
übersetzt. Der Verfasser erklärt das eine als
bildlichen Ausdruck, das andere als 'Speziali-
sierung einer allgemeineren Bedeutung'. Das
letztere ist richtig, und wenn man nun nicht er-
fährt, ob und wie weit plaso^ wo es diese Be-
deutung hat, auch in anderer üblich ist, da
man sonst ja zu einem wirklichen Verständnis
nicht kommt, so ist das nicht des Verfassers,
sondern Mistrals Schuld, der nichts weiter ver-
rät. Aber arsidou setzt deutlich ein arsi 'in der
Brunst sein", speziell vom 'Hengst" voraus, d. h.
also auch 'Spezialisierung einer allgemeineren Be-
deutung" eines Verbums, während das Substan-
tivum den 'Ort der Handlung" angibt.
Und nicht weniger macht sich der Mangel an
Anschauung geltend hei 'Scheune' und 'Heu-
speicher und auch hier verwischt die Anordnung
das Wesentliche. Überblickt man das gesamte
Material, wozu noch manches nicht benutzte aus
Gillienins Atlas kommt, so scheidet sich als eine
deutliche Gruppe zunächst diejenige aus, die den
'Heulioden' als den im 'oberen Stock" befind-
lichen bezeichnet. Der untere Stock enthält ent-
weder den Stall oder die Wohnung. Nur z. T.
wird der Kornboden geschieden vom Heuboden.
Da das Korn nicht oder nur die kurze Zeit bis
zum Dreschen in der Scheune bleibt, das Heu
aber, namentlich auch das zweite erst nach dem
Korn geschnittene, den ganzen Winter und das
Frühjahr hindurch aufbewahrt wird, tritt bei klei-
nereu Betrieben auch keine räumliche Schwierig-
keit ein. In einer zweiten Gruppe besteht ein
besonderer Behälter für das Heu, ein Heuschuppen,
der neben den übrigen Gebäulichkoiton liest: in
einer dritten scheint das Heu eingegraben zu
werden. Um das Bild zu vervollständigen, kommt
nun noch die 'Tenne' hinzu, die in der Scheune
sein kann, und zwar zumeist unter dem Heu-
boden , neben dem Stall. Danach scheint mir
wäre der Stoff zu ordnen. Wenn nun im Loth-
ringischen b^öi ausdrücklich mit 'grange oü Ton
bat les gerbes' übersetzt wird, so heißt das doch
olfenbar,, daß hetöi nicht jede beliebige Scheune
bezeichnet, sondern eben nur die mit einer 'Tenne'
versehene. Man kann also nicht wohl sagen, es
liege hier 'pars pro tote' vor. Nur wenn der
Ausdruck auch für eine Scheune ohne Tenne ge-
braucht wird, ist das angänglich. Und das kommt
vor. Die meisten Bauernhäuser meines Heimal-
dorfes Dübendorf (Kanton Zürich) besitzen 'Tenneu-
scheunen', und 'Tenne" ist denn auch die übliche
Bezeichnung für 'Scheune'. Die meines Vaters,
der nur eine Wiese, kein Ackerfeld besaß, hatte
dagegen keine Tenne, der entsprechende Raum
wurde als Remise benutzt. Es war also eine
Scheune, Nun kam es allerdings vor, daß wir
als Kinder den Ausdruck der Bauernkinder
übernehmend auch von unserer 'Tenne' ge-
sprochen haben, oder umgekehrt die 'Tenne" als
Scheune bezeichneten, was unser Vater uns oft
genug verwiesen hat. Hier liegt also eine aus
den lokalen Verhältnissen erklärliche Verscliie-
hung vor. Die umgekehrte Verallgemeinerung
von 'Scheune" wurde dadurch erleichtert, daß man
in der Stadt fast nur den .Ausdruck 'Scheune"
(genauer 'Scheuer") kannte, wodurch sich für uns
das Gefühl herausbildete, daß dieses das feinere,
Tenne das gröbere Wort sei.
Unter den verscliiedenen Ausdrücken will ich
nur Uno hervorheben, das Gillieron auf engem
Gebiete in Nievre und Saöne-et-Loire belegt. Es
ist deutlich in-allo, entspricht also ziemlich genau
dem kärntnerischen maiif 'Ohergemach' (Schmel-
1er r-, 16; Meringer, Mitleil. d. anthrop. Gesellsch.
Wien, XXX, 104 f.). Dann sind, siinif, $na, das
in zusammenhängendem Gebiete im Wallonischen,
zersprengt in der Pikardie und im Westen vor-
kommt, von wo es ins Brettonische geilrungen
ist.i Die Etymologie ist auch hier klar, es ist
> Henry hat in «ler Festschrift fiir .-Vscoli und im
l.e.T. olym, brot. ilarin eine Enllehnunp aus ac-vH«»/
jresehen unil. an sich nicht unjwschickt, 4tie Loslösunp
des (tr aus Yerwechslunf mit dem bret. Artikel er-
■20
Ijilrialur.
(■oeinKiilitin. Das h:il Streng für pik. rlienail
riclitig erkannt, liat aber nicht gemerkt, dafs die
anderen Wörter damit idenliscii sind, liat aiuli
ofl'enliar das Blatt des Atlasses noch nicht gehabt,
wie ihm denn auch entgangen ist, daß Behrens
ebenfalls noch nlme llücksicht auf die Angaben des
Atlasses die richtige Erklärung schon gegeben hatte,
Bausteine zur rom. Fhil.. S. 79. Wenn man nun
an Hand des Atlasses die Verbreitung verfolgt, so
sieht man, dafs sich von dem östlichen Zentrum eine
schmale Linie durch den Süden der Departement
Seine-et-Oise, Eure-et-Loire, Sarthe nach Mayenne
zieht, wo die westliche Mafse beginnt. Während
nun aber entsprechend dem, was man erwartet,
im W^eslen der Vortonvokal e ist bezw. Schwindet,
zeigt diese Verbindungslinie ein /, das lautlich
nur in einem Teile der östlichen Mafse berechtigt
ist, und auch das Suffix zeigt nur z. T. die Form,
die man aus -arulu erwartet. Es handelt sich
hier also um ein Wanderwort und es wäre die
Aufgabe weiter Foi-schung festzustellen, wie die
Wanderung erfolgt ist, bezw. wie das ursprüng-
lich wohl über den größten Teil Nordfrankreichs
verbreitete coenandnui verdrängt worden ist. Die
Tatsaclie au sich, daß der lateinische Ausdruck
in etwas verengertem Sini.e hier und nur hier
geblieben ist, ist nicht ohne Bedeutung für die
Geschichte des römischen Hauses. Daß man nicht
einfach sich bei der durch den Atlas gegebenen
Abgrenzung beruhigen kann, daß die Wortgeo-
graphie nur dann wirklich fruchtbar wird und
Wert hat, wenn man sie tunlichst zur Wortge-
schichte umgestaltet, ist von dem Verfasser zu
wenig bedacht worden.
Kehren wir zur Tenne zurück. Sie kann
auch außerhalb der Scheune liegen, was wohl
im Süden häufiger ist als im Norden. Ich rechne
hierher esro, das im Atlas Linguisti(|ue aus dem
Kanton Waadl^ belegt ist. Mit diesem esro ge-
hört zusammen lyon. Hro, ctre 'le balcon oü l'on
klärt. Die französischen Diatektfornien lassen die
sachlich ohneliin schwer zu vertretende Auffassung
sofort als unrichtig erscheinen.
' Eine Bitte, die dem im Sprachenkampf Leben-
den verziehen werden mag. Wo für die Schweizer
Kantone deutsche Namen vorhanden sind, soll man
sich ihrer in doutsclicn Werken bedienen, also nicht
canton de Vaud, sondern Kanton Waadt schreiben
oder nicht, wie ich einmal in VoUmollers .Tahresbericht
gelesen habe, Grisons. sondern Graubünden. — Daß
man den nur in dem kleinen deutsehen Obenvallis
mel ä secher les fruits, Ic (jerroii, Fendroit sous
Fauvent; le porche exterieur d'une eglise' etc.;
dann auch das von Bridel schlecht geschriebene
ffro:{A\n\ t'lri)) 'chalet des Alpes les plus elevees';
savoy. etra 'lieu ofi l'on serre les feuilles sechcs,
le foin, la paille; ecurie". Für einzelne dieser
Wörter vermutet der Verfasser lat. e.rtera [pars],
verwirft aber die Vermutung wieder, für andere
gibt er keine Erklärung. Es kann gar keinem
Zweifel unterliegen, daß exiera bezw. extern zu-
grunde liegt, da lautlich die Enlwickelung völlig
korrekt ist und die verschiedenen Bedeutungen
sich aus dem allgemeinen 'außen befindlich" am
besten erklären. Damit ist denn auch die von
Neumann seinerzeit gegebene Deutung von al'rz.
estres als die allein richtige erwiesen.
Auch einige Unterlassungen erklären sich aus
dem Mangel an Sachkenntnis. Fournil wird von
Sachs mit 'Bäckerei, Waschhaus auf dem Lande'
übersetzt. Das Suffix beweist aber für den, dem
die Suffixe nicht bedeutungslose Anhängsel sind,
als welche sie unser Verfasser allerdings oft sehr
zu Unrecht behandelt, daß die eigentliche Bedeu-
tung ist 'der Ort, wo sich der Backofen befindet'.
Nun wissen wir, daß gerade in Frankreich der
Backofen ganz gewöhnlich in einem eigenen Bau
neben dem Hause steht oder gestanden hat (vgl.
Meringer, Das deutsche Haus, S. 19) und dieser
Bau heißt eben fournil. In einer Arbeit, die von
fe)iU, porcil usw. handelt, verlangt auch fournil.
Behandlung und Erklärung.
Vor 20- Jahren hätte Strongs Untersuchung
viel weniger eingeschränktes Lob geerntet. Aber
seit mehr als einem Dezennium zeigen, erst
räumlich und geistig getrennt, dann geistig und
räumlich sich nahe gerückt und sich gegenseitig
anregend, Meringer und Schuchardt, daß man
die sprachlichen Probleme, die sich an Sachen
knüpfen, nur mit Kenntnis der Sachen behandeln
darf. Der Verfasser hat sich leider auf den alten
Standpunkt gestellt, und dadurch eine Arbelt ge-
liefert, die, so fleißig sie das Material zusammen-
stellt und so manches ja natürlich richtig ist, doch
von neuem gemacht werden muß, wenn sie die
Aufgabe, die er sich gestellt hat, und wenn sie
andere, ebenso wichtige wirklich lösen will.
W
W. Meyer -Lühke.
bekannten deutschen Namen Rotten niclit an Stelle
von Rhone setzen soll, gebe ich oline weiteres zu,
das ist aber etwas sjanz andiTcs.
Das Bauernhaus
der Gegend von Köflach in Steiermark.
Von J. R. Bunker i. Ödenburg.
(Mit 4-7 Textribbilduiigen.)
Im iiidustricreichen und aufstrebenden ^Farkte Köflach. der in einem Seitenteile
des Kainachtales etwa 26 kiu direkt westlich von Graz liegt, hat die fortschreitende
Kultur fast jede Spur des volkstümlichen Hauses verwischt. Ein einziges, das weiter
unten zur Beschreibung kommen soll, ist noch übriggeblieljcn. In den vom Verkehr
abgelegenen höheren Regionen der Umgebung von Köflach hat sich jedoch das Bauern-
haus in seiner Ursprünglichkeit erhalten. Die Gemeinde Kemetberg ist es, die mir in
der Hauptsache das Material zu meinem Studium in reic hem Maße lieferte. Sie besteht
aus 73 numerierten Häusern. Hiervon sind 55 Bauernhäuser, 13 Keuschen und
5 Sennhütten oder Oden.
Die Sennhütten liegen außerhalb des Bereiches der eigentlichen Gemeinde in der
Alpenregiou, die Keuschen oder Ausnehmerstübel finden sich zumeist in der Nähe der
Bauernhäuser, seltener in größerer Entfernung von denselben, die Bauernhäuser selbst
aber liegen, umgeben vom Stadel, kleineren Stallgebäudeu, Schupfen etc., die mit dem
Wohnhause ein Gehöft, den Bauernliof, bilden, inmitten des arrondierten Grundes, der
zum Hause gehört. Damit ist schon ausgesprochen, daß die Gemeinde Kemetberg kein
geschlossenes Dorf bildet, sondern daß sie aus Einzelhöfen besteht. Das 1557 Joch
umfas.sendc Gebiet, welches der urbar gemachte Teil der Gemeinde einnimmt — die
lu'iher gelegenen Alpcnwiesen im Umfange von 488 Joch sind hierbei nicht eingerechnet
— steigt von der Gemarkung der Gemeinde Lankowitz nach WNW iu einer Längen-
ausdehnung von zirka (5 km ungefähr tiOO m an. Das Terrain ist also steil und zudem
von tief einschneidenden Gräben durchzogen. Die Größe der einzelnen Bauerngüter ist,
wie sich ergeben wird, sehr verschieden, im Durchschnitte werden sich 40—50 Joch
annehmen lassen. Die über das ganze Ciebiet zerstreut liegenden 55 Gehöfte liegen je
nach der (irül.se des (Jutes. das zu ilnu'n gehört, 5 — 15 Min. weit voneinander entfernt.
Zur Zeit der Besieddung dieses Gebietes scheint die ganze Gegend Waldland ge-
wesen zu sein. Die ebenen und sanft abfallenden Flächen wurden gerodet, die felsigoa
und steilen Hänge jedoch sind als Waldland bis auf den heutigen Tag belassen worden.
Die urbar gemachten, also die am besten gelegenen Gründe eines jeden der Bauern-
güter sind denn in der Regel auch heute noch von einem Kranze steil sich erhebenden
oder in Gräben abfallenden Wäldern umfaßt.
Wörter und Sachen. I. 16
H^
3. R. Bunker ■t»duiil)urg.
Es ist mir in der n;arizen Geiiieiiide Kcmetberg mir ein Bauerngut untergekommen,
auf dem sich nur ein einziges Gebäude erhebt. Es sehiießt die Wohn- und NN'irtschafts-
räume unter einem Dach zusammen. Bei allen anderen Bauernbesitztümern fand icli
stets mehrere Gebäude, ein Gehöfte bildend, beisammen. Das eine Gebäude ist das
Wohnhaus und das zweite der Stadel. Als drittes schließt sich diesen beiden zumeist
noch ein kleines (Jebäudc an, das zum Teil Wohn-, zum Teil Wirtschaftszwecken dient.
Die Lage dieser drei Gebäude zueinander hängt ganz und gar von der Beschattenlieit
des Terrains ab. Bei der Wahl des Ortes, worauf ein Gehöft angelegt wurde, scheinen
liauptsächlich drei Bedingungen ausschlaggebend gewesen zu sein und zwar vor allem
die Nähe einer Quelle, die das Brunnenwasser liefern mußte, dann eine vor der herr-
schenden Windrichtung schützende Lage und schließlich die Möglichkeit, dem Wohn-
hause eine günstige Richtung zur Sonne geben zu können. Wie sich dann die anderen
Gebäude zum Wohnhause gruppieren sollten, muß als nebensächlich betrachtet worden
sein. Man findet
Wohnhaus und
Stadel, die bei-
den Hauptge-
bäude, parallel
zueinander an-
gelegt, man trifft
sie auch im rech-
ten Winkel zu-
einander liegen,
dann sieht mau
sie wieder hin-
Aljbikluiii; 1. I'kiii dui- llulsUittc vom Kliegl-Gute.
tereinander angeordnet, schließlich können sie auch
ianz regellos angelegt worden sein.
I. Das Kliegl-Gut.
Es liegt ungefähr in der Mitte der Gemeinde Kcmetberg. Das Wohnhaus trägt
die Nummer 6S. Zum Kliegl-Gute gehören nach dem Besilzbogen des Bauern 4tJ Kat.-
Joch 1088 □ " Land. Das Besitztum setzt sich zusammen aus zirka 12 Joch Äckern,
zirka 12 Joch Wiesen, zirka 12 Joch Wald, zirka 1 Joch Weide, zirka 9 Joch Alpen wiese.
Der Viehstand, den das Gut ernährt, beläuft sich auf: 2 Stück Pferde, ü Stück
Ochsen, (3 Stück Kühe, 4 Stück Terzen (junge Ochsen), 2 Stück Kalben, 5 Stück Kälber,
5 — 8 Schweine.
Durch die Hofstätte führt, wie die Abbildung 1 ersehen läßt, ein Weg, der den
Verkehr mit den benachbarten Gehöften ermöglicht. G ist das Gemüsegärtchen, W-H
das Wohnhaus. Der Stadel, St, liegt vom Wohnhause 24 m ab. Das weitschichtige
Bauen ist jedenfalls ein Vorteil in Feuersgefahr. Das dritte Gebäude, K-K, wird die
Knechtkammer genannt. Im Erdgeschosse dieses Gebäudes werden die Schweine ge-
halten. K deutet ein Kreuz an, vor dem ein Betstuhl steht.
a) Das ^V'ohnhaus
Abbildung 2 zeigt die A'orderseite, Abbildung 3 die Bückseite des Kliegl Hauses,
Abbildung 4 gibt den Grundriß des Erdgeschosses und Abbildung 5 den des Dach-
Das Baueniliaus der Gegend von Köflach in Steiermark.
123
AliliilduMj.' -2. I)as Klieyl-Haus, \ ordersei te.
raumes desselben Hauses. Wie inau aus der Ausiciit des Hauses, Abbildung 2, ersieht,
erhebt sich das Haus auf einem steinerneu Unterbau. Dieser zeigt rohes Mauerwerk
ohne Bewurf. Von der Untermauerung strebt das Zimmerwerk empor. Die Balken, aus
denen die Zimmerung besteht, sind aus Fichtenstännnen sauber vierkantig behauen.
Sie haben eine Stärke von 13 und eine Höhe von 20 — 25 em. Die untersten drei, be-
ziehungsweise vier Balken sind an den Ecken des Hauses verkämmt, d. h. die Balken-
köpfe stehen 12 — 15 cm über die
Kanten des Hauses vor. Die darauf-
folgenden sechs oder sieben Balken
sind an den Hauskanten in Schwal-
benschwauzmauier verzinkt. Die den
Schwalbenschwanz bildenden Linien
sind nicht gerade, sondern nach in-
nen gekrümmt.^ Die obersten vier,
bzw. fünf Balken sind wieder ver-
kämrat, doch dergestalt, daß die
übereinanderliegenden Balkeuköpfe
sich überkragen, so daß die obersten
Balken etwa 1 m über die Hauswände
vorreichen. Die aus der Stirnseite des
Hauses auf die angegebene Weise
vorragenden Balken haben den die
Zimmerung nach oben abschließen-
den balkonartigen Gang zu tragen,
während, die an den Traufsciten des
Hauses vorstehenden Balken dem
Dache eine verbreiterte Unterlage
bieten, so daß es auch auf den Lang-
seiten weit ausladen und die Wände
des Hauses schützen kann. Der
balkonartige (!ang weist in Abbil-
dung 2 eine Brüstung aus senkrecht-
stehenden Brettern auf. Mit senk-
rechtstelienden Brettern ist auch
jener Teil der Giebelwand verschalt.
der mit der Zimmerung in einer \i,i,;i i,,,,,. ■• ki; .in., r ■
Ebene liegt, ebenso auch jenes oberste,
ein Dreieck bildende Drittel, das mit der Gangbrüstung in einer Fläche sich befindet.
Aus dem Dachraum fidnt durch die Bretterwand eine Tür auf den Gang. Rechts und
links daran sind zwei Löclier, die die Stelle von Fenstern vertreten, ausgeschnitten. Sie
werden „Gi(g(/a"' {Guchr, subst. liildung aus (jucke») genannt. Im Giebeldreieck sind
' Diese Art kun.^tvoller Ycrzinkung hat R. Meringer aus Mürzzuschlai-'. Milteilungen der AnUiropol.
Ges. in Wioii (M. A. G.), BJ. XXIll, S. 1:«), Fiji. tiü, und später ich selbst aus der Gepend von Vorau,
M. A.G., Bd. XXVII, S. 1S7, Fig. 1.57 u. I.jS, und auili aus Ohorkänilen, M. A.G., Bd. XXXII, S. 33. Abb. 13,
FifT. (!, nachgewiesen.
W»
Ui
.1. F.. Biinkei-Üilcnl)
Abbildung 4.
Giuiidiili des Erdgeschosses des Klieg
-Hauses. I ; i>(«).
vier kleinere Löcher angebracht. Sie führen zu den innerhall) der Bretterwand ange-
brachten Taubenschlägen. Unter den beiden unteren ist ein Flugbrettchen zu ersehen.
Das Dach ist ein Satteldach von mäßiger Steilheit. Der Winkel, den die beiden Dach-
flächen am Giebel bilden, beträgt unerheblich weniger als 90". Diese Steilheit weisen mit
geringer Abweichung fast alle Dächer in der Gegend auf, nur die Gebäude der am
höchsten gelegenen Bauernhöfe haben steilere Dächer, um, wie mir gesagt wurde, es
im Winter dem Schnee leicht zu machen, rasch abrutschen zu können. Das Dach des
Kliegl-Hauses hat an keinem der Giebel eine A))walmung. Aus der iMitte der in Ab-
bildung 2 sichtbaren Dachiläche schiebt
sich über eine laubenartige Vorhalle
ein Pultdach vor. Dasselbe besteht
aus Schindeln. Dieses Schindeldach,
welches jedeutalls wie die Vorhalle
neueren Ursprunges ist, verlängert sich
zwischen der Strohbedachung nach
aufwärts bis zur Höhe des Kauch-
schlotes und der daneben augebrachten
Dachluke, welche Licht in das Linere
des Daclnaumes gelangen läßt. Die
nördliche DachHäche ist mit Schindeln
gedeckt.
Aus dem Grundriß Abbildung 4
ist zu erkennen , daß das Ilaus drei
Räume in sich schließt. Von
diesen drei Räumen ist nur jener
aus Holz aufgeführt, der sich in
Abbildung 2 dem Beschauer zu-
wendet, die anderen beiden Räume
sind durch starkes Mauerwerk in
der Dicke von 57 cm eingeschlos-
sen. Die Mauern bestehen aus-
schließlich aus Stein. Das Mauer-
werk der Rückseite des Hauses ist,
wie in Abbildung 3 zu sehen, ver-
putzt. Dasselbe Aussehen zeigt
aucli das Mauerwerk der Nordseite des Hauses, während das Mauerwerk der Südseite
nicht verputzt ist. Über dem IVLauerwerk erblicken wir wieder einen balkonartigen Gang.
Seine Brüstung schmücken zierliche Aiisschnitte. Im übrigen ist die Verschalung des
Dachraumes in dieser Giebelseite genau so durchgeführt wie in der vorderen Giebel-
wand. Oberhalb des Ganges sind Stangen angebracht, auf welche die Wäsche zum
Trocknen aufgehängt wird (Wtvdnclddnr/cn). Sie können an senkrechtstehenden Achsen
nach auswärts gedreht werden, so daß die Wäsche durch die Sonne beschienen
werden kann.
Die dem Hause vorgelegte Laube, welche wie ein Pfahlbau auf Füßen in der Luft
steht, betritt mau von der Vorderseite durch eine Holzstiege von 5 Stufen, von der
Abbildunii
(iiundriß des Daehiauiiies des Kliegl-Hauses
1 : 200.
Das Bauernhaus der Gegend vun Köflacli in Steiermark. 12.".
Rückseite durch eine steinerne Stiege mit 7 Stufen. Die Laube ist ringsum mit einer
Brüstung verseilen, nur eine Seite, die dem Winde am meisten ausgesetzt ist, ist ganz
verschalt. In dieser Wand befinden sich zwei quadratische Fenster, die mit Holz-
schubein verschlossen werden können. Dieser laubenartige Zubau heißt das I\ßya)it/l,
weil hier im Sommer die Mahlzeiten eingenommen werden. In einer Ecke steht der
Siieisetiseli T. nur an den Wänden, die diese Ecke bilden, sind stabile Bänke, Ha u. Hai,
angebracht. Ein solches P]ßgangel fehlt bei den wenigsten Häusern.
Vom Eßgangel aus betritt man den mittleren Teil des Hauses. Er trägt genau
denselben Charakter an sich wie der entsprechende Raum des A'orauer oder des Ober-
kärntner Hauses, welch beide Häuser durch mich bereits beschrieben worden sind.' Er
liat da wie dort auch denselben Namen und heißt d' Lalim (die Laube). Die Laube des
Kliegl-Hauses besitzt ein Pflaster aus unregelmäßigen Steinplatten. Die Decke besteht
aus zwei Teilen und jeder Teil aus anderem Material. Der vordere, bis zur punktierten
Linie (siehe Abbildung 4) reichende Teil besteht aus einer einfachen Bretterlage, der
rückwärtige Teil ist ein Tonnengewölbe aus Steinen. Die Laube ist wie im Kärntner
und im Vorauer Hause durchgängig. Neben der Eingangstür befindet sich ein kleines
Fenster in der Mauer. Es ist das einzige des Raumes und vermag diesem nur spär-
liches Licht zuzuführen. Um die Laube genug zu erhellen, muß darum stets eine der
Türen offen gehalten M'erden. Aus der Laube führt eine Stiege in den Dachraum. In
der Laube findet man nur wenige (ierätc untergebracht. An der Stiege steht bei A -St
der Ämstots'n, ein Zuber zum Abbrühen der Spreu [Am] für das Futter der Schweine.
Bei M-T steht, eine Mehltruhe, bei K-T die Truhe für die Kleie, das Kleib'mfrKjl.
Dahinter ist eine Nische in der Mauer zum Ablegen kleiner Geräte. Bei B-T lehnt
ein Backtrog, die l'üclininJta' an der Wand.
Von der Laube führt nach rechts eine Tiu' in den gi-ößten Raum des Hauses, in
die Bachstuh'm (Rauchstube), so benannt wie der gleiche Raum im Oberkärntner und
im Vorauer Bauernhause.
Die Rauchstubc des Kliegl-Hauses ist 7,1 m lang, G,3 m breit und 2,s2 m hoch.
Betritt man die Rauchstube, so kommt man in dem der Tür zunächstgelegenen
Teil auf ein Pflaster von großen unregelmäßigen Steinplatten. Der übrige Teil der
Rauchstube ist gedielt.
Die Decke der Rauchstube ist ein sogenannter Sfiicl-po(l')i, d. h. sie besteht nicht
aus einer einfachen oder doppelten Bretterlage, sondern aus einer Lage vierkantig be-
hauener flacher Balken, die durch einen mächtigen l'nterzugbalkcn, dem Trtiwpaiii,
w'elcher 33 auf 30 cm hoch ist, getragen wird. Diejenige Wand, welche die (üebelwand
des Hauses bildet, ist von sechs Fenstern durchbrochen. Die drei größten derselben im
Ausmaße von 41X45 cm liegen, wie sich am besten aus Abbildung 2 ersehen läßt, zu
Unterst in einer Reihe, ein kleineres ist vereinsamt nach rechts aufwärts von dem am
meisten nach links liegenden dieser drei Fenster angebracht. So wie die drei größeren
ist auch dieses kleinere verglast. Es wurde wahrscheinlich erst später angebracht, um
mehr Licht auf den Tisch gelangen zu lassen. Zwei weitere Fenster liegen dann
schließlich noch in einer zweiton Reihe ziemlich hoch über den bereits besprochenen
Fenstern. Sie sind nicht verglast, sondern nur mit Holzschubern versehen und dienen
hauptsächlich dazu, den Rauch, wenn er in der Stube zu lästig wird, entweichen zu
' Vergl. M.AA',. Wien, Bd. .X.WII, S. Iti.V- l<tl, uiui Bd. XX.XII. S. li IT.
12G
.1. R. Biiiiker-Odenburg.
lassen. Ihre Größe beträot 26X2() em. In dtr siklliclien Wand der Ranchstube sind
zwei Fenster angehniclit. Das größere ist so groß wie die drei größeren Fenster in der
Giebehvand (41X45 em), das l<leinere weist wieder eine Größe von 26X26 cm auf. Ein
gleiches kleines Fensterchen befindet sich schließlich noch in der nördlichen Wand, es
ist jedoch jetzt mit einem Brett verschlagen. Durch die fünf noch bestehenden und
mit Glas versehenen Fenster ist die Stube ganz annehmbar beleuchtet.
Die Eigenheit, daß Fenster in einer Wand in verschiedener Höhe, zumeist in
zwei Reihen angebracht sind, habe ich auch am Vorauer Hause nachgewiesen.' In
Kärnten tritt sie .seltener zutage, wie mir scheint nur bei den ältesten Bauten. ^
In der Ausstattung der Rauchstube bildet der mächtige Herd H mit dem großen
Backofen ß-0, der sich dem Herd anschließt, das hervorragendste Objekt. Beide zu-
sammen nehmen sie fast den vierten Teil der Rauchstube ein. Sowohl der Herd als
auch der Backofen sind aus Steinen
erljaut. Die Abbildung 6 zeigt den
Herd dieses Hauses. Er kann als
typisch für die ältere Form der
Herde in der Gegend angesehen
werden und gleicht dem Herd des
Hauses um Voran in auffallender
Weise ^, ist aber auch dem Herd
des Oberkärntner Hauses sehr ähn-
lich.* Seine Höhe beträgt 54 cm,
die Breite 2,2 m und die Tiefe
90 cm. Die Oberfläche des Herdes
bilden Steinplatten. Darauf brennt
das Herdfeuer frei. Über den Herd
wölbt sich vom Backofen her das
Hea'd- oder Of'ncf'wölb (in Kärnten
Kof/'J). Es ist ein Feuerschirm, der die aufsteigenden Funken niederschlägt. Das Gewölbe
ist ebenfalls aus Steinen aufgebaut. Es ist so konstruiert, daß seine rückwärtige Seite
auf dem Backofen aufliegt, die linke Seite ruht auf der Mauer, die sich zwischen der
Rauchstube und der Laube bis zur Raiichstubentür erstreckt. Seine vordere Seite wird
zum Teil durch eine schmale Aufmnuerung getragen, die aus der eben erwähnten
Zwischenmauer vorspringt und avif der vorderen Kante der Herdoberfläche stellt, zum
Teil durch eine lange, auf ihre schmale Kante gestellte Steinplatte, die aus der Back-
ofenmauer vorragt und gleichsam in dieser verankert ist. Diese Steinj)latte trägt die
über dem Herd schwebende freie Ecke des Herdgewölbes. Über dem Herd und unter
dem Gewölbe hängt der große Wasserkessel an einem drehbaren Gestell, der Kcsslrcid.
Den Standpunkt ihres Fußes zeigt im Plane Abbildung 4 das kleine Ringelchen bei a.
Bei b ist eine kleine Nische angebracht. Jede Nische wird in Kemelberg Lnafi genannt.
In dieser Nische verwahrt die Bäurin das geriebene Salz, die Nische heißt darum die
Hälzluag. Sie ist in Abbildung 6 knapp über der Herdoberfläche im Hintergrund des
' Vergl. M.A.G., Bd. X.XVII, ¥\^. 145, 147, 150, 15:i und 155.
" Vergl. M.A.G, Bd. X.\.\II, Abb. 31 und U.
' Vergl. M.A.G., Bd. XXVll, Fig. 14'.). — ■> Vergl. M.A.G., Bd. XXXll, Abb. 38.
Das Bauernhaus der Gegend von Köflach in Steiermark. 127
Herdes zu erkennen. Unter c ist eine zweite Nische und zwar in der Zwischenmauer
angebracht. Diese Nisclie ist rechts, lini<s, ohen und unten mit Steinplatten ausgelegt
und zudem durcli eine solche horizontal in zwei Teile geteilt. Im oberen Teil, der
G'schialuag, ist Geschirr, im untern Teil das Mehlschaff untergebracht, darum heißt
dieser Teil die Mehlschaff' Uuag. Zwischen a und c stehen in der Ecke die Ofenkrücke
und die Brotschaufel. Die Kochgeschirre werden einfach an das Feuer angerückt.
Dreifüße werden kaum mehr verwendet. Feuerroß ist mir nur ein einziges zu Gesichte
gekommen.
Der Backofen wird von der Herdoberlläche aus geheizt. Er faßt 20 — 22 große
Laibe. Die Heize, das Of'nhch, ist gewöhnlich durch ein starkes Eisenblech geschlossen.
An die der Stube zugekehrten Seite des Backofens lehnt sich eine treppen förmige Auf-
mauerung an. Sie wird of'ngred'n (GreaiVn, Grcd' = Stufe^ genannt. Auf den Ab-
stufungen der Ofengrede stehen bei d die kegelstumpfförmigen Salzstöcke.
Wie in der Kärntner und A'orauer Eauchstube, so fehlt auch hier die Hühner-
steige nicht. Sie lehnt sich an die lange freie Seite des Backofens an.
Zur Ausstattung der Rauchstube gehören auch die As'n'^ (in Kärnten ebenso, in
der Gegend von Vorau Hohprugi/ [Holzbrücke] genannt). Es sind das Traggerüste,
bestehend aus zwei unterhalb von der Decke hängenden, parallel zueinander ange-
brachten armdicken Stangen, auf die Holzscheite und Späne zum Trocknen gelegt
werden. Eine Holzase ist im Grundrisse Abbildung 4 mit H-A bezeiehnet. Eine zweite
Holzase, H-A2, zieht sich an der Nordwand hin. Sp-A bezeichnet die ,,Span-As'n"' (in
Vorau ,,Spanscbwing"). Sie dient auch als Vorrichtung zum Selchen (Räuchern) des
Fleisches und der Würste. Die Späne dienen nicht nur zum Anheizen des Herdfeuers,
sondern auch zur Beleuchtung. Ich fand noch in den meisten Häusern Spanleuchter vor.
AuIScr den beiden besprochenen Feuerstellen fällt uns in der Rauehstube des
Kliegl-Hauses noch eine dritte auf. Sie befindet sich unter dem Saufuttn-Kcssd, SK,
dessen Ummauerung die Südwand der Stube durchbricht. Der Rauch entweicht wie
bei den beiden anderen Feuerstellen frei in die Stube. Die Decke ist denn auch von
einer glänzend schwarzen Rußschichte dicht überzogen. Auch die Wände sind in ihren
oberen Teilen vom Rauch geschwärzt, in iliren unteren Teilen aber stark gebräunt.
Möbel sind in Rücksicht auf den alles schwärzenden Rauch in der Rauchstube
nur wenige untergebracht. Der Tisch, T, hat eine ö — tj cm starke Platte aus Nußbaum-
oder Ahornholz. Sie ist 1,25 m lang und 1,05 m breit. Der Tisch nimmt jene Ecke
ein, die ihm im oberdeutschen Hause allgemein zukonunt. Es ist die lichteste Ecke der
Stube, da sich doit die meisten Fenster vortindeu. .Vn den Wänden, die beim Tisch
zusammenstoßen, laufen stabile Bänke, Ba und Bas, hin. An den freien Seiten des
Tisches stehen vierfüßige Bänke ohne Lehnen, die man ,, Stühle"' neimt. St und 8tj.
An sonstigen Möbeln befinden sich in der Rauchstube nur noch, im Tischwinkel bei f
auf den Bänken stehend, ein Eckkästchen, das Wink' I- Käst' l , mit dreieckiger Basis
und luiter M K ein .Vilrhlast'l. Bei g ist ein Eckbrettchen, die ]yink'l-Sti>irn, befestigt.
Darauf stehen ein Kruzifi.x aus Messing und ein Lämpchen. Bei h ist an der Unter-
seite des Bankbrettes eine hervorziehbare Schublade, '.s- lYui/.hd'l, angebracht, welche
Schusterwerkzeug enthält. Bei i ist zwischen Bank und Fenster eine linn- befestigt,
' Yergl, Meringer, Studien zur gerni.anischen Volkskunde I, in den M. .V. (J., Bd. .KXl. S. i07, Anm. 1.
" Yergl. Meringer, Studien zur germanischen Volkskunde I, in den .M. .\. li., Bd, XXI, S, 106, Anm. I.
1-28 J. R. Bunker -Ödeiibuig. _
liiiiter welcher die Hacken zur Verkleinerung des Brennholzes stocken ( Hiiclni-Bon).
Bei k und 1 sind zwei kleine Tragbretter ( Jicnir») angebracht, auf denen Wetzsteine,
Feilen und andere Kleinigkeiten Hegen. Bei m und n sind Lederstreifen mit Schuh-
nägeln derart locker angenagelt, daß hinter die Streifen die Eßlöffel gesteckt werden
können, l'ber o ist ein Schüsselbrett, die ScJiiß'Isföirn. angebracht, auf welche die
Schüsseln gelegt werden, wenn sie auf der Ofengreden trocken geworden sind. Über
i ist ein gleiches Tragbrett für die Häfen, die Häf'nütölVn.
Die Türe der Rauchstube ist in der Mitte horizontal in zwei Teile geteilt. Die
obere Hälfte steht, wenn gekocht wird, wenigstens in der wärmeren Hälfte des Jahres
stets offen, die untere geschlossene Hälfte M'ehrt den Hühnern und Schweinen den Zu-
tritt ab. Über der Tür befindet sich ein längliches Rauchlocb von etwa 50 — 60 cm
Länge und 20 cm Höhe. Das Rauchloch kann mit einem Schuber geschlossen werden.
Der Rauch, der durch das Rauchloch oder den oberen Teil der Tür entweicht, wird
außerhalb der Wand durcli einen aus Brettern gebildeten Rauchfang, der von der Decke
über den oberen Rand der Tür herabhängt, aufgefangen, um ihn durcli den hölzernen
Rauchsehlot abzuleiten. Es tritt uns hier also genau dieselbe Einrichtung entgegen,
die ich aus den Kärntner und Wirauer Häusern a. a. O. beschrieben habe.^
Der dritte Raum, den das Haus in sich schließt, liegt zur linken Seite iler Laube.
Es ist die Kitchi-lsfiihe, so genannt nach dem Kachelofen. Die Kachelstube ist unter-
kellert. Der Keller wird durch eine Tür zu ebener Erde von der Hauptfront des Hauses
aus betreten. Obwohl er nur niedrig ist, überragt sein Gewölbe doch das Niveau der
Laube. Die Kachelstube mußte darum 45 cm höher angelegt werden als die Laube.
Ihre Höhe, welche 2,33 m mißt, erreicht die Höhe der Rauchstube (2,82 m) nicht. Ihr
Inneres ist mit einem Mörtelverputz versehen. Der Fußboden ist gedielt, die Decke
stukkaturt.
Rechts von der Tür befindet sich der Kachelofen. Er erhebt sich auf einem
steinernen Sockel von 50 cm Höhe und besteht aus topfähnlicheu grünglasierten Kacbeln
von der Art, die Meringer aus Mürzzuschlag in Bd. XXIII der M. A. G., S. 142, unter
Fig. 67 abgebildet hat. Die Zahl der Kacheln, aus denen der Ofen gebildet ist, beträgt
69, der Durchschnitt der einzelnen Kachel L5 cm. Die Höhe des einem Kugelgewölbe
gleichenden Kachelaufbaues mißt 96 cm, so daß der ganze Ofen (Sockel und Kachel-
aufbau) L46 m hoch ist. In einer Höhe von 52 cm wird der Ofen von drei Seiten
durch Bänke umfangen, die eine Breite von 40 cm aufweisen. Von den Bänken erhebt
sich, den Ofen umschließend, ein Geländer (Of'ii-(ilainia'), an dem im Winter Wäsche
und Kleider getrocknet werden. Das Geländer reicht nicht bis zur Stubendecke, da es
nur 1,41 ra hoch ist. Der Ofen wird von der Laube aus geheizt. Der Rauch entweicht
frei in die Laube und findet seinen Abzug gewöhnlich durch eine der beiden Laubcn-
türeu und durch die Öffnung der Bodenstiege. Der beschriebene Ofen gleicht also voll-
kommen dem, den Meringer in Bd. XXIII der M. A. G., S. 138, Fig. 57, abgebildet hat.
In der Stube finden wir unter T den Tisch und unter Ba und Ba^, die Bänke im
Tischwinkel. Über a ist ein Altar angebracht.
Unter T steht ein zweiter kleinerer Tisch. B = Bett, Ko = Kommode, tljer U
hängt eine Uhr. B ist das gemeinsame Bett des Bauern und der Bäurin. Die Kachel-
stube ist das Wohngemach der Besitzer des Hauses.
1 Vergl. die Abb. 4.5 in Bd. XXXII d. M. A. U.
Das Bauernhaus der Gegend von Ködach in Steiermark. 129
Abbildiiug j") zeigt den Grundriß des Dachraumes. Das Balkcngefüge der Haus-
wände erhebt sich 44 cm hoeli über das Niveau des Dachbodens, bildet also einen
niederen Kniestock. Diesen kniestockähnliehen Aufbau zeigt jedes Haus der Gegend.
Ich habe diese Eigentümlichkeit als typisch auch beim Kärntner Hause nachgewiesen.*
Der Dachraum des Kliegl-Hauscs zeigt dieselbe Einteilung wie das Erdgeschoß. Wenn
man von der Laube über die Stiege, St, zum Dachraum emporsteigt, so kommt man auf
den Lah'mpoil'n (Lauben-Boden), rechts davon liegt der Rauchstuben-Boden, links der
Kachelstuben-Boden. Da der erstere etwas höher liegt, führt zu ihm eine Stufe empor.
Zumeist ist dieser Beiden durch ein Schloß abzusperren, er heißt darum auch häufig
der Sp/apod'ii (Sperrboden). Die drei Bodenräume sind in ihren untersten Teilen, so
weit nämlich die Hauswände emporreichen, durch Balkenwände, in ihren oberen Teilen
durch Wände aus senkrechtstehenden Brettern geschieden.
Ln Lauben-Boden geht bei R der Rauchfang in den hölzernen Schlot über. Neben-
(laran steht ein bottichähnliches Gefäß, das mir Sfofz'n genannt wurde. Davor steht
eine Truhe, Tr. Bei H-Sch steht eine zweite, viel größere Truhe, die 2,16 m lang,
1,-55 m breit und 1 m hoch ist. Es ist der Häba'-Srliraiii (Hafer- Schrein), in dem der
Hafer aufbewahrt wird. Daneben stehen bei a vier Spinnräder und vier Haspel.
Der Rauchstuhen-Boden bildet die Vorratskammer des Hauses. G-Tr ist eine
Gea'scht-Trug'n, Ko und K02 sind Kommoden, in denen sich Kleider befinden, K-Tr
und K-Tr2 sind Kleidertruhen. Unter Z-Tr steht eine Zeugtrühe, die allerlei Werkzeug
enthält, unter H-Tr und H-Tr^ sind Hafertruhen aufgestellt. G-Sch ist ein großer
Getreideschrein ('Traw/-jS'cArai!«^, der in drei Fächer geteilt ist und ^^'eizen und Roggen
enthält. Bei Sch-Tr steht schließlich noch eine Schmalztruhe und bei Ka und Kas
stehen zwei Kästen. An den Bindehölzern der Dachsparren befestigt, hängt über F-H
eine eigenartige Vorrichtung. Es ist ein aus starken Brettern gebildeter Pyramiden-
stumpf, der wie eine Taucherglocke aus Holz über Manneshöhe im Dachraum schwebt.
In dieser Kiste, die nach unten offen, oben geschlossen ist und den Namen ,, Fleisch-
himmel" trägt, hängen bis in den Herbst hinein Selchfleiscli, Speck und Würste. An
Stangen, die den Raum quer durchlaufen, hängt hier nocli allerlei Gerät und Werk-
zeug: Sensen, Rechen, Sägen, Joche, Schnellwagen, Ketten, Glocken, Taschen, Schuaps-
säcke u. a.
Der Kachelstul)on Bollen war s. Z. wenigstens für die wärmere Jahreszeit die
Schlaf kammer der Mägde. Drei Betten, B-B:!, stehen auch jetzt noch da. zudem unter
Ko ein Koffer und unter KTr und K-Trs zwei Kleidertruhen.
Ik'trachttn wir uns den Grundriß des Erdgeschosses vom Klieglllause. die Ab-
bildung 4, nun nociunals, so ersehen wir, daß von den drei Räumen des Hauses zwei
Feucrstclien besitzen, wiUu'end der eine Raum eine solche entbehrt. Es ist die Laube
(oder der Flur), welche die Mitte des Hauses einnimmt, durchgängig ist und dem Hause
den Charakter eines ,, durchgängigen MittelHurhauses" (von Meringer so benannt) gibt.*
Zur (inen Seite der Laube liegt der Herdraiun, zur anderen der Ofenraum. Wir haben
also im KliegI-1 lause ein ..Zweifeuer Haus" (wieder von R. Meringer so benannt') mit durch-
• Veigl. die Bostlinihiin;; «loi- Humplor-K;uisilie in R.l. XXXII il.-r M..\.G., S. 30 (T.
- Vergl. M. .V.U., m. XXlll, S. KU.. iMg. t.Ml.
' Dr. Rudolf Meringer, Die Slellung des bosnischen Hauses und Klyniologicn zun\ Hausrat. Siliungs-
hericlde der kais. Akad. der Wisscnsdiatlen in Wien. Rd. CXI, IV. VI, S. i.
Wörter und Snchoii. 1. **
130
J. R. Bünker-Ödenburg.
geheiuler feuerstellenloscr Laube vor uns. Diese einfache Form des Hauses beherrsclit
heute die Gemeinde Kemetberg und wold auch ihre weitere Umgebung. Phasen weiterer
Entwickelung kommen wohl vor, sie sind jedoch von geringer Bedeutung und zumeist auf
neuzeitige Umgestaltungen zurück-
zuführen. Das Kliegl-Haus kann
also als der vorherrschende Tj'pus
des Bauernliauses der Umgebung
von Köflach angesehen werden.
b. Der Stadel.
Abbildung 7 gilit ein Bild des
Stadels. Es ist ein vollkommen
freistehendes mächtiges üebäude
von 23,25 m Länge, 10,65 m Breite
und 13 m Hohe und ül>ertrift't das
Wohnhaus an Größe bedeutend. Das
Erdgeschoß besteht aus 94 cm dicken
Steinmauern, während die Wände
des Obergeschosses, mit Ausnahme
der vorderen Giebelseite, die Bretter-
verschalung zeigt, aus Balken bestehen. Die Giebel des großen Daches sind ebenfalls
mit Brettern verschalt. Das Satteldach, welches sich schützend über das ganze Ge-
bäude legt, ist ein Strohdach.
Das Erdgeschoß des Stadels, dessen Grundriß die Abbildung 8 bietet, besteht nur
Abbildung 7. Stadel beim Kliegl-Haus.
ibilduiig 8. Stadel lieiiii Kliegl-Hause, Enlgeschuß. 1 : iiUU.
aus zwei Räumen: aus dem großen Stall und einem ihm vorgelegten vorhallenartigen
Raum. Vorhallenartig nenne ich diesen Raum deshalb, weil er nach vorne zum größten
Teil offen, nämlich nur durch ein Gatter aus Brettern abgeschlossen, zum kleinereu
Teil mit Brettern obertiächlich verschalt ist. Hinter dieser Bretterverschahmg liegt eine
Das Baueniliaus der Gegend von Köflach in Steiermark.
131
Futterkammer. Sie nininit den kleineren Teil des Vorraumes ein und ist vom größeren
durch eine Bretterwand geschieden. In dieser Bretterwand hefindet sich hei a eine
Tür, welche auf hölzernen Rädern steht und so beiseitegeschohen werden kann. In
dieser Futterkammer, die durch einen Bretterverschlag, dessen Höhe die Decke jedoch
nicht erreicht, in zwei Teile geteilt ist, ist in der Decke über b ein Loch ausgespart,
durch welches das Futter vom Obei-geschoß in das Erdgeschoß befördert wird. Unter-
halb der Öffnung ist über c eine breite, aus Brettern gebildete Rinne angebracht, die in
der Richtung des Pfeiles drehbar ist. Es kann also das Futter durch die Rinne ent-
weder in den vorderen oder in den rückwärtigen Teil der Futterkammer dirigiert wer-
den. Die gleiche Einrichtung treffen wir in einer zweiten Futterkammer, welche an
der südlichen Ecke dem Stadel angebaut ist; dort ist d das Futterloch, e die Rinne.
Der größere Teil des Vorraumes wird Wassdhof genannt. Das Vieh wässern heißt
Abliililuni; '.I. .Stadel beim Kliegl-Hause, Obergeschoß. 1:200.
SO viel, als es zur Tränke führen, es tränkin. «Wassa'hof» bedeutet demnach Tränk-
hof. Bei Br steht in ilemselben der laufende Brunnen, aus dem das Vieh getränkt
wird. Von diesem Vorhof aus fülut ein großes Tor in den Stall, ein zweites in der
gegenüberliegenden Wand aus dem Stall ins Freie. Der Stall kann also durchfahren
werden. Ein kleinerer Ausgang liegt in der Südwand des Stalles. Er vermittelt den
Verkehr zin- zweiten Futterkammer. Fenster befinden sich nur in der südlichen Stall-
wand. Alles weitere erklären die Einzeichnungen. Bemerken muß ich nur noch, daß
die Kühe an die an den Wänden hinlaufenden Barren angekettet sind, während sieh die
Ochsen in ihren Verschlagen frei bewegen können. Es ist dies eine Einrichtung, die
ich auch in den Stadeln der Gegend von ^'orau, als auch in jenen Oberkärnteus ge-
funden halu.'
An die südwestliehe Ecke des Stadels ist unter einem Pultdache ein Schupfen au-
gebracht worden, in dem die Obstpresse zur Erzeugung von Birnen- und Apfelmost stellt,
' Vergl. M.A.i;., IM. XXVll, S. 177, uiul \U\. XXXll. S. .">, (U und rC).
17»
132
l'i. rii'inkei-Odenburg. _
Der Stadel liegt auf unebenem Terrain, so daß man in das Obergeschoß, dessen
Grundriß die Abbildung 9 bietet, durch das große zweiHügelige Tor in der Nordwand
mit Wagen einfahren kann, während das Obergeschoß, wenn man den Stadel von
Süden betrachtet, das Ausehen eines auf das Erdgeschoß aufgesetzten Stockwerkes be-
sitzt. Diese Einrichtung ist für Kemetberg ortsüblich, die Slädel werden darum immer
auf abschüssigem Terrain angelegt. Betritt man nun das Obergeschoß durch das große
Tor, so gelangt man in die Tenne. Rechts und links davon liegt je ein Futterbarren,
in die das Pleu eingelegt wird. Über der Vorhalle des Stalles ist eine Futterkammer.
An der Nordseite ist vor dem
hnksseiti^en Futterbarren ein Gang
angebracht, der auch in Abbil-
dung 7 zu erkennen ist. Auf dem-
selben kann man vom Tennentor
zum Eingang in die Futterkam-
mer gelangen. An der Südseite
des Stadels läuft ebenfalls ein
Gang hin, der sich au der süd-
östlichen Stadelecke zu einer zwei-
ten Futterkammer erweitert. Dort
steht bei F-St der Futterstock,
mit welchem das Mischat, ein Ge-
menge von Heu und Stroh, für
das Pferd geschnitten wird; d stellt
das Futterloch vor. St bezeichnet
eine Stiege, die von der Tür in
der südlichen Stallwand zum Gang
emporführt.
In Abbildung 10 bringe ich
den Grundriß
des Dachrau-
mes. Der
Dachraum ist
durchaus un-
geteilt und
wird l'aida ge-
nannt.' Zu
ihm führt die
rantapruch' n,
welche in Ab-
bildung 7 als
eine beider-
seits verschal-
te und über-
dachte Rampe zu erkennen ist, empor. Sie ist mit einem Doppeltor versehen. Aus
Kärnten sind mir Stadel mit solchen Rampen wohl bekannt gewesen, ich habe davon
zwei in Bd. XXXII der M. A. G. auf Seite 54 und 64 auch abgeiiildet und beschrieben,
doch führten diese Rampen als Tennbrücken stets nur in das Obergeschoß des Stadels,
nie aber in den Dachraum. Die Pantaprucke trat mir in Kemetberg als vollkommen
neue Erscheinung entgegen. Dort kommt sie überall vor. Der Raum über der Tenne,
den ich im Grundrisse, Abbildung 10, mit C bezeichnet habe, besitzt einen Boden aus
starken Pfosten, der die Erntewagen, die über die Rampe einfahren, zu tragen hat.
Bei A, B und D wird das Getreide aufgespeichert, bevor es zum Dreschen kommt. Es
liegt dort nicht auf gedielten Böden, sondern nur auf Stangen, die quer über die obersten
' In Kärnten findet man sowohl den Dachraum der Wohnhäuäer, als auch den der Stadel stets durch
eine Rrelterlage Iiorizontal in zwei Teile geteilt. Dort heifit dann der obere Teil des Dachraumes «Planta».
Abbildung 10. .Stadel beim Khegl-Hause, Dachraum. 1:^00.
Das Üaueiiiliaus der Gegend von Köflacli in Steiermark.
133
Balken der Zwischenwäude gelegt werden, wolclio die Höhe des Pfostenbodens von C
erreichen. Die Stangenroste werden Tufl genannt. Dieser Stadel ist ein für die Gegend
typischer.
c. Die IvneelitkanHner.
Abbildung 11 zeigt das diitte Gebäude des
Kliegl-Hofes. Es ist ein kleiner zweigeschossiger
Bau, wird die Knechtkamnier genannt und dient
sowohl Wohn- als auch Wirtschaftszwecken. Das
Erdgeschoß, dessen Grundriß die Abbildung 12
bringt, birgt die Schweineställe. Durch die in der
Langwand angebrachte Tür betritt man den Fut-
tergaug. Zu beiden Seiten desselben sind je zwei
Ställe angebracht. Abbildung 13 zeigt den Grund-
riß des Obergeschosses. Das Obergeschoß bildete
die Wohnung der Knechte.
2. Das Hübler-Haus.
Abbildung 14 bringt das Bild eines zweiten
Hauses aus Kemetberg. Es hat die Nummer 48.
Während im Kliegl- Hause nur die Kauchstube
aus Holz war, sind hier alle Wohnräume gezim-
mert. Die Zimmerung ist in gleicher Weise aus-
geführt wie beim Kiiegl-Hause. Das Zimmerwerk
des Hauses ruht auch hier auf einem Unterbau aus
Stein. Balkonartige Gänge fehlen hier an den Giebelseiteu, doch ragt der Dachboden
an den Giebelseiten in der üblichen Breite der Gänge, d. i. etwa 1 m, vor. Die Giebel-
wände bestehen wieder aus Brettern.
Das Dach zeigt an jedem der Giebel eine
Abwalmung, die ungefähr auf ein Drittel der
Dachlu)he herabreicht. Solche mit Abwalmuu-
gen versehene Dächer nennt man in Kemetberg
Pr/i'.sr/f-Dächer. Das Dach auch dieses Hauses
zeigt zweierlei Deckmaterial. Während die im
Hilde sichtbare, südliche Dachfläche aus Schin-
deln besteht, weist die nördliche Daehlläche
Dachbretter oder Dachläden auf. Die südliche
Daehlläche ladet etwas weiter aus, da sie den
an dieser Seite des Hauses entlanglaufenden
Gang zu schützen hat. In der Mitte des Hauses
erweitert sich der Gang zum EJjijaiifll. Über
demselben springt ein kleines Dacli, das eben-
falls eine Abwalmung aufweist, aus dem Haupt-
daclie hervor. Im Dachboden dieses l^aehes über dem Eßgangel ist ein Taubensclilag
untergebracht, ('her diesem Dach tritt ein zweites, kleineres, aus dem Hauptdache
hervor. Es gehört einer Dachluke an. Auch dort betindet sich im Daehraume ein
Abbildung 11. Die Kneelitkamnier
beim Kliegl-Haus.
Unit; I-'. Klit^'l. Knoiblkniiiiiicr
(Erdgesi-holi). 1 : 1(10.
13.i
J. R. Bünker-Üdenburg.
B
B,
St
Kneclilkammer
Dang
[=]
■$
All
jilduiiäj: lo. Klieirl, Kiiechlkamiiier
(Obergescholi). 1 : 100.
Taubenschlag. Vor der Dachluke ragt aus der Dachttäche des Hauses der Rauchschlot
liervor. Über denselben legen sich schützend wie ein aufgeklappter Pultdeckel Bretter,
die gleichsam aus der Dachfiäche emporgehoben zu sein scheinen.
Abbildung 15 bringt den Grundriß des Hauses. Im Eßgangel, dessen Dach auf
vier Säulen ruht, steht ein Tisch, T, der von
drei Bänken, Ba-Ba:;, und einem «Stuhl»
umschlossen ist. Neben dem Eßgangel führt
eine Stiege hinab in den Hof. Die Stiegen-
öfi'nung kann durch eine Falllüre geschlos-
sen werden, so daß man darüberhin an das
Ende des Ganges gelangen kann.
(iegenüber vom Eßgangel fiilu't die
Haustür in die durchgängige Laube. Es fällt
hier auf, daß rechts und links von der Laube
die Zimmerung aussetzt und durch eine Ver-
schalung von stehenden Brettern ersetzt ist.
Ich liabe diese Einrichtung nicht nur in
Kärnten gesehen', ich fand sie auch in Ke-
metberg noch bei einem zweiten Hause und
werde au zustehender Stelle darauf aufmerk-
sam machen. Auch diese Laube hat nur
ein Fensterchen. Es ist links von der Eingangstür angebracht, mißt 30 cm in der
Breite und nur 21 cm in der Höhe, hat keine Verglasung, sondern ist nur durch einen
hölzernen Schuber zu schließen. Die Laube des HüblerHauses ist gedielt. Ihr Stuck-
boden (die Decke) wird von drei Tramen getragen. Von der Laube führt liei St eine
hölzerne Stiege zum Dachraum hin-
auf. Wie in vielen anderen Häusern
befinden sich die Betten der Mägde
hier nicht wie im Kliegl-Hause auf
einem der Dachböden, sondern in
der Laube und zwar drei an der
Zahl: B-Ba. Im Winter kommen sie
wenigstens zum Teil in die Rauch-
stube. Außerdem finden sich in der
Laube noch eine Truhe, Tr, ein Hack-
stock, H-St, und bei Ka ein Verschlag
mit einer Tür, der mir Kasten ge-
nannt wurde. Darin ist allerlei Werk-
zeug untergebracht. Über der von
der Laube nach rechts führenden
Tür ist wieder ein Rauchloch zu erblicken, das 49 cm lang und 1 S cm
der Rauchfang fehlt über R nicht.
Die Rauchstube ist 7,44 m lang und (),55 m breit. In der Gielielwand befinden
sich drei mit Glas versehene Fenster in einer unteren und zwei mit Holzschubern
AbbiiduiiK li. Das lliibler-llaus.
och ist. Auch
• M.A.G., Bd. XXXII, S. 264, Abb. 191.
Das Liauurnliaus der Gegend von Küflach in Steiermark.
135
ausgestattete Rauchfenster in einer oberen Reilie. Die zwei letzteren fallen in Abbildung
14 in den tiefen Sehlagschatten des vorstehenden Dachbodens und sind deshalb im
Bilde nicht wahrzunehmen. Die südliche Wand der Rauchstube weist drei Fenster auf.
Davon ist das der Tür zunächst gelegene kleiner als die anderen beiden, welche denen
in der Giebelwand an Größe gleichkommen (42 cm breit, 48 cm hoch). Das kleine
Fenster mißt nur 27 cm im Geviert. Die Bäurin sagte mir, daß auch alle anderen
Fenster diesem gleich waren, der Vater hat sie jedoch vergrößern lassen.
Jener Teil des Fußbodens der Rauchstube, der vor dem Herde liegt, besteht wieder
aus einem SteinplattenpHaster, der übrige Teil ist gedielt. Die Decke ist ein Stuck-
boden. H-A und H-A2 = Holzasen, über e ist die Spannsi-n. B-0 = Backofen,
H == Herd, bei a Kesselreid, bei b die abgestufte «Ofengrcad'n > mit den Salzstöcken.
Ihr ist wieder eine Hü = Hühnersteige vorgelegt. S-K = Saufulterkessel. Von den
weiteren Einzeichuungen erkläre ich luu- kurz: T = Tisch (1,2H m lang, 1,22 m breit).
In der Nähe des Tisches sind bei e und f Loflchemen angebracht. Bei d steht ein
Eckschränkchen auf der Bank
im Tischwinkel. St und St2
sind «Stühle», Ba und Baa
die 45 cm breiten stabilen
Bänke. Tr = Mehltruhe, W-B
=Wasserbank, M-K = Milch-
kasten. Br^ Brunnen. Rauch-
stuben mit Brunnen gibt es
auch in Kärnten vielfach.*
Jener Teil des Hauses,
welcher vqn der Laube nach
links liegt und der im Kliegl-
Hause nur einen Raum um-
schließt, ist hier durch eine
Mittelwand in zwei Räume ge-
schieden. Eine solche Unterteilung an dieser Stelle des Hauses konnnt in Kemetberg
häufig vor. Die scheidende Wand ist eine Balkenwand, deren einzelne Balken exakt
in Schwalbenschwanz -\'erzinkuug in die Plauptwände des Hauses eingefügt sind.
Die Errichtung der Kammer neben der Kachelstube ist in diesem Hause eine ursprüng-
liche. Darin, daß dieses Haus vier Räume von verschiedenem Charakter umschließt.
steht CS in Hinsieht auf seine Ausgestaltung über dem Kliegl-Hause.
Der Eingang in die Kachelstube befindet sich der Rauehstubenlür schräg gegenüber.
Die Kachelstube ist gedielt und hat wie die anderen Räume des Hauses einen Stuck-
boden als Decke. In der südliehen Wand sind drei Fenster angebracht, wovon zwei
bereits vergrül.^ert wurden (4:1X44 cm), das dritte aber die ursprüngliche Größe, 27 cm
im Geviert, noch aufweist. In der westlichen Wand der Stube befinden sicli fünf Fen-
ster. Drei davon liegen in einer unteren Reihe, sie messen 27 cm im Geviert, und
zwei in einer oberen Reihe (2ÖX25 cm). Die Einzeicbnungen erkläre ich wie folgt:
0 = Kachelofen mit tojifförmigen Kacheln, B und Ih = Betten, Ko-Kos = Kommoden,
Abbililun,!,' 1-"). Wohngeschoß des Hiibler-Hauses. 1 : 100.
' Vord. in 1!,1, XWIl ,1. .M..\,(i. ilio Orumlrissc Al.h, '.>7. U uiul :>!».
136
J. R. Btitikcr-( )(li'iibiirg. -
Ka = Kasten. Tische uivl Bänke felilcn liier, ein Zeichen dafür, daß die Stul)e nur
als Schlafgeniach dient.
Die Kammer ist eine Vorratskammer. Tr-Tri = Truhen. Licht erhält die Kam-
mer durch drei Fenster. Eines dersell:)en liegt in der nördlichen Wand und zwei in
der westlichen Wand und zwar auffallenderweisc genau senkrecht übereinander.
Die Laube, die Kachelstube
und die Kammer sind unterkellert.
Die Ein.uangstür betindot sich in der
Hauptfront des Hauses.
3. Das Alpenbauer-Haus.
Das Alpenbauer-Hans, dessen
Ansicht die Abbildung lü zeigt, ist
eines der am höchsten gelegenen
Häuser der Ciemeinde Kemctberg.
Es trägt die Nummer 62. Das Haus
ist ganz aus Holz erbaut, nur der
Unterbau, der einen Keller und einen
Schafstall einschließt, besteht aus
steinernem Mauerwerk. Die Schweine
sind hier außer dem Hause in einem
kleineren Zubau untergebracht, der links unten in Abbildung 16 zu sehen ist. Die
rückwärtige Giebelwand dieses Hauses ist ganz genau gleich wie die vordere. An der
südlichen Langwand läuft ein Gang in der ganzen Länge des Hauses hin. Das Dach
des Hauses besteht aus Dachläden.
Wie aus dem Grundrisse, Abb. 17, zu ersehen, war das Haus seinerzeit dreizclüg.
Es ist an ihm eine einfache
Veränderung vorgenommen
worden, die uns zeigt, wie
Häuser, die einst die möglichst
einfachste Au.?gesta]tung zeig-
ten, zu Häusern von ent-
wickelterer Einteilung umge-
staltet werden können.
In der Mitte des Hauses
liegt die durchgängige Laube.
Sie ist gedielt, hat eine ein-
fache Bretterdecke und erhält
Abbildung l(j. Das Alpenbauer-Haus.
Abbildung 17. (irundriß des Alpenbauer-Hauses. 1 : 200.
durch zwei Fenster (25X25 cm) Licht. Aus der Laube führt bei St die hölzerne Stiege
zum Dachboden empor. In der Laube ist nur ein Bett B und eine Truhe Tr unter-
gebracht. Bei R hängt der Rauchfang über der Tür.
Rechts von der Laube lag ehemals wie in den bisher besprochenen beiden Häu-
sern, eine Rauchstube. Sie maß 6,8 m iu der Länge und 5,95 m in der Breite. In
der südlichen Wand hatte sie drei Fenster. Das mittlere davon ist heute vermacht.
Die Rauchstube ist vor mehreren Jahren unterteilt worden.
Das Bauernhaus der Gegend von Köflach in Steiermark. 137
Die Abteilung wurde so vollzogen, duß man die vordere Wand des Backofens,
d. i. jene, in der sich das Ileizloch befindet, bis zur Decke der Stube erhöhte. Da der
Backofen im Winter nur zeitweilig geheizt wird, mußte für die durch die Abgrenzung neu-
gewonnene Stube ein Ofen errichtet werden. Er wurde an den Backofen im rechten
Winkel angebaut. Jene zwei seiner Wände, die in den Kochraum, der jetzt «Kucliel»
d. i. Küche heißt, hineinragen, wurden ebenfalls bis zur Stubendecke emporgebaut,
ferner auch jenes Stück Mauer, das vom Ofen bis zur Tür reicht, die die Küche mit
der neuen, der vorderen Kachelslube verbindet. Die Tür selbst befindet sich in einer
Bretterwand, welche den Abschluß der abteilenden f^inie bildet. Backofen, B-0, und
Herd, H, nehmen ihren angestammten Platz auch jetzt noch ein. Der Herd hat nur
einen Einschnitt erhalten, der es ermöglicht, daß man aus ihm den Stubenofen, der
ein Kachelofen ist, bequem heizen kann. Bei a steht die Kesselreid'. Auch die Wasser-
bauk, WB, und den Saufutterkessel, S-K, finden wir an der gewohnten Stelle.
Im vorderen Teile der ehemaligen Rauchstube ist auch alles l)eim alten geblieben,
der Tisch, T, die Bänke, Ba und Baa. Über dem Eckkästchen ist bei A ein Altar er-
richtet worden. Das Bett, B, wird früher, wenigstens im ^\'inte^, ebenfalls an derselben
Stelle gestanden sein. Der Milchkasten, M-K, nimmt aucli seinen alten Platz ein und
selbst die Hühnersteige, Hü, finden wir in der Stube noch gerade so vor wie die «Luagi
b in der Backofenwand, wo die Oluckhenne ihre Küchlein ausbrütet. Geschwunden
aus der Stube sind nur die Holzasen.
Um die Spuren der ehemaligen Kauchstube zu verwischen, ist der allgetrennte
Raum mit Kalkmilch geweißt worden.
Wie ehedem die Rauchstube, so ist jetzt die neugewonnene Kachelstube der
Sammelplatz aller Hansbewohner. Es können jetzt hier auch im Sommer die Mahl-
zeiten eingenommen werden. Ein Eßgangel ist bei diesem Hause überflüssig geworden.
Wir finden hier also den Teil der ehemaligen Rauchstube, der den Herd, den
Backofen und den Saufutterkessel enthält, durch die Einschachtelung der drei Feuer-
stellen zur Küche herabgesunken. Der Raum dient nur mehr Kochzwecken. Es mag
hier schon erwähnt sein, daß die Unterteilung der Rauchstube in der besprochenen
Weise in der Gemeinde Kemetberg durchaus nicht vereinzelt dasteht, man kann sagen,
daß sie in gleicher Weise in der Mehrzahl der Häuser vorgenommen worden ist.
Die ursprüngliche, jetzt hintere Kachelstube (ies Alpenbauer-Hauses zeigt noch
ihr altes Gepräge. Der Ofen, O, ist ein Kachelofen aus topflormigen Kacheln. Er wird
von der Laube aus geheizt. Der Rauch entströmt frei in die Laube. Mit .Vusnahme
des Tisches, T, den Bänken, Ba und Ba.», und des «Stuhles», St, sind die Möbel willkür-
lich angeordnet. Ich erkläre noch: B und Bs = Betten, Ko-Kos = Kommoden, Ka
= Kasten.
4. Das Schriebl-Haus.
Abbildung 18 zeigt uns ein viertes Haus aus Ivcnietberg, das Schriebl-Haus. Seine
Nummer ist 35. Parallel zum Wohnhause gelegt erhebt sich der große Stadel. Beide
Ciebäude sind durch eine Brücke, welche vom Dachraume des Wohnhauses in das
Obergeschoß des Stadels führt, verbunden. Ich beschränke mich hier nur auf die Be-
schreibung des Wohnhauses, da der Stadel jenem beim Kliegl Hause ganz ähnlich ist.
Es liegt, wie aus der Abbildung 18 zu ersehen, auf abfallendem Bodeu und zeigt
darum die Eigentümlichkeit, daß es, von der einen Langseite betrachtet, wie ein ebou-
Wurtcc uud Sachen. I. 16
138
J. R. Biinkcr-Odeiiburg.
Abbilduiiu- 18. Das St-hriebMIau.
aiil
,kl.
erdiges, von der anderen besehen, wie ein zweigeschossiges Haus aussieht. Die Woiin-
räume bestehen durchwegs aus Holz. Die Unterniauerung scliließt einen Jveller und
die Scliweineställe ein. In der Cüebelseite erblicken wir zwei (iänge. Der untere der
beiden setzt sich an der ganzen Südseite des Hauses fort und erweitert sich am Ende
des Hauses zu einem mit Brettern verschalten Eßgangel. Das Dach ist ein Strohdach,
aus dessen südlicher Fläche sich
der Rauchschlot und eine Dachluke
erhel)t.
Der Gruudriü des Hauses, Ab-
bildung 19, zeigt uns fünf Räume.
Denkt man sich jedoch alles weg,
was nicht urspiünglich am Hause
ist, so bleiben nur drei Räume übrig,
die genau den drei Räumen im
Kliegl- Hause entsprechen. Das
Haus kann entweder vom Gang
oder von der .Stadelseite aus betre-
ten werden. Wir gelangen in die
Laube, die sonach wieder durch-
gängig ist. Die Laube ist verhält-
nismäßig schmal. Sie hat als Decke
einen Stuckboden, als Fußboden ein Steinplattenpflaster. Darin finden wir nur bei St
die Bodenstiege, über R den Rauchfang, bei Ba eine Bank und bei Ka einen Kasten.
Unter dem Rauchfang führt die Tür in die Rauchstibe. Herd, H, und Backofen,
B-0, zeigen die Konstruktion der schon besprochenen gleichen Objekte, a = Kessel-
reid', 1) ^ Herdmäuerchen, auf dem der «Muasa> (Mörser) steht; e = «Herdgread'n»
mit Salzstock; bei d ist eine
« Luag » in der Backofen-
wandung, in der die Hühner
brüten und auch die Katze
zu gewisser Zeit ihr «Nest»
hat; e = Holzasen, f =
Fleischselch, g = Schüssel-
korb, h = «Hef'nstöirn»,
i ■■= Löffelrem, k, 1 und m =
verschlagene Fenster. S-K
= Saufutterkessel. Daneben
steht das «Kaspel»-Faß, KF,
Ba-Bai = Bänke; Sp-K =
mitten im Sommer ein Bett.
Den von der Laube links liegenden Raum fand ich nach dem Muster des Hübler-
Hauses in zwei Teile geteilt. Die Wand, welche die Teilung vornimmt, ist jedoch nur
eine Bretterwand und neu. Der kleinere Raum ist eine Kammer, der größere eine
Kachelstube. Letztere konnte ich nicht betreten, da die Stube in Abwesenheit der Bauers-
leute, denen sie als Schlafgemach dient, verschlossen war. Es fehlen darin im Grund-
risse die Einzeichnungen. Die Stube wird durch einen eisernen Ofen geheizt.
Abbildung 1'.
Speisekasten. Bei B fand ich in dieser Rauchstube selbst
Das Bauernhaus der Gegend von Köflach in Steiermark.
1 :'/.>
In der Kammer fand ich unter Ka einen Kasten, bei H-St einen Hackstock, bei
B-M eine Backmultcr und unter H-B eine Hobelbank mit allerlei Werkzeug. An der
Docke sind Fleischstangen befestigt.
Als die besprochene Kachelstube und die Kammer noch ein Kaum waren, bildete
dieser mit der Laube und der Rauclislube die drei ursprünglichen Räume des Hauses,
oder mit anderen Worten, sie waren das ursprüngliche Haus.
Im Schriebl-Hause verhalf man sich in hochinteressanter Weise zu einer zweiten
Kachelstube einfach dadurcli, daß man der Rauchstube eine geräumige zweite oder
vordere Kacbelstube vorbaute. B = Bett, T = Speisetisch, Ba und Ba- = Bänke,
St und Stä = « Stühle ». Seit die Stube augebaut wurde, steht das Eßgangel verwaist.
Der große Ofen, (), der vorderen Kachelstube ist
von zwei Bänken, Ba:i und Ba^, eingeschlossen.
Er hat einen steinernen Unterbau und einen
Aufbau aus topfförmigen Kacheln. Er wird
von der Rauchstube aus geheizt. Unter M-K
steht das Milchkastei. Über U hängt eine Uhr
an der Wand.
Die Rauchstube dieses Hauses hat, wie aus
ihrer Beschreibung herv'orgeht, das alte Gepräge
wohl noch vollkommen erhallen, durch den Vor-
bau der neuen Kachelstube hat sie aber \'iel
von ihrer Wichtigkeit eingebüßt. Sie ist fast
ganz zur Küche lierabgesunken, nur das Bett
darin erinnert noch an ihre Bewohnbarkeit.
5. Das Jud-Haus.
Es ist nun nicht ohne Interesse, daß ich
dem alten Schriebl-Hause als Parallele ein neues
Haus an die Seite stellen kann, das im Crund-
risse von Anfang an dieselbe Einteilung aufweist.
zu der das Schricbl-Haus imd mit ihm das Alpenbauer- Haus erst allmählich gekommen
sind. Es ist das Jud-Haus, Nr. 46 in Kemetberg. Es wurde im Jahre 1843 erbaut
und ist eines der stattlichsten (iebäude der Gemeinde. Abbildung "JO gibt sein Bild.
Im .Vußeren unterscheidet es sich von den älteren Häusern fast gar nicht. Seine
Hauptlront ist wie bei allen bisher besprochenen Häusern fast ganz genau nach
Süden gerichtet und weist zwei Geschosse auf. Die Nordseite zeigt nur ein Geschoß.
Vom ganzen Hause ist nur jener nach Osten gerichtete Raum, der uns bisher stets als
Rauchstube bekannt geworden ist, aus Holz, alles andere besteht aus steinernem Mauer-
werk, das außen keinen Verputz aufweist. \'or dem Wohngeschoß läuft ein (iang hin,
zu dem drei Treppen hinaufführen. Die Bretter der Gaugbrüstung zeigen einfache
Ausschnitte, die den Gang und das ganze Haus sehr zieren. Ein zweiter Gang ist in
Abbildung 20 an der Giebelseite beim Abschlüsse des Wohngeschosses zu sehen. An
der westlichen Giebelseite fehlt ein solcher Gang. Das Dach ist mit S<.>hindeln gedeckt.
In der südlichen Daehlläche ist eine große Dachluke zu erkennen, aus der nördlichen
ragt ein lu'ilzerner Rauehschlot empor, der dem Schlot des Khegl-Hauses gleicht, im
Abbildung 20. Das Jud-Haus.
iO
.]. R. Bünker-Odiiiliiir;
asui-ju
iiOTr g
Vordere Kaehelstube
: ; rStn
Bilde aber nicht siehtljar ist. Das Dach hat nur gun?. kurze Ahwahnungen. In der
Unterniaueruno- des Hauses sind in der Hauptfront drei Türen angebracht. Die eine
befindet sich in der Mitte des Hauses und führt in einen Schafstall. Die andere liegt
in der linken Hälfte und üffnet sich in einen Schweinestall, die dritte, die nahe der
südöstlichen Ecke im Bilde zu erkennen ist, leitet in einen ebenerdigen Keller.
In Abbildung 21 bringe ich den Grundriß des Wohngeschosses. Wenn man vom
Gange aus durch die Thür schreitet, die in das Haus führt, so kommt man in die
Laube. Sie ist gedielt, nicht geweißt und hat als Decke einen Stucklmden. Aus der
Laube führt bei St eine Stiege zum Dachboden. Unter B steht ein Bett, unter Ka ein
Kasten, unter Tr eine Truhe und unter der Stiege bei S-K ein Saufutterkessel.
Der Ilerdraum, welcher sich nach rechts an die Laube anschließt, ist hier das,
was er im modernen oberdeutschen Hause zu sein pflegt, eine Küche. Der Raum
wird in diesem Hause auch nicht mehr Rauchstube, sondern «Kuch'L genannt. In
ihr sehen wir wieder einen Backofen B-0 mit dem offenen Herd in Verbindung. Er
ist niclit länglich, son-
dern quadratisch. Am
Rande ist er mit einer
Brettereinfassung um-
schlossen. Seine Ober-
fläche bilden Steinplat-
ten. Es fehlt ihm auch
der charakteristische
Feuerhut. Dieser ist
überflüssig geworden,
da die Decke über dem
Herd und dem Back-
ofen ein steinernes
Tonnengewölbe bildet. Der vordere Teil der Küche hat einen Stuckboden. Ein tiefer
als das Gewölbe heraljreicheuder gemauerter Bogen , der im Grundrisse durch zwei
punktierte Linien bei f angedeutet ist, verhindert es, daß der Rauch in den vorderen
Teil dringen kann. Unter dem Gewölbe sammelt sich natürlich auch der Rauch aus
dem Backofen, vom Saufutterkessel und aus dem Stubenofen. Der Rauch wird durch
einen Schornstein abgeleitet, der auf dem Gewölbe aufsitzt. Die Kesselreid' steht hier
nicht vor dem Herd, sondern bei a auf dem Herd selbst; b ist die «Of'ugread'n», c der
hinausgeschobene Sockel des Backofens, welcher die Höhe des Herdes, nämlich 70 cm
besitzt; d und e deuten Schüsselremen an, die über Manneshöhe an den Wänden be-
festigt sind; bei g ist an der Vorderseite des Bogens eine Ifff'nstölFit angebracht; h ist
ein Durchschlag in der Mauer, durch den die Speisen in die Stube gereicht werden
können. Gegen die Stube zu ist dieser Durclibruch mit einem Türchen zu schließen.
Im vorderen Teil der Küche steht unter dem Fenster an der Wand eine Bank.
Von der Küche nach rechts liegt der große Wohnraum der Bauernfamilie, zugleich
der Sammelplatz für das ganze Hausgesinde, die vordere Kachelstube.
Ihr Fußboden ist gedielt. Die Decke ist ein Stuckboden , getragen von einem
Unterzugbalken, der durch die punktierten Linien angedeutet ist. Die Stube hat fünf
Fenster. Kleinere Fenster in einer höheren Reihe fehlen hier. Die Einzeichnungen er-
Abbildung 21. Wohngeschoß im .JuJ-Hause. 1:200.
Das Bauernhaus der Gegend von Köflach in Steiermark.
lil
kläre ich kurz, wie folgt: T = Tisch, St und Stä = «Stühle», A = Altar, Ba und Baa
= Bänke, B und Ba = Betten, W = ^Wiege, S = Ses.«el, M-K = Milchkasten, U =
Uhr, 0 = Ofen aus toptartigen Kacheln. Er ist von Bänken umgeben: Ba^i und Ba4.
Unter jener Bank, die mit Hü bezeichnet ist, ist eine Hühnersteige untergebracht. In
der Mitte der Stube i.st bei Tr ein durchloehtes Brett an einer senkrechtstehenden dreh-
baren Stange angebracht. Es ist ein Api)arat, in dem die Kinder «las Gehen erlernen
und heißt Trend'l^
Die hintere Kachelstube hat an Bedeutung verloren, da sie durch die vordere
ersetzt ist. Sie dient zu Zeiten als Ausnehmer- Wohnung. Sie ist gedielt, geweißt und
hat einen Stvickljoden. O = Ofen, B = Bett, Tr = 1'ruhe. Ko inid K02 = Kommoden.
Die Kammer scheint erst vor kurzer Zeit abgetrennt worden zu sein, die abteilende
Bretterwand sielit nämlich noch ganz neu aus. Audi die Kammer ist gedielt und geweißt.
T = Tisch, M-Tr = Mehltruhc, Ka
^ Kasten, Sch-D = Schmalzdosen.
Aus der Beschreibung dieses
Hauses hat sich also ergeben, daß es
als neueres Haus nach dem Muster
älterer Häuser erbaut wurde, in denen
man durch Unterteilung oder Znbau
die alte Rauchstube oder einen Teil
derselben zur Küche machte, um
durch diese Umwandlung einen wohn-
licheren Raum zu gewinnen.
6. Das Engelbauer-Haus.
Das Engelbauer -Haus, wie die
bisher besprochenen Häuser der Ge-
meinde Kemetberg angehörend, hat
die Hausnummer 39. Es liegt seiner Länge nach von Nordost nach Südwest. Abbil-
dung 22 zeigt die südwestliche Giebelseite des Hauses. Es ist dies die rückwärtige
Giebelseite. Die vordere ist i!u- übrigens vollkommen gleich.- Alle seine Räume sind
von Mauerwerk umschlossen. Dies war jedoch früher nicht so. Der größte Raum des
Hauses war ehedem aus Holz erbaut. Im Jahre 1843 wurde er in Stein umgebaut.
Der Umstand, wonach beim Engelbaner-Haus ein Eßgangel fehlt, läßt die Ver-
mutung wach werden, daß auch dieses Haus keine Rauchstube mehr besitzt. Die Art
und Weise der Umgestaltung der Rauchstube oder eines Teiles derselben in eine Küche
ist hier nicht weniger interessant als jene, die sich im AlpcnbauerHause und im Schriebl-
Hause vollzogen hat. Es erweist dies der (trundril.* Abbildung 23.
Die alte hölzerne Rauchstube hatte genau dasselbe Aussehen und dieselbe Form
wie jene des Kliegl-Hauses. Wo der jetzt gemauerte Raum, die Kachelstube, die ein-
springende Ecke aufweist, stand damals der Backofen und davor der Herd mit dem
' Kille gleiche Vorriclilun^,' habe ioli M. A.G., Bil. .\.\V. S. V.V.K au.< Oberschülzen Iwscliriebon uiiil
ilnit unter Fi^. 218 abgebildet. Sie heißt dort «üaiig'lwAg'n».
- Das in Abbildung Ü rechts vom Wohiiliause ersichtliche Gebäude ist ein kleiner Sladol. Der große
Stadel liegt vom Hause ziemlich weil ab.
Abbildung ±1. Das Engelbaucr-Haus.
14i>
.1. lt. Büiiker-< •dciihurg. -
Hcrcl"'e\v()Ibe. Backofen iiiul Herd wurden dann niedergerissen und die Ecke, welche
sie einnahmen, durcli neuaufgefülirte Ahiuern von der Stube au?gesclilossen. In der
Breite dieser Ecke wurde nun die früher durcligängig gewesene Laube durch eine Mauer
al)geteilt. So wurde die Laube zwar fast um die Hälfte kleiner, doch gewann das Haus
einen neuen Raum, eine eigene Küche. Sie besteht gewissermaßen aus zwei Teilen :
aus dem, welcher der Laube, und aus dem, welcher der Rauchstube allgewonnen wurde.
Der erstere trägt einen Stuckboden und bat einen gedielten Fußboden, der letztere be-
sitzt ein SteinplattenjiHaster und ist gewölbt. Beide sind durch einen gemauerten Bogen
voneinander geschieden, der den Rauch der Küche auf den gewölbten Teil einschränkt.
Der fast, quadratische, 80 cm hohe offene Herd, dessen Heizfläche ein alter Mühlstein
bildet, ladet nach beiden Seiten aus. Auf diese Ausladungen münden zwei Ofenlöcher.
In der Küche finden wir bei a eine Stellage für Häfen, bei H-A eine Holzase inid bei
St eine Stiege, die in den Keller hinabführt.
Der Rest der gewesenen Rauchstul)e enthält den Backofen, der dort neu aufgeführt
wurde und von der Küche aus
zu heizen ist. Vor ihm wurde
dort, wo das zweite Heizloch ge-
gen die Stube führt, ein Kachel-
ofen gebaut, der die alte Rauch-
stube zu einer Kachelstube machte.
So sehen wir denn, daß im
Engelbauer-Hause durch eine Um-
gestaltung, welche zwar ganz an-
deren Charakters ist als jene, die
wir im Alpenbauer-Hause und im
Schriebl-Hause kennengelernt ha-
ben, doch derselbe Endzweck er-
reicht wurde : die Schaffung eines
eigenen Kochraumes und der Gewinn einer zweiten wohnlichen Stube.
Durch eine scheinbar unwesentliche Umänderung, welche in der Kachelstube in
neuester Zeit vorgenommen wurde, hat sich der Charakter dieser Stube wieder geändert.
Sie führt wohl noch immer den Namen Kachelstube, aber der Kachelofen ist aus ihr
geschwunden und hat einem modernen Sparherd, Sp-H, Platz gemacht. Auf ihm wird
Sommer und Winter gekocht. Der Raum ist also wieder das geworden, was er zuerst
war: Arbeits-, Wohn-, Schlaf- und Kochraum. Der praktische Sparherd hat die gute
Eigenscliaft, im Winter die Stelle des Ofens zu vertreten und die Stube angenehm zu
erwärmen. Seit der Sparherd in der Stube aufgestellt wurde, steht der otieue Herd in
der Küche unbenutzt.
In der Kachelstube steht bei T der Tisch an gewohnter Stelle. Ba und Ba2 =
Bänke, A = Altar, W-B = Wasserbank, K-K und K-K2 = Küchenkästen, B = Bett,
a = Wandschränkchen, Hü = Hübnersteige.
Im Reste der Laube erblicken wir bei St die Bodenstiege, darunter ragt der Sau-
futterkessel, S-K, hervor; bei a hängt ein Schüsselkorb an der Wand.
Die von der ehemals durchgängigen Laube links liegenden beiden Räume bildeten
einstmals ein Gelaß. Dort, wo heute der Saufutterkessel an der Wand steht, war
Abbildunij 23. üruiidrifi c.le.s Eiigelbauei- Hauses. l::iil(l.
Das Bauernhaus der Gegend von Köflach in Sti-ii'rrnurk.
m
ehedem eine Ofenheize, die zu einem Kachelofen in die Stube führte. An seiner Steile
steht jetzt ein Bett. Die Einrichtuiijjc des «Stübels» i«t recht dürftig: T = Tisch, Ba
und Ba2 = Bänke. Bei a ist ein Wandschränkchen.
In der sich dem Stübel anschließenden Kam-
mer steht bei T ein Tisch und bei Tr eine Truhe.
Das Anwesen, das zu diesem Hause gehört,
ist nur ein kleines. Es umfaßt : an Ackern 6 Joch,
an Wiesen 1 Joch, an Hutweiden (j Joch, an
Wäldern 8 Joch, zusammen 21 Joch.
Der Viclistaud besteht aus 3 Kühen, 2 bis
3 Kälbern, 1 Pferd und 4 — 5 Schweinen.
7. Das Feilbauer-Haus.
Das Feilbauer-Haus, dessen Bild ich in Ab-
bildung 24 biete, ist eines der kleinsten Bauern-
häuser in Kemetberg. Es liegt unter der Num-
mer 40 in der nächsten Nachbarschaft des vor-
stehend beschriebenen Engelbauer-Hauses. Klein
ist auch das Besitztum, das zum Hause gehört.
Es umfaßt an Ackern G Joch, an Alpenwiesen
10 Joch, an Wald 4 Joch, an Wiesen 2 Joch, zu-
sammen 22 Joch.
Das Haus stammt aus neuerer Zeit. Wie
mir sein Besitzer, der das Haus mit dem Anwesen
erst vor kurzer Zeit gekauft hat, mitteilte', dürfte es kaum über 50 Jahre stehen.
Das ganze Haus ist, wie dies auch die Abbildung 25 zeigt, aus Holz erbaut, nur
jene Wände, die den Herdraum einschließen, sind gemauert. Kurze Fortsetzungen des
Mauerwerkes erblicken wir dort, wo
eine Feuerstelle der Hauswand nahe-
kommt.
Die Abbildung 24 zeigt die vordere,
der Straße zugekehrte Giebelseite des
Hauses. Die rückwärtige ist ihr gleich.
Das Haus ruht auf einem niederen
Unterbau aus Stein. Es ist ein Parterre-
haus, bei dem nur die vordere Stube
unterkellert ist. Die Zinnnerung der
vorderen Giebel wand ist zum Teil mit
Kalkmilch geweißt. Die Fenster der
vorderen Stube messen 40 cm in der Breite und 45 cm in der Höhe, die der rückwär-
tigen sind etwas größer, 47 cm breit und 50 cm hoch.
Das Feilbauer-Haus steht nun zu dem vorstehend lieschriebenen Xachbarhause
in demselben ^'erhältnisse wie das Alpenbauer- und das Schriebl Haus zum Jud-Hause.
Wie im Jud-Hause sehen wir auch im Feilbauer-Hause die erst durch eine Umgestal-
tung in einem alten Hause erzielte und als praktisch erprobte Verbesserung der Wohn-
Abbildung H. Das Feilbauer-Haus.
Abbiiaun;; -.T,
Giuiuhiß de.s Feilbauin-Heiui^e^
I : -200.
144 J. R. Biinker-Ödenburg. -
verliiiltnisse in ein neues Haus übertragen. Der Erbauer des FeilbauerlTauses hat sich
bei der Errichtung seines Hauses offenbar die umgestaltete Einteilung des Hauses
seines Nachbars zum Muster genommen. So mag es gekommen sein, daß das Feilbauer-
Haus von allem Anfang an, ohne spätere Umwandlung, fast genau dieselbe Ausgestal-
tung erhielt, wie sie das Engclbauer-Haus heute zeigt.
Das Feilbauer-Haus (Abbildung 25) hat keine Rauchstube. Es verfügt dafür über
eine Küche. Sie erscheint wie im Engelbauer-Hause von der Laube abgetrennt. Die
Laube durchläuft also nicht mehr wie in den typischen alten Häusern von Kemetberg
das ganze Haus, sie ist verkümmert. Das Haus ist aber trotz-dem wie das Eiigelbauer-
Haus ein durchgängiges geblieben, weil aus der Laube eine Tür in die Küche und von
dieser eine zweite Tür ins Freie führt.
Die Laube ist gedielt und hat einen Stuckboden. Es fällt auf, daß sie kein Fenster
hat. Die Laubentür ist daher gewöhnlich offen. Darin finden wir nur bei St eine
Bodeustiege und bei K-K einen Küclienkasten.
Die mit Steinplatten gepflasterte Küclie hat ein Tonnengewölbe als Decke. Auf
diesem sitzt über b ein gemauerter Scliornstein auf. H deutet den 75 cm hohen Herd
an. Er ist mit Ziegeln gepflastert und. am Rande mit einer Brettereinfassung versehen.
Auf den Herd mündet die Heize zum Backofen. Über a und d sind Stellagen für
das Geschirr angebracht, bei c befindet sich eine «Luag».
In der «vorderen Stube» steht bei Sp-H wie im Engelbauer-Hause ein Spar-
herd. Der Rauch davon wird in die Küche abgeleitet. Früher stand hier ein Kachelofen.
T = Tisch, St = Stühle, Ba und Baa = Bänke, A = Altar, B = Bett, KB ==
Kinderbett, K-K = Küclienkasten, W-B und W-B-j = Wasserbänke, Tr = Truhe, Hü
= Hühnersteige.
In der «hinteren Stube» steht unter 0 ein Kachelofen der gewohnten Form. Er
ist mit einem Geländer und Ofenbänken umgeben. Der Tisch, T, die Bänke, Ba und Bas,
stehen an der gewohnten Stelle. A = Altar.
Es ist nicht ausgeschlossen, daß die eben beschriebene praktische und wohnliche
Hausform, welche, wie sich ersehen ließ, aus der Umgestaltung des Hauses mit altge-
wohnter Ausstattung zu einer neuen geworden ist, in Kemetberg und seiner weitereu
Umgebung allmählich zur Herrschaft kommen wird.
8. Das Blüml-Jörgl-Haus.
Das Haus, welches die Abbildung 2(J darstellt, hat die No. 47 und gehört ebenfalls
der Gemeinde Kemetberg an. Das Bild zeigt die Rückseite des Hauses.
Es kann ihm entnommen werden, daß das Haus in neuerer Zeit einen Zubau er-
halten hat. Abgesehen von diesem, zeigt das, was am Hause ursprünglich ist, durchaus
das Gepräge eines alten typischen Hauses.
Besieht man sich den Grundriß des Hauses, Abbildung 27, so erkennt man, daß
es ursprünglich nur aus den drei typischen Räumen : der durchgängigen Laube, der
rechtsliegenden Rauchstulic und der wahrscheinlich ehemals durch die ganze Tiefe des
Hauses reichenden Kachelstube bestand. Von diesen drei Räumen ist nur die Rauch-
stube aus Holz erbaut. Diese hat ihre alte Ausgestaltung und Einrichtung fast unver-
ändert bis auf den heutigen Tag erhalten. In der Giebelwand weist sie sechs Fenster
auf. Ein siebentes Fenster gewahren wir in der südlichen Wand.
Das Bauernhaus der Gegend von Köfiach in Steiermark.
145
Abbildung
Das Bbiinl-Jörgl-Haus.
Eine eigentümliche Erscheinung tritt Lins in der Außenseite der Giebehvand dieses
Hauses entgegen. Aus dieser Wand ragt nämlich ein hölzerner Rauchschlot schräg
nach aufwärts, genau so. wie ich dies bei einem Hause in der Oststeiermark und zwar
beim Hause No. 35 in Tulwitz gefunden habe (vgl. Fig. 143, S. 1G4 in Bd. XXVII
d.M. A. G.)'
B-0 = Backofen, H = Herd.
Auf dem Herd, der als Oberfläche
ein Ziegelpflaster mit Hoizumrah-
mung aufweist, steht bei a die Kes-
selreid'. b ^ dreifächerige Wand-
nische («'s Kuch'lkast'l»), in der der
Mörser, die Kaffeemühle, ein ange-
brochener Zuckerhut, Flaschen etc.
stehen. Darüber ist ein Schüsselkorb
augebracht, c und d = «Luag'n»
in der Backofenwandung für die
Salzstöcke, e = kleine «Luag», in
der sich Eierschalen zum Trocknen
befinden, die zerbröckelt den Hüh-
nern vorgeworfen und von diesen
mit Gier gefressen werden, f =
Lnag, in der die Hühner brüten.
Hü = Hühnersteige. Eine Ofen-
greden fehlt bei diesem Backofen.
S-K = Saufutterkessel, T = Tisch,
St = Stühle, Ba und Ba2 = stabile
Bänke, Sp-K^ Speis'kast'l, M-K =
Milchkasten, g = Eckschränkchen,
über h = HcfrisföW ii, über i =
Durchzugbalken, H-A = Holzasen,
Sp-A Spanas'n.
Die Laube ist gewölbt. St =
Bodenstiege, a = Nische, B = Bett,
K-K = Kücheukasten, R = Rauch-
fang, Tr = Truhe.
Kachelstube und Kammer sind
durch eine Bretterwand gescliieden.
In der Kachclstube steht bei O ein
Kachelofen, der von Bänken umgeben ist. T := Tisch, Ba und Bas = Bänke, A =
Altar, Ko und Kos = Kommoden, Tr = Truhen, Ko = KotTer, B = das Ehebett der
Bauersleute, U = Uhr, a = Wandkästchen.
In der Kanuiier fand ich eine alte Kommode Ko, einen Hackstock H-St. eine
Truhe Tr, eine .Meliltruhe M Tr und vier Schmalzdosen bei Sch-D.
' Ein drittes Haus, das dieselbe aut'talleiide Ei-sclieinuiig zeigt, fand ich in L^uibendorf, oberhalb
Millstall in Oborkänilon: Haus Nr. 0, «8a|>ler».
Abbildung L>7. tirundrili des Blüuil-Jörgl-Hauses. 1 : -JtjO.
Witrtcr viiiil Stu'hcu. I.
1>
146
J. I-t. Biinkci-( Icieiilnug. 7
P".i>]^^Trrf
Kachelstube und Kamnier sinil unterkellert. Die Kellertür befindet .sich in der
Hauptfront des Hauses.
Das «Seiteiistübel» wurde erst in neuerer Zeit dem Hause angefügt. Sein Fuß-
boden liegt mit dem der Rauchstube in gleicher Höhe. Das Stübel wird von letzterer
aus betreten. Unter dem Stübel befinden sich die Schweineställe. Das Stübel bildet
also das Obergeschoß des Zubautss. Von der hochgelegenen Hauseingangstür, zu der
sechs steinerne Stufen emporführeu, legt sich ein Z-förmiger Gang um das Stübel. Ein
zweiter Gang befindet sich an der Giebelseite des Stübels vor dessen Daehraume. Die
Brüstung dieses Ganges besteht aus zierlich ausgesägten Brettern. Am unteren Gang
ist bei A der Abort angebracht.
Im Stübel steht bei 0 ein Kachelofen. Er wird von der Rauchstube aus geheizt.
Der Rauch strömt durch das Ofenloch
in die Rauchstube. B und B2 = Bet-
ten, T = Tisch, St = «Stuhl», Ko =
Kommode.
Im Blüml-Jörgl-Hause hat man
dem Bedürfnis nach einer zweiten wohn-
lichen Stube also dadurch abgeholfen,
daß man an die Rauchstube eine Stube
anbaute. Dies geschah hier jedoch nicht
wie beim Schriebl-Hause in der Län-
gen-, sondern in der Breitenachse des
Hauses. Auch dieser Fall steht, wie
sich ergeben wird, nicht vereinzelt da.
Die Rauchstube dieses Hauses ist auch
nicht wie jene des Schriebl-Hauses zur
Küche herabgesunken, sondern hat
ihren Charakter ungeschmälert beibehalten. Es werden in ihr auch im Sommer die
Mahlzeiten eingenommen. Ein Eßgangel fehlt nämlich bei diesem Hause.
9. Das Ziri-Haus.
Das Ziri-Haus in Kemetberg hat die Nummer 31. Zum Hause gehören zirka
40 Joch Grund.
Das Ziri-Haus ist eines der interessantesten Häuser der Gemeinde Kemetberg. Es
zeigt nicht mehr seine ursprüngliche Gestalt und Ausgestaltung, läßt aber dieselbe
deutlich noch erkennen, wenn man sich alle Neuerungen von demselben wegdenkt.
Die Neuerungen bestehen in beiden Arten der Umgestaltung, die wir bisher an anderen
Häusern kennen gelernt haben, nämlich sowohl im Zubau, als auch in einer durchge-
führten Unterteilung, schließlich tritt dann noch eine dritte Art der Umgestaltung zu
diesen beiden hinzu, von der alsbald die Rede sein wird. Das Haus ist ferner auch
deshalb noch sehr interessant, weil es uns einen Einblick gewährt in die allerälteste
Ausgestaltung der Häuser Kemetbergs und damit zugleich in die Wohnverhältnisse ver-
gangener Jahrhunderte.
Abbildung 28 zeigt den Aufriß der Giebelseite, Abbildung 29 den Aufriß der
Hauptfront des Hauses, und Abbildung 30 bringt den Grundriß.
r-^5^)ti«3f*ISy?;^^
-^T,.ymfi
■¥1:
AhliiUIuiiL' 28.
Aufriß der Giebelseite des Zirj-Hauses.
1 : 200.
Das Bauernhaus der Gegend von Köflach in Steiermark.
147
Das Haus ist in die Richtung von West nach Ost gelegt. Die Giebelseite richtet
sich nach Osten, die unter Abbildung 29 gegebene Hauptfront nach Norden.
Wie aus den beiden Aufrissen zu erkennen, ruht der vordere Teil des Hauses auf
einem Unterbau aus rohem Mauerwerk. Er .schlief.U einen Schafstall und einen Schweine-
stall ein. Aus der Abbil-
'lW^W:p.V^Ji
'f
:lrnM.
-^S-
Abbildung :29. Aufriß der HaupKronl des Ziri-Hauses. 1 : :JiHl.
dung der Giebelseite ersieht
man, daß unter der geho-
benen und hinausgescho-
benen linksseitigen Dach-
fläche ein Zubau angebracht
worden ist. Die beiden
großen Fenster in der Gie-
belseite (50X64 cm) sind
bedeutend vergrößert wor-
den, ebenso die drei gleich-
großen Fenster in der
Hauptfront. Ursprünglich
waren sie nicht größer als
jenes dritte Fenster in der
Giebelseite, welches mit den
beiden großen in einer Reihe liegt und 27 cm im Geviert mißt. Kleinere, höher gelegene
Fensterehen mit Holzschubern fallen uns hier nicht nur in der Giebclwand, sondern
auch in der Hauptfront auf. Sie messen 24 cm in der Breite und 21 cm in der Höhe.
Besehen wir uns die Hauptfront, Abbildung 29, näher, so erblicken wir in der
Mitte eine Tür und daneben
und darüber eine Wand, be-
stehend aus stehenden Brettern,
deren Fugen mit Leisten ge-
deckt sind. Es ist dies eine
Erscheinung, die uns schon
beim Schriebl-Hause entgegen-
getreten ist und die ich wieder-
holt auch an Häusern in Ober-
kürnten gesehen habe. Ich
habe es in meiner Arbeit über
das Bauernhaus der Gegend am
Millstätter-See ausgesprochen.
daß diese Bretterversehalungen
dem Flur den Charakter des
Laubenartigen verleihen und in mir die Vermutung, daß die Laube des alpinen Hauses
Oberkärntens aus einer \'orlialle entstanden sein müsse, bestärkten.' Dieselbe Erschei-
nung, die ich aus Oberkärnten konstatierte, tritt uns in der westlichen Steiermark also
ganz analog entgegen.
Die Tür in der Mitte des Hauses führt in die Laube. Sic ist durchgängig. Ihr
» Vergl. S. 265 in Bd. XXXII der M. A. S.
Abbildunj; 30. (iiundiilj des Ziri-Hauses. 1 : iUU.
148 J. R. Büiiker-Öderiburg.
Fußboden besteht aus Steinplatten, die Decke ist ein Stuckboden. Wir finden in ihr
niclits als bei St eine Stiege, über F-S eine Flei.sch.^elcli und über R den Rauchfaug.
a und b = Lnagri.
Unter dem Rauchfang befindet sicli eine horizontal geteilte Tür und darüber das
Rauchloch. Es ist dies das Zeichen dafür, daß wir uns vor der Rauchstube befinden.
Treten wir aber ein, so sind wir in einer schmalen Küche, die nui- durch eine Bretter-
wand von dem davorliegenden Raum geschieden ist. Die Bretterwand deutet aber
bestimmt darauf hin, daß hier die Küche auf dieselbe Art der Unterteilung der Rauch-
stube in zwei Räume entstand, die uns zuerst im Hause der Alpenbäurin entgegen-
getreten 'ist (vergl. den Grundriß Abbildung 17). Küche und Stube haben seinerzeit
zusammen eine Rauchstube gebildet.
In der Küche, die wie die Stube einen Stuckboden hat und wie jene gedielt ist,
finden wir im Hintergrunde den Backofen noch so vor, wie er früher an derselben Stelle
in der Rauchstube stand. Der Herd hat seinen Feuerhut verloren, dafür aber wurde
über demselben ein Oewölbe angebracht, das gegen den vorderen Teil der Küche auf
einem starken Balken aufliegt und den Rauch in dem rückwärtigen Teil der Küche zurück-
hält. Der Kessel, welcher über dem Herd hängt, ist hier nicht an einer Reid', sondern
an einer Kette befestigt. Bei a ist eine «Luag» in der Mauer angebracht. Unter Hü
steht die Hühnersteige, unter Sp-K ein niederes Speisekästchen, über dem ein Schüssel-
korb hängt. S-K = Saufutterkessel.
In der Stube steht bei 0 ein Ofen, der an den Backofen angebaut ist und von
der Küche aus geheizt wird. T = Tisch, St = «Stühle», Ba, Ba2, Bas und Bai =
Bänke, A = Altar, B --= Bett.
Von der Stube gelangt man durch eine Tür in das anliegende Stübel. Es ist
jener Raum, den wir schon aus dem Besehen der Giebelseite, Abbildung 28, als neuen
Zubau erkannt haben. Das Stübel steht übrigens schon bei 70 Jahre. Durch eine
zweite Tür gelangt man aus dem Stübel auf den Gang. An diesem Gang hängt gleich-
sam in der Luft bei A der Abort.
Im Stübel steheu drei Betten und ein Kasten. Ein Ofen fehlt hier.
Das Stübel ist also ein neuerer Zuwachs nach der Art des Seitenstübels im vor-
stehend beschriebenen Blüml-Jörgl-Haus oder nach der Art der der Rauchstube vorge-
legten Stube im Schriebl -Hause.
Die großen Fenster, welche uns aus dem rechtsseitigen Teil der Hauptfront ent-
gegenblicken, lassen uns erraten, daß hinter denselben auch noch ein Wohnraum liegt.
So ist es auch. Die Stube war jedoch nicht immer da, sondern wurde erst vor kurzer
Zeit aus einer «niedern, finstern Kemet'n» errichtet. Sie ist nicht heizbar. Infolge der Er-
richtung dieser Stube mußte das Dach über derselben um drei Bretterreihen verkürzt
werden. Da sich unter dieser Stube, welche auch die «obere Stube» genannt wird, ein
ebenerdiger Keller von der Höhe der Laube befindet, bildet die Stube ein Obergeschoß.
Es tritt uns sonach bei diesem Hause zum erstenmal in der später erfolgten Anlage
dieser Stube der Ansatz zur Entwickelung eines Obergeschosses entgegen.
Vor dieser Stube liegt die Laube des Obergeschosses, welche nicht nur vorne,
sondern auch an der Rückseite eine Bretterwand hat. Vor der Laube liegt der Rauch-
stubenboden, der wie bei allen ebenerdigen Häusern einen Kniestock bildet.
Schälen wir nun alles ab, was an diesem Hause neu errichtet wurde, so bleiben
Das Bauernhaus der Gegend von Köflach in Steiermark.
149
uns nur vier Käuine als ursprünglich übrig: die in der Mitte liegende durchgängige
Laul>e mit der Bretterverschalung, die aus Zimmerwerk bestehende ehemalige Rauch-
stube, der gemauerte fensterlose Keller und die über ihm angebracht gewesene finstere
niedrige Kemet'n. Von diesen Räumen können nur zwei als Wohnräume betrachtet
werden: die Rauchstube mit dem offen brennenden
Herdfeuer als Koch-, Wohn-, Schlaf- und Arbeits-
raum und die luftige Laube als Arbeits- und wahr-
scheinlich als Schlafrauin für die Zeit des Sommers..
Vergleichen wir dieses Haus, hierbei nur seine
ursprüngliche Anlage ins Auge gefaßt, mit allen
bisher besprochenen älteren Häusern, dort aber auch
stets nur die ursprüngliche Ausgestaltung in Betracht
gezogen, so haben wir es hier wie dort mit Räumen
von dreierlei verschiedenem Charakter zu tun. Wäh-
rend aber in allen besprochenen älteren Häusern
neben der Rauchstube und der Laube, welche beiden
Räume auch dem Ziri-Hause eigen sind, noch ein
dritter Raum als Wohnraum, nämlich die mit einem
Ofen versehene Kachelstube vorkommt, entbehrt das
Ziri-Haus eine solche. Au ihrer Stelle tritt ein Keller
mit einer Kemet'n auf, denen wir in anderen Häusern
nie an dieser Stelle begegnet sind, oder mit anderen
Worten gesagt, in allen besprochenen älteren Häusern
nimmt jene Stelle, die im Ziri-Hause Keller und
Kemet'n 'innehaben, die Kachelstube ein.
Betrachten wir nun aber das Material, aus dem die Kachelstuben in jenen Häusern
zum größten Teil erbaut sind, so überrascht es fast, daß es auch steinernes Mauerwerk
ist. Die Fenster jener gemauerten Kachelstubcn sind zudem gewühnlicli ganz unver-
hältnismäßig größer als die
der Rauchstuben. Man
kommt hierbei unwillkürlich
auf den Gedanken, daß sie
erst in neuerer Zeit eingesetzt
wurden, und ein zweiter Ge-
danke, der sich diesem an-
gliedert, ist der, daß die
Kachelstuben in allen jenen
Häusern, in denen sie aus
^hluerwerk bestellen, aus
ehemaligen Kellern (viel-
leicht auch Kemet'n) i'ntstanden sein dinften, daß also die älteste Hausform der Gegend
von Köflach nur eine Stube mit otlcn Hackerndem Herdfeuer und eine Laube als
Wohnräume und einen gemauerten Keller (mit oder ohne Kemet'n) aufgewiesen hat.
Abbildung 31. Das Lange Wegger-Hans.
Abbildung :i-2. (iiundriri des Langen Weggcr-Hause^. 1 : -HyOi.
Für diese Annahnu'
stätigung sclHi]iren.
cönnen wir aus der Beschreibung eines weiteren Hauses Be-
150 J. R. Bünker-Ödenburg.
lo. Das «Lange Wegger »-Haus.
Das Haus des «Langen Wegger» war das einzige wir]<iicli zweigescliossige Bauern-
liaus, das ich in Kemetberg antraf. Es hat die Nummer 44. Das Anwesen war noch
vor dreißig Jahren eine sogenannte <Zuhube», d. h. sie war das Besitztum eines Ge-
meindefremden und gehörte einem Gasthofbesitzer in Salla. Die Abbildung 3L zeigt
die nacii Osten gerichtete Giebeiseite und die nach Norden gekehrte Langseite des
Hauses. Die Zimmerung des Hauses ist mit Kalkmilch geweißt. Unter Abbildung 32
bringe ich den (Grundriß des Erdgeschosses.
Das Dach des Hauses ist ein Ziegeldach. Seine Form gleicht nicht der Dachturm
der beschriebenen Häuser. Es fällt auf, daß wir nirgends einen Gang erblicken. Weiter
befremdet auch, daß die Balken, welche das Obergeschoß bilden, au den Kanten des
Hauses verkämmt sind, während an den Balken des Erdgeschosses Verzinkung wahr-
zunehmen ist. All das läßt darauf schließen, daß am Hause nicht alles ursprünglich
ist. Wie mir nun auch gesagt wurde, ist dem ursprünglich ebenerdig gewesenen Haus
das Obergeschoß erst durch seinen ehemaligen Besitzer, den Gastwirt von Salla, auf-
gesetzt worden.
Als einziges zweigeschossiges Haiis vertritt es wohl keinen Typus, ich nahm das
Haus jedoch hauptsächlich deshalb auf, weil es auf das deutlichste zeigt, wie sich das
typische Haus der Gegend von Köflach auf dem durch das Ziri-Haus angedeuteten Weg
zu einem zweigeschossigen einfachster Art entwickeln kann. Was mir aber bei diesem
Hause das wichtigste ist, besteht darin, daß sein Erdgeschoß dem des vorstehend be-
schriebenen Ziri-Hauses, nimmt man dessen ursprüngliche Anlage in Betracht, voll-
kommen gleich ist. Es befanden sich auch in diesem Hause, solange es nur ebenerdig
war, nur zwei Wohnräume, wovon nur der eine eine Feuerstelle aufwies. Mittlerweile
hat übrigens selbst auch das Erdgeschoß, wie sich aus Abbildung 32 erkennen läßt,
darin eine Umgestaltung erfahren, daß es jetzt vier Räume besitzt, wovon zwei heizbar
sind. Die Umwandlung in vier Räume geschah, was ja auf den ersten Blick zu er-
sehen, aus der uns jetzt schon aus mehreren Häusern bekannten Abteilung der Rauch-
stube durch eine Bretterwand in zwei Räume. Die ursprünglichen Wohnräume waren
also die Rauchstube und die Laube. Der dritte Raum dient, wie das auch im Ziri-
Hause der Fall ist, auch heute noch als Keller.
Wir finden darin zu beiden Seiten Fässer, ferner bei KB einen Krautbottich und
schließlich Verschlage für Kartoffeln und Rüben. Der Keller ist gewölbt. Als Fußboden
hat er die festgestampfte Erde.
Die Laube hat so wie die ehemalige Rauchstube einen Stuckboden und einen
Fußboden aus Steinplatten. St = Stiege, die zum Obergeschoß führt. Tr-Trs ^
Truhen, K-K = Küchenkästchen. Bei a befindet sich in einer nischenartigen Ver-
tiefung eine Bank.
In der Küche finden wir die Feuerstellen in typischer Anordnung und in typischer
Form. B-0 = Backofen, H = Herd mit Feuerhut, a = Standpunkt der Kesselreid',
S-K = Saufntterkessel. In der Küche gewahren wii- weiterhin nur noch bei Hü die
Hühnersteige, bei T einen Tisch, neben demselben bei b einen Schüsselkorb, bei W-B
eine Wasserbank und über Sp-A eine «Spanas'ii».
In der Stube steht bei 0 der Ofen, daneben ein «Stuhl» St2; T = Tisch, St =
«Stuhl», Ba und Ba2 == Bänke, A = Altar, Ka = Kasten, B = Bett.
Das Bauernliaus der Gegend von Köflach in Sleiermark.
151
l'ber das Obergeschoß bemerke ich nur folgendes: Es umfaßt drei Räume. Der
Raum über der ehemaligen Rauchstube ist aus Holz. Er führt den Namen «Menscher-
kamnier» und dient den Mägden als Hchlafraum. Es befindet sich darin ein Sparherd,
der im Winter als Ofen benutzt wird. Der Raum über der Laube heißt auch «Lab'm-.
Es stehen dort mehrere Truhen und zwei Betten. In letzteren schlafen Knechte, wenn
solche im Hause sind. Die Laube des Obergeschosses ist nicht heizbar. Über dem
Keller ist die Stube der Bauersleute. Darin steht ebenfalls ein Sparherd, der jedoch
nur im Winter gebraucht wird. Dann dient er als Herd und Ofen zugleich.
10. Das Hofameser-Haus.
Das Haus, welches die Abbildung 33 zeigt, ist das größte Bauernhaus, das ich in
der Oegend von Köflach besichtigt habe. Es liegt nicht in der Gemeinde Kemetberg,
sondern in der nördlich daran anstoßenden Gemeinde Kiichberg. Es trägt die Haus-
nummer 53. Die Liegenschaften, die zu diesem Hause gehören, sind beträchtlich. Sie
umfassen: 52 Joch Ackerland, 5 Joch
Wiesen, 100 Joch Wald, 30 Joch Al-
penwiesen, 1 10 Joch Alpenweide. Zu-
sammen 297 Joch. Der Viehstand
belätift sich gewöhnlich auf 2 Pferde,
7—8 Kühe, 20 Ochsen, 7-9 Kalben,
10 — 12 Terzen (junge Ochsen) und
30 Schweine.
Wie mir der Besitzer des An-
wesens sagte, soll der Amcser-Hof in
früherer Zeit zum Schlosse Lankowitz
gehört haben , er befinde sich aber
schon seit 3 — 400 Jahren im Besitze
seiner Familie. Im Jahre 1793 brannte
das Haus zum Teil ab. Seit dieser
Zeit steht es in seiner jetzigen Form
da. Das Haus ist durchaus gemauert. Die l'mfiissungsmauern sind 08 cm stark. Noch
dicker sind jene Mauern, die den mittleren Raum des Hauses, die Laube einschließen.
Sie messen 82 cm. Daß Innenmauern oft dicker als Außenmauern sind, habe ich auch
in Kärntner Häusern häufig angetroff"en, ohne mir den (irund dafür erklären zu können.'
Das Dach des Hauses ist ein Ziegeldach mit Abwalmungen sowohl an der vorderen
als auch an der rückwärtigen Giebel wand. Am vorderen (Üebel ist ein balkonartiger
Gang angebracht. Die äußere Form des Hauses entspricht der der typischen Bauern-
häuser <ler Gegend.
Wie aus dem Grundriß, den die Abbildung 34 bringt, zu ersehen, hält die Mitte
des Hauses genau so wie bei all den bisher besprochenen alten Bauernhäusern eine
durchgängige Laube. Sie ist in diesem Hause von beträchtlicher Größe, nämlich 13.25 m
lang und 5,(55 m breit. Ihren Fußboden bildet ein Steinplattenpflaster, die Decke ein
Kreuzgewölbi'. In der Laube fallen uns zwei Tische auf: T und Ts. An ersterem
werden im Sommer die Mahlzeiten eingenommen. Ts wird benutzt, wenn gelegentlich
' Vergl. M. A. .'^. l!il. WXll, S. T.V
Abbiiduiig 3:^ Das Hofameser-Haus.
152
H. Büiikcr-Odeiiburg.
des Schnittes und ähnlicher Arbeit mehr Leute sich im Hause befinden als gewöhnlich.
Tischen, au denen die Mahlzeiten eingenommen werden könnten, sind wir in keiner
Laube der bisher besprochenen Häuser begegnet. Dieselbe Einrichtung, die uns hier
also zum erstenmal entgegentritt, ist in den Bauernhäusern Oberkärntens aligemein
üblich.' In der Laube dieses Hauses finden wir noch bei St eine Stiege, die zum
Dachraum emporführt, bei MK einen Milchkasten, bei MTr und M-Tr2 zwei Mehl-
truhen, bei B-K einen Branntwein-Kessel, und bei S-K einen Saufutterkessel, die von
der Rauchstube aus geheizt werden und ihren Rauch in diese abgeben. Über R hängt
ein aus Steinen gewölbter trichterförmiger Rauchfang.
Die Türe, welche in die Rauchstube führt, ist horizontal in zwei Flügel geteilt.
Die Rauchstube ist fast quadratisch. Sie ist 7,2 m lang und 7 ni breit. Ihre Höhe
beträgt 2,82 m.
Die Decke ist
stukkaturtund
vom Rauchge-
schwärzt, die
Wände sind
geweißt, doch
stark vom
Rauch ge-
bräunt. Der
Fußboden be-
steht wie ge-
wöhnlich zum
Teil aus Bret-
tern, zum Teil
aus Steinplat-
ten. Der Back-
ofen steht zur
1 : 100. Hälfte in der
Rauchstube,
zur Hälfte im anstoßenden Raum. \'or ihm steht der Herd. Er hat eine cjuadratische
Oberlläche, welche durch eine Eisenplatte gebildet ist, die ein Holzrahmen einfaßt.
Im Herdkörper befindet sich eine große bogenförmige Öfi'nuug, in der Scheiterholz
liegt. Der Feuerhut sieht modernisiert aus. Er besteht aus einem flachen Tonnen-
gewölbe, das auf einem Holzrahmen aufruht. Die freie Ecke des Feuerhutes wird durch
eine Eisenstange, welche an der Decke befestigt ist, emporgehalten. In der Nähe des
Herdes hängt bei Sp-A die «Spanas'n» und bei HA die «IIolzas'n>/. T ist ein
kleiner Tisch, St ein «Stuhl». An Stelle dieses Tisches steht im Winter der große
Speisetisch, der sich im Sommer in der Laube befindet. Ba und Ba2 = stabile Bänke,
W-B = Wasserbank, darüber hängt bei d eine «Häf'nstöU'n». W-Bs = Wasser-
bottiche, in die von einem Brunnen, der außerhalb des Hauses steht, Wasser gepumpt
werden kann. K-Sch = Kaspelschaff. Über c hängt der Schüsselkorb, über b eine
Aljbililuii"' :;i. (inuiiJnl.i des Hotaineser-Uauses
' Vergl. im Bd. XXXll d. M.A.G. die Grundrisse Abliilduiiy ^7, 37, 50, 53, 5ü und 59.
Das BaiiLTiiliaiis der Gegend von Köflacli in Steiermark. 153
«riär'ndeck'lrem», an der auch Schöpflöffel etc. hängen, a = Standpunkt der Kessel-
reid', Hü = Hühnersteige, MK = Milchkasten.
Zwischen der Plüiinersteige und dem Milchkasten führt eine Tür in einen Neben-
rauni. Zwei Räume auf jener Seite der Laube, wo sich die Ilauchstube befindet, haben
wir nebeneinander in keinem der besprochenen Häuser gefunden. Der Kaum dient
den Mägden des Hauses als Schlafkamnier. Er heißt die Mi'nscJur-K'uiiiiicr. Es stehen
darin drei Betten, B-Bs, drei Kommoden, Ko-Koa, und eine Truhe. 0-S ist ein ge-
mauerter Sockel, auf dem in früherer Zeit ein Kachelofen stand, der seinen Rauch in
die Rauchstube abführte. Der Ofen ist abgetragen worden. Seither ist die Stube un-
hcizbar. Die Stube war demnach früher eine Kachelstube und wahrschemhch der
Schlafraum der Familie des Bauern. Der kinderlose Bauer wohnt mit seiner Frau
in einem kleinen Hause, das sich auf der Hofstätte erhebt.
Aus meiner oft zitierten Arbeit über das Oberkärutner Bauernhaus kann man er-
sehen, daß in den meisten Häusern auf einer Seite der Laube wie in diesem Hause
zwei Wohnräume liegen. Der eine ist die Rauchstube, der andere die Kachelstube.
Dieses Haus kommt also in seiner Ausgestaltung dem Kärntner Hause schon in dieser
Hinsicht sehr nahe. Es kommt ihm noch näher darin, daß auch auf der anderen
Seite der Laube zwei Räume nebeneinander angeordnet sind.
Gegenüber der Menscher-Kammer ist ein Keller. Er ist gewölbt und nicht ge-
weißt. Der Fußboden besteht aus gestampfter Erde. Im Keller steht unter M-T ein
Milchtisch, auf den im Sommer die Milchreinen gestellt werden. Vom Gewölbe hängt
bei B-R eine Brotrem. Im Keller stehen viele Fässer und Bottiche.
Gegenüber der Rauchstube liegt ein zweiter Raum, der der Rauchstube an Grüße
fast gleichkommt. Hier wurde eine Schmiedewerkstätte eingerichtet. Bei E ist die
Esse, dahinter bei B-B der Blasebalg. Im Hintergrund des Raumes stehen die großen
Krautbottiche. Auch dieser Raum ist gewölbt, nicht geweißt und hat einen Fußboden
aus gestampfter Erde. Wie mir der Hofameser sagte, war dieser Raum vor dem Brande
im Jahre 1793 aus Holz und diente als Kemeton. Beide Räume waren also Vor-
ratsräume.
Genau dieselbe Einteilung wie dieses Haus zeigen die meisten größeren Ober-
kärntner Bauernhäuser. Die dem Keller und der jetzigen Schmiede entsprechenden
Räume sind dort auch gewöhnlich Keller und Kemeten, also ebenfalls Vorratsräume.
Während nun das Hofameser-Haus die am weitesten gehende Entwickelung unter
all jenen Bauernhäusern, die ich in der (Segend von Kötlach besucht habe, zeigt, bleibt
das ul)erkärntn('rische Haus bei diesem Tunkte der Entwickelung nicht stehen. Ich
habe in Bd. XXXII d. M. A. G. mehrere Bauernhäuser aus der Gegend des Millstätter
Sees boschrieben, die außer dem fünfzolligen Erdgeschoß nocli ein Obergeschoß besitzen,
das dieselbe weitgehende Gliederung aufweist, wie sie das Erdgeschoß zeigt. Es sind
denmach Häuser, die nicht weniger als 10 Räume in sich schließen.
Diesen stattlichen oberkärntnerischen Bauernhäusern scheint in der Gegend von
Köflacb in bezug auf innere Ausstattung und äußere Form, so lange es noch aus
Holz war, nur das Haus der Bin-ger in kloinen Städten und Märkten gleichgekom-
men zu sein. Wie ich schon eingangs erwähnt, hat sich in Köflach nur mehr ein
einziges solches Haus bis auf den heutigen Tag erhalten. Ich will es nachstehend
beschreiben.
Wörter uuil i^nchcn. I. '^
151
J. R. Büiiker-Ödenburg. ,
12. Das König -Wirtshaus.
Das König -A\'irtsliaus ia Ivüllach liegt unter Nr. 12tj in der Feldgassc. Es bildet
das Eigeutum de.s Johann Stumpf. Wie mir dessen betagte Frau erzählte, soll das
Haus schon 300 Jahre alt und einstmals das hervorragendste Gasthaus in KöHach ge-
wesen sein.
Die Abbildung 35 zeigt das Bild des König -Wirtshauses. Es ist, wie schon ange-
deutet wurde, zweigeschossig. Sein Äußeres gleicht auffallend dem vieler Oberkärntner
Häuser.' Das König -Wirtshaus würde in seiner äußeren Erscheinung den u. a. Häusern
noch mehr gleichkommen, wenn es noch so dastünde, wie es vor Jahrzehnten gestanden
ist. Die. im Bilde ersichtliche Zimmerung, welche heute wie aus der Erde hervorzu-
wachsen scheint, ruht nämlich auf einem Unter-
bau aus Stein. Diese Untermauerung ragte früher
50 — 00 cm aus der Erde hervor. Durch die He-
bung des Straßenniveaus kam die Untermauerung
ganz in die Erde hinein. Dadurch kamen die
Fußböden aller Räume des Hauses nicht nur 50 cm
unter das Niveau der Straße zu liegen, sondern
das Haus hat auch viel in seiner Erscheinung
eingebüßt. Es ruft im Beschauer den Eindruck
wach, als ob es in die Erde gesunken oder von
oben niedergedrückt worden wäre.
Um einen Teil des Obergeschosses läuft, an
der Ecke des Hauses im rechten Winkel gebrochen,
ein Gang, der s. Z., als er noch intakt war, das
Haus sehr geziert haben mag. Sowohl an der
Stirnseite, als auch an der Langseite ragt das
Dach weit vor, um den Gang zu schützen. Das
Dach ist mit Brettern gedeckt.
Wie der größere Teil der Bauernhäuser der
Gegend von Köflach, so besteht auch das König-
Wirtshaus nur teilweise aus Holz. Aus der Ab-
bildung 30, die den Grundriß des Erdgeschosses
darbietet, läßt sich erkennen, daß im Erdgeschosse nur ein einziger Raum aus Holz
erbaut ist. Im Obergeschoß, dessen Grundriß durch Abbildung 37 veranschaulicht ist,
herrscht das Holz vor, doch besteht auch dort nur eine Stube aus Zimmerwerk, denn
der übrige Teil der hölzernen Hauswände weist nur Bretterverschalung auf. Auch
diese Eigenartigkeit in der Bauweise alpiner Häuser tritt an Oberkärntner Häuser nicht
selten auf.^
Der Grundriß Abbildung 30 weist im Erdgeschosse seclis Räume auf. Die Mitte
nimmt die durchgängige Laube ein. Rechts von der Laube liegen zwei Keller, also
Yorratsräume, ünks sind die Wohnräume. Wir haben somit in diesem Hause eine
Einteilung, wie wir sie genau gleich im Hofameser-Hause vorgefunden haben. Die
Wohnräume zeigen wohl abweichenden Charakter und für sich genommen eine andere
' Man vergleiche beis])ielsweise die AlibililuiiL,' 'V'-i und 4;i in Bil. XX.XII der M. A. G.
- Man vergl. insbesondere die Grundrisse Abbildung 38 und 46 im Bd. XXXII d. M.A.G.
Abbildung 35. Das König -Wirtshaus
in Köflach.
Das Bauernliaus der Gegend von Köflach in Steiermark.
15Ö
Abbililung 3«. König-Wirlshaus (Ei-Jj^cscholi). 1 : riim.
Einteilung, die meines Erachtens auf den Umstand 7,urückzuführen sein wird, daß das
Haus in früherer Zeit als (iasthaus gedient hat. Der Ilerdraum, welcher im Bauern-
hause der Gegend der Hauptraum ist, ist hier zur Küche herabgesunken. Da sie nicht
mehr als Wohn- und Schlafrauin dient, konnte sie auf einen kleinen Raum beschränkt
werden. Dadurch, daß man sie ein wenig in die Laube hiucinrückte, konnte man
vor ihr noch ein einfenstriges Stübel anlegen. Ich vermute darin das ehemalige Hono-
ratioren- oder Herrenstübel. Es trägt ein regelmäßiges Kreuzgewölbe und muß s. Z.
recht wohnlich gewesen sein. Die Tür,
welche das Stübel mit der großen
Stube, in welcher wir die ehemalige
Gaststube zu erkennen haben, verbin-
det, besitzt in ihrem oberen Teil ein
Fensterchen, ein Guckloch, das heute
mit einem roten Vorhang verhängt ist.
Die Gaststube muß zur Zeit
ihrer eigentlichen Bestimmung wohl
proper ausgesehen haben. Die Holz-
wände sind nämlich durchwegs mit
sorgfältig bearbeiteten, wagrecht an-
gebrachten Brettern verschalt. Die
Verschalung schließt in Manneshöhe
mit einem schönen Gesims ab, auf
dem vor Zeiten die Zinn- und Imnt-
bemalten Krüge der Gäste gestanden
sein werden. An der Verschalung sind
heute noch die Leisten angebracht,
zwischen denen die Fenster ehemals
hin- und her geschoben werden konn-
ten. Heute bewegen sich die Fenster
an Scharnieren. In der (iiebelseite
sind die drei dort sich befindenden
Fenster wie bei den Bauernhäusern
in ungleicher Höhe angebracht. Die-
sellie l<]inriebtug wiederholt sich, wie
die Abbildung 35 erkennen läl.U, im
Obergeschoß. Sorgfältig ist auch die Decke der Gaststube hergestellt. Sie besteht aus
einer doppelten Bretterlage, die durch einen Unterzugbalken getragen wird. Die Kanten
des Balkens sowohl, als auch die der Bretter sind sauber abgefa.st. Bänke, Ba-Baa. laufen
fast rundum. .Vuih der Ofen ist mit Bänken umschlossen, zudem auch von einem
Ofengeländer umfangen. Er ninunt die innerste Ecke des Raumes ein. In den amlereu
Ecken der Stube werden früher Gasttische gestanden sein. Bei A steht ein Eok-
schränkchen, das wohl noch zur alten Ausstattung der Gaststube gehört. Darüber ist
ein Altar angebracht. Eigenartig ist der Ofen. Er ruht auf einem gemauerten Sockel,
der die Höhe der Bänke etwas überragt. Auf dem äußeren Rand des Sockels liegt
rundum ein Kranz von topffürmigcn, dunkelgrün glasierten Kacheln auf. Auf diesen
.\bl>ililiin^' 37. König -VV'irtsliaus (Obergesclioß). 1 : -liKi.
156 .1. n. Riiiikei--()<lciil)iirK
stehen dann in zwei Reihen flache Kacheln. Die obere Kacliclreihe schließt mit einem
schönen Gesims ab. Anch das Gesims und die flaclu-n Kaclieln sind glasiert und zeigen
dunkelgrüne Farbe. Der Ofen wird von der Küche aus geheizt und gibt den Rauch
durch das Heizloch dahin ab.
Die ehemalige Gaststube dient jetzt dem alten Ehepaar Stumpf als Wohn- und
Schlafstube. T und T2 = Truhen, B = Bett, St = «Stuhl», T-B = Tafelbett.
Die Küclie hat ein Tonnengewölbe als Decke. Bei R sitzt auf dem Gewölbe ein
hölzerner Rauchschlot auf. H = offener Herd, 8-K = Saufutterkessel.
Aus der l^aube führt bei St eine Stiege zum Obergeschoß. Bei T stellt ein Tisch.
Die langgestreckte Fensternische daran dient als Sitzbank. M-K ^ Milchkasten, Sp-K
= Speisekasten, St = «Stuhl».
Von den beiden Kellern ist der eine bedeutend größer als der andere. Der kleinere
hat ein Tonnengewölbe, der größere ein Kreuzgewölbe. Der Fußboden des großen
Kellers hat gleiche Höhe mit dem der Laube. Seine Tür ist 1,3 m breit. Man konnte
durcli sie auch Fässer von beträchtlicher Größe rollen. Der Raum diente jedenfalls
als Weinkeller.
Der Fußboden des kleinen Kellers liegt 37 cm tiefer als der der Laube. Es sind
darin leere Fässer, Bottiche und allerlei Werkzeug untergebracht.
Wenn man sich in der Laube des Obergeschosses befindet und umherblickt, so
gewinnt man den Eindruck, als ob das Haus nicht vollkommen au.sgebaut worden wäre.
Man glaubt etwas Unvollendetes vor sieh zu haben. In den Raum, der über der
Küche liegt, ragt das nackte Küehengewölbe empor. Er ist gegen die Laube zu offen
und hat keine Verwendung. Um zu der davorliegenden Kammer, die eigentlich nur
ein Bretterverschlag ist, gelangen zu können, muß man über das holperige steinerne
Gewölbe der Küche stolpern. R = hölzerner Rauchschlot.
In der Laube kommt bei St die Stiege vom Erdgeschosse herauf. Die Stiegen-
öfifnung ist von zwei Kleidertruhen Tr und Tr2 eingeschlossen. Eine dritte Truhe
steht bei Tr:;. Daneben führt bei a eine Tür auf den Gang. Eine zweite Tür führt
bei b aus der Laube auf eine Brücke, die das Haus mit dem Obergeschosse des zum
Hause rechtwinklig stehenden Stadels verbindet. Bei St 2 leitet eine Stiege in den
Dach räum des Hauses. Die beiden gemauerten Räume des Obergeschosses dürften in
früherer Zeit als Kemeten gedient haben. Der kleinere, welcher gewölbt ist, ist heute
noch eine Kammer. Sie weist ein Ziegelpflaster als Fußboden auf. Tr = Getreide-
truhe, M-Tr = Mehltruhe.
Der zweite Raum scheint erst in neuerer Zeit durch die Errichtung eines Ofens
wohnlich gemacht worden zu sein. Es ist heute eine Stube, die an einen Inwohner
vermietet ist. Ich konnte sie nicht betreten, da der Bewohner vom Hause fern und
die Stube verschlossen war. Der Rauch aus dem Ofen dieser Stube wird durch einen
eigens zu diesem Zweck erbauten neuen Schornstein abgeleitet.
Wie es nun scheint, dürfte vor Zeiten nur die gezimmerte Stube des Oberge-
schosses als Wohnraum gedient haben. Sie ist auch heute noch Wohnraum und zwar
in der Form eines Gastzimmers, das die erwachsenen Kinder beherbergt, wenn sie ab
und zu aus der Fremde ins Vaterhaus einkehren. Es fällt auf, daß wir in dieser Stube
keinen Ofen antreffen. Es wird darin wohl nie einer gestanden sein, und die Familie
des Hauses wird, so lange die darunterliegende Gaststube noch als solclie im Gebrauch
Das Bauernhaus der Gegend von Köflach in Steiermark.
ir.7
war, auch im Winter im ungeheizten Zimmer geschlafen haben, wenn nicht etwa in
der Gaststube selbst vielleicht in der Form von Tafelbetten, wie man sie auch heute
noch häufig in biluerlichen Wirtsstuben findet, Schlafstätten vorhanden waren, die
wenigstens im Winter den Hausleuten ein warmes Nest boten.
Nachdem ich, in der Beschreibung des volkstümlichen Hauses der Gegend von
Köflach aufsteigend, in der Besprechung des König -Wirtshauses zu dessen entwickeltster
Form gelangt bin, habe ich, abvvärtsschreitend, in kurzem noch die primitiven Formen
menschlicher Wohnungen der Gegend zu beleuchten, um durch sie zu den Urformen
zu gelangen, aus denen sich das Haus der Gegend \'on Köflach zu seinen gegenwärtig
bestehenden Formen entwickelt hat.
13. Das Steiner-Schneider-Haus.
Das Steiner-Hchneider-Haus Nr. 41 in Kernet berg. d(S.sen Bild die Abbildung 38
darbietet, unterscheidet sich von allen bisher besprocheneu Häusern dadurch, daß es die
Wohnräume und die Wirtschafts-
räunie unter ein Dach vereinigt. Dies
ist nur bei Häusern möglich, zu denen
ein geringer Besitzstand an Liegen-
schaften gehört. Der Bauer besitzt
denn auch nicht mehr als: 6 Joch
931 □» an Äckern, 1293 □" Wiesen,
207 Q« Weide und 4 Joch 754 □"
Wald.
Das Haus ist zwar immerhin
noch ein Bauernhaus von ganz respek-
tablem Äußern, in der Vereinigung
der Wohn- und Wirtschaftsräume
unter ein Dach gemahnt es jedoch
schon an die Ausgestaltung der Keu-
schen, das sind Häuschen von Land-
wirten, die einen nur ganz kleineu Besitz an Liegenschaften haben,
auch nur als Ausnehmer-Wohnungon.
Das Äußere des Steiner-Schneider-Hauses unterscheidet sich von jenem der anderen
typischen älteren Häuser wesentlich nicht. Es hat einen steinernen Unterbau, der in
das ansteigende Erdreich dergestalt hineingebant ist, daß mau in die nordwestliche
Langseite des Hauses ebener Erde einfahren kann. Auf dem steinernen Unterbau liegt
das fast durchwegs aus Holz bestehende Obergeschoß auf. Zwischen beiden Geschossen
sehen wir sowohl an der südwestlichen Giebelseite, als auch an der südöstlichen Lang-
seite balkonartige Gänge. Der Gang an der Langseite weist eine Brüstung von ausge-
sägten Brettern auf. Das Dach ist ein Strohdach, aus dem zwei Rauclischlote hervor-
ragen. Der unterste Saum der südöstlichen Dachfläche, der sich über den Gang vorschiebt,
besteht aus Dachbrettern.
Abbildung 39 bringt den (!rundriß des Erdgeschosses und Abbildung 40 den des
Obergeschosses. Den größten Teil des Erdgeschosses nimmt der Kuhstall ein. Vor
ihm ist der Kälberstall, der einen eigenen Eingang hat, nur durch eine zaunarlige
Abbildung 38. Sleiner-Schneider-Haus.
Oft dienen sie
1Ö8
J. R. Bunker- Odenburg.
AbliiUlung M'.t. Steincr-Sclinciiler-Haus (EnIgcschuG). 1:200.
Stangenwand abgetrennt. In der Giobelseite des Hauses liegt ein Keller in der Breite
des Stalles. Der Eingang zum Keller befindet sich in der Giebelwand. Neben der
Tür ist ein kleines Fenster angebracht. Im Keller sind Mostfässer und Krautbottiche
untergebracht. Der Raum zwischen Keller und Kuhstall ist nicht ausgenutzt. Dem
Keller ist seitlich, wie aus der Abbildung 39 zu sehen, ein Schweinestall vorgelegt. Er
liegt unter der Stiege, die zum Gang hinaufführt. Nebenan ist ein Verschlag für
Streu angebracht. Dem Kuhstall ist eine Futterkammer vorgelegt.
Im Obergeschoß nehmen den größten Teil die Wirtschaftsräume ein. In der Mitte
des Hauses liegt die Tenne, in
welche durch das große Tor an
der Rückseite des Hauses die
Ernte- und Heuwagen einfahren.
Nach rechts schheßt sich der
Tenne der Heubarren an. Über
dem Heubarren befindet sich
keine Decke, sondern nur ein
Rost von Stangen (Taf'l). Hier-
her kommt das ausgedroschene
Stroh. Außerhalb der Rück-
wand des Heubarrens ist dem
Hause ein Schupfen angefügt,
über den sich ein Pult-
dach legt. Der Schupfen ist
nach drei Seiten offen. Im
Schupfen finden die Wirt-
schaftswagen vor dem Re-
gen Schutz. Dem Heu-
barren ist eine Futterkani-
mer vorgelegt. Sie steht
mit ersterem durch eine
Tür in Verbindung. In der
Futterkammer steht bei
FSt ein Futterstock. Das
Mischat, welches damit ge-
schnitten wird, fällt durch
das im Fußboden ange-
brachte Futterloch F-L in
die darunterliegende Futterkammer des Erdgeschosses. An den Ileubarren und die
Futterkammer schließt sich nach rechts noch ein Raum an, der ebenfalls zur Auf-
nahme von Heu dient. Zum Unterschied vom Heubarren heißt dieser Raum «Futter-
l)oden». In der vorderen Ecke desselben steht das Bett B des Knechtes. Bei a führt
eine Tür ins Freie. Sowohl die Futterkammer, wie auch der Heuboden sind nach außen
nur mit Brettern verschalt. Die Wände der Tenne und des Ileubarrens bilden unbe-
hauene Balken (Rundholz), welche an den Ecken verkämmt sind.
Die Wohnräume dieses Hauses beschränken sich auf nur zwei Gelasse, auf eine
Schupfen
Heubodei
Fullark
amriEr
r-L r-st
ni I
Abbildun},' 40. Steiner-Schneider-Haus (Obergeschofi). 1 : ^00.
Das Bauernhaus der ücgeiiU von Köflach in Steiermark.
109
Küche und eine Stube. Die Küche Ix-tritt man vom breiten Gang aus. Im Hinter-
grunde stellt der offene Herd. Die ihn umfangenden Wände bestehen aus Mauerwerk.
Sie tragen ein fiaches Tonnengewölbe, das einen Feuerhut unnötig macht. Der Herd
ist aus Steinen aufgebaut, seine Oberfläche bildet ein Ziegelpflaster, das ein Holzrahmen
einschließt. Im Ilerdkörper ist ein Hohlraum zur Aufnahme von Hclieiterholz au.sge-
spart. Über dem Herd hängt ein Kessel. Ein zweiter Kessel, der Saufutterkessel, ist
neben dem Herd eingemauert : S-K. Auf die Oberfläche des Herdes mündet die Heize
des Kachelofens, der innerhalb der Mauer in der Stube steht. Über dem Ofenloch ist
ein etwa 10 cm im Durchmesser messendes Loch, das (Zugloch», angebracht, welches,
wenn das Feuer im Ofen brennt, Gegeuzug vermittelt. W-B = Wasserbank, K-K
= Kücheukasten. Über a sind zwei Stellagen au-
gebracht. Auf der unteren befinden sich Töpfe
(Häf'nstöiriO und auf der oberen Pfannen (Tfann-
sfiiU'n). Über R sitzt ein hölzerner Rauchschlot
auf. Da der Rauch durch denselben seinen Weg
nur schwer finden mochte und lieber durch die
offengelassene Küchentür oder durch das darüber
angebrachte Rauchloch abzog, wurde über R2 ein
zweiter Schlot errichtet, der sich nach unten in
einen Rauchfang erweitert.
Die Stube zeigt das gewohnte Aussehen einer
Kachelstube. Sie hat eine einfache Bretterdecke.
Die Fugen, die sich bilden, wo zwei Bretter zusam-
menstoßen, sind von unten durch Leisten gedeckt.
Die Decke, wird in ihrer .Mitte von einem Unterzug-
balken getragen. Am Balken sind Stellagen an-
gebracht. Darauf liegen Bücher, Bürsten, Werkzeug
imd das Nähzeug der Bäurin. Der Fußboden ist
gedielt. Der Ofen ist ein Kachelofen aus grün-
glasierten topfähnlichen Kacheln. In dem Ofen ist
ein kupferner Kessel eingemauert. Der Ofen ist von einem Geländer und Bänken um-
schlossen. Da im Hause ein Backofen fehlt, backt die Bäurin das Brot im Kachelofen.
T = Tisch, Ba und Bas = Bänke, A = Altar. Hü = Ilühnersteige, Ka ^ Kasten.
U = Uhr. Bei a und h iiiingen Rosenkränze an der Wand, am Türpfosten ein Weih-
wasserkessel aus Ton.
Abbildung 41. Hochbundschuh-Keusclie.
14. Die Hochbundschuh-Keusche.
Die Abbiklung 41 bringt das Bild eines kleinen Häuschens. Es steht unter der
Nummer 55 etwas abseits von dem am höchsten gelegenen Gehöfte der CJemeinde
Kemetberg und gehört zu diesem, dem Hochbundschuh-Gehofte. Das Häuschen diente
ehemals dopi>elten Zwecken. Es wurde im Spätherbste zum Dörren des Flachses ver-
wendet, war also zu dieser Zeit Brechelstube, und diente sonst entweder dem alten
Besitzer der Hube als Ausnehmerwohuung oder sonst einem armen Mieter als Unter-
schlupf. Heute steht das Häuschen ganz verwahrlost und dem Verfalle preisgegeben.
Für die l^nterkunft eines etwa vorhandenen Auszüglers ist im Bauernhause duudi ein
IGO
,1. 1^1. Büiikur-Ödciibur
zugebautes Nclx'nstübel gcsorot und als Breclielsliibc ist das Häusclicn sclioii lange
außer Gebrauch gesetzt, da der Flaclisbau in der Ciegend ganz aufgegeben worden ist.
Sowohl die Abbildung 41, als auch der Grundriß des Häuschens, Abbildung 42, si)rechen
für sich allein schon. Ich habe wenig zur Erklärung beizufügen.
Das Häuschen umschließt drei Räume. In der Mitte liegt die Küche mit dem
Herd H im Hintergrunde. C'ber dem Herd ist ein Feuerhut angebracht. Vor dem-
selben befindet sich über R in der einfachen ßretterdecke ein Loch, durch das der
Rauch in den Dachraum entweichen kann. Von dort sucht er sich seinen Ausweg
durch die Lücken in den Giebelwänden oder durch die Fugen des Daches. St = Stiege.
Links von der Küche ist die Stube. Die stabilen Bänke, Ba und Ba2, deuten
darauf hin, daß dieser Raum schon von Anfang an als Wohnraum benutzt worden ist.
T = Tisch, O = Ofen aus topfförraigen Kacheln. Der Ofen ist durch Bänke ein-
geschlossen.
Der Raum rechts von der Küche diente früliei' als Brechelraum. Es ist der ein-
zige Raum, der heute noch einen Zweck hat. Er dient nämlich den Kälbern als Unter-
standsort. Bei a befindet sich eine breite Öffnung in der Wand, die nie durch eine
Tür zu schließen war. Durch sie gehen die Kälber ein
und aus.
Die beiden AVohnräume, Küche und Stube, erinnern
an die beiden der Hauptsache nach ganz gleich aus-
gestatteten Wohnräume im Steiner-Schneider-Hause. Ob
aber das Häuschen immer die gleiche Einteilung gezeigt
hat? Ich zweifle daran. Mir will es scheinen, als ob
die Mauer, welche Küche und Brechelraum trennt, erst
später eingeschoben worden wäre, denn wäre diese Wand
mit dem Häuschen zu gleicher Zeit errichtet worden, so hätte man sie bestimmt aus
Holz hergestellt. Der Raum, welcher zuletzt als Brechelraum gedient hat, scheint mir
im Verhältnisse zu anderen Brechelräumen auch viel zu klein. Ich glaube, die Küche
und der Brechelraum waren früher ein Raum und bildeten zusammen den ursprüng-
lichen Brechelraum. Ob dann ein Herd in dem Raum stand oder aber in der Stube
und diese infolgedessen eine Rauchstube war, konnte ich nicht mit Sicherheit feststellen.
Die Stube ist nämlich jetzt geweißt. Die neuere Kalkschichte verdeckt möglicherweise
eine ältere Rußschichte. Es kann hier also an eine Verlegung des Herdes in die Laube
gedacht werden, wie sie ähnlich im Engelbauer-Hause vorgenommen wurde. Der Be-
sitzer vermochte mir darüber keine sichere Auskunft zu erteilen.
15. Die Reinthaler-Keusche.
Die Reinthaler-Keusche, deren Bild die Abbildung 43 zeigt, gehörte als Ausnehmer-
wohnung zur Reinthaler-IIube in Piber bei Köflach. Die Keusche ist mit der Hube in
den Besitz der k. k. Staatsdomäne Piber übergegangen.
Das Häuschen ist noch kleiner als die Hochbundschuh-Keusche, ist noch bewohnt
und besteht, wie Abbildung 44 zeigt, nur aus zwei Räumen, aus Küche und Stube.
In der Küche steht bei H ein Sparherd. Darüber aber ist ein Feuerhut angebiacht, es
muß daher hier früher wenigstens zeitweilig ein offener Herd gewesen sein. T = Tisch,
W-B = Wasserbauk, K-K = Küchenkasten.
Alibililun;,' i-2. Grundriß der
Hoclibundscbuh-Keusclie. 1 : 200.
Das Bauernhaus der Gegend von Köflach in Steiermark.
101
Aljbilduiig 4:!. Die Reinllialer-Ütuscl
In der Stube steht bei 0 ein kleiner eiserner Ofen. Früher soll an seiner Stelle
ein Kachelofen gestanden sein. T = Tisch, S = zwei Sessel, B und ßi = Betten,
Ko = Kommode.
Es fällt hier besonders auf, daß der erste Raum des Häuschens nur Wände aus
Brettern hat. Ich habe noch nie ein Hau«, imd wäre es noch so primitiv gebaut ge-
wesen, gesehen, in dein die Wände des Herdraumes nur aus Brettern hergestellt waren.
Anders steht dies in bezug auf die
Laube. Es wurde oben schon darauf
hingewiesen, daß sowohl in der Ge-
gend von KüHach, als auch in Ober-
kärnten sich alte Häuser vorfinden,
bei denen die Außenwände der Lau-
ben nur aus Brettern bestehen.
Es brachte mich dies auf den
Gedanken, daß auch der erste Raum
der Reinthaler- Keusche einst nur
eine Laube gewesen sein müsse. Der
zweite Raum mußte dann eine Rauch-
stube mit offenem Herd gewesen
sein. Die Vermutung ist um so lie-
rechtigter, als am Häuschen sogar
auch heute noch ein Rauchfang fehlt.
Der Rauch mußte also aus der Rauchstube in die Laube gedrungen sein und hat dort
dann leicht durch die Lücken und Fugen der Bretterwände seinen Ausgang ins Freie
gefunden. Auch diese Stube ist jetzt geweißt, so daß sich schwer konstatieren läßt, ob
sie tatsächlich früher eine Rauchstube war.
Trügt jedoch der Schein nicht, so hätten wir sowohl in der Reinthaler-Keusche,
als auch in der HochlnnidschuhKeusche in ihrem ursprünglichen
Zustande einfache kleine Wohnbauten vor uns. die mit ihren
Rauchstuben und vorgelegten Lauben den beiden ursprünglichen
2o ^[ß Qi .J A\'ohnräunien im Ziri-Hause und im langen Wegger-Hause voll-
.1 rn j^ o| ^ Irri kommen entsprechen.
Den Schluß in der Beschreibung von Häusern aus der Ge-
gend von KöHach soll die Besprechung eines Häuschens bilden,
das in der Tat als Wohmäume nichts als eine Laube und eine
Rauchstube enthält und diese beiden Räume bis auf den heutigen Tag in ihrem ur-
sprünglichen Charakter erhalten hat.
i6. Die Schriebl-Keusche.
Die Schriebl-Keusche, deren Bild durch die Abbildung 45 wiedergegeben ist, gehört
zum oben im Abschnitte 4 beschriebenen Schrii'bl-Hause, liegt aber unter H.-Xo. 34
weit von diesem enttV'rnt, tief unten im Gößnitz-Graben. Sie diente früher als Aus-
nehmerwohnung, seit aber dem Schriebl-Hause die vordere Kachelstube vorgebaut wurde,
wird die Keusche, wenn sieh Mieter finden, in Pacht gegeben. Als ich sie aufnahm,
war sie unbewohnt.
Abliililunj; 44, Grumirir)
der Reinllialer-Keusche.
Wörter und Sachen, J,
il
162
J. R. Bunker -ödenburg.
Ihr Äußeres macht den Eindruck, als ob man ein verkleinertes Bauernhaus vor
sich liätte. Das Häusehen ist zweigeschossig. Abbildung 46 bringt den Grundriß des
in das ansteigende Erdreich hineingebauten Erdgeschosses, Abbildung 47 den des
Obergeschosses.
Im Erdgeschosse beiludet sich ein geräumiger Rinderstall und ein zweiter Stall,
der einen Kälber-, einen Schaf- und einen Schweinestall in abgesonderten Verschlagen
vereinigt. Au den Rinderstall schließt sich noch ein mit Bretterwänden versehener
Schupfen für Streu an. Die Ställe bestehen aus Mauerwerk.
Das Obergeschoß besteht aus einer großen Tenne und den Wohnräumen. Die
Tenne hat einen Fußboden aus starken Trambalken und keine Decke. An Stelle der-
Abliililimg 4G. Scliriebl-KeusLlie (Enltjeh^clinl.i). 1 : 'JUÜ.
Abbildung 45. Die Schriebl-Keusche.
Abbildung 47. Schriebl-Keusclie (Obere^eschoß). 1 .■2(JÜ.
selben befindet sich eine Lage loser Bretter, auf die Getreide geschichtet werden kann.
Die Wände der Tenne bestehen aus runden unbehauenen Baumstämmen.
An die Tenne schließen sich die beiden Wohnräume an: die Laube und die Rauch-
stube. Aus der Laube führt eine Stiege zum Dachraum.
Die Rauchstube ist gedielt und hat einen Stuckboden. Die nördliche Wand der
Stube ist gemauert. Wahrscheinlich wurde die Wand gemauert, um das Eindringen
des Regenwassers in die Stube zu verhindern. Das felsige Terrain steigt nämlich hinter
dem Häuschen sehr steil an. In diese Steinmauer wurde der offene Herd eingefügt.
Über dem Herd schließt sich die Mauer zu einem Gewölbe, so daß der Herd eine
Nische in der Mauer bildet. Vor dem Herd liegt eine Stufe. Der Rauch strömt unter
dem Gewölbe hervor in die Stube. Aus dieser kann er durch ein Raucbloch über der
Tür entweichen. Außerhalb derselben ist jedoch kein Rauchfang angebracht. Es fehlt
darum auch ein Rauchschlot in diesem Hause. In der Rauchstube fand ich bei T den
Tisch, dann die stabilen Bänke, Ba und Baa, und ein Bett, B. Auch die Holzase fehlte
in dieser Rauchstube nicht.
Das Bauernhaus der Gegend von Köflach in Steiermark. 163
Der Keller soll erst in neuerer Zeit in den felsigen Boden liineingegraben und
ausgemauert worden sein.
In der nördlichen DacliHäclie ist eine große Dachluke zu sehen, durch die Heu
auf den Lauljen- und Rauchstubenboden gelegt werden kann.
In diesem Zustande habe ich die Schriebl-Keusche angetroffen. Sie zeigte jedoch
nicht immer dieses Aussehen. Die Tenne, der große Rinderstall und der Streuschupfen
sind Zubauten. Die Keusche bestand also ursprünglich nur aus den beiden Wohn-
räumen und dem darunterliegenden , in drei Verschlage geteilten Stall. Die beiden
kleinen mit Holzschubern versehenen Fenster in jener Wand, die die angebaute Tenne
von der Laube trennt, stammen noch aus der Zeit vor dem Anbau. Heute sind sie
zwecklos.
* *
*
Noch vor wenigen Jahren war man allgemein der Ansicht, daß das ganze große
oberdeutsche Gebiet durch eine einzige Hausform beherrscht wird, deren niedrigste Ent-
wicklungsstufe aus zwei Räumen verschiedenen Charakters besteht: aus einer Küche
und einer Stube oder aus einem Herdraum und einem Ofenraum. Diese beiden Räume
bilden das Charakteristikum des «oberdeutschen Hauses». Nun fand sich aber auf ober-
deutschem Gebiet noch eine zweite Hausform, deren primitivste Form aus einer feuer-
stellenlosen Laube und einem Herdraum besteht, welch letzterer jedoch nicht als Küche
in oberdeutschem Sinne angesehen werden kann, sondern der Koch-, Wohn-, Arbeits-
und sogar Schlafraum in einem ist. Es ist die Rauchstube. Dieses Haus, welches sich
sonach wesentlich vom oberdeutschen Hause unterscheidet, eingehend zu besprechen,
blieb mir vorbehalten. ^ Ich besehrieb es zuerst aus der Gegend von Vorau, dann aus
meiner oberkärntnerischen Heimat und schließlich jetzt auch aus der Gegend von Kötlach.
Von' den sechzehn Häusern, die ich im Vorstehenden zur Besprechung brachte,
besaß, wie sich zeigte, von ihrem Ursprung an nur der geringste Teil wirkliehe Küchen,
der größere Teil hatte von Anlang an Rauchstubeu oder besitzt sie auch heute noch.
Von einzelnen der Bauernhäuser konnte zudem festgestellt werden, daß deren Wohn-
räume zur Zeit der Erbauung nur aus einer Rauchstubc und einer ihr vorliegenden
feuerstellenloseu Laube bestanden. Die Urform dieser Häuser erblicken wir aber in
den zuletzt beschriebenen Bauten, in den Keuschen, vor allem in der Schriebl-Keusche,
wahrscheinlich auch in der Reiutlialer- und Hochbuntsclndi-Keusche, wenn, woran kaum
zu zweifeln, auch deren Stuben einst Rauehstuben waren.
Über diese primitivsten Formen des Herdhanses der Gegend von Köflach des
weiteren zu sprechen, ferner die Entwickelung derselben zu den höheren Formen des
Bauernhauses der Gegend von K(iflach eingehend zu l)eleuchten, und schließlich die
llausformen dieser Gegend mit denen in der Umgebung von \'orau und jenen in Ober-
kärnten in Vergleich zu ziehen, wird mir vielleicht durch diese Zeitschrift in nächster
Zeit mit einer ergänzenden Arbeit vergönnt sein.
' In seiner Eigenart erkainit lial es zuerst R. Meringer, S.U. A.W. Wien 144,6, S. ö ff.
Sl«
ICi
Rudolf Meringer.
Sprachlich-sachliche Probleme.
Von Rudolf Meringer.
I. Zu den Werkzeugen der ir/«.se>'<?-Reihe.
Vergl. oben S. 1 ff.»
Icli liabe den Namen des Fußhammers, der Aule, mit mhd. (mir «Fußge-
lenk, Genick» identifiziert. Man kaiui eine Parallele dazu aus dem Griechischen beibringen,
welche den Übergang der Bedeutungen in ganz ähnlicher Weise zeigt: crqsupöv bedeutet
«Knöchel, Ferse», crcpöpa (aus *crcpupm) «Hammer, Schlägel». Die beiden Wörter ge-
hören zu *spOO<'r «mit dem Fuße stoßen», lit. spiriii, ffTraipuj, wozu sich aus dem Ger-
manischen nocli Spor», Spur, spüren (weiteres bei Torp-Falk, Fick IIP, S. 5ü8 f.) stellen.
\\'ichtig ist ahd. spurihnJ.:, mhd. spm-liah- «lahm, hinkend» (von Pferden) und bekannt
der Zauberspruch de liac qiwd spi<riJiah d/cmd.
Vielleicht gehört ahd. mcJio (Graff I, Sp. 346), mhd. enlr (Müller, Mhd. AVb. I,
434) hierher. Es wäre denkbar, daß man za*anrha ein ^anchio)/- bildete, wie im Gotischen
Jca.ya «Töpfer» neben J:as «Gefäß, Topf», fisj:}a neben
fisls steht. Dann wäre mcho der Mühlknecht, nament- (^^^i\ nfe^^^
Abbildung 1.
Lettischer Mörser.
Nach A. Blelenstein
Abbildung 2. Lettischer Mörser.
Nach A. Bielenstein.
Abbildung 3. Lettischer Mörser.
Nach A. Bielenstein.
lieh der bei der Anke verwendete. Daß die Bezeichnung von einem Teil der Beschäf-
tigung genommen werden kann, zeigt eine Reihe von Handwerkernamen, z. B. pistor,
sidor, Sdincidrr, Tiscldcr, Spoiißer, Hafner usw. Das Wort Enl-c findet sich noch in
Mittel- und Norddeutschland und bedeutet «Vieh- oder Ackerknecht». "^ Das wird aber
eine Erweiterung der ursprünglichen Bedeutung sein, denn im Parzival 119, 2 steht ir
hiditde iDide ir rid.rn, wobei wohl verschiedene Arbeiter gemeint sind, also etwa «ihre
Ackerknechte und ihre Mühlknechte» zu übersetzen sein wird.
Zur Vervollständigung meines Bildermaterials stelle ich die lettischen Mörser Cpeesta)
nach Bielenstein, Die Holzbauten mid Holzgeräte der Letten, S. 263 f., hier dar (Ab-
' Ich bitte den Druckfehler S. 2ü Z. 1.5 v. o. stamfl in xtamf 7 zu korrigieren. — Mit Dank er-
wähne ich, daß ich die Originalphotographie von Abbildung 2, S. 5, durch die gütige Vermittlung H. Schraders
dem Entgegenkommen des Direktors der Eremitage E. Pridik verdanke. — ' Weigand-Hirt s. v. Enke.
Sprachlich-sachliche Probleme.
165
bililuagen 1 bis 3). Man beachte namentlich die Form des dritten Mörsers (Abbildung 3),
die mit der unseres volkstümlichen Stamperls große Ähnlichkeit hat (vergl. oben S. 8).
Über die Herstellung der Morser Ijerichttt ßiolenstein S. 2()4 folgendes: Man nimmt
einen Kiefern- oder Tannenklotz und beginnt das Auskratzen mit einem Instrument
aus Eisen. Dann wirft man eine glühend gemachte alte Kanonenkugel oder den «glühend
gemacliten Kofif eines Wagenbolzens» in che Vertiefung und überläßt diesen das weitere
Ausbrennen der Höhlung. Diese Art der Herstellung entsj)richt also ganz der in Ungarn
üblichen, von der oben H. 7 die Rede war.
Zu der Aargauer Slaniiife, die von einem federnden Balken hinaufgezogen wird,
und zu der wotjakischen Stampfe (oben S. 9) kann icli nun auch ein Seitenstück aus
dem Lettenlande bringen, vergl. Abbildung 4 (nach
A. Bielenstein, a. a. O., S. 2G6f.).
Man beachte, daß die lettischen Keulen noch
heute die altägyptische und altgriechische Form haben.
Die Figur 5 ist der Wisla, Bd. XV, Taf. H, ent-
nommen. Die Form des Eichenmörsers ist so wie die
von Abbildung 7 und 18 (oben S. 7 und 12), die Form
der Keule ist die eben besprochene.
In Aljbiidung 8 bringe ich die Darstellung einer
indischen ßeisstampfe. Man sieht drei Anken, wie
die bei uns gebräuchlichen, nebeneinander angel)racht.
Alle drei haben Holzklötze aufgebunden, um beim
Fallen größere Wucht entwickeln zu können. Die
Anken 1 und 3 haben soeben in die Mörser hinein-
geschlageji. Die Anke 2 i.st hoch erhoben, gar so hoch
augenschehdich bloß deshalb, um ein klareres Bild zu
geben. Vor den Mörsern sind Hache Körbe aufgestellt,
welche wohl das Herausspringen der Körner verhin-
dern sollen.
2. Zu den Werkzeugen der molere-Reihe. Abbildung 4. LeUische KornsUimpfo.
Über die Geschichte der Mühlen vergl. L. Lin- Nach A. Bielensiein.
det, Les origines du moulin ji grains. Revue archeo-
logique, III. S«§rie, Tome XXX\' (1899). S. 413, und XXXVI (1900), S. 17.
In bezug auf das relative Alter der verschiedenen Mahlvorrichtuugen sagt Bielen-
stein, a. a. O., S. 260: «Ich halte es für möglich, daß die hölzerne und steinerne Korn-
stampfe wegen ihrer Einfachheit älter ist als die Handmühle. Die Erfindung der letzteren
hat ein außerordentlich großes Genie erfordert. » Das ist richtig. Ich möchte versuchen,
die Stadien der Kornverkleinerung in diesem Schema darzustellen:
1. AVurzel *pis; Instrumente dieser Technik sind Holzmörser und Holzstößel.
2. Wurzel *)i('iii-iiir, es werden die Körner mittelst eines Steines, der auf einer
Seite dach ist, auf einem größeren Ilachen oder leicht vertieften Steine zerkratzt und
zerrieben.
«Steinerne KoHKiuetscher hat Schliemann. Ilios, S. 2(i8f., in großer Zahl in deu
unteren Schichten der trojanischen .Vusgrabungen vorgefunden, während sie in den
ICG
Rudolf Meringer.
oberen nicht mehr vorkamen.» Siehe Benndorf in seinem Aufsatz über alti^riecliisches
Brot (Eranos Vindolionensis, S. 376).
Die *^/.s-Teclinik liat insofern eine Vervollkommnung erlangt, als entweder der
Mörser allein oder Mörser und Keule aus Stein hergestellt wurden. Der Steininörser blieb
aber flach, schalenartig. Die Steiukeulen scheinen nicht sehr beliebt gewesen zu sein, was
wohl mit der Schwierigkeit ihrer Herstellung zusammenhängt und auch damit, daß die
Holzkeule genügende Dienste zu leisten imstande war.
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Abbildung b. Pohiisclie .Stajiipfe zur Bereitung der
Gerstengraupe. Aus Wisla, Bd. ,W, Taf. I.
Abbildung 11. l'ulnisclie Handiniilde.
Aus Wisla, Bd. XV, Taf. II.
3. Wurzel *i)iii-iiwl- die Technik kann von der e1jen beschriebenen nicht stark ver-
schieden gewesen sein.
4. Eine Entwicklung der *mrl-)iiol- Technik ist eine Maschine mit konzentrischem
Rotieren des oberen Steines auf dem unteren, die spätere «Handnuihle».
Eine einfache Handmühle der Letten stelle ich nach A. Bielenstein in Abbildung 7
dar und verweise did^ei auf die Kwerne bei R. Andree, Braunschweiger Volkskunde^,
S. 260, wo man auch das Bild einer Hirsestampfe — Mörser und Keule — findet. Die
Abbildung 6 ist der Wisla, Bd. XV, Taf. H, entnommen.
Es wäre verlockend anzunehmen, daß in unserem Wort 3Iiildc altes heimisches Sprach-
gut vorliegt unfl es zur Wurzel *meJ-niol gehört. Dann hätte das Wort ursprünglich den
flachen Stein, der durch die Reibung des j\Ialens in der Mitte vertieft, d. h. leicht
gehöhlt wird, oder den absichtlich schalenartig vertieften Stein bedeutet.
Sprachlich-sachliche Probleme.
167
Man leitet das Wort aber gewöhnlifh von dem aus lat. mulcfra «Melkkübel» ent-
standenen alid. imdhfru, mnoltra, mnoltcra ((iraff II, Sp. 727), mhd. nuilt<r ab. Wegen des
belegten Wortniaterials kann auf das DWb. s. v. Mulde und MuUer verwiesen werden.
R. Mucli, den ich um seine Meinung Ijel'ragte, glaubt an die Identität der Wörter nicht,
vor allem deswegen, weil ein Melkkübel alles eher als muldenförmig sei. «Er muß hoch
und darf niciit zu weit sein, um zwisclien den Beineu gehalten werden zu können. >'
Allerdings hat man nicht immer so gemolken, aber an einen wirklicli muldenförmigen
Melkkübel glaube ich auch nicht. Leider sind wir über die Gestalt der römischen
tmdctra nicht sehr gut unterrichtet; im Dictionnaire' von Daremberg-Saglio wird ge-
sagt: c'etait saus doufr unr sorte de terrine ou de jatte; on n'en connaU ^ws cxadcmnd la
forme, was jedenfalls nur eine mäßige Aus-
kunft ist.
Ich kenne zwei Bilder der middra. Das
eine ist auf einem pompejauischen Gemälde,
welches A. Rieh s. v. caprunulfjus wiedergibt:
Ein geflügelter Knabe milkt eine Ziege. Er
sitzt hinter ihr und die Milch fließt in einen
runden nach oben sich etwas verjüngenden
Melkeimer, der ganz die Form unserer heu-
tigen Melkkübel hat.
Ein anderes Bild ist aus der vatika-
nischen Vergilhandschrift von A. Rieh s. v.
middra wiederholt. Hier ist der Melkeimer
ein großes breites Tongefäß mit .s-fiirmig ge-
schwungenem Kontur und so flach, daß die
Bezeichnung «muldenartig» nicht mehr ganz
widersinnig ist, aber die Identität von Maldr
und Midier noch immer nicht einleuchtend
macht. Auch hier sitzt der melkende Mann
hinter der Kuh, nicht neben und teilweise
unter ihr. wie das jetzt bei uns Brauch ist.
Lat. midctni hat auf deutschem Boden eine Beeinflussung von »idlni erfahren,
wie ahd. duomllifra multra (iraff II, 722 beweist. Im Bayrischen flndet sich »irZ/^r »Gelte
zu Milch, Wasser» (Schmeller-, Sp. 1594). Den .tiirnidcliter der Oberwaldner Alphüttc
hat ,1. Bucher im Schweizerischen Archiv für Volkskunde, XI. Jg. (1907), auf der Tafel
nach S. 286 (bezeichnet mit 44) abgebildet. Ein Melkkübel ist der Gegenstand aber
weder der Form nach nocli nach dem Gebrauche. Bei ital. »uUra, iviifra haben schon
Äscoli und Salrioni an Beeinflussung durch melken gedacht. Körting (.)350.
Das Wort Middv heißt im mnd. moldr, niollr, ndd. moll<\ was mit der hochdeutschen
Nebenform Molde eine alte Flexion *moldö, '^imddüns vorauszusetzen scheint.
Früher war wohl die allgemeine Annahme, daß Jliildc zu walrn gehört, und icli
finde, daß die primitiven Malgeräte uml die primitive Art zu malen — vergl. die .Abbildungen
9 — 11 — diese Etymologie zu einer sehr einleuchtenden machen. Lautlich ist dagegen
nichts einzuwenden, denn Jfdil zeigt, daß eine <-Wurzel vorliegt. Das Wort haftet noch
an einem sehr primitiven Gegenstand; im Ostfries, bedeutet nämlich molde, molle, mol
Alil>il(luiig 7, Eine lettische Handmühle samt
.Mehlkasten. Nach .-\. Bielenstein.
168
Rudolf Meringer.
einen ilachen Trog, der aus einem Stüciv Holz gei'erti,i)t ist (J. ten Doornkaat Kool-
niann s. v.). Die Herkunft aus latein. muldra ist iu diesem Falle sprachlich und sach-
lich sehr unwahrscheinlich.
Nun heißt aber gerade dieser Gegenstand bei uns minlti-rn. molfrr (Schmeller', Sp.
1596), wofür bei Unger-Kliull in hochdeutsch gemachter Form iiiulfrr, multe auge-
geben wird. Ich hörte in Aussee nu(ot<)ii, vergl. M. A. G., Wien XXI, S. 110; v. Andrian,
Die Altausseer, S. 48, schreibt multrrn. Schmeller, a.a 0., verzeichnet noch fi/ch mudfern
«(von Brettern) sich an der Bonne muldenförmig ziehen», ijcmwitcft «wie eine Mulde
ausgehöhlt >.
Danach glaulie ich, daß JMiddc ein heimisches Wort i.st, daß es aber vielfach
Abbikhiiiy S. Indische Reis^mkc
von dem, mit der römischen Milch- und Käsewirtschaft eingedrungenen »iidter aus lat.
nmlctra beeinflußt worden ist.
3. Die Urbedeutung von got. f/anisan, veo^ai usw.
Vergl. I F. XXI, S. 3U2 f., S. 309 ff.
Brugmann sagt Kurze vergl. Gramm., S. 199: «veoiuai 'ich komme heim', vöcttoi;
"Heimkehr", got. ganisan 'davonkommen, geheilt werden'». Brugmann meint also, daß
die Bedeutung '<geheilt werden» sich aus der Bedeutung «davonkommen» entwickelte.
Ich halte das uiclit für ganz richtig, oder aber Brugmann hat sich nicht deutlica genug
ausgedrückt; den richtigen Weg hat er jedenfalls geahnt.
Bei der Rekonstruktion von Grundbedeutungen muß mau immer darauf gefaßt sein,
Sprachlich-sachliche Probleme.
109
daß diese nirgendwo in historischeu Zeiten mehr erhalten ist.' Nur wenn eine überlieferte
Bedeutung die Herleitung der anderen aus ihr gestattet, darf man in ihr die Grund-
bedeutung sehen. Dieser letztere Fall scheint mir bei ganimn-vi.Q\iu\ vorzuliegen. Die
älteste Bedeutung liegt noch ziemlich gut erhalten in veo|iai vor, wie auch F. Soimsen,
Berl. phil. Wochenschr. 1900, 8. 719 f., gesehen hat.
Prellwitz hat nämlich vöcro(; voüaoq aus *vöff/bq erklärt und es zu veonai gestellt,
indem er dafür eine Bedeutung wie «Heimsuchung» oder «die Heimsuchende> als
Mittelglied annahm. Das ist eine typische Art von fehlerhafter Etymologie, die aber
leider häufig genug ist. Man nimmt dabei ohne w'eiteres an, daß ein Bedeutungsüber-
gang, der sich auf dem Boden der einen Sprache zugetragen hat, sich auch in einer
andern ereignet hat, was für einige Arten ganz annehmbar erscheint, für andere — zu
denen der vorliegende Fall gehört — aber durchaus nicht einleuchtet. F. Soimsen
hat sehr richtig entgegnet, daß veoiaai im Griechischen nicht mit ironischem oder bitterem
Nebensinne gebraucht wird (wie wir
etwa hrhiisitcheu , aber auch heim-
schicken, -gehen, -sahlcH gebrauchen).
F. Soimsen sagte dagegen, daß die
Kernbedeutung der W. *iies «heimkeh-
ren» ist und daß sie zunächst von dem
aus dem Kriege, von der See und dergl.
heimkehrenden Manne gebraucht wurde.
Auch ich glaube, daß «ins Haus
kommen, sich ins Haus retten, heim-
kommen» die Urbedeutung ist, denn
bei primitiven Zuständen ist das Haus
der einzige Ort, wo mau vor wilden Tieren
was den Menschen bedrängt, sicher war.
Und so erklären sich auch die Bedeutungen der verwandten Wörter im
leicht, wie ein Überblick lehrt.
Altindisch inisafe <5*kommt heim, gesellt sich zu». Am deutlichsten scheint mir
R. V. 8, 61, 14 zu sprechen: te jänata gvcim aiiJaam säm vaisdsas »d mäfrhhis »litlids nasaiita
jämibhis «sie sollen kennen ihre Heimstätte, wie Kälber mit ihren Müttern sollen sie
sich vereinigen mit ihren Geschwistern». Oder K. V. 1. 186, 7: tdm im gira.'^ jüiiayas
Uli pdtms SKrahhis/üiiiaiJi iianim nasanfa «zu ihm sollen sich (unsere) Lieder gesellen,
wie vermählte Gattinnen mit dem herrlichsten der Männer».- Das Haus, das Heim ist die
Stätte des Sichzugesellens und seine Bezeichnung muß deshalb der Ausgangspunkt des
Bedeutungswandels gewesen sein.
Im Awcsta findet sich eine charakteristische Stelle V. lä, 21: gö hr nuhaf nasdishm
ntnünam uzdasta «wer das (von) ihrer (der Hündin) Lagerstätte (aus) näcli-^tgelegene
Haus gebaut hat» (vergl. H. Iteichelt, Awestisches Elementarbuch, S. 249, und Chr.
Bartholomae, .Vltiran. Wb., Sp. 106 und 1061), wodurch ein auhn «Lagerstätte> be-
wiesen wird. Daß hierin die ursprünglichste Bedeutung vorliegt, glaube ich allerdings
' Verfasser, Kuhns V.H. XL, S. i>32.
' Leo Meyer, Handbuch der griech. EtymoL II, S. 'J67. — Grafamann übersetzt die letztere Stelle:
«Den lieblichsten der Mainier küssen unsere Gesänge wie den Mann verniählte Krauen».
Wörter uud Sachen, l. SS
Abbild iin;.'
Ungefähr '/s.
lt. H^iii^liiiuhlr \>>n Westergötland.
Nach 0. Montelius, Kulturgeschichte
Scliwedens, S. 14.
Feinden. Wind uud Wetter, kurz allem,
einzelnen
170
Rudolf Meringer.
nicht, weil der ganze Zusammenhaug der Bedeutungen der verwandten Wörter dagegen
spriclit. Ich meine vielmehr, daß awlia- eine primitive Menschenbehausuug bedeutete
und hier auf das Tierlager übertragen erscheint, weil der Mensch schon eine bessere
Hütte besaß.
Formen von veecröai sind bei Homer 110 mal belegt, immer im Sinne von «heim-
kehren, zurückkehren». Das Hubstautivuni v60Toq «Heimkehr, Rückkehr» ist gegen
70 mal belegt. Rätsel gibt vöaTiiaoi; auf. Die «eigentliche» Bedeutung soll nach 1^. Mej'er,
a. a. 0., S. 268 sein «mit der Rückkehr versehen», eine jeuer gequälten Konstruktionen,
die verschwinden müssen. Brugmann^ faßt vöffriiuoq richtig als «die Heimkehr
betreffend». Aber wie ist die spätere Bedeutung «reif, genießbar», von Feld- und Baum-
früchten gebraucht,
entstanden? Das
Material scheint zur
Beantwortung der
Frage nicht zu ge-
nügen.
Zu veo|uai ge-
liört vaitu, dasBrug-
mann, Griechische
Grammatik', S. 84,
lautlich zufrieden-
stellend erklärt. Es
bedeutet «wohnen,
bewohnen », schließt
sich also bestens
nach Gestalt und
Bedeutung an vco-
iuai, vöffTO? an. Wir
kommen mit vaioi
zu einer Vorstufe
Apqpi 6e vnöv evaffoav
YOUVOlOlV
Abhilduiii,' 10. .V- .,...:. ..L 1.'.; ..1,1111 Korn malend, um den Toten danjit zu versorgen.
Nach Ägyptische und Vorderasiatische Altertümer aus den kgl. Museen zu Berlin.
Tafel 5.
der Bedeutung «heimkehren», nämlich zu «Ijauen, ansiedeln».
(erbauten) döecrcpaTa cpöX' äv&puuirujv, Hom. hvmn. Ap. 298. Xeovxa xov p" "Hpti
Karevaffffe (siedelte an) Neiaei^q, Hes. Th. 329.^
vaieirig «Bewohner», lueTaväarrii; «Fremdling».
Daß griech. vioeo&ai, viooeoöai «gehen, kommen» zu V60|aai gehört und aus *vivffouai
hervorgegangen ist, glaube auch ich.' Einige Verbindungen zeigen noch besonders
klar den Zusammenhang mit veo|iai, z B. TiiXeiuaxov laeiaüaai KaTüKT«|aev . . . oi'Kabe vicroöiaevov,
Od. 4, 701. Das Wort war schon zu dem allgemeineren Sinne «kommen, gehen» ge-
langt, so daß oiKaöe hinzugefügt werden mußte, woraus aber keineswegs zu schließen
ist, daß allgemein «gehen, kommen» die Urbedeutung der Wurzel war, wogegen schon
vaitu Einsprache erhebt.
•Im Altindischen entspricht njsatc 3. Ps. PI. «sie küssen», das also eine ähnliche
Bedeutungsentwicklung durchgemacht hat, wie wir sie bei nas konstatierten.
1 Grundriß II,, S. 163. — ^ L. Meyer, a. a. 0., S. Üli.-|.
^ Brugmann, Griech. Gram. ', S. :^81, wo auch die Literatur verzeichnet ist.
-L. Meyer, a.a.O.,S.270.
Sprachlich -sachliche Probleme.
171
Die Bedeutung «heimkommen» ist im Germanischen nicht mehr erhalten.
Gotisch gcutisan übersetzt crüiZieö'öai «gerettet werden^. Vergl. Matth. 9, 21: jahai
patainei attelca rasfjni is, (/(cnisa ({Tuji>r^0o|Licti) ; Mk. 10, 26: hvas ma;/ fianisan (ffaiöfjvai)?
L. Meyer meint, ganisau bedeute eigentlich «in den früheren Zustand zurückkommen».
Aus dem ganzen Zusammenhang halte ich das für uninüglich, abgesehen davon, daß
diese Bedeutung zu .schemenhaft, zu blutleer ist. «Gerettet werden» ergibt sich leicht
aus «ins Haus flüchten».
So werden auch die späteren Veränderungen verständlich. Ahd. gancsan ist vivere,
convalescere.' Uuir gmcsni salvi erimus, genesint sahi fiunt. Das Verbum -nird mit
dem Genitiv konstruiert, der hier wohl einen alten Ablativus separationis ersetzt: «von
irgend etwas weg sieh ins Haus retten». Vergl. ahd. (hs knesen niiir rdles. Das Kau-
sativum nerjan bedeutet alerc, pascrre, snstentare, curare; vergl. f<in todc ncricn, nere
mih forw minen fieudcn. Gmurjan ist
servare, pascere; gener cta salvabit. Got.
ganists, ahd. ganist bedeutet salus.
Die Grundbedeutung von mhd.
genise gibt Zarncke^, als «gerettet
werden» an. Belegt sind die Bedeutun-
gen «gesunden, geheilt werden, aus
einer Gefahr errettet werden, sich wohl
befinden» u. ä. Mhd. genist bedeutet
«Genesung, Heilung» u. ä.
Gotisch iKtsjan, ahd. n.erjtü), mhd.
nern hat die Bedeutungen «gesund
-'.^ivsÄ-^.?
machen.
heilen»
der Be-
Abbildung,' 11. Getreideinaleii in .Südafrika.
Nach O. Müiiteliu*, Kullurgescliichte Schwedens, S. 14.
., retten, heilen» aus
deutung «ins Haus aufnehmen» ent •-•♦-^^s=l::^'-^rr^■:"^'^''^"^=iv^,Tr>;r-
wickelt. Der ist lirlinldoi nnde irneren
«gerettet und in Sicherheit», si nertcn
alle sierhrn. Ein Zweifel könnte nur
darüber entstellen, wie die Bedeutung «nähreu» sieh einstellen konnte, doch glaube ich,
daß auch sie direkt aus «ins Haus bringen» herzuleiten ist. Ahd. nara bedeuti't
stipeudia, su.stentatio, lipiutra victus, alimenta; mhd. nar st. Fem. hat den Sinn von
«Nahrung, Unterhalt», aber auch «Rettung, Heil».
TT ^ «Rettung>
Germanisch *nosö «Heimkehr, iMihrung ins Haus» <C -^ •
■^ «JNahrung».
Torp Falk^ gehen von einem germanischen nrsan. ms, «<=shhi aus, das bereits be-
deutet habe «heil hervorgehen aus, sich erhalten, sich nähren», was richtig ist. denn
die angegebenen Bedeutungen linden sich auf verschiedeneu Gebieten des germauischeu
Sprachbodens. Vergl. die Schicksale des germanischen ncsta- in den nordgermanischeu
Sprachen, wclihc das Wort im Sinne von «Lebensmittel, Kost» haben. ^
Al>er hu- nicht ganz richtig halte ich Torp-Falks -Vnsatz einer idg. Wurzel ncf
«heraukonimen». in <ler ich die Keime der späteren Entwicklung nicht zu finden ver-
^ Mild. Wörterbuch II, S. 379.
' Graff, Ahd. Spiadiscliatz 11, S. lO'.tS ff.
» Ficks, Vergl. Wörterbuch III *, S. 296.
•' l''alk-l'iirii. Xmw.-dän. Kt. Wb. Deutsche Bearb. von Davidscn
V. t\ix<c.
asfi
172 Rudolf Meringer.
möchte.' Tin Norweg.-däii. Etymol. Wb.' sprechen dieselben Verfasser der Wz. die Be-
deutung «zurückkommen, ins Leben zurückkehren, genesen» zu, was also einen anderen
Versuch, der Schwierigkeiten Herr zu werden, darstellt. Am bedenklichsten wäre es,
den Sinn von «Nahrung» schon in der idg. Wz. zu suclien, was besonders abgelehnt
werden muß, obwohl bis jetzt noch niemand einen derartigen Gedanken geäußert hat,
weil es nicht ausgeschlossen ist, daß sich jemand durch ahd. tveganc^f iveyenist, aisl.
nrst «Reisevorrat» zu einem solchen Ansatz verleiten läßt. Mich freut es konstatieren
zu können, daß Falk-Torp im letztgenannten Werke s. v. uiatr für idg. *nrs die Be-
deutung «heimkehren» annehmen, was sie sonst nicht tun. Das Nomen *nesto- bedeutete
«häusHche Ausrüstung (für die Fahrt)», nicht «Nahrung» überhaupt.
Ich habe in den IF. XVIII, S. 2Glt, für die Sippe vto|aai, vömoq, ganifian eine Wz.
*(>)ie.s, eine Technik der Holzgewinnung oder Bearbeitung zum Hausbau bezeichnend,
angenommen. Uldenheck^ wandte ein, er finde in der Sippe von veo|uai nicht die ge-
ringste Spur einer Bedeutung von Holzbearbeitung und Häuserbau. Vielleicht ist es
mir nun gelungen zu zeigen, daß allerdings mindestens «Haus» oder «Heim» in der
Grundbedeutung enthalten war, worauf auch ai. ästam «Heimstätte» hinweist. Und
dieses Haus, diese Heimstätte, war ein_ Holzliaus irgendwelcher Konstruktion, wie wie-
derum got. uns «Balken? beweist. Ich kann also dabei bleiben, daß *('hcs «Bauholz,
Holzhaus, ins Haus gehen» bedeutete. Diese Grundbedeutung entspricht allen Anforde-
rungen: Sie ist nicht ein abstraktes Gebilde ohne jede Realität, ist im Griechischen
noch ziemlich deutlich erhalfen und — was das Wichtigste ist — alle überlieferten Be-
deutungen lassen sich auf dieser Grundlage leicht begreifen.
Gotisch iiaiKisjaii, erscheint im aksl. als (joiioz'iü wieder und zwar in der Bedeutung
servare, cröj^eiv.*
Wichtiger wäre es, wenn ai. nasntyii zu unserer Wurzel gehörte, wie Uhlenbeck
angenommen hat* und wofür der Sinn wohl zu sprechen scheint. Die Etj'mologien der
Inder sind schon im P\V. mit Recht abgewiesen worden, aber Graßmann ist im Wörter-
buch zum Rigveda bei der Erklärung *nä *asutyn «nicht trügerisch > stehengeblieben.
Ndsatyä, an erscheint als Beiwort der Akuiicn und diese «eilen ihren Günstlingen in
Gefahren zu Hilfe, retten sie, heilen sie in Krankheiten, machen sie wieder jung und
frisch», was alles sehr gut zur Grundbedeutung von *ik'.s stimmen und eine Parallel-
entwicklung zu den V'orgängen auf germanischem Boden darstellen würde. Wie ist
aber näsatya entstanden, aus *niS)dio-'^
Die Dehnstufe *nes finden wir auch in aisl. nxra «ernähren»"; daneben erscheint
*nrjs in ndra, das auf ein *nözian zurückführt. Warum Torp-Falk einmal nxra und
nära anerkennen', das andere Mal nur nwra^, weiß ich nicht.
Der Awe-sta kennt einen Dev Nihlia/öytt-. Bartholomae, Airan.Wb., 1079, zitiert «the
huslness of the demon N. is tliis, tliat hc (jirrs discontcnf In thr rreafitres». In einerneuen
' Fick III'', S. "29(). — - Deutsche Bearb. von H. Davidsen s. v. N(ere.
' Vergl. IF. XXI, S. 30"2.
'' Miklosich, Lex pal. s.v. — Uhlenbeck in Jagii- Anliir 1'. sl. Phil. XV, .S. 487.
'■ Uhlenbeck, Et. Wb. d. ai. Spr., S. 147.
" Noreen, Laut!., S. .")4, 74. Aisl. und Anorw. Gr., S. 12.S.
' Falk-Tor]), Norw.-dän. Et. Wb. Deutsche Bearb. von Davidsen s. v. nxre und n0re.
^ Fick m\ S. 296.
Sprachlich -sachliche Probleme. 173
Kulturschichte ist also der Geist der häuslichen und heimatlichen Sicherheit, des Be-
hagens und der Gesund) icit zu einem Dämon des Unbehagens und der Unzufrieden-
heit geworden.
Mit got. gansjan Trapexeiv «verursachen- ist bis jetzt nichts anzufangen gewesen.
Zu lies wird es wohl kaum gehören; wenn docli, dann .sind die Stufen der Bedeutungs-
entwicklung erst zu finden.
Eine besondere Bedeutuiij;sentwicklung hat unsere Wurzel in den nordischen
Sprachen durchgemacht. Aisl. uldrwtri bedeutet in der Poesie «Feuer», eigentlich
«Lebenserhalter». Norw. nm-e bedeutet «anzünden,- Feuer anmachen», schwed. dial.
nöra dass., während aisl. nbm «erfrischen, ernähren» heißt. Dazu das Substantivum
norw. und schwed. diai. unre «Späne oder Reisig zum Feueranmachen».'
Der Bedeutungsübergang scheint über den Sinn «nähren, füttern» vor sich ge-
gangen zu sein, wie wir «dem Feuer Nahrung zuführen» sagen.
4. Zur Duenos-Inschrift.
F. S kutsch ist kürzlich auf meine Übersetzung der Duenos-Inschrift eingegangen
und macht zwei Aussteilungen. -
Ich übersetzte, im wesentlichen an Thurneysens Übertragung festhaltend ^ «Möge
der Gott Dich unterstützen, der mich schicken wird, wenn das Mädchen gegen Dich
nicht freundlich ist! Er möge uns (noh) beistehen, wenn (si) Du willst, Du werdest
mit Hilfe der Ops mit ihr verbunden. Gutmann (duenos) hat mich mit Heilswunsche
für einen guten Mann gemacht; nicht soll mich ein Bösewicht darbringen.»
Dazu bemerkt nuTi Skutsch: «Sollte ein Germanismus wie m'dat statt mittas wirk-
lich schon damals möglich gewesen sein?» Das weiß ich natürlich ebensowenig als
F. Skutsch, aber mir hegt auch gar nichts daran, denn ich hätte ebensogut ganz wie
Thurneysen übersetzen können: «Der Gott wird den unterstützen, der mich schickt,
wenn etwa das Mädchen gegen Dich nicht freundlicli ist . . .» Eine Inkongruenz bleibt
auf alle Fälle.
Zu Opcd sagt Skutsch, es sei eine ihm ganz fremde Ablativform. Natürlich weiß
Skutsch ebensogut als ich, daß naadrd und dictaiorcd belegt sind. Es handelt sich nur
darum, wie man ül)er die Inschrift der C'olumna rostrata denkt. Gewiß ist, daß die-
selbe Inschrift neben diesen Ablativen zweimal marid aufweist, wodurch mvaled und
didatored yAcM gerade gefestigt werden. Aber eine schwache Mögliclikeit. daß die Original-
inschrift diesen Wechsel von i und e gehabt hat. wäre noch immer nicht ausgeschlossen.
Das latcin. 7 war ein oilenes und wir linden c und ( nebeneinander. Pisaurensisch
sind die Dative Jummr, Mafrc, Salute, deren <■ auf älteres ei zurückgeht, aus dem
schließlich / wurde. Aber Sommer, Handbuch, S. 408, hat darauf aufmerksam gemacht,
daß auf der Inschrift CIL. I, 1110 sich alle drei Formen nebeneinander finden: Junone
Seispitel Matri. So könnte *opi-d für "^opid geschrieben sein. Auch in die quaite (für
quarti) könnte eine ähnliche Erscheinung vorliegen, wenn auch nicht zu leugnen ist,
daß in diesem Falle (///■ mitgowirkt haben kann.*
Jedenfalls möchte ich an *opal (fiu- *opid) festhalten und zwar aus sachlichen
Gründen. Aber ich möchte oped oites nicht mehr übersetzen «mit Hilfe der Ops>,
' Falk-Torp, Norw.-dün. Et. Wb. Deutsche Bearb. von Davidsen s. v. »xrf und »aerr.
= Glotta 1, S. 415. — ' IF. XVI. S. IM IT.; XXI. S. 30ti IT. — * Sommer, Handbuch, S. 36S).
174 Rudolf Meringer.
sondern «mit Hille des Getreideopfers». Das kann ganz wohl die altlateinische Be-
deutung von ops gewesen sein, und um ein Opfer von dreierlei Getreide handelt es sich
bei unserem Drilliugsgefäß, wie ich an anderer Stelle wahrscheinlich zu machen suchte.'
Ich verwies darauf, daß bis vor niclit langer Zeit Gesichtsurnen mit dreierlei (er-
betteltem) Getreide in der Kirche geopfert wurden, um Liebe oder um Kindersegen
zu erlangen.
Das Getreideopfer hat zuerst den Sinn, Fruchtbarkeit für die Frau zu bewirken,
und aus dem, was Sehr ad er vorbringt, ist an dem hohen Alter dieses Brauchs nicht
zu zweifeln.^ In Indien streute eine Verwandte Reis auf die beiden Brautleute, aus
Griechenland haben wir ähnliche Nachrichten und von den Balten berichtet Lasicius,
daß die' verschleierte Braut an den verschiedenen Türen des Hauses herumgeführt
wurde: Ad situjulas fores ciiriinispcrgifKr tr/tlco, sUitjinc, avena, luirdeo, -pisis, fahis,
papavere, sequente uno sponsam cum sarco pileno oninis generis frugiim. Hier ist also eine
reichlichere Fülle aus der, wie ich meine, ursprünglicheren Dreiheit der Gaben von
Feldfrüchten entstanden.
Der Inhalt der Inschrift, der Umstand, daß es sich um einen Liebeszauber handelt,
der nach Art des Fruchtbarkeitszaubers mit dreierlei Getreide (vergleiche die Drillings-
gestalt des Duenos-Gefäßes) ausgeübt wurde, läßt mich daran festhalten, daß oped oites
das Mittel des Zaubers angibt, und deshalb übersetze ich «die Feldfrucht gebrauchend»,
d. h. «mit diesem Getreideopfer».
Daß <ips einmal einfach vFeldfrucht> bedeutet haben kann, halte ich für unwider-
leglich. In ö|aTTvii «Nahrung, Getreide», öjUTTvai «Feldfrüchte», 'Oja-rrvia «Demeter», ömttvio(;
«zum Landbau gehörig» haben wir die alte Bedeutung noch vor uns. Ich habe mich
schon mehrfach mit der Wz. *op beschäftigt^ und verweise hier nur auf alid. noho
xcolonus», welches allein schon beweisen würde, daß *op «den Acker bestellen^ bedeutet
hat. Lat. opem fern- (dicui bedeutet eigentlich «jemand Getreide bringen», dann
«helfen» im allgemeinen. Der Plural opes hat begreiflicherweise den Sinn von «Reich-
tum, Macht, Einfluß» angenommen. Das griech. TTriveX-ÖTreia faßte ich als «Gewebe-
wirkerin»*, und wieder finden wir iin Germanischen diese weitere Bedeutungsentwick-
lung in aisl. cfna «ausführen», cfni «Stoft\ Zeug». Diese Übertragung auf eine neue
spezielle Art von Arbeit geht davon aus, daß *op zur allgemeinen Bedeutung «wirken,
schaffen» gekommen war^ und dann wieder in anderen Sprachgenossenschaften seinen
Sinn einengte. Auf die alte sinnliche Bedeutung ackern» führte ich ÖTTuieiv «heiraten»,
das nichts mit oicpeiv zu tun hat, zurück. Ich sagte, *0TTuTa *opHSi sei «eine, die ge-
ackert hat», euphemistisch für die nicht mehr Jungfräuliche. Und dazu stellt sich nun
got. aha «Mann, Ehemann», aisl. afi. Torp-Falk" meinen, das Wort bedeute «der
Tätige». Ich denke, es bezeichnet den «Ackernden» oder den «Zeugenden». Die Frau
als Saatfeld, der Mann als Ackerer, das sind Vorstellungen urwüchsiger und begreiflicher
Ai-t. Daß der Germane in die Wurzel den Sinn des geschlechtlichen Ackerns legte,
das scheinen mir die Bedeutungen von got. ahrs «stark, heftig», aisl. afl «Kraft», ags.
afol dass. zu beweisen.
• IF. XVI, S. 162. — 2 0. Sehr ad er, Reallexikon, S. 358.
3 IF. XVn, S. 127, XVIII, S.20S. — ■• Doch vergl. jetzt F. Solmsen, Kuhns Zts. XLII, S. 232.
* Vergl. die schöne Arbeit von Gen-ichiro Yo.shioka: A seniantic study of Ihe verbs of doing
and niaking in the indoeuropean languages (Dissertation der Universität Chicago), Tokio 1908, S. 21.
<- Fick III \ S. Vi.
Sprachlich-sachliche Probleme.
175
Ich habe in den IF. XVI, S. 163, eine Gesichtsurne wiederholt, welche einen
Mädchenkopf mit einer Erbse im Munde und Phallen auf den Wangen darstellt. Be-
nutzte ein Mann oder ein Mädchen die Urne zum Liebe.szauber? Die Erbse, die der
Kopf im Munde hält, dürfte wohl einen Teil des Inhalts des Gefäßes andeuten und
Erbsen spielen im Liebeszauber eine Rolle, worüber Wuttke, Deutscher Volksaber-
glaubc -, S. 10.5, zu vergleiciien ist.
Zu meiner Freude kann ich in den Abbildungen 12 — 14 eine Urne von großem
Interesse darstellen. Sie gehört Herrn L. Mattula, Lehrer in Uuter-Retzljach in N.-Ö.
Der Besitzer teilt mir mit, daß sie in Znaim ca. l*/2 m unter dem Straßenniveau gefun-
den wurde. Sie ist 12,0 cm hocli und hat zwei Henkel. Auf der einen Seite sieht
Abbikluiiii 1-.'.
Phallische Gesichtsurnc.
Vorderseite.
Ahbildun.tr 13.
Phallische Gesiehtsurne.
Rückseite.
Abbildung 14.
Phallische Gesichlsume.
Seitenansicht
man ein bärtiges Mannsgesiclit. Auf der anderen ein weibliches, unter dem zwei Arme
hervorkommen, die ein membrum virile umfas^jcn. Der Phallus ist 5,5 cm lang und
besitzt deutliche testiculi. Auch die glans ist richtig dargestellt, es fehlt auch die Aus-
HußöU'nung nicht.
Ich nehnii' an. dal.^ aucli dieses Gefäß mit einer Mischung von Getreide gefüllt
war. Vielleicht auch von erbetteltem. Erbettelt oder gestohlen sein ist oft die Vor-
bedingung der Zauberkraft eines Dings, vergl. Wuttke -, S. 14(3, S. 185.
Wiederum erhebt sich die Frage, war ein Mann oder ein Mädchen die darbrin
gende Person oder konnte das Gefäß von beiden Geschlechtern geopfert werden? Ich
denke, daß gerade die Einzelheiten der Darstellung dieses Gefäßes für die Darbringung
des Mädchens sprechen. Sie hält den Gegenstand ihres ^\'unsches, das membrinn virile,
in den Händen und das Bild des Mannes ist mit dem ihrigen untrennbar vei-schraolzen.
Freilich kann man auch sagen, das Gefäß stelle derb sinnlicli gerade das dar, wt\s der
Mann von dem begehrten Mädchen sich erhotft und durch einen Zauber erzwingen will.
176
Rudolf Meringer.
Die Abbildung 15 stellt das Bruchstück einer rümischen phallisclii'u Gesichtsurne
dar, welches in Wien I. Fleischmarkt im Jahre 1902 ausgegraben wurde. Das
Material ist schwarzer Ton, die Größe die der Zeichnung. Das Stück wird im Museum
Vindobonense bewahrt, die Zeichnung verdanke ich der Güte des Direktors Dr. Kowalski
de Lilia, für den sie der akademisciie Maler Herr llol)ert Lischka gemacht hat.
Das niUdt der Duenos-Inschrift wird gewöhnlich mit «senden» übersetzt. Das ist
wohl nicht richtig, denn von einem Senden an das Mädchen kann jetzt keine Rede
mehr sein. An ein Einschmuggeln im Gemach der nicht willigen Jungfrau könnte
man zwar denken, aber ein Opfer kann nur wirken, wenn es irgendwo geopfert, darge-
bracht wird. Den Sinn von g&nxe (wie H. Schenkt nach mündl. Mitt. meint) könnte das
Wort dagegen liaben, weil es scheinbar synonym ist mit dem spätem datod oder statod.
Aber ich glaube, es kann «ausgießen» bedeuten, das Getreide ins Opferfeuer schütten,
wie man vom Ausgießen der Würfel miffrre sagt. Mitferc ist unser schmeißen.
Abliildung 15. Biufhstiick einer nUni.sclieii Gesichtsurne mit Phallus.
Warum ist nicht «le/^a^ gesehrieben ? Hatte das Wort ein Aoristpräsens *mUö und
ist der Diphthong erst aus dem .s-Aorist *mcisai ins Präsens gedrungen? Daß aus
*meito mit diphthongischem ei mitto entstanden wäre, mitat also nur graphisch für mittat
stünde, ist ausgeschlossen.
Beim dreifachen Getreideopfer der Kedeni Ko]>fln und dem DriHingsgefäß des
Buenos, das man sich ebenfalls mit dreierlei Getreide gefüllt denken muß, kommt
einem leicht in den Sinn, daß die neuere Forschung den Indogermauen die Bekannt-
schaft mit drei Getreidearten zuschreibt, nämlich mit Gerste, Weizen, Hirse.' Man
könnte ja immerhin daran denken, daß im heiligen Brauche des Opfers, später des
Zaubers, uralte \'orstellungen in ihren Nachwirkungen wenigstens lebendig bleiben.
Aber au direkten Zusammenhang zu denken, wäre phantastisch, denn sonst könnte
man auch die Redensart: Aller guten Dinge sind drei auf die drei Getreidearten der
Urindogermanen zurückführen wollen. Drei ist eine uralte heilige ZahP — wie sie es
' J. Hoops, Waldbäume und Kulturptlanzen, S. 377 ff. — Ü. ISclirader, Sprachvergl. und Urgeschichte
P, S. 460. — - H. Hirt, Die Indogermanen, S. 537.
Sprachlich-sachliche Probleme. 177
geworden, ist eine g;mz andere Frage — und sie spielt nicht nur im Aberglauben über-
haupt, sondern auch im Liebeszauber eine besondere Kolle, wie auch ein in den Hessischen
Blättern für Volkskunde III (1904), S. 136, von Karl Ebel mitgeteilter grotesker Fall
beweist.
5. Die Urbedeutung von cmevbuj, spondeo.
Im Recht von Gortyn Coliitz S. (;. D. .1. 4U91 findet sich tTnaTTtvöuj mehrfach in
der klaren Bedeutung versprechen, zusichern», z. B.:
IV 48 Ai öe KU Xe I 1 0 TTurep booq lov bofiev tu | 50 i oiruionevai, boTO Kaxa x a e(pu^\it\a,
TiXiova be |U€. j Orei«! be TTpoi>{> eboKe e eTrecr | nevoe, tuut ekcv, u\Ku be \xi. Vi aTToXav'Ka vev.
«Wenn der Vater bei Lebszeiten geben will der Verheirateten, so möge er es tun
nach dem Gesetze, mehr aber nicht. Der er aber vorher gal) oder zusicherte, die soll
das haben, anderes aber nicht erhalten.:. Zu eTreOTOVoe macht nun Bücheier' die Be-
merkung: «eTTecTTTevot heilig zusicherte, Apopondit, weil einst mit (TTTovbii, wie schon Ver-
rius erklärte*. Büdieler sucht also die Urbedeutung der Wz. in CTTTovbn «Trankopfer»
und kommt erst dadurch, daß die Zusicherung durch ein Trankopfer geheiligt wurde,
zur Bedeutung «zusichern, versprechen».
Ich halte das Umgekehrte für richtig. OTrevbuj bedeutete «zu.-<ichern •;, und weil dazu
die Götter durch ein Trankopfer herbeigezogen wurden, nahm ffnevbai den Sinn «ein
Trankopfer ausgießen» an.
Das Sinnesverhiiltnis vom Aktivum zum Medium beleuchten Stellen wie ^'I18
o b «TTo I bonevo? e Kaiitilevq e em | 20 amyamic, xoi irpiaiaevoi t Kuxuötjatvoi e eTTiöTrev |
craiaevoi binXei Kuxacrx« | oei
d. h.: «. . der, welcher verkauft hat, oder verpfändet hat, oder zugesichert hat, .«oll
dem, der gekauft hat, oder sich hat verpfänden oder sich hat zusichern lassen, das
Doppelte entrichten».
eTTicTTTtvbuj heißt also «zusichern», eTTKJTrevbeoöai «sieh zusichern lassen» und das ist
meiner Meinung nach der älteste Sinn von orrevbiu und cnrevbecröui ; jünger ist der attische
Brauch, airevba) im Sinne von »Trankopfer darbringen» und (TTrevbecröai im Sinne von -Ver-
trag schließen» zu verwenden. Die Wörterbücher übersetzen in erster Linie {nrevöeiv mit
«spenden» und dieser fatale, scheinbar auf Verwandtschaft beruhende Zusanunenklang wird
wohl mitgewirkt haben, die Urbedeutung von cnrevbeiv in einer falschen Richtung zu suchen.
L. Meyer, Handbuch IV, S. 115 f , sagt bei OTTevbeiv: «Etwa Zugehöriges in den
verwandten Sprachen entzieht sieh unserem Blick». Diese tragische Redensart, die sich
bei L. Meyer öfter am unrechten Platze findet, ist auch hier nur subjektiv richtig, denn
die anderen zweifeln nicht, daß aTTtvbuj zu lat. spondeo gehört. Die beiden Wörter
stellen eine sehr wichtige, bis jetzt zu wenig gewürdigte Kulturgleichuug dar.
Die Schwierigkeiten beginnen erst, weiui mau für a-aivbiu-r^pomho nach anderen
Zusammenhängen sucht. Waide hat .•^ich darüber keine weiteren Gedanken gemacht.
Aber ich giaulie, daß eine Wrwandtschatt sehr wahrscheinlich ist, die mit priuli, prndw.
*pciid, ">7»('H(/. "^'xpond geiun \on dem Aufhängen auf dem Wagebalken aus-, woher lat.
pendcrc zum Siinie von «zahlen» gekommen ist.
' Fl-. Bachelor uiul E. Zitelmanii. Das Recht von Gorlyn, t^. -.Ti (Rhein. Mus. .\. F, -k). Bd., Er-
jjtiin/.ungslieln. — -' Ich kann eine Wage ohne Schalen (von der Sclinellwai-'o spreche ich nicht) vorläufig
nidit iiadiweisen, aher ich denlce mir die Slteste. die zweiarmige, Wage ohne Schalen, Dann war das Wägen
wirklich ein «Aufhängen».
Wörter und Sachen, I, 'S
178 Rudolf Meringer.
Durch eine Metapher koiniut num leicht von «wägen», «zuwägeu» zu «versprechen».
Daß diese Zusammenhäoge richtig sind, glaube ich auch deswegen, weil sich nun
ai. spandate «zucki, schlägt aus- (von Tieren, vom Kinde im Mutterleib gesagt), .'*/?(u«f7oH(is
«zuckend» gut anschließt, denn diese Bewegungen sind bei der Wage mit dem pcuilcn-,
dem Aufhängen zum Abwiegen, naturgemäß verbunden, l^brigens ist jedes Aufhängen
mit einem Zucken und Ausschlagen verbunden, denn auch das Pendeln kann man
ganz wohl als solches auffassen.
Ich will noch auf die anderen ähnlich gebauten \\'urzeln eingehen, weil unsere
Wörterbücher in diesen Fragen arge Verwirrung zeigen.
Vorher noch eine Bemerkung. Heute wird noch auf weiten Gebieten jeder Kauf-
handel Im Wirtshaus reichlich «mit Wein begossen . Bei so festsitzenden Bräuchen
ist der Gedanke an hohes Alter wohl erlaubt. Vielleicht wird eine zusammenhängende
Darstellung ergeben, daß der gemeinsame Trunk nach dem Kaufe einmal eine andere als
eine rein gesellschaftliche Bedeutung hatte.
Wie aus einem Opfer ein Mahl wird, kann man, glaube ich, auch aus einem Rechts-
satz des Gesetzes von Gortyn ersehen.
Die Adoption war in Gortyn ohne weiteres erlaubt. Vergl. X, 33 ff. AvTravcriv e|uev
OTTO Ka Ti\ \ I ei. AjLiTTaiveO-ai be kot ayopav | Kaia/eXiuevov TO|a TToXiaxa [ v airo to \ao o aiTaTO-
peuovTi. «Adoption möge sein, wo einer will. Adoptieren aber soll man auf dem Markte,
bei Anwesenheit der Bürger, von dem Steine aus, von dem herab man spricht.»
Und X, 37 ff. bestimmt nun weiter: 0 be «i-iTravaiaevo«; öoto xa | i eraipeiai xai .Fai auxo
lape [ lov Ktti TTpoKoov ./bivo. «Der Adoptierende soll seiner Hetairie ein Opferlier und einen
Krug Wein geben.» Dieses Opfer gebührte jedenfalls zuerst den Göttern, die dem
Manne zu einem Sohne verholfen haben, nicht der Hetairie.
Dieser Dank au die Götter war wohl berechtigt, denn die Is. fährt fort X, 39 tf. :
Kai I laev KuveXexai iravxa xa Kpe ] laaxa Kai |ae ffuvvei YvecTia x j eKva, xeXXe^ |uev xa Oiva Kai
x« avxpoTTiva xa xo aviravaiae | vo KavaiXeöai, aiirep xoiq y | veo'ioii; efpaxxai. «Und wenn er
(der Ado})tiei'te) das ganze Vermögen erbt und leililiche Kinder nicht mit da sind, soll
er erfüllen die göttlichen und die menschlichen Dinge des Adoptivvaters und soll für
sich in Empfang nehmen, wie es für die leiblichen Kinder bestimmt ist.»
Der Adoptierte soll als Erbnehmer nicht nur die menschlichen Dinge seines Adoptiv-
vaters erfüllen (xeXXev), sondern auch die göttlichen. Das erstere ist begreiflich, das
letztere schwierig. Man kann an Pflichten des Erblassers an die Götter oder an «gött-
liche» Pflichten gegen ihn denken. Bis jetzt sehe ich nur die Möglichkeit, diese zweite
Auffassung zu begründen. Der Adoptierte mußte ra öiv« xo avTiavaiucvo xeXXev, d. h. er
hatte alles zu tun, was der Totenkult der Zeit verlaugte. Die Ideen, über die man
sich bei 0. Schrader unterrichten kann, lassen uns zum Verständnis der Stelle ge-
langen^; der Animismus war die erste Ursache der Adoption und der Hauptpflicht des
Adoptierten, der Sorge um das Grab seines Adoptivvaters.
Der Ausdruck öiva hat seine Entsprechung bei den Römern, bei denen sämtliche
Pflichten der Überlebenden gegen die Abgeschiedenen unter dem Begriffe der i/ira dcomm
manium zusammengefaßt werden. -
^ 0. Schrader R.-L., s.v. Junggeselle. — Ders., Die Scliwiegeriinitter und der Hageslnlz. — Üers.,
Tütenhochzeit. — Im R.-L.. S. 32, sagt 0. Schrader, daß Totenkult und Erbschaft im inni^.'.slen Zusammen-
hange miteinander aultreten, und begründet dies aus indischen, griechischen und gei-manisclien Nachrichten.
^ G. Wissowa, Religion und Kultus der Römer, S. 11)2.
Sprachlich-sacliliche Probleme. 179
Hatte aber der Ailoptivvator einen Sohn erlangt, der alle Pflichten des leiblichen
auf sich nehmen mußte, dann erscheint die Spende des Opfertiers und des Weins
in ernsterem Lichte. Es ist kein Freudenmal gemeint, sondern ein Dankopfer an die
Götter, bei dem auch die Hetairie anteilnehmen durfte.
W. sjiendli «Bast» später «Holz».
Wie das lat. adcjjx sowohl den Sinn «Fett» als auch '<Splint» hat, so das ahd.
spinf, das mit adeps und arvina glossiert wird. Ich glaube, daß man von der
Bedeutung «Splint, Bast» auszugehen hat und Übertragung des Wortes, das die weiche
Holzschichte zwischen Rinde und Kernholz bedeutete, auf die Fettschichte zwischen
Haut und Fleisch annehmen muß. Diese Doppelheit hat sich auch im Mhd. erhalten
und ist in Spuren noch im bairisclien Dialekte nachweisbar. Brot, Knödeln, Nudeln
sind spindig, wenn sie speckig, käsig sind.^
Das mnd. spinde «Vorratskammer, Speisekasten, Kasten», ndl. spiiuh-, nhd. Spind
hält man für identisch mit Sprnde und leitet es auf *c.ipnida, spnida zurück, wofür spriclit,
daß ml. spendu sowie ital. dispcnsa, span. port. desjjcnsa «Speisekammer» bedeuten. (Die
letzteren AVörter können nicht für volkstümlich gehalten werden, denn die Vulgär-
latein. Form ist spvsa, die in unserem S^je/se nachlebt.)
Aber man betrachtet auch Spund als Fremdwort und fiUirt es auf lat. piiiicta
«Stich, Loch, die Öffnung in einer Röhre» zurück.^ Das wäre ja begreiflich und ver-
sländlich wäre auch., daß man (von einem verspunden etwa) zu einem Spund im Sinne
von «Verschlußzapfen» gelangt ist. Aber wie kommt Spund zum Sinne von cdickes
Brett, Falzbrett j-V'' Die richtige Deutung ist nun vielleiclit die, dals Spund das gefalzte,
gespundete Brett ist. Die Abbildungen zeigen tue Art, wie man Bretter aneinander-
legt, um eine dichte N'erbinduiig herzustellen.
^^a GQ Q^
7
AbliiUliiiiy IC). Bretterverbindungen.
Danach wäre die \'erbindungslciste als Sjyund gefaßt worden und der romanische
Urs]iiung von Sjiiind könnte bestehen bleiben. Aber wir werden gleich sehen, daß die
Wurzel (locli den Sinn «Brett? hatte und deshalb muß man noch weiter die Möglich-
keit im Auge behalten, daß sich in ''S^ntnd ein lat. ''crpuncta und ein germ. S;/;«»«/«-
gekreuzt haben, wie auch in mhd. bund, nhd. Bund, Fund «Band, Fesseb n\\at. p im da
und deutsch nmid verschmolzen zu sein scheinen.''
Wir hätten dann die Bedeutungsentwicklung ^Bast» (daraus in einer Nebeu-
entwicklung: «Fett»), ^'«Korb aus Bast , ^«Verschlag in der Küche», «Speisekammer»,
Auch dir Srhrai/I,- war ursprünglich nur ein Holzverschlag in der Küche, hinter dem
N'orriite aufbewahrt wurden, erst dann wurde er ein beweglicher Kasten, ein Möbel,"
Die Bedeutungsentwicklung wäre also sachlich nicht unmöglich. Es sei noch daran
erinnert, daß der Scheune die großen F'ruchtkürbe vorausgegangen sind (Verlsisser, Das
deutsche Haus, S. 104).
• Sohmeller- IF, Sp, G77, — » Kluge s, v, — ^ Schmellcr- II, Sp, GTS,
* \\. MüIIor im Mlid. \Vb. II', S, r>.")4, — ' Verfasser, D;uä deutsche Haus. S. 00.
83*
ISO
Iliuloir Mcriiiger.
« <?
o
Der idg. o- Ablaut *sj)im(l]i liegt in lat. spondn «Bett», aksl. spnch «modins» vor,
woraus lit. spaPf/is. spaiif/c «Eimer» entlehnt ist. Ich habe nun, weil auch gr. cTTTdöi-i
«Brett, um den Einschlag festzuschlagen und das Gewebe zu dichten» aus *spiiclJia
entstanden sein und folglich hierhergehören kann, für alle drei Wörter die Bedeutung
«Brett, aus Brettern gemacht» erschlossen.^ Aber es ist mögüch, daß ffTräöii zu Spaten
gehört und damit abrückt.^ Das Wort S/Ja«, das ich auch hierherstellte, hat eine
andere Herkunft.^
Immerhin bleiben aller Wahrscheinlichkeit nach spomla und aks. s2xh17, beisammen.
Walde denkt nun an die Möglichkeit, daß spouda zu dem später zu besprechenden
lett. spapda gehört und eigentlich die gespannten Gurten des Bettgestells bezeichne.
Dann stünde spadz ganz allein.
Was sjJOtida in historischer Zeit war, müßten uns erst die Archäologen sagen.
Wenn es wirklich ein «Spannbett» war, dann wäre
noch immer zu untersuchen, ob es das von jeher
war. Ich halte vorläufig dafür, daß es zuerst nichts
anderes gewesen ist als ein niederes Holzpodiuui oder
eine Art flacher Holzkiste, wozu die Bedeutungsent-
wicklung des Wortes in den romanischen Sprachen
(«Brustwehr, Ufer, Rand») stimmen würde.*
Spondii ist auch ins Deutsche — unbekannt zu
welcher Zeit — eingedrungen. In Altaussee heißt
das Bett spivdn^; vergl. auch bair. hcttfispanM'. Nicht
ausgeschlossen ist, daß mhd. spcmbdtc von lat. spouda
beeinflußt ist, wie die Sache aus dem (eventuell erst
später) mit Gurten versehenen römischen Bettgestell
herstammt.
Auf ein idg. *spondhno- führe ich aisl. sparm N.
«Eimer, ein Hohlmaß», mnd. span, spannen «ein höl-
zernes gehenkeltes Gefäß, vom Eimer, Zuber unter-
schieden» zurück'; der Dental mußte zwischen den
beiden M schwinden (A. Noreen, Lautlehre, S. 173).
Dänisch-norw. spand wie schwed. spann gehen aus derselben Grundform hervor.**
Torp-Falk setzen für Spint ein *spcnjiu, spviidu an, das nur auf ein idg. *spenfo
zurückgehen könnte. Ich linde aber keine sichere Spur eines germ. Jj und ein '^sjx'uto-
hat auch nirgendwo einen Halt.
Woher kommt das l von Splint, das oft für Spint im Sinne von «Bast» erscheint?
Es spielt wohl sjdrißen imd seine Sippe herein.'^
*sphend «Strick»
ist ganz verschieden von dem vorhergehenden ^sptndh. Es liegt vor in oqpevbövii
' SBAW. Wien 144. (i, S. 104.
- Torp-Falk, Fick 111 ^ S. .")()7, wie sdmn l'r
■* Zu sponda vergl. Gröber ALL, V, S. 478. A
des Beiles. Hof. Leben I ^ S. 85 f.
' F. V. Andrian, Die Altausseer, S. 47, 49. — '^ .Schmeller - 11, Sp. 678.
' Falk-Torp, Et. Ordbog .s. v. spand III. — Torp-Falk, Fick III •», S. .508.
» A. Noreen, Altschwed. Gramm., S. 431. — '■• Torp-Falk, Fick III, ^ S. 518.
Abbildung 17. Der letlische Pflug (arkls),
Draufsicbt. Nacb A. Biedenstein.
llwilz U.A. — » Ebd. S. 50.5.
Scliullz erklärt afranz. espondes i'üv die (Juerleisicn
Sprachlich-sachliche Probleme. 181
«Schleuder», "lit. spendiiu «lege einen Fallstrick», spandßl «spannen», lett. spanda «Strick
beim Pflug». Über die lettisclien spanda kann man sieb aus dem herrlichen nach-
gelassenen Werke von A. Bielenstein, Die Holzbauten und Ilolzgeräte der Letten II,
unterrichten. Auf S. 468 unter d werden wir belehrt, daß die spanda jetzt aus Eisen
sind, aber einst aus Holz hergestellt waren, wofür wohl besser «Holzfaser», «Ilolzbänder»
zu sagen sein wird, denn diese Teile müssen als echte Stricke wirken, können also
nicht durch Holz ersetzt werden. Die Abbildung 17 zeigt einen lettischen Pflug (arhh).
Die heute eisernen Bänder // heißen spandas (Bielenstein, S. 474). «Durch die kreuz-
weise Lage der spcDidas: wird die Pfluggabel in ihrer Lage so fest gehalten, daß sie sich
weder rechts uoch links hin bewegen kann.»
Von diesem gebundenen Pflug, der mit dem altägyptischen (vergl. das Bild in
IF. XVII, S. 104) eine unverkennbare Ähnlichkeit hat, fällt Licht auf die Hesychglosse
cfTTivbeip« [cTTTivbiipal «poTpov und auf pämir. spniidr «Pflug»', welche den «gebundenen»
Pflug bedeuten, eine Weiterentwicklung des primitivsten apoxpov ttiiktöv, des zusammen-
gesetzten Pflugs, der den einfachen, aus Stamm und Ast hergestellten ersetzte. Was der
Lette die spanda nennt, kann man auch an der Zoche sehen, von der ich in den IF.
1904, S. 116, ein Bild gebracht habe.
6. Zum vertieften Tische.
Aus dem für die Geschichte des Tisches so wichtigen Aufsatz von Strzygowski
oben S. 70 fl'. ergeben sich einige Fragen :
1. Wie ist der halbkreisförmige Tisch entstanden?
2. Wie erklärt sich die Verwendung des sigmaförmiges Tisches als Grabstein?
3. AVie kam man dazu, die Platte in der Mitte zu vertiefen und nach der geraden
Seite der Tischplatte hin eine Art Ausflußu9"nuug zu machen?
4. Hat sich irgendwo in einer Sprache ein Hinweis auf diese merkwürdigen Grab-
tische erhalten?
Die Fragen 2 und o hat Strzygowski bei'eits aufgeworfen und beantwortet. Ich
werde einige Bemerkungen zu allen Fragen machen, Bemerkungen, die allein den Zweck
haben können, zu weiteren Nachforschungen anzuregen.
Zu 1. Sehr alt sind schon zwei Typen des Tisches, der kreisförmige und der vier-
eckige. Ich halte den runden Tiseli für älter als den viereckigen. Um aber ein Miß-
verständnis auszuschließen, erinnere ich daran, daß der Tisch anfänglich nichts als eine
Speiseplatte ist, und zwar eine kleinere für jeden Einzelnen oder eine größere für ge-
meinsan:e Mahlzeiten der Herdgeuossen. Später erhielten diese Speisebretter einen hö-
heren Untersatz und schließlich verwuchs dieser Unterbau mit der Platte, wodurch erst
ein «Tisch» in unserem Sinne entstand.
Den viereckigen Tisch unseres Bauernhauses denke ich mir in der Zeit entstanden,
als der Tisch .seinen festen Platz in der Stubenecke erhielt. Da mußte wohl der
kreisförmige Tisch einer Form weichen, die den in der Ecke rechtwinklig zusammen-
stoßenden, an der Wand befestigten Bänken sich besser anschloß. -
Und aus dem kreisförmigen Tische dürfte auch iler halbkreisförmige entstanden
sein. Lag man rings um einen runden Tisch, so war der Zugang zum Aufsetzen neuer
' C. C. Uhlenbeck, Elym. Wfirterb. iler allindiscben Sprache, S. 349.
- Verfasser, Das deutsche Haus, S. 59.
182 Rudolf Meringer.
Speisen, das Bedienen, sehr ersclnvert, was sich namentlich bei besseren Lebensverhält-
nissen unliebsam bemerlcbar gemacht haben wird. Der Tisch mußte von einer Seite
frei bleiben und das um so mehr, als die Speiseplalte nicht mehr direkt auf den Fuß-
boden gestellt wurde und man nicht mehr auf dem Fußlioden lagerte, sondern der Tisch
selbst sowie das Podium um ihn erhöht war.
Dieser halbrunde Tisch eignete sieh besonders für Refektorien großer Klöster
auch in der Zeit noch, in der man bereits zu Tische saß, und nicht mehr lag, und das
Bild des Klosters Lawra auf Athos (bei Strzygowski, S. 74) zeigt ims einen freien Mittel-
gang zwischen den Tischen, von dem aus die Speisen leicht und bequem nach allen
Tischen jretragen werden konnten.
Man bemerke auch, daß dieses Prinzip der Zugänglichkeit der Tische von einer
Seite auch auf dem Plane von Skt. Oallen festgehalten ist. Sowohl die F- wie die
U-fürmigen Tische haben nur an einer Seite Bänke, die andere Seite ist frei. Eine
Ausnahme macht bloß Tisch 11, der auf beiden Seiten eine Bank zeigt, was aber
vielleicht bloß ein \'^ersehen ist, denn der ebenso gestaltete Tisch 8 hat nur eine Bank
neben sich.
Daß der halbkreisförmige Tisch .und der halbkreisförmige Altar erst eine Folge
der Apsisform des Aufstellungsraums ist, halte ich für ganz unwahrscheinlich. Eher
scheint mir die Apsis erst die Folge des Tisches zu sein als umgekehrt: Ein Bau wächst
von innen nach außen, nicht umgekehrt. Doch es sei diese Frage den Kunstforschern
überlassen.
Zu dem podiumartigen halbrunden Tisch auf dem Mosaik des Abendmahls von
S. ApoUinare uuovo in Ravenna (oben S. 78, Abbildung '.•) findet sich das ganzrunde
Gegenstück heute noch in Kleinasien. 0. Benndorf erzählt im Eranos Vindobonensis,
S. 373, daß dort in den wohlhabenderen Häusern die Familie «um einen podiumartigen
Rundtisch kauernd speist». Brotfladen dienen als Teller usw.
Zu 2 und 3. Hier sei gleich bemerkt, daß nicht nur der sigmaförmige Tisch, son-
dern auch der viereckige — allerdings ganz ähnlich mit Vertiefung und Abfluß-
öffnung ausgestaltete — Tisch sich als Grabstein findet, wie wir gleich seilen werden ;
die Frage ist also eine allgemeinere, die mit der halbkreisförmigen Gestalt des Tisches
nicht zusammenhängt, was ich gegen Strzygowski, S. 78, hervorheben möchte.
Die Frage, wie ein Tisch überhaupt zu einem Grabdenkmale werden kann, wird
jeder Mann, der sich mit Volk.skunde beschäftigt hat, abweichend von Strzygow'skis
Deutung in der Richtung zu lösen suchen, daß er den Brauch des Totenmahls zur Er-
klärung heranzieht.
Gerade in Ägypten, wohin Strzygowskis ßei.spiele weisen, ist uns das Totenmahl
aus neuer und alter Zeit bezeugt.
Lane, Sitten und Gebräuche der heutigen Ägypter, III, S. 161, erzählt, daß bei
dem Begräbnisse von Reichen einige Kamelladungen Brot und einige Schläuche Wasser
auf den Begräbnisplatz gebracht und dort an Arme verteilt werden. Es kommt auch
vor, daß ein Büffel geschlachtet und verteilt wird. Auch bei den Bauern ist es Ge-
pflogenheit, Kuchen oder Brot beim Grabe den Armen zu spenden (a. a. O., S. 165),
ein I^amm oder eine Ziege zu schlachten und ein Gastmahl zu veranstalten ^S. 166).
Das Totenmahl war aber auch im alten Ägypten eine ganz gebräuchliche rituelle
Handlung und hatte zweifellos zuerst den Sinn, dem Toten Speise und Trank zu bieten,
Spraclilicli-sachlicbe Probleme.
183
wie es auch bei den Indogerraanen der Fall ist.^ Es haben sich viele Tisch- oder
Altarplatten erhalten, bei denen öfter eine bildliche Darstellung zeigt, welchem Zwecke
sie dienten, wenn sw nicht gewissermaßen Dokumente sein sollten, daß die Nachkom-
men iln'er PHicht, liir Speisung und Tränkung des Verstorbenen zu sorgen, wirklich
nachgekommen sind.
Die Abbildung 18 stellt eine solche Tischplatte dar.^ Man erkennt u. a. Blumen,
zwei Stück Geflügel und Brote. Das Wichtigste für unscrn Fall sind die zwei Kannen,
aus deren Schnäbeln sich eine Flüssigkeit in die Rinne, die an drei Seiten der Platte
sich befindet, ergießt. Diese Rinne endet vorn in fine Schnauze. Es war also beab-
sichtigt, daß der Opfertrank vorn aus der Öffnung heraljträufelte, offenbar auf das Grab.
Über die weitere Verbreitung dieser Opfertischrinne zu liandeln, kann meine Sache
nicht sein, man vergl. darüber AV^ilkinson, a. a. 0., S. 388.
Wilkinson verweist auf I.Buch der
Könige XVIII, 32 ff. N. Rhodokanakis
hat auf meine Bitte die Stelle nachgeprüft,
übersetzt und mit einer Bemerkung ver-
sehen. Er schreibt mir:
«Und er baute aus den Steinen einen
Altar . . . und machte einen Graben, so
groß, daß man zwei Sea (l Sea = l'/a modii)
Saat säen konnte rings um den Altar. . . .
34. Und er sprach: Füllet mir Krüge
mit Wasser und gießet es auf das Braud-
opfer und auf das Holz ....
35. Und das Wasser lief rings um
den AJtar her und auch der Graben wurde
voll Wassers
38-. Und es fiel Feuer des Herrn herab
und verzehrte das ßrandopfer und das Holz
und die Steine und die Erde [welche auf-
gegraben worden war, um den Gral)en rings
um den Altar herzustellen. N.R.] und das Wasser, welches im Graben war, leckte es auf».
Nach Rhodokanakis läßt sich aus der Stelle «Und das Wasser lief rings um
den Altar her» schließen, daß sich eine Rinne auf der Altarplatte rings herum zog, von
wo aus das Wasser sich durch einen Ausfiul.N in den Graben ergoß, der am Fuße des
Altars ausgehoben war. Der Zweck dieses (irabens war, das ansHießende Wasser zn
sammeln, damit es das Feuer auflecke, ohne daß ein Tropfen versprengt würde.
Sophus Müller, Urgesehichte Europas, S. 152 erinnert daran, daß .hikob im Alten
Testamente einen Stein aufrichtet und mit Öl begießt, damit er das Haus (tottes sei.
Im Anschluß daran möchte ich darauf verweisen, daß sich auf den Deckplatten
der Dolmen schalcnartige Vertiefungen finden, von denen man glaubt, daß sie einst
ein Opfer aufzunrliuien Instimmt waren, O. Montelius, Kuhurgeschichte Schwe-
dens, bildet solche Steine S. 44, Fig, 73 und S. 55, Fig. 88 ab. Diese schalenartigen Ver-
• (). Schrader, R.-L. s.v. Ahnonkullus, S. äl ff., nameiiMicli S. 30.
- Wilkinson, Manners aiul cuslonis 11 U, s. ."187.
00A00
©0ii00
Abbildung 18. Eine iigj'ptische AlUirplalte.
Xacb 'Wilkinson Jlanners and custonis II H, s. 3S7.
184
Rudolf Meringer.
tiofuiigen finden sicli bei GanjigräbiTn und auf de'U (iräbcrn der Steinzeit, aucli auf
Denkmälern späterer Zeit. In Schweden werden sie Alflivarnar «Mühlen der Elfen»
genannt. Daß sie wirklich für Opfer bestimmt waren, geht schon daraus hervor, daß
man heute noch in solchen «Elfenniühlen» opfert (Montelius, a. a. 0., S. 55). über
andere teilweise hierhcrgehürige Erscheinungen vergl. Forrer, Reallexikon s. v. Schalen-
steine, S. ()86.
Sicher scheint mir zu sein, daß die Vertiefung samt der Ausflußöffhung der Grab-
steine, welche Strzygowski oben zur Darstellung gebracht hat, mit dieser Einrichtung
der altägyptischen Grabopfertische in Zusammenhang stehen.
[st aber Vertiefung und Ausfluß eine bezeichnende Eigenschaft des Grabopfer-
tisches, dann muß man fra-
gen, auf welchem Wege solche
Tische in christliche Refek-
torien kommen, wie sie Strzy-
gowski vom Kloster Lawra
auf Athos S. 74 f. zur Darstel-
lung bringt. Der heidnische
Opfertisch wurde zum ^"orbild
des Altars und dieser zum Vor-
bild des Refektoriumtisches —
vielleicht war dieses der Weg.
Sehr gut denkbar erscheint
mir, daß gerade die Möglich-
keit, die Brosamen sauber vom
Tische zu entfernen, die Ur-
sache war, daß diese iTisch-
einrichtung, die ursprünglich
einen ganz anderen Sinn hatte,
sich Jahrhunderte, nachdem
jedes Verständnis dafür schon
erloschen war, noch erhalten
konnte. Strzygowskis Er-
klärung wäre also bis zu einem gewissen Grade richtig, sie erklärt die Erhaltung,
wenn auch nicht die Entstehung dieser Eini'ichtung.
Als ich Strzygowski diese Gedanken darlegte, riet er mir nachzusehen, ob nicht
auch in den «Ägyptischen und vorderasiatischen Altertümern aus den königlichen
Museen zu Berlin» sich derartige Opfertische fänden. Es ist dem in der Tat so und
ich bringe sie in den Abbildungen 19 und 20 zur Darstellung.
Über die erste Platte sagt der erklärende Text: «Opferstein des Meri-Ptah, Hohen-
priesters des Ptah; mit Ausflußrinne. Eine Opfertafel mit Broten verschiedener Art,
zwei Wasserkrügen, Schale und Töpfen, Napf mit Früchten, einer Gaus und Blumenstrauß.
Im Rande Widmungsinschriften. (Kalkstein.)»
In eine sehr viel spätere Zeit führt uns der zweite Stein. Der erklärende Text
sagt: <Opferstein mit griechischer Inschrift : Im Jahre 10 (eines Kaisers) we/lifc J'haisos
(dieses) der sehr großen Gütlui Isis. Im Mittelfelde: Ein Altar mit Broten, Blumen,
Abbildung V.K Äu-yptischer Totentisch. Nach «Ägypt. uml vorderasiat.
Altertümer aus deu königl. Museen zu Berlin», Tal'. 57.
Sprachlich -sachliche Probleme.
1S5
Früchten u. a. Zwei Wasserkrüge mit Blumensträußen und zwei \'ertiefungen in
Form von Namensrinfj;en. Vorn in der Ausflußrinne ein Frosch. (Schwarzer Stein.)»
Wie diese Tiscii|)latten aulgestellt waren, zeigen uns andere Bilder. Die Abbildung 22
ist der Tafel Vö des genannten Werkes entnommen. Es ist der Teil eines Türpfostens aus
dem Grabe des Hapi, (Uitcrvorstehers und Vorstehers aller Bauten eines Königs des
mittleren Reichs (etwa 2200 — 1800 v. Cln-.), Das Material ist Kalkstein. Der erklärende
Text sagt: «Der Tote sitzt vor einem mit Palmblättern gedeckten Tisch, auf dem
Fleisch, Geflügel und Früchte liegen. Über ihm die übliche Opferformel.» Ich )>rauche
nicht zu erwähnen, daß die Palmblätter bloß ans zeichnerischer Unfähigkeit hier
senkrecht gestellt sind und daß deshalb auch die anderen Gegenstände in der Luft
zu schweben scheinen.
Aus dem reichen Material der Berliner Sammlungen führe icli imr noch Tafel 21
Abbikliin? '20. Diissellie ebendaher.
.Vbliikhnig 21. Bosnisihes Baiie^fUiß.
M. A. G. Wien X.XXIV, ?. ItiT. Fif. 55.
an, die ich in Abbildung 23 wiedergebe. Es ist ein Kelief aus dem Grabe des Cha-
em-het, Vorstehers der Scheunen unter .Vmenophis III. (etwa 1400 v. Chr.) zu Theben.
Der erklärende Text sagt: «Er ist in altertünüicher Tracht dargestellt, mit Szepter und
Kommandostab, am Halse ein Amulett; vor ihm ein Wasserkrug und Blumen, die ihm
gespendet sind (Kalkstein)».
Was an dm Opfertischplatten technisch mir am meisten auffiillt, ist die Ausfluß-
tiHnuiig. Sie scheint mir nicht der Steintechnik entsprungen zu sein, sondern es will
mich bedünken, daß sie eher der Holzteelmik ihre schnauzenartige Gestalt verdankt.
Und in der Tat kenne ich aus Bosnien ein Ilolzgefäß, das seiner Form nach an die
Opfertische erinnert. Mein damaliger Zeichner R. Lischka hat es in der Tscharschija
in Sarajevo aufgenommen unil ich habe es M. A. G. Wien XXXIV, S. Ui7, Figur ."■•.'■>. zur
Darstellung gebracht; ich wiederhole die Zeichnung hier in Abbildung 21. Leider haben
Wörter uud Suchen. I.
U
186
Rudolf Meringer.
wir uns weiter niclits aufgemerkt, als dulA das Holzgelaß für Bäder verwendet wird und
die Kinne im Stiel zur leichteren Entleerung des Wassers dient. Es handelt sich wohl
um die rituellen Bäder der Moslini. Im (iibrauche haV>e ich diese Holzmulden nie
gesehen.
Ähnlichkeit mit den ägyptischen ()i)fertisehen (und den vertieften Sigma -Tischen)
hat der untere Teil der Pressen. Vergl. z. B. das allegorische Bild aus dem 15. Jahr-
liundert «Christus auf der Kelter» bei Lindet,
Les repr^sentations allegoriques du niouliu
et du pressoir, Rev. arch. XXXVl (1900),
S. 410, Figur 1. Ein Zusammenhang —
außer dem rein technischen — besteht aber
nicht. Ich erwälme den Umstand nur, weil
•Afe|E/?f
^y/MiM'
Ahhildung 22. Agj'ptisclies l^elief. Der Tote vor
dein besetzten Tische. A. a. O., Tat. 9ij.
Aliliihiung- 23. Ägyptisches Relief. Der Tote vor dem
Tisclie mit Blumen- und Wassergefäß.
man an alle Möglichkeiten denken muß (vergl. Abbildtmg 24).
Der Kultus der Toten ist auch bei den Indogermanen weit verbreitet und es
genügt hierzu, auf die Ausführungen 0. Schraders im R.-L. s. v. Ahneukultus zu
verweisen. Speziell auf Schraders Bemerkungen zum Leichenbegängnis des Patroklus
II. XXIII, 164, sei verwiesen (a. a. 0., S. 25). Rührend ist das Wort der ( 'ornelia, der Mutter
der Gracchen: nbi mortua cro parentahis milii d invocahis dcum parcidcni (Wissowa,
Religion und Kultus der Römer, S. 187). Bei den Römern führte der Brauch des Toten-
mahls aber auch zu großen Gelagen bei den Gräbern, worüber Daremberg-Saglio s. v.
parentalia zu vergleichen ist. Bekannt ist, daß bei dem triclinium funebre in Pom-
peji einige Teilnehmer vom Tode erreicht worden sind.' Vollkommen klar liegen d'e animi-
' Das pompejanische Triclinium funebre findet sich bei üverbeck, Pomiieji ', S. 278, wiedergegeben.
Mir steht leider eine andere Darstellung augenblicklich nicht zur Verfügung.
Sprachlich-saclilicbe Probleme.
187
stischeii Gedanken bei den Germanen vor; man gibt den Toten Speise und Trank mit ins
Grab; man veranstaltet Totenmahle am (irab, die zuerst den Seelen der Verstorbenen
dargcbraeht werden, an denen aber auch die Familie teilnimmt und später ein großer
Kreis von Ciästen. Je mehr Gäste, desto mehr Ehre brachte das Mahl dem Abge-
schiedenen. Nordische Qnelien berichten noch aus christlicher Zeit, daß der Tote zu
seinem Leichenschmause erschienen sei und daran teilgenommen habe (E. Mogk, Pauls
Grundriß II', S. 253).
Und diese Sitte des Leichenmahls lebt in verschiedenen Umformungen noch heute
bei Germanen und Slawen fort.
An so viel sei hier nur er-
innert, um den Zusammenhang
von Geräten und Gedanken her-
zustellen und zu tlera nächsten
Punkte überzuleiten.
Zu 4. Jeder Leser von Strzy-
gowskis Aufsatz wird sofort ge-
sehen haben, daß hier Tatsachen
von kulturhistorischer Wichtigkeit
besprochen ^verden. Und solche
Tatsachen müssen in der Sprache
irgendwelche Spuren hinterlassen
haben. Mich freut es, daß Murko
das Glück gehabt hat, eine von
diesen Spuren sofort zu finden,
wovon fr in einem später folgen-
den Aufsätze bandeln wird.
7. Deutsch Brüche.
Weil Jlriidc und BirtiK ver-
wandt zu sein seheinen und es auch
sind-, stellt sich wohl mancher
schdu die älteste Brücke als einen
über das Wasser gespannten Bogen vor. Das ist vollkommen unrichtig; solclie Brücken
gab es nicht. Flüsse wurden an Furten überschritten, besser gesagt, durchwatet. Der
ursprinigliche Sinn von IlrürJce ist «Prügelweg über sumpfigen oder morastigen Stel-
len».^ Das tertimn comparationis zwischen liiatir und liriich' ist nicht die bogenRirmigo
Gestalt, sondern die parallele Anordnung der Teile: Wie liei der Braue Härchen neben
Härchen liegt, so bei dem Prügel weg Stange neben Stange.
Oder Mast neben Mast (d. li. lvun(i>tamm neben Rundstamm), auch Bohle nebeu
' Dio VorUigo Villi Aliliildiiiij.' 'Jl- ^lalllnlt aus dem liortiis deliciarum der Ablissin Herrml ron
Ltnidsiifi-;/ ;t 1 !'.•■")). Icli vcnliuike «Icn Narluvois und dio l'li(ito;;rapliic .F. Strzy?owski und halte dieses
Hill! ;;(lira(lil, wi'il es iiltor ist als das vim I.indel repioduzioitc.
- Tor|i-l''alk, l'"i(k 111 ', S. -JSI.dio sich ülior die l'Vasio iiac li doui Zu.si»uuiit'nlian}:i> der Hodouluni:
iiidil auslassen. — lliii, Welfiand, .■>. .\un , nennt dio Hedeulunpsonlwieklune viin Braue und Brücke unklar. -
FalkTioii, 1). V. Pavidsen s.v./«-« und hnjijiii: — .A. Xoroen. I.,aull., S. l.'vi.
■' ilier sdlilie .Moorwe^e 11. Hirt. Dio Indtigennancn II, »WS. — O. Srlirader. R.-L.. S. lUf.
W
.Abbildung 24. Cliiistus auf der Keller.'
Nach dem hortus deliciarum der Heri-ad von Landsper^'.
1S8
Rudolf Meiinger.
Bohle. Solclie Holzwege gab es in iVüliereu Zeiten wegen der Boden beschaffenheit aui'
«Toßen Strecken und an vielen Orten, denn nur aui' diese Weise waren die Moräste
passierbar zu maehen. Einzelne dieser Brücken waren Tausende von Metern lang.
Solche sind z. B. in den Torfmooren der ehemaligen Herzogtümer Bremen X'erden zum
Vorschein gekommen.' Die Herstellung geschah entweder mit Bohlen oder mit
Kundknüppelu, manchmal zeigt auch eine und dieselbe Strecke beide Konstruktionen.
Kluge hat in den Engl. Stud.
XI,S.5] 1, Liebermann zugestimmt,
der ags. hri/ci/ian (siehe unten) mit
einen Bohlenweg herstellen» über-
setzte.
II) r ab im ihn Jakub berichtet,
daß er vor Prag eine Moorbrücke
von etwa zwei Meilen Länge i)as-
sierle.^ Auch eine holländische Ge-
sandtschaft, welche 1(315 von Keval
nach Moskau zog, nuißte ihren Weg
über eine solche Brücke nehmen.
Diese bestand aus runden Masten
von Tannenbäumen, welche in Moor
oder in fließendes Wasser gelegt
waren. Die Hölzer waren alt, manche
verfault, so daß Zwischenräume vor-
handen waren und die Masten beim
Betreten rotierten. Wir haben auch
ein Bild dieser Brücke und sehen
daraus, daß die Masten seitlich durch
Pflöcke gefestigt waren, so daß das
seitliche Verschobenwerden der Höl-
zer wenigstens im Anfange verhin-
dert war (vergl. Abbildung 2(')).
Die Frage ist, ob die ältesten
dieser Moorbrücken schon vor den
Römern vorhanden waren, oder ob
sie erst von den Römern gemacht
wurden. Das Wort Brikkc weist darauf hin, daß die Erfindung eine alte, schon vor-
römische war.
Russisch mostavaja bedeutet «Pflaster». Schrader hat gesehen, daß es die ur-
sprünglich mit Brettern überdeckte Straße l)edeute, und verweist auf mosh «Brücke»,
klruss. pomvst «Diele». Aber es wäre statt Bretter besser Stangen oder Masten zu
sagen, denn mostz gehört ganz gewiß zu Mad; und das, was eben über die aus wirk-
Abbildung 'ih. Ein V,.^ Kilometer lunger «Prügerlvveg
lehmigen Boden bei Lannacb in Steiermaik.
^ H. Müller-Brauel, Globus 1SÜ8, S. 23 ff.
2 E. H. L. Krause, Globus 1898, S. 25 fT. — Die Gescbiclitschreiber der deutsclien Vorzeit, 33 ^
S. 149: «Am Ende des Waldes ist ein Sumpf von ungefähr zwei Meilen über den eine Brücke geschlagen
ist bis an die Stadt Prag».
Sprachlich-sachliche Probleme.
189
liehen Masten liergestellte Brüeke von 1015 in Ingermannland berichtet wurde, stimmt
dazu vollkonunen. Damit soll die I'Lxistenz von Bohlenwegen in Rußland nicht geleugnet
werden und 0. Sclirader kann sicli dafür auf Gewährsmänner stützen. Aber der Name
mostai'dja kommt vom Weg, der nnt llundhölzern, wirklichen Masten, belegt war, nicht
von den Brettervvegeu.
Ich habe als 15jähriger .Junge den grenzenlosen Schmutz der Dorfstraßen in
Russisch -Polen gesehen. Wie oft ist unser Wagen bis zu den Achsen eingesunken!
Ein Prügelweg, der nichts weniger als ein Ideal ist, wäre gegen diese Wege noch immer
ein Segen gewesen.^
Das aksl. mosti, «Brücke» hat O. Schrader, R.-L., S. 115, als Lehnwort aus deutsch
Mast erklärt, was möglich und denkbar ist. Aber es kann auch Urverwandtschaft vor-
liegen. Wenn die beiden Wörter urverwandt sind, dann muß man 3Iast von lat. malus
abtrennen, wodurch die Wörter mit lat. / für d weiter zusammenschrumpfen würden-,
wobei ich darauf hinweisen will, daß auch soliimi nicht zu sf'drrc, sondern zu deutsch
Sal gehört. Die Sippe mast-mosU ist dann aus *mat-sto- entstanden und gehört zu lat.
mateola « Werkzeug
zum Einschlagen in
die Erde», aksl. mo-
ii/ka, ixgsjiKiftor« Spitz-
hammer», vgl. Torp-
Falk, Fick IIP, S.
305, 318. Eine mo-
derne südslawische
moi'ika habe ich M.
A. CJ. Wien XXXIV,
(1904), S.'löS, Fig.G2,
abgebildet.
Das idg. Wort für Braue zeigte einen Ablaut *bhreu, *hhrü, *hhruii. Vergl. ai. bhnis,
gr. cxppOq, aksl. bnvb, aisl. bni, ags. Jtrd'ir. ahd. brüiva.
Und in allen seinen Ablautgestalten bedeutet das Wort auch «Brücken, d. h. ur-
sprünglich «Prügelweg»: altgall. hrtra, aisl. und neunorw. bni, bulg. bncb «Brücke, Balken,
Klotz», kruat. brr •sBalken, Stegbrücke». Weiter hierher aksl. hnvino boKÖq «Balken^.
Über die slawischen Wörter Berneker, EWb. s. v. brui, 1 und 2.
Das germ. *bni(jju, das klärlich von demselben Worte herstammt, hat nur die Be-
deutung «Prügelweg, Brücke», aisl. brijggja «Schiffsbrücke, Kai», ags. hnjcxj, as. hniggia,
ahd. brucka. Vergl. auch ags. bri/cgian, mnd. bruggen «mit Steinen pflastern», eine Be-
deutung, die sich bei der fortschreitenden Technik aus der älteren, welche bloß «mit
Bohlen belegen» besagt, entwickelte.
Neben der Form %ri«ijo, die im Westgermanischen Konsonautengemination
entwickelte, erscheint eine Form ohne diese in Schweiz, briig'u von dessen Bedeutungen
gleich die Rede sein wird.
' Ich fuhr per Wagen von Lcniberjj bis in die Nähe von R.idom. süJlich von Warschau, und dann
von dort wieder per Wagen nach Krakau. Die Chausseen waren in Ru.<.<isch - Polen vorzüsrlich : was ich
sage, bezieht sich bloß auf die Doifwege. Mit IS .Jahren lernte ich die siUlungarischen We^-e kennen.
Über die vor der ö.-iten-eichi.-;chcn Zeil in Bosnien gemachten Slralien berichte icl> ein auderei Mal.
- l'\ Soninier, Handbuch, S. liC!.
Abliilduiig •ii'i. Ein Prügehve;,' in Ingermannland lül.5.
Nach «Globus. 1898, S. -m.
190
Rudolf Merineer.
Mau stellt mhd. brii(jii «Prügel» zu liriichc und die Bedeutungen würden aufs
beste stimmen. Doch liaben Falk-Torp, Ordbog s.x.ji^eil und prytji, dagegen geltend
gemacht, daß Priigcl durch Dissimilation aus ^j^higild- entstanden sein könne und dieses
die Al)lautform von ndd, plnjil, dän. phil, mhd. rhyil. aber Ifilö noch phhr/fl (siehe
Weigand-IIirt s.v.) sei.
Mir scheint die Zusammenstellung von J'riii/'jl mit Jirlickr noch immer die beste
zu sein.
Im oberdeutschen Bauernhause hat Brücke noch eine l)csonder(! Eiüwicklung
durchgemacht. Es bedeutete zuerst den Prügelweg neben dem Hause, den man an-
legte, luu trockenen Fußes vom Menschenhaus zu Stall und Scheune gelangen zu können,
das, was sonst in ihrer spä-
teren Ausgestaltung die (ired
heißt.' Dann erhielt ein Holz-
vorbau vor der Eingangstür
den Nameu Brücke. Auch
eine horizontale Bretterdecke
über dem Ofeu, die von dem
Ofengeländer getragen wird,
heißt OfcnpniLti und dient
als Bett. Solche Ofenbrücken
kommen auch auf Schlos-
sern vor.
hn Wigalois 74G8 heißt
es: frouice Ja fite itf einer
liöheii hyiiclce sa^, dajnie deJtein
linieke lag von betten tvart
(jrsliclitef, mit tepchni icnld hr-
rihtet. Man gibt an, daß auch
eine Lagerstätte neben dem
Ofen Brüche genaunt wird,
was ich nicht gehfirt habe. Beachte, daß hier von einer hnlii-n hriiel;e die Rede ist.
Auch die Bi'deutung «belege einen Weg durch Sumpfgründe mit Querhölzern»
ist im Mbd. nachzuweisen.- Wigalois (i768: eine sln'e^e, diu was <jehrnelcet idier
dir^ mos. Weiteres bei Schmeller -, Sp. 347.
Im >Steirischen heißt der Schlachtraum Selilatihmkn. Über die ursprüngliche Vor-
richtung, die diesen Namen begreiflich macht, ein anderes Mal.
JJriicl-e als Vorbau vor der Haustür. Vergl. das Haus, das J. Hunziker, Das
Schweizerhaus III, hrsg. von C Jecklin, S. 21ö, P^ig. 242, S. 2IG, Fig. 244, darstellt
(1 ist das hriie/r/li). Eine solche «Brücke» zeigt auch die Fig. 251, S. 219, daselbst. Auch
' So äulJfite jcli iiiicli in der Zls. f. d. öslerr. Gymnasien 1S93, S. 1.5. — Was ich damals sagte, scheint
diuTli den Trakt;it ße yesceadwisan yercfdii liiebermann, Gesetze der Angelsachsen I, S. 455, 13, bestätigt zu
werden, l'ntei- den Obliegenheiten des klugen Amtmanns wird hier besonders genannt: hettveox hnsan
hrict/an «zwischen Hiiusein zu pllastern», was sich wohl eher auf Prügelwege beziehen dürfte als auf Stein-
pflasterung. I<icberniaiin entsclieidet sich lür keine der beiden Möglichkeiten, aber ihm gebührt das Ver-
dienst, iiuerst an I'rüi-'elwege oder Hoblenwege, wie er meint, gedacht zu haben.
2 W. Möller, Mhd. \Vb. 1, S. ^26ß.
Abbildung '21
Ansseer Haus mit «Brückl»
Altausseer, S. 35!
Nach V. Andiiaii. iJie
Sprachlich -sachliche Probleme.
191
die Viehstände des Stalls lieißen hiiiffi, a.a.O., S. 144, Fig. 151 i, S. 169, 213, eine Be-
zeichnung, die von einem gedielten Boden herstammt. Chr. Ilauck berichtet', daß
sich in Api)eni'>ell an den Langseiten des Wirtschaftsgebäudes, das sich hier an das
Wohidiaus anleime, unter dem vorspringenden Dach ein laubenartiger geschlossener
Gang hinziehe, <'ljrii;ji ' genannt. Wenn Maaler 1561 Briige flir «Sehaubülnie» ver-
wendet, so ist das eine wohlbegreifliche Übertragung eines volkstüniliclien Wortes auf
einen Gegenstand höherer Kultur.
Über das ßriicid von Aussee habe ich'- und hat auch v. Andrian bericlitet und
Bilder gebracht' (vergl. hier Abbildung 27).
Als aus dem Hol/.prügelweg ein gepfla-
sterter, mit Steinen hergestellter entstand, be-
hielt dieser den Namen Brücke bei. Vergl.
ndd. sfcidiriiinir «Steinpflaster». Die unter
unserem Kultureinflusse stehenden Slawen
übernahmen dann das Wort im Sinne von
«Pflaster, Straßenpflaster»: polu. hnik da.ss.';
die Litauer haben hrhlcus nicht nur im Sinne
von «Stein brücke», sondern auch von Stein-
pflaster» übernommen. In früherer Zeit ist
hriiijis entlehnt wurden.
A. Bieleustein, Die Holzbauten und
Holzgeräte der Letten, S. 85 f., beschreibt das
Fundament einer Riege so: «Das Fundament
besteht aus einzehien größeren Feldsteinen.
Die Zwischenräume zwischen diesen sind mit
hineingewälzten Ilolzljlöeken
;efiillt, die
.Vlibililun;,' 28. Yogeseiiholzprügelwe?. -Nach Buch
iloi- Erfinrlungeu ISliS, Ei-gäiizHngshaiul, S. 17(1.
mit eingetriebenen Pia! den befestigt und dann
mit Erde von außen bis an den Grundbalken
beworfen sind. Ein solches Fundament nennt
man hnifjig.» Dazu bemerkt er in einer An-
merkung weiter, dieses Wort sei ein deutsches
und bezeichne eigentlich die Knüppeldämme,
welche früher durch die Moräste gescblageu
wurden, dann die chanssierten Landstraßen
und endlieh auch gepflasterte Straßen.
Es gibt noch ein anderes deutsches Wort für sKnüppell>rückes , das Kluge richtig
erkaimt hat, nämlich nuidd. spnJce. Er setzt es im Et. Wb. s. v. zu ahd. spali/io
«Reisig». Dazu sei lunierkt, daß auch das Reisig bei den Moorbrücken eine Rolle
spielt, denn sdion bei den ältesten linden sich Faschinen, dh. Rutenbündel, zum Aus-
stopfen der Zwiscbem-äume verwendet. Die Sippe des ahd. spaliho. mhd. sjyaclir «dürres
Reisholz» macht Schwierigkeiten, vergl. Torp-Falk, Fick 111', S. 506.
Eine besondere Art von Prügelwegen existiert im Gebirge. Mau legt sie an. um
" Chr. H:iiuk. Kiillingosi liu lile des deutschon Rauernhauses, S. ö;^.
- Verfasser. M. A. G. Wien XXll, S. 101; XXllL S. l.M. Fi?. lU); S. !.");>. fi;:. \M : ^. UM. Kii:, HO.
' V. Andrian, Die Allausseer, S. ;«— 1!7. — ' K. Heriieker, Kt. Wb. s. v. bruk; S. !>".».
192 Rudolf Meringer.
darauf mittelst ydilitten das Hol/, zu Tai zu schaliun; vergl. die AbliiUUing ^8. Das
Bild zeigt bloß den Schlitten luit den Personen auf dem Holzwege, die Holzschlittcn
außerhalb. Das war aber nicht das Normale: Der Weg ist für die Schlitten gepflastert,
nicht für die Ausflügler. Vergl. Buch der Erfindungen ISijS, Ergänzung.sband, S. 17ß,
mit Text S. ITf).
8. Lat. i>ons und seine Sippe.
Was wir liei Briklic gelernt haben, zeigt uns den Weg für die Bedeutungen der
Sippe von poiiii. Auch die Urbedeutung der darin vorliegenden Wurzel ist «Prügelweg».
Dann sehen wir sich daraus entwickeln «gehen», «Decke eines Gemachs oder Hauses».
Aus der ßeileutvuig gehen» entwickelt sich die von «finden».' Zum Verständnis be-
merke ich nur kurz, daß die primitive Herstellung der Decke eines Raumes in dem
Nebeneinanderlegen von Prügeln, Stangen besteht. Bei uns findet sich das noch in
Nebengebäuden und es kann einem z. B. im Dachbodenraum eines Stalles zustoßen,
daß man mit einem Fuß zwischen zwei Stangen gerät, wenn nämlich einzelne Prügel
durch Alter schadhaft geworden und ausgefallen sind.
Ich verweise auf Torp-Falk bei Fick HI ', S. 228, und ordne die einzelnen
Worter nach den Ablautstufen der Wurzel.
''■pciifh-. Got. fiHpun usw. «finden». Air. (■faim dass.
*poiitli-. Aksl. ;w/6«Weg»; aus der Sprache der Schifier mag es sich herschreiben,
daß gr. TTOVTO? eine Bezeichnung für «Meer» wurde. Hierher wohl auch die starken
Kasus des ai. pänfhcu (Nom. Sg.) «Weg».
Das Deuominativum davon hat eine reichliche Bedeutungsentwicklung durchge-
macht: ags. fdiidiuii «untersuchen», ahd. fundini dass., mhd. vanäen «besuchen», nhd.
fiihiiilcii. Vergl. auch ahd. fcinlo «Fußgänger», aisl. fantr «Diener, Bote, Strolch»,
letzteres aus *poiitliiiü-.
Im Lateinischen bedeutet pautcs mit oder ohne den Zusatz loufji einen Prügelweg
in sumpfigem Gelände.^
Tac. ann. I, 61: pranii/sso ('aeciiia, iit ocndUi saltnuin scntfaretur pontesqur et
agfjcres uniido palndnm d fullurlhus cuiiipis imponrrct , tiicedniü niacstos locos risii/jHr ac
memorid dcformix.
Tac. ann. I, 63: CarriiKi , (j/ii siinm militnu ditcrhat, iiioiiifns, qiKimqnam iiofis
itinerihus rcyirderefiir, pujdes loii(/iis quam mnti<rrime sitpvnire.
Caes. beil. Gall. VIII, 14: pont/bus pcdndc constrata larfiones traducit cderitcrqite
■in SHitnnam iilaiiHicm iugi perrcnit. Hier erscheint also die Verbindung pontihus conster-
nerc, was von den Prügeln des Moorwegs wohl gesagt werden kann. Ebenso erscheint
poufihns stcnicre bei Tac. anu. II, 6: midtac (sc. naves) iwntihna sfratae, super quas
foniwiita rcherentur, simul aptac frrmdis ciiuis ant commmtni. Es kann sich hier nur
um Verdecke auf den Schiffen handeln, welche eben in derselben Weise durch neben-
einandergelegte Prügel oder Bohlen hergestellt wurden wie die Moorbrücken.
Die Prügelwege scheint man, um sie ebener zu machen, öfter mit Erde bestreut
zu haben. Vergl. Liv. XXI, 28; B(dcm . . . a terra in amncm porrexerunt, quam . . .
pontis in modum humo inicda eondrarerunt.
' Vergl. dazu E. Lewy, V. Br Beiü-. XXXII, S. 143, Anni. i2.
« Forrer, R.-L., S. 1(X); Mitteil, des Vereins für Geschichte und Landesl;. von Osnalirüclv r.lU8, XXXII,
S. 317 ff.; Zentralblatt f. Anthrop. 1908, S. 3.J'J.
Sprachlich-sachliche Probleme.
193
J'oiilcs wird iiucli von den Tabulata dtr Türme gebraucht, offenbar deshalb, weil
ihre Herstellung dieselbe war wie die der Moorbrücken uml die der \'erdecke.
\^erg. Aen. IX, 530: iurris erat vasto mnspecfu et pontihiis altis
opijortuna loco summis quam viribus omnes
expugnare Itali summaque everfere opum vi
certabant, Trocs . . .
Aen. XIT, C75: funim, roinpadis trabihus <niuni cdnxerat ipse
sithdidcmlqne rotas pontisque instraverat (iltos.
Zu der Stelle Aen. IX, 170 . . nee no)i trepidi formiäine portas
rxphirant pontisque et propugnaeula iungunt
bemerkt Servius: ponfcs. qui fiunt in muris an-
gustior/bus, iif sif faeilior trunKttus ad divisas muri
partes;. Wenn die Mauern allzu eng waren, dann
wurden Brücken, Laufgänge an ihnen angebracht,
um alle Stellen leicht zugänglich zu macheu. Bei
breiten Mauern war das überflüssig.
Das Lateinische hat zu pons ein ponto und
pontoniuni entwickelt, über welche man Darem-
berg-Saglio, Dictionnaire vergleichen wolle. Nach
der Etymologie müßte das Wort zuerst ein Floß
bedeutet haben, es ist aber auch möglich, daß
von allem Anfange flache Schiffe, auf welcbc mau
gut eine Brücke legen konnte, so bezeichnet wurden.
Als eine Brücke in unserem Simie aufkam,
muß man sie wühl von den pontes, den Moor-
brücken-, unterschieden haben. So scheint sich
pons snblicius als Name einer auf Piloten stehen-
den, den Fluß frei übersetzenden Brücke zu er-
klären.
Ein germanisches Lilnnvurt aus lat. pons
poulcni veriiuitct Kluge, (Jrdr. I -, S. iUi), in ags.
punt, nnidl. jiimte, mnd. piDifc Im ags. bedeutet
punt caudex, trabaiia, pontonivuii und Schne|)i>er
vor ihm A. Pogatscher in QF. (JJ, S. 104. .Vuch nach meiner Meinung ist lat. jwifo
die Quelle der germun. Wörter.
*piitli. Hierher TTÜToq «Pfad», apreuß. jtintis v-Weg».* A'i. pafhds Gen. Sg. und pnihi-.
.Mul. I'uiiden «sich begeben» und ahd. funs «bereitwillig» (aus *ym^/(,sö-), vergl. fher ririsf
giuuisso funs ist, tlai.: flrise ist aber umuiahtie T. 181, (>.
Die ursprünglicbc Flexidu des Xomens war eine abstufende: Ndui. Sg. *j)'>ntJ<0{i)s,
Instr. l'l. "■■piitlii-bliis usw. Im (iriecii. wurde *TT6v>>iuq Gen.* ttövto^o? wegen der Erhal-
tung des Nominativ .s- in die maskuline w-Deklination überführt (ebenso wie die .\b-
lautform Träioq), weil ''npiu-^oq gegen die Einführung in das Schema von i'ipuu? Einsprache
' H. Scliiiop|)er, Die Niimeii dt-r SchilTe mul J^chiflsteile im .\lteniilischen. Eine kiilturgcsohichtlich-
etynn)luj,'isflie riilcrsiuhun{;. Dissertation Kiel 100^, t^. 47.
' E. Berneker, Die preuliisclie Sprache, S. 313.
Wörter \inO Siu'hen. I. 25
.Abhiliiunj,' -jy. Gedeckte Harfe ,ius Xölsch
im Gnillale (K.irnten.)
leitet es aus pontn her', wie schon
194
Rudolf Meringer.
To-tspruka
Tenne
erhob. In latein. ponti- liegt eine durchsichtige Kontaminationsibrin vor. Vergl. jetzt
A. ßezzenberger, Kuhns Zts., 42. Bd., S. 384.
Unsere Cruppe könnte mit idg. *pon «Sumpf», das durch got. faui «Kot», apreuü.
lyannean «Moosbruch», viw. an «Wasser» usw ' erwiesen wird, zusammenhängen, was mit
der Urbedeutung von *p('iith-, *ponth- sich leicht vereinigen ließe.
Bloß weil man die Bedeutungszusammenhänge nicht durchschaut hat, ist heute
noch niemand darauf gekommen, daß die Sippe von aksl. 2>'jf>'0 lacunar hierhergehört.-
Die im Slawischen überlieferten Bedeutungen fügen sich ohne weiteres.
So bedeutet slov. jKter «der Dachboden in einer Scheune», was so zu erklären
ist wie unser «Boden», der zuerst auch nur die Decke, dann den Raum darüber be-
zeichnet. ^;rf(T ist zunächst aus na pefni
«auf dem Boden» hergeleitet. Weiter finden
wir die Bedeutung «Dachboden der Getreide-
harfe». Der Plural jjrf^'t' bedeutet ein Bretter-
gerüst zur Aufbewahrung von Stroh oder
Heu in Stallungen, Scheunen und dergl.
Über die Getreideharfen habe ich in
den IF. XVI, S. 128 ff., gehandelt und ein
einfaches derartiges Stangengerüst abgebildet.
Man begreift nun ohne weiteres, daß man zwei
solcher Gerüste parallel zueinander stellen
und darüber einen Scheunenraum anbringen
kann, den zu tragen die Holz.säulen ausreichen.
Der Dachboden einer solchen Getreideharfe
heißt slov. ^Jd«-. Die Abbildung 29 gibt
davon eine Vorstellung, obwohl dieses Objekt
nur ein Dach , nicht einen geschlossenen
Raum zu oberst hat. Sonst bedeutet das
Wort peter noch «eine Stellage» (welche?),
ein Gerüst im Stalle oder auf der Tenne.
Im Poln. bedeutet pirtrv, pnatro «Stockwerk, Stufe», przotr «Speicher», im Russ.
jijatcrb, pjatra «Balken». Die anderen Bedeutungen kann ich nicht heranziehen, weil
mir die Kenntnisse der entsprechenden Sachen fehlen. Was für eine Gattung «Gerüst»
bezeichnet z. B. tschech. patro? Mögen uns hier die Slawisten, welche nicht bloß Bücher-
weisheit, sondern auch volkskvmdliche Kenntnisse besitzen, helfen!
Aksl. 2}ctro konnte deshalb lacunar bezeichnen, weil die Decke ganz nach Art der
Pi'ügelwege aus nebeneinanderliegenden Stangen gebildet war.
AV^ie nun J. R. Bunker in seiner Arbeit über das Köflacher Bauernhaus berichtet
(was auch V. v. Geramb bestätigt), heißt in einem Teile der Steiermark der Dachboden
der Scheune pfiLi (Neutr.).
M. Murko hat sofort auf die Nachricht von der Existenz dieses Wortes hin ge-
sehen, daß in dem päb (es wird mit hellem, nasaliertem a gesprochen) das aksl. prtro,
slov. peter steckt, von denen das letztere bis heute den Dachboden, dh. der Dach-
raum bezeichnet.
ptoU/ .r//~ _ — —
Abbildung 30. Eine Scheune mit einer in den
Dachraum führenden Brücke.
' Torp-I<^alk, Fick III \ S. 2-28. — - Miklosich, Et. Wb., S.339.
Sprachlich-sachliche Probleme.
195
Das Wort päh ist aus mehr als einem Grunde interessant. Vor allem ■wegen
seines Vokalisnius. Das slawische Mutterwort muß zur Zeit der Entlehnung einen
Nasalvokal vom Klange des französischen in gehaht hahen, denn nur aus einem so
gesprochenen pcter kann zur Zeit, in der deutsch hain (Bein) zu hä wurde, ein jnVo
entstanden sein.
Die Brücke, die in das puf.i fiilirt, heißt pStsprnl-n (vergl. die Abbildungen 30 — .32,
welche ich Herrn Dr. \'. v. (ieranib verdanke). Dort, wo die Scheune an einer Berg-
halde hegt, ist es nämlich möglich,
das Getreide mittelst der j iH.)pnihi
direkt in den Dachraum zu bringen,
von wo es durcli eine Bodentür (a
in Abbildung .30) auf die Tenne zum
Gedroschen werden heral)geworfen
werden kann.
Die Abliildung 30 stellt eine
Scheune, StihU genannt, vor. Das
Objekt steht in der Gemeinde Über-
wald bei Ligist in Steiermark. Der
Durchschnitt, den ich nach Dr. v. Gc-
rambs Skizze gezeichnet habe, erklärt
sich von selbst. Der unterste Teil,
der den Stall beherbergt, ist gemauert,
alles andere gezimmert, das Ganze
mit Stroh eingedeckt. Die folgende
Abbildung 31 zeigt die jKlf.ipriilii von
der Stirnseite, Alibildung 32 von der
Seite. Auf dem letzteren Bilde sieht
man auch die Tennl)rücke unter der
p(7t32^ndn.
Im Griech. bedeutet y^^P^^P"
«Brücke». Es ist, wie böot. ßdcpupa,
kret. beqpupa beweisen, aus *j'iehhnriji
entstanden und gehöi't zu aisl. hrcfja
«imtertauchen»' , ist also vielleicht
auch die Bezeichnung eines Trügel-
wegs, denn bei diesem wird das Holz wirklich ein- und untergetaucht. G. Schrader.
K.-L., S. 115, denkt wegen der schwanken Lautgestalt von Yt^piJpa «'i ^'i" Fremdwort,
wie andere vor ihm. Aber ich nuiß sagen, daß mir der Wechsel von t, ö, ß gerade
auf ein uraltes ertrlites Wort hinzuweisen scheint.
Wie lat. jiints den Prügelluxlen des Schitfsdecks und die Decke des Turms be-
deutete, .so heißt im Aksl. pcint lacunar. So lauge das griechische Hans mit einer hori-
zontalen Decke seinen Abschluß fand, ist auch diese aus Prügeln und Staugen herge-
stellt gewesen. Einen Beleg haben wir dafür in dem olleren Abschluß der mykenischeu
göttlich vorehrten Säulen.
' Tuiii-I'alk 111 ', .S. tior.
Abliililun^r ;!1. Die uliove Hriu-ko von vorn ^rcselioii.
196
Rudolf Meringer.
Das Löwentor zeigt über der Säule vier Prügelköpfe, die man nicht leicht anders
deuten kann denn als Teile eines Dachs über der heiligen Säule. Auf ein solches
Prügeldach weisen auch andere Darstellungen bin, wie man bei Evans sehen kann.'
Meine Abbildung 33 hier wiederholt das Bild von Evans, S. 158. Man sieht auf dieser
niykenischen Gemme in der Mitte die heilige Säule, über ihr neun Prügel, welche die
Decke andeuten, rechts und links von der Säule einen Greif. Die Figur 40 bei Evans,
S. 160, zeigt zwei Lagen von Prügeln übereinander angedeutet, was entweder l)I()I5
dekorative Verteilung ist, oder es hat auch solche Dächer gegeben.
Mit den Prügeln war aber das Dach noch nicht fertig. Sie scheinen auf Bohlen
gelagert und von solchen umgrenzt gewesen zu sein. Oben mögen nocli Rasenstücke
ihren Platz gefunden
haben. Man vergleiche
in bezug auf diese
Dachkonstruktionen
die Wiederherstellung
des lykischen Holz-
hauses, welcheG.Nie-
niann versucht hat.-
Das Dach, wel-
ches über den heili-
gen Säulen angedeutet
wird, führt zur Frage,
wie denn der Bau,
dessen Decke es war,
ausgesehen haben
mag. Ein Typus dieser
Bauten ist von E v an s ,
wie mich dünkt, niit
Sicherheit erschlossen
worden. Wir haben
nämlich Kultgeräte, welche solchen Heiligtümern nachgebildet sind, und sie zeigen uns
eine offene Halle mit flachem Dach, das von vier schlanken Ecksäulen und in der
Mitte von der heiligen Säule getragen wird.
Der eine dieser Gegenstände ist nach Evans, S. 114, Fig. 7, hier in Abbildung 34
dargestellt. In dem großen diktäischen Grabe wurde das Fragment eines Tisches
mit Schalen für Libationen gefunden. Die Abbildung zeigt die plausible Wiederher-
stellung des ganzen Geräts. Sehr ansprechend vermutet Evans, daß die Dreiheit der
Schalen der Dreiheit des Opfertranks für die Toten entspricht, wie es Od. X, 519 f. heißt:
TTpuJTa |U€XiKpt'-|TUJ, lutTeTTeiTö. bt i'ibei oi'vuj
Tö xpiTOV au&' übati.
Insofern als es sich bei diesem Tische um ein Totentrankopfer handelt, tritt er in
Beziehungen zu den obenerwähnten ägyptischen Tischen.
' A. J. Evans, Mycenaean free and pillar cult. Hell. stud. XXI, S. 158, 160.
" Benndorf-Niemann, Reisen in Lykien und Karien, S. 97, Fig. 53, von mir wiederholt in den IF.
XIX, S. 417, Fig. 1(). — Bei E. Drerup, Homer, findet man die Abbildung von bemalten Tenakottapleilern
aus Knosos. Jede trägt zwei Prügel, auf denen eine Taube sitzt.
Abbildung 3:2. Die obere Brücke von der Seite. Lntun die Teiinliiücke.
Sprachlioh-sachliflie Probleme.
197
Aber seine Gestalt ist die Naclialiniunt^ eines Säulenlioiligtums, wie Evans richtig
gesehen hat. Evans stellt noch einen kleinen Kaiksteinaltar dar, der ebenfalls ein
solches Heihgtum nachahmt. Seine Figvir St auf S. II ä wiederhole ich hier in Ab-
bildung 35. Das Objekt ist Sandstein und stammt -aus der Cyrenaica. wurde von dem
Konsul Dennis in ßengazi erworben und ist jetzt im Britischen Museum. Die näheren
Fundumstände sind nicht bekannt. Auf der Decke zeigt dieser «Altar» ein Behältnis zur
Aufnahme eines Opfers, vielleicht auch zum Auflegen der Scheiter für ein Feuer.' Auf
weitere Spuren dieser Art Heiligtümer hat Evans, S. ] IG, hingewiesen. Besonders
wichtig ist seine Abbildung (S. IGl, Fig. 41) eines- kretischen Steines: Zwei Löwen
stützen sich auf das von vier Säulen und einem Baelj'l getragene Dach eines solchen
offenen Heiligtums.
Man könnte nun die Stelle II. I, 39,
Zfiivöeö, ei TTOTe toi x«P'£vt' tiri viiöv epeipa
auf die beschriebenen Prügeldächer beziehen.
Dagegen ist aber folgendes zu bemerken.
Wie der griechische Handwerksaus
druck für diese Technik des Prügeldachs war,
wissen wir nicht: epecpeiv kann es aber nicht
gewesen sein. Zudicsemgehörtopocpn «Decke»
und öpoqpoq «Rohr». Wegen der letzteren
Bedeutung könnte schon von einem Flach-
dache bei epecpeiv -öpocpn keine Hede sein,
denn Rohr ist bei einem Flachdache höch-
stens zum Dichten zu verwenden, in Ver-
bindung mit Moos, Erde und dergl.
Aber auch die weitere Etymologie zeigt,
daß epeqpuj-öpocpii nichts mit einem Flach-
dach zu tun haben, denn es hängt mit diesen
Wörtern ahd. Iiirnircla, mhd. Iiirnrchc «Hirn-
schale» zusammen und weiter Hippe und seine Verwandten.'- Das läl.it nur den Gedanken
an ein Satteldach zu. Dieses liatte geringe Steigung, wie die griechischen Tempel zeigen.
bot aber trotzdem das Bild einer Schädeldecke, wenn die Eindeckung vollendet war,
oder, wenn die Sparren noch freilagcn, das Bild der Rip[)en des Brustkorbes dar.
Bei den besprochenen Heiligtümern war also die verehrte Säule oder der verehrte
Strunk auch ein konstruktiver Teil (vcrgl. Abbildungen 34 und 3ö) des Baus, nicht bloß
der Kultgegenstand.
Das erinnert an die nordischen, heiliggehaltenen pmhrfiissiihir, von deren Doppel-
natur R. Much dasselbe (ol)en S. 40) sagt. Nur waren diese weiter auf dem Wege
zur plastischen Darstellung der Gottheit, indem in sie bereits Thorbilder eingeschnitzt
waren. Vergl. IF. XVIIl, S. 257 Anm., XXI, S. 3()1, L. Dietrichsen und H. Muuthe,
Die Holzbaukunst Norwegens, *S. 104. Der ungarischen Iiodig-mii/ii' hat R, .Mucli
oben S. 40 schon gedacht.
.\l)hil.liuii;
.Mykciii.sclie (ifiiiiiic i' ii. X:uli Kvan-.
S. l.JX.
■ Almliche Viuiicliliiiijjon zoiijcii <lio aiilikon .Mläre öfter.
- Tiirp-l'';ilk, Fii-k IIP, S. :!;)8. — Kalk-Torp. El. Oli. s. v. riW«-. Den hier angononimenen Zu-
sammenlum^' mit nif't hat Torp in Fiik III, S. 3:jS, auffegehen.
198
Rudolf Meringer.
Es ist R. Mucli nicht entgangen, daß aucli die sächsisciie Irnniis/U aus solchen
Zusannnenhängen Licht empfängt, und auch in (he liier thu'gelegten weiteren Znsammen-
hänge gehört sie wohl herein.
Erst nach Abschluß dieser Arbeit habe ich den großen Aufsatz von A. Thümrael
in Paul-Braune, Beitr. XXXV, S. 1 ft'., über den germanischen Tempel einsehen können.
Ich hebe eine Stolle aus (S. 115 f.): sEs muß dahingestellt bleiben, ob man sich die
Irmensäule als einen 'künstlich aufgerichteten, mithin am Fuß verstümmelten, ül>er der
Wurzel abgehauenen Baum, einen mastbaumartigen, hölzernen Schaft" zu denken hat
oder als einen lehemlen, an Ort und Stelle gewachsenen Baum. — Diese vielleicht mit
einem Götterbild geschmückte Säule erinneit deutlich an die für den nordischen Tempel
charakteristischen ijndvcfiisxi'ihir. Vermut-
lich besteht zwischen beiden ein inniger
Zusammenhang.»
Zwei Wörter von liohem kulturi'llen
Inhalt hängen mit dem Stamme ^poiitJtoi-
zusammen : lat. pontifcx und — wie ich
glaube — griech. TTooeiöuüv. Wegen des
letzteren verweise ich auf meine Kombi-
nationen in BB. XVI, S. 2.S2.
Wie Pflock- und Baumkultus neben-
einandergehen, so finden wir auch ver-
ehrte Bäume in der Mitte von primitiven
Tempeln. Radioff berichtet von den
Altai-Türken, daß sie, wenn sie dem
Tengri opfern, eine Jurte aufstellen, aus
deren Mitte eine belaubte Birke mit ihrem
Wipfel aus dem Rauchloche herausschaut
(vergl. oben S. 41). R. Much hat an diese
Nachricht die Frage geknüpft, ob hier der
Baum selbst als Kultobjekt eine Rolle
spielt. Ich möchte diese Frage, die Much wohl selbst bejaht, elienfalis so beantworten.
Die mykenischen Darstellungen bieten Seitenstücke zu dem Brauch der Altai -
Türken. Man vergleiche die Abbildung 36, welche Evans, S. 177, Fig. 53, entnommen
ist. Ein Frevler reißt einen Baum aus, der in einer tempelartigen Umhüllung war,
und in dieser muß man sich den Vorgang denken. Der Baum überragte nur mit
seiner Krone das Dach des Heiligtums. Die Frauen entsetzen sich über die Tut des
Verruchten. Die Abbildung 38 (nacli Evans, S. 1S5, Fig. 59) zeigt ein ebensolches
Heiligtum. In einigen Fällen finden wir aber PHock- und Baumkultus nebeneinander,
so schon in der Abbildung 30. Hier erscheint in der ToröiTnung oder zwischen den
offenen Säulen ein verehrter Pflock von mäßiger Höhe. In yVbbildung 37 (nach Evans,
S. 182, Fig. 55) steht dieser Pflock in der offenen Halle, augenscheinlich unmittelbar
vor dem heiligen Baume und reicht bis zum Dache wie die Kultobjekte der Abbil-
dungen 34 und 35.
Die Versuche, die mykenischen Pflock- und Bauraheiligtümer (Abbildungen 39
und 40) zu rekonstruieren, sind von mir selbst gezeichnet, von dem man leider nicht
Abbildung .S4.
tiaetyüsclier Upfertisch. ßesl.Tuiicrt
Nach Evans, S. 114.
Sprachlich-sachliche Probleme.
199
sagen kann i^ö In'- laiohi condd. Bei der Abbildung 39 schwebte mir Aljbildung 35 vor.
Die Ecksäulen liabe ich auf Feldsteine gestellt (was ich in Bosnien oft gesehen liabe),
zwischen Dach und Siiulcn IimIic icli ein Stück Bohle gelegt. Das Dach besteht aus
Prügeln, die von Bohlen /.usainniengehalten werden. Oben ist eine Schicht Erde zu
denken. Wegen des Dachs und der Säulen vergl. das Bauernhaus von Mazcndcran
bei Perrot-Chipiez, Histoire de l'art, Tom. V, S. 498. Vergl. auch E. deZichy,
Voj'ages au Caucase et en Asie centrale, I, Taf. LIX, LX, LXI, LXIir. Man sieht hier,
wie die Prügel der Dächer gelegentlich durch behauene Balken ersetzt werden, die dann
in Intervallen gelegt werden, was die nächst höheje Kulturstufe bedeutet. Wegen
der Säulen mache ich namentlich auf Taf. LXIII aufmerksam. Bei Abbildung 40
habe ich mich an Abbildung 36 gehalten.
g. Zum verehrten Pflock.
Die von K. Much oben S. 39 zitierte Stelle Hä-
vamäl 48 (B. 49) hat noch ein anderes Interesse für
sich in Anspruch zu nehmen. Sie lautet vollständig:
Uäpir mhinr
f/af ck nein at
tncini frrDiiiinxjiti.
rekJcar Jxit iHittia,
er ßeir riß hofpiß:
nciss er noM-nlpr l/alr.
H. Gering übersetzt:
Zwei hölzernen Bildern auf der Heide draußen
weihte ich mein (iewand;
in den Lumpen glichen sie k'il)haften lMen.-;chen,
der Nackte gilt für nichts.
Dieses Behängen der Holzmänner (trcmapr) erin-
nert an einen ähnlichen griechischen Brauch. Wir
haben Bilder von Hermen, die ebenfalls mit Gewändern
behangen erscheinen.' Hier wie dort ist das Bekleiden
ein Opfer; einen S])aß zu machen, lag dem nordischen
Fahrenden vollkonnnen fern, im Gegenteil, die nackte
Säule erscheint ihm miwürdig.
Die Ubereinstimnmng gewinnt dadurch eine gewisse Bedeutung, weil die Hermen
den Übergang vom göttlich vereinten Pflock zu einer bildlichen Darstellung der Gott-
heit zeigen. Vergl. IF. XXI, S. 301; XVIII, S. 281; XVII, S. lliö. \'ielleicht stellen
uns die nordischen \Vörter fräiiaßr und shnrpgop (geschnitzter Götze) verschiedene
Stufen der bildnerischen Entwicklung vor.
In dem Bestreben, möglichst viel Material zur ganzen Frage zusammenzutragen,
notiere ich Forrer, Reallexikon, S. 561, wo ein prähistorisches Bild eines auf einem
Wagen stehenden kegelförmigen Götzen von einer Odeuburger \'ase wiedergegeben wird.
Vergl. auch Forrer s. v. Grabphalli.
' Ich verweise beispielshalber auf Forrer, Heallexikon, S. 35."), wo ein mUii.'urit'es S<-halenbilJ wieder'
gegeben ist: Mädchen tanzen und musizieren vor einer bekleideten Dionysusberme.
.Uihilduii^' oö. Ijacl) ii.sclier .\ll;ir.
Xach Evans. S. 115.
200
Rudolf Meringer.
Alibilihiiig ;iO. Mykeiiischer Goklsiegelring (^/i). Nach Kvans
S. 177., Fie. 53.
Icli verwci.se nucli aul' die hölzernen Klötze, denen hei tlen Saniojedeii geopfert
wird. Vergl. Zentralhi. f. Antl)r.iiioi. (1908), XIII, S. 34:-5. Aucli der Aufsatz von
Tli. Bloch, ('l)er einige hildliehe Darstellungen- der altindischen Gottheiten, ZDMG.
(j2. Bd., S. ü48 ti'., ist niciit zu übersehen. Zu seinen Bemerkungen über vom Meere
angeschwemmte Pfähle vergl.
IF. XVIII, S. 257 Anm.
Zu dem Thema, das R.
Much speziell behandelt hat,
ist jetzt auch W. Prellwitz,
Kuhns Zts., 42. Bd., S. 91, zu
vergleichen.
Gegen Torp-Falk, Fick
IIP', S. 489, möchte ich hervor-
heben, daß lit. sti(fjHts, aksl.
sthph keineu Grund zum An-
sätze eines idg. *stelp bieten,
sondern aus dem Deutschen ent-
lehnt sind. Zu lit. sfntpas ver-
gleiche noch Bezzen berger,
Beiträge zur Geschichte der
litauischen Sprache, S. 327. Das
alte bodeustiindige slawische Wort liegt
in russ. sfulbh vor.
Die Sippe von Sfitlj} stülpen bedarf
noch näherer Untersuchung. Das Hol-
ländische hat ein Fem. stülp sfolp, das
auch «Herddeckel» bedeutet. Leider
m / finde ich keine genaue Angabe über
''HQ-' '^^6'! Gebrauch dieses Gerätes, so daß
mit dem W'orte vorläufig nichts anzu-
fangen ist. Kluge'' s.v. nennt es einen
«Dämpf-, Schmordeckel», was der ur-
sprüngliche Sinn des Wortes nicht ge-
wesen sein kann.
Ich bin in meinen Studien über den verehrten PHock mehrfach auch auf die
Grabpfähle eingegangen, vergl. IF. XVII, S. 16G; XIX, S. 445 f.; XXI, S. 298,
Ich kann nun zu meiner Freude konstatieren, daß A. Bezzenberger schon 1874 in
den Mitteilungen der litauischen literarischen Gesellschaft II, S. 24 ff., einen Aufsatz
veröffentlicht hat, der über Grabkreuzformen handelt und wichtige Nachrichten bringt.
Bezzenberger berichtet zuerst, daß bei den Litauern strichweise die Gräber der
Männer von denen der Frauen verschieden gekennzeichnet werden. Die ersteren er-
halten ein gewöhnliches -|-, die letzteren ein Kreuz mit einem Dache ^. Diese
letztere Form ist auch bei uns sehr häufig, aber mir ist nicht bekannt, da'5 sie zur
Charakteristik des Geschlechts der Toten verwandt wird.
Auffällig ist auch, daß das Grabkreuz nicht eine feste Stelle hat. Es kommt
.\liliilcluiij,' :17. Mykeiiischer (joldsiei^elrini;: ('/i).
Niicli Kvan^, S. IS^, Fii,'. Tw.
Sprachlich-sachliche Probleme.
201
ebensowohl zu Häupten wie zu Füßen der Begrabenen vor, was auch vom Lande der
Letten gilt, worüber A. Bielenstein, Die Holzbauten usw., S. 182, berichtet. Ob ein
Unterschied der Grabkreuzform in bezug auf die Geschlechter sich bei den Letten irgend-
wo nachweisen lasse, konnte A. Bielenstein nicht in Erfahrung bringen. Aber für
Westkurland berichtet er, daß dort für die Grabkreuze männlicher Personen Eichenholz
genommen wird, für die Weiber wurde auch anderes für gut genug gehalten (dazu
auch Mitt. der lit. lit. Ges. II, S. 336).
Der Aufsatz Bezzenbergers regte A. Kurschat an, einige Bilder von litauischen
Grabzeichen — von Kreuzen kann man nicht reden — zu veröffentlichen (a. a. 0., S. 382,
und die Tafel dabei). Besonderes Interesse verdienen hier die kreisförmigen Grabhölzer
(3a, 3c), die in ganz unverkennbarer Verwandtschaft mit den bosnischen Grabsteinen,
welche ich in den SBAW. Wien 144, VI, S. 55, dargestellt habe, stehen. Ähnliche Grab-
cippen sind aus Pompeji bekanntgeworden, so der Hermencippus der TycAe (Overbeck ,
Pompejis S. 288), dessen auch A. Bezzenl)erger, a. a. 0., S. 27, gedenkt, und die
entsprechenden Grabsteine der Familie Ida-
(7(//rt (Overbeck, a. a. 0., S. 282). Ich werde
auf die Sache bei Gelegenheit ausführlicher
eingehen.
Es sei mir im Anschlüsse an diese Be-
merkungen erlaubt, einen Einfall mitzuteilen,
den man deshalb entschuldigen mag, weil
es der Wissenschaft bis jetzt noch nicht ge-
lungen ist, in der Sache irgend etwas Be-
friedigendes zu ermitteln.
Der zweite Merseburger Zauberspruch
beginnt:
Tlidl riid<' Uiiodan vuonm ^i hoha.
du uuarf d<nto lialdrrcs voloii shi mos
liircnl'if.
Über l'hol hat noch Niemand Auskunft
zu geben vermocht. Nur darüber scheint
die Mehrzahl der Forscher (vergl. Mogk in
Pauls Grundriß IP, S. 324) sieh klar zu sein,
daß l'/iol niemand anderer als der gleich darauf genannte Haider ist.
Von lUdiln- habe ich nun, ob mit Recht oder Unrecht, wegen der scheinbaren
Wortzusammenliänge angenommen, daß er ursprünglich in PHockgestalt verehrt wurde
(.IF. X\'lll, ö. 285)\ worüber man nicht sehr erstaunt zu sein braucht, denn nach
Evans (a. a. 0., S. 113) ist sogar Zeus in Gestalt eines Pfahls oder einer Säule dargestellt
und verehrt worden, ein Seitenstück zum .luppiter Tigillus (tignum der Balken).
Abbildung 38. Mykenisches Siegel aus Speckstein
('/,). Nach Evans, S. 185, Fig. 59.
' Yielleiclit ist iIms Worl in seiner urspriinylichon Bedeulunj; noch in Spuren in den romanischen
Spriiclien erhallen. J. Cornu crziihll mir, daß ein Prügel der Holzwege im Waadtlande haudcron g^>nallut
wird (aus *buhl(ron-). Er verweist mich auch auf Mis'tral, Trfeor dou feiihrige: Mmli-on boudrvii . . .
piece de bois qui supporte uu iSchaffaudage de ma(;on. Im Katalanischen bedeutet /«i/rf<! ikwvus pessulus,
span. alilabilla. Halilö, de fusla per cantar las portas. lineslras, span. taravilla, obex. Es fuhrt also der
Hülzriegel zum Verseldieljeii der Türen und Fenster diesen Xamen.
Wörter und Sachen. I. W
202
Rudolf Meringer.
Diiuu läge es nahe zu IVageD, üb l'hol uiclit aus lat. ludns eutstandeu sein, alsu
eigentlich identisch mit unserui Worte Pfahl sein könnte. Lernten die Römer in Deutsch-
land einen solchen göttlich verehrten «Holzmann» kennen, daun mußte es ihnen nahe-
liegen, ihn ■paJus zu nennen, wie der Pfahl hieß, an dem der Gladiator statt eines
lebendigen Gegners seine Künste übte (vergl. das Phantom auf dem Bilde, das dem
Artikel gladiatorrs hei A. Rieh beigegehen ist). Ja es scheint mir sogar nicht ausge-
schlossen zu sein, daß paJus bei den Römern eine dämonische Bedeutung im Volksglauben
gehabt hat, worauf die Stelle cxcrceamur ad pahtiii (Sen. ep. 18, lÜ) «wir müssen uns
gegen die Angriffe des Geschickes gefaßt machen» hinweisen könnte.'
Aber die Form Fhol ])aßt nicht genau zu pfdns. Ist das Wort sehr früh entlehnt
worden (als altes (7 auch
nochgerm. ii war), dann
müßte daraus *J'fi(ol
geworden sein. In
späterer Zeit entnom-
men, müßte das Wort
so lauten wie unser
I'f'aJd ; vevg\.raUof;, qiios
diclmus phali Stein-
meyer, Ahd. gl. II,
726 z. 26.
J. Grimm hat in
der Mythologie, S. 206,
die Ortsuaraen mit
P/b?-, FfaJ- zusammen-
gestellt. Vielleicht läßt
sich l'hol als eine dia-
lektische Form auffas-
sen (vergl. J. Franck,
Altfränk. Gramm. ,§45).
Vergl. auch Folgrahe
bei Er. Alberus 1540
(Kluge, Wb. s.v. Pfahl-
graben).
Ein Fholrspiuiit
«Pfahlsbeuud» wäre ein trefflicher Name für einen Ort, der eine «Beuude des Pfahls»
besaß, einen eingehegten Raum mit einem Pfahl in der Mitte.
Daß Fhol in dieser Deutung gut zu den lit. Pfahigötzcn sfähai und zu den (wie
auch Much oben S. 40 annimmt) aus dem Deutscheu entlehnten stutpal stimmen würde,
versteht sich von selbst. Zu der Geschiclite der Lehnwörter ist es besonders hervorzu-
heben, daß die Litauer das Wort stutpal aus dem Deutschen entlehnt haben, obwohl die
Sache ihnen gewiß nicht fremd war. Damit wird auch der Einwand, daß die Deutschen
für ihren Gott wohl kein Fremdwort gebraucht hätten, hinfällig.
Das Germanische hatte ein Wort, das nach Form und Bedeutung an lat. pfdus stark
' Exerceamur ad pahim et ne inipiirolos fortuna deprehcinlat, fiut nohis /laiijx'rtan famiUaris.
AbljilJuiiu' 3'.). Versuch der Rekonslruktion eines mykeiiisclien
riUlillieiligUiiiis.
Sprachlich-sachliche Probleme.
203
anklano; untl das keiner Entlohnung verdäclitig ist, vcrgl. ndd. fries. ^ja?, pall «unbe-
^veglich, steif, fest, befestigt». Im Hulläiidischen sagt man pal sfaan '^standhaft sein»,
ieinand pal zetten »einen zum Schweigen bringen». Die Bedeutung dieses Adjektivums
sowie seine Verwandten ai. häla «Kraft, Stärke», aksl. lolijb «größer>, lat. debilis «schwach»
weisen auf die Existenz eines Substantivuins von sinnlicher Bedeutung, etwa «Pfahl,
Pfosten», hin.'
Und ein solches ist im Germanischen auch belegt. So vor allem in der Redens-
art holl. cn/rns te pal
lomcn «irgendwo übel
ankommen», nfries. tu
pul Icem, ndd. sliin to
palle kamen (J. ten
Doornkaat Kool-
m an n , Wb. der ostfries.
Sprache, IT, 695). In
dieser Redensart liegt
ganz klar die Bedeu-
tung «an einen Pfahl,
Stock anrennen» vor.
Spezialisiert tiodet sich
das Substantivum im
Sinne « Sperrkegel oder
SperrhakeH an einer
Schiffs- oder Wagen-
winde» , ostfries. pal,
pall, ndd. pall. palle;
auf dit'sen Gegenstand
ist das so viel ältere
Wort natürlich erst
später übertragen wor-
den , seine ursprüng-
liche Bedeutung muß
eine andere sein.
Vor der Entleh-
nung von pälus hatten
also schon die Deut-
schen ein Substantivum
von nanz ähnlicher Ge-
stalt inid Bedeutung. Es wäre nicht ausgeschlossen, daß Phol mit dem germanischen
Worte zusammenhängt, aber wir kommen damit sachlich auf dieselbe Erklärung wie
mit der Annahme eines Lehnwortes.
Abbildung 40. Versuch der Rekonstruktion eines mykenischen Heiligtums
Ptlock und Baum.
mit
» Vergl. Uhlenbeek, Paul Braune. Beilr. XVIII, S. -24-i; Walde s. v. debüis; Torp-Kalk, Fick IH '.
S. 218; Falk und Torp, Norw.-däu. clym. Wb. s. v. pal und ;i.W: J. Franc k. El. Woorilonlniefc s. v. i>al.
über die ^'crnianischcii Refle.xe von palus: alul. pfiU, mndl. ;kic/, a fries. 7*/, ags, päl vergL Kluge. Pauls
Grundrili I -, S. 34:!.
204 Rudolf Meringer.
Mit pal könnte auch anord. ^;aZ?r «Stufe längs den Wänden-/^ (zum Sachlichen
Gudmundsson, Privatboligen, S. 180) zusammengehören; Falk-Torp, Norw.-dän. etym.
W'b., meinen, daß es möglicherweise aus dem Russischen entlehnt ist (aksl. 2>oh, polica),
was mir weniger wahrscheinlicli ist.
lo. Schlußwort.
Ich bin auch jetzt noch nicht imstande, zu allen Kritiken meiner «Wörter und
Sachen» betitelten Aufsätze Stellung zu nehmen. Nur auf die Bemerkungen eines
Kritikers möchte ich heute schon eingehen, weil sie mich vom Standpunkte der Methode
interessieren.
F. Skutsch ist im Jahresber. f. rom. Philol. VllI, I. 53, gegen meine Erklärung von
lex aus legere, also «Bindung» aufgetreten, was nach Skutsch zur wirkliehen Be-
deutung von lex sehr übel stimmt. Er selbst nimmt an, daß lex «die Lektüre», «das
Gelesene» bedeutet.
Für lex sind zwei Erklärungen möglich:
1. Die Annahme der Verwandtschaft mit lef/li «liegen». Dann wäre lex «das
Niedergelegte», «Festgelegte», ursprünglich wohl ein Bauausdruck. Aisl. Igij gehört sicher
zu leyh. Unerklärt bleuet bei dieser Annahme das -g- von liyis.
2. Die Annahme der Zugehörigkeit zu legere «zusammenlesen». Der Begriff des
Zusammen ist in legere genau so enthalten wie in lesen, das wir fast ausschließlich von
mehreren Dingen oder Teilchen, die vom Boden aufgehoben werden, gebrauchen. ' Da-
nach wäre lex «die Bindung». Ob das äußere Symbol dieser ursprünglich privaten Ab-
machung der Handschlag oder sonst etwas war, ist für mich eine Frage von sekun-
därer Bedeutung.
Sowohl ler/ere wie lesen haben die Bedeutung «Zeichen verstehen» angenommen.
Beim deutschen lesen ist die Herkunft klar, es bedeutete zuerst einzelne mit Runen
beschriebene Stäbchen auflesen und ihren Sinn zurechtlegen. Man kann wohl an-
nehmen, daß sich der Bedeutungsübergang von lat. lego (von «auflesen» zu «Ge-
schriebenes lesen») in derselben Weise vollzogen hat. Der Sinn des griech. \tfw ist der
des Sammeins und dann des feierlichen, gehobenen Redens, was auch aui' einen Brauch
hinweist, der dem Germanischen entspricht, denn das Lesen der Runen geschah in ge-
hobener Rede.
Es ist also nicht richtig, wenn H. Usener in einer .später noch zu besprechenden
Rede sagt: «Nur ein Lobeck konnte in der Redensart üveTXev 6 deöq die Tatsache
durchfühlen, daß auch für das Delphische Heiligtum das ursprüngliche Mittel, den
Willen des Gottes zu erkunden, das Aufheben von Losstäbchen war».^ Wer die Be-
deutungsübergänge richtig besehen gelernt hat, der kann eine umfassendere Antwort
geben: Die Bedeutungsentwicklung, welche lat. legere, und die, welche Xefeiv durchge-
macht hat, beweisen, daß die Latiner und die Griechen einstmals auf dieselbe Weise
den Willen der Götter erforschten, wie es uns der große Tacitus von den Germanen
berichtet! Und was Xe-feiv und legere durch ihre Bedeutungsentfaltimg zeigen, wird durch
Ypaqpuj, das unserm kerben entspricht, und durch die Verwandtschaft von scribo, das zu
OKapicpäoiaai «kratze, ritze» gehört, vervollständigt.
' Paul, Würterlj. s. v., sagt: «Gemeingerm, ist die Bedeutung Zerstreutes nacheinander nelimen und
zusammenlegen». — - 0. .Sclirader, Reallexiiion s. v. Los, S. 507.
Sprachlich-sachliche Probleme. 205
Doch von solchen Dingen spricht Skutsch gar nicht; ihm ist lex ganz trockene
«Lektüre» und da mache ich ihm den Vorwurf, den er mir zu machen sich verpfiiclitet
fühlt: Er hat es für gänzlich überflüssig gehalten zu fragen, ob es denn antikem
Brauche entspräche, das Gesetz als das «Gelesene» aufzufassen.
«Der gemeine Mann wird in Gortyn in alter Zeit schwerlich viel andere
Lektüre gehabt haben als sein Zwölftafelgesetz. Wird es in Rom viel anders gewesen
sein?» Ich bin mit Skutsch einverstanden. Ich glaube sogar, daß es in Gortyn wie
auch in Rom sehr viele Analphabeten gegeben haben wird.'
Wenn die Gesetze von sich selbst oder von anderen Gesetzen reden, dann sagen
sie m. W. nie, «wie Ihr gelesen habt», sie sagen nur, «wie geschrieben ist».
Vergl. Is. V. Gortyn VI, 14: ak\ai h eTpaT[Ta]i ai xaöe tu -fpauiiaia e-f[p«TTai] anders
geschrieben steht, als diese Schrift hier schreibt» sagt das Gesetz von sich und einem
früheren Gesetze. So sagt auch das Seuatusconsultum de ßacch. 21, 22, utei suprad
scriptum est usw.
«Eine Rede ist keine Schreibe» und «ein Gesetz keine Lese». Viel eher eine
Schreibe oder eine Rede: «Geschrieben steht» — dictum i-if. das sind Ausdrücke, aus
denen sich eher ein Name des Gesetzes hätte entwickeln können.
Aber das Prinzip, das Skutsch ausspricht, ist nicht richtig. Lex muß durchaus
nicht aus den uns bekannten römischen Verhältnissen entstanden sein. Amavi ist
eine spezifisch-lateinische Form und kann doch nicht aus dem Lateinischen erklärt werden
(etwa aus *aii/a-fiii «ich war im Ijieben '), wenigstens nicht aus dem, was wir Latein
nennen, sondern müßte aus dem erklärt werden, was wohl auch schon Latein war, aber
uns nicht bekannt geworden ist.
Und so ähnlich verhält es sich aucii mit lex. Es muß gar nicht aus historischen
Verhältnissen erklärt werden, denn das Gesetz beginnt nicht mit Schreiben und Lesen,
die ersten Rechtsanschauungen sind völlig unabhängig von diesen späteren Künsten.
Die uralte, nur auf wenige Beispiele beschränkte Bildung von lex hätte allein übrigens
schon Skutsch vorsichtiger machen sollen; das ist kein Wort, das entstanden ist, als
die gewöhnlichen Leute schon schreiben und lesen konnten. Skutsch kann erwidern:
Es muß ja nicht um diese Zeit entstanden sein, es braucht bloß um diese Zeit um-
gedeutet worden sein. Dann aber tritt das früher Gesagte in Kraft: Das Gesetz ist
in Rom — ebensowenig als sonstwo, sei nebenbei bemerkt — nicht als «das Gelesene,
die Lektüre» aufgefaßt worden.
Auch mit Solmsens und meiner Deutung von icstis als »Drittsteher» kann sich
Skutsch nicht befreunden. Er bleibt bei seiner Erklärung als «Dritter», die ich für
formell unmöglich halte, die aber inhaltlich von der anderen Auffassung nicht allzusehr
verschieden ist. Dann fährt er fort: «Geringer sagt es mehr zu (I), darin den 'Dritt-
steher' zu sehen und darunter denjenigen zu verstehen, der den Händedruck zweier
kontrahierenden Parteien 'durchschlägt'». Das kommt so heraus, als hätte ich diese
Gesten (des Kaufes) auch für das alte Rom behauptet, was aber völlig unwahr ist. Das
Durchschlagen ist m. W. nur für Deutsche und Russen bezeugt (F. Solmsen, Kuhnsche
' Das Schreiben war eine heilige, hing geiieimgelialtene Kunst i,vergl. got. rii»a m.i(m"ipiov\ natürlich
auch das Lesen. — In Gortyn selbst ist im ganzen l'rozeßwege Hisl nichts geschrieben wonlen: der Be-
weis, die l'ikunde, war der .uaiTup oder der lavauov. Vergl. Zitelniann in seiner und Büchelers Au^ral>e
des Rechts von Gortyn, S. 50.
206
Rudolf Meringer.
Zeitschr. 37, S. 22; IF. XJX, S. 4r)2), die niudung der Hüude, deu IJandselilag, nicht
den «Händedruck», wie .Skutscli sagt, halte ich allerdings für cälter und sehe nicht
ein, wie man seine Existenz in altröniischen Zeiten widerlegen könnte (IF. XVII, S. 14G f.).
Ein äußeres Zeichen war gewiß bei diesen Abmachungen (Gebrauch und die Analogie
weist auf dieses. Aber das ist nebensächlich und beweist nichts für oder gegen die
eine oder die andere Erklärung von testis.
Ich habe über fr^tis noch weiter iu den IF. XVIII, S. 290 ff., und XIX, S. 451,
gehandelt, wozu Skutsch wohl noch Stellung nehmen wird.
Hier will ich darauf hinweisen, daß für die Erklärung als «Drittsteher» noch lat.
sujocrstes «Übersteher, Zeuge» spricht.^
In' der kürzlich aufgefundenen Komödie Menanders sehen wir einen schönen Fall
der Funktionen eines Zeugen. Ich zitiere auch die Übertragung H.v. Arnims^:
Daos: Ciut denn! Laß uns zum Richter
gehn.
Syriskos: Wen wählst du?
Daos: Mir ist jeder recht. —
Syriskos: Ist dieser Mann als Richter dir
genehm?
Daos: Meint'halb.
Syriskos: Ich bitte schön. Mein lieber Herr,
schenkt Ihr uns wohl ein wenig Zeit?
Sniikrines: Hm! Euch? Was habt ihr denn?
Syriskos: Wir haben einen Streit.
Smikrines: Geht mich nichts an.
AAOZ: ßouXo|nar Kpivü)|uei>c(.
lYPIIKOZ: i\q ouv;
AA. : eiuoi jaev ttcxc; ikuvo? .
ZY: TOÜTOV Xußeiv ßouXei k()iti'-|v;
AA.: ÜYaOi^ Tuxt,].
ZY. : TTpög Tüüv öeöjv, ße\Ti(TTe, mKpöv «v
axoXucraiq fnalv xpövov;
ZMIKPINHI: ü)aiv; rrepi Tivo(;;
ZY. : üivTi\eTO|iev npäxp-ü ti.
ZM.: li ouv e|Lioi |ueXei.
ZY.: KpiTt'iv TOÜTOu Tivä IiiToö^ev Tcrov, ei ö(ti) Syriskos: Herr, einen Richter suchen wir,
ae laiibev KtuXuei, öiuXucrov i'iM"?- der nicht parteilieh ist. Erlaubt es
deine Zeit, so schlichte du den Streit.
Man sieht hier in dieser Szene, daß der zufälHg Dazukommende zu einem Schieds-
ricliter werden kann, ein Seitenstück zu der Schiedsrichterrolle, die dem Drittsteher, dem
Zeugen, oft zufiel. —
Zu meiner Genugtuung kann ich konstatieren, daß die von mir in der Aufsatzreihe
«Wörter und Sachen» (IF. XVI, S. lOltf.; XVII, S. 100 ff.; XVIII, S. 204 ff.; XIX,
S. 401 ff'.; XXI, S. 277 tf.) dargelegten grundsätzlichen Ansichten und die darin befolgte
Methode der Etymologie von verschiedenen Seiten Zustimmung erfahren haben.
Auch bei Uhlenbeck finde ich neuerdings eine erfreuliche Annäherung. Zu
seinem Aufsatze P. Br. Beitr. XXXV, S. lülff., hätte ich mehr zu sagen, als ich vor-
läufig hier unterbringen kann. Nur auf eine Frage Uhlenbecks will ich antworten;
U. fragt: «Habe ich denn niemals etwas geleistet, was zugleich neu und richtig wäre?»
Ich habe keineswegs Uhlenbecks Verdienste geleugnet, ich habe nur seiner etymolo-
gischen Methode die Originalität abgesprochen. Er führe nicht Klage über meine Heftig-
keit, er vergegenwärtige sich nur, in welcher Art er mich angegriffen hat. Auch jetzt
' Vergl. Festu.s eil. Thewrewk ile roiinr ■l:j{) siijM'rstihts lestefi priiesentex sit/iiificut, cit/iis rei
testimoHimn est, qnoil siiper.ilitiliiis praeseni/bus ii, tnter qtios c(ȟrorersit( est, riudiciiin niinierc inbentur.
^ Karl Robert, Der neue Menander, p. 07, 33 fl. Die Übersetzung v. Arnims ist in der N. Fr. Presse,
Nr. 15 550, Donnerstag, 5. Dez. 1907, erschienen.
Sprafitilich-sachliche Probleme. 207
sind seine Angriffe fdnnell nicht einwandfrei, aber ich gebe ihm die ehrliche Versicherung,
daß persönliche Oeliässigkeit mir Irenul ist und daß icli gern von ihm lerne. Ich
glaube ihm, daß die Liebe zur Wissenschaft iiin bewegt; er habe nur die Güte, dasselbe
auch von anderen zu glauben.
Ein sonderbares Schicksal hat meine Erklärung von Wund aus iviiiden gehabt. Als
ich sie vortrug, glaubte sie mir so gut wie niemand. Seitdem man aber nicht mehr gut
zweifeln kann, kommen meine Vorläufer zu Ehren. Warum hat man sich ihnen denn
nicht schon früher angeschlossen?? Den E. Rautenberg (Spraohgeschichtliche Nach-
weise zur Kunde des germanischen Altertumes) nenne man aber nicht unter den Vor-
gängern. Ihm ist das Richtige nur von ohngefähr gelungen, denn er war unwissend
genug zu glauben, daß got. ivaddjus von widan komme. Dieser Irrtum gab ihm eine
Parallele des Zusammenhangs von ahd. tcanf und tvintan. Seine Rechnung war also
falsch und deshalb hat man seine Annahme abgewiesen, denn das Verhältnis von Wand
zu winden bedarf der Analogie, wenn es glaubhaft sein soll, und Rautenbergs Analogie
war falsch.
Mir war von allen meinen N'orläuleru nichts bekannt. Daß got. tcaddjus zur Wz.
*1« «flechten» gehört, habe auch ich immer vorgetragen (vergl. Fick IIP, S. 301 f.; 1874),
aber über das wie? machte ich mir so wenig Gedanken als andere. Im Sommer 1897
stand ich nun in Suhaja l)ei Ivrupa in Bosnien vor einem sonderbaren Häuschen. Es
war ganz aus Korbgetlecht hergestellt, mit hohem Strohdache. Damals diente es nur
mehr als Schafstall. Ich betrachtete das Ding und i)lützlich rief ich memem Reise-
begleiter zu: Iwane, got. tcaddjus kommt von *ni «Hechtens! Und der zweite Gedanke
war: Und so kommt auch Watid von irinden und bedeutet die gewundene Wand. Das
geflochtene Haus hat sich mir lange verborgen, weil in der Regel das Flechtwerk außen
mit Lehm beworfen und übertüncht ist, so daß auch ein scharfes Auge keine ungewöhn-
liche Technik ahnt.
Meine Etymologie Wand : tvinden schien mir schon nach dem, was ich in den
Etymologien zum geflochtenen Hause vorgebracht hatte, erwiesen. Vor allem stimmte dazu
an. vandaliiis, und die beiden Stellen Vol. 38: sä er undinn salr onnahnji/aiitm «der Saal
ist gewunden aus Schlaugenrückeu» und Sn. E. 1, 200: hann er oJc ofnin allr orniahii/gij-
jum sein vandahiis «er ist ganz gewoben aus Schlangenrücken wie ein Ruteuhaus» gaben
eine anschauliche Beschreibung dieser Bauart.^ Nahm man noch got. tcandus Rute
{ßrini s'mpam wanduni Hshhir/girans ivas rpi? eppaßbicr&iiv 2. Kor. 11, 25) dazu, so schien die
Beweiskette geschlossen, wie sie niemand vorher gelungen war. Ich verwies auch auf
russ. plotniJco «Zimmermann», das klar und deutlich zu plcsii «flechten» gehört, also
zuerst einen flechtenden Hausbauer, dann den zimmernden bezeichnete. Aber trotzdem
hat erst die ags. AN'cndung iräli irindan = got. *waddjii *ivindan die Entscheidung her-
beigeführt.
Durch den Artikel Wand des DWb. ist jetzt der älteste Beleg für die Zusammen-
stellung des Wortes mit winden nachgewiesen worden. Fr. Junius war der erste Finder
und das erste Handbuch, das den Zusammenhang lehrte, war Job. Georg Wächter,
Glossarium Germanicum, Leipzig 1737, S. 1.S20. Dort lesen wir:
WAND, paries. Otfridus, Lib. L Cap.XI, 47, hus enli unenti, donnis et parietes. Lib.
III, Cap. XX, 77, ^1 mannolichrs nnenfi ad omniuni parietes. Glossae vet. apud .lunium
■ II''. XIX, S. 4tS.
208 Rudolf Meringer.
iu Obst'1-vati.s ad Will., pag. 73, imant paries, uuentlacluni, hriiy/lacliau cortina.s, nuantlus
ciraex. Oi'igo vocis est (eodem iudice) ex uuintan (winden) llectere, coutorquendo plectere;
antiquitus enim parietes pluriniuni fiebant e viniinibus in cratcm quandani coutextis
atqiie obductis intrita vel luto paleato aceratove. Morfaliuiii qH/jipe pruiii, teste Seueca
Epistola XC, qiKini/ilid virgcatn crafeiii tr.ntcrnnt iiiann, et vili oUcrcnint luto; deinde
stipiüa ah'iaquc sylvrstrihns ojoertiere fastigimii, et, iühvüs per dmxa lahcntibiis, hifemcm
transicre securi. Jemandes Lib. I de rebus Geticis, Gap. 2. Virgeas habltant casas,
commmüa tecta cum jiecore, stßracqne Ulis saepc sind domics. Huc usque Jnnins loco citato.
In seinem früheren Werke: Glossarium Germanicum, Specimen ex ampliore farra-
gine decerptura, Leipzig 1727, hat Wächter noch gar keinen Artikel über Wand.
Im Jahre 1737 ist also zuerst die richtige Erklärung von Wand propagiert worden.
Sie wurde vergessen. In den letzten Dezennien ist sie von etwa einem halben Dutzend
Gelehrten selbständig neu behauptet worden. Möge sie jetzt als endgültig gesichert gelten!
K. V. Bah der läßt aber im DWb. noch eine andere Auffassung zum Worte kommen.
Er meint, es läilt sich für die Annahme, daß Wand einst «Seite, Umhüllung, Grenze» be-
deutet habe, geltend machen, daß das einfache wintan (wie incintan) die Bedeutung
«umkehren» hat, daß ahd. aitawanta «versura» heißt wie ahd. giivant «Grenze» usw.
Damit kämen wir wieder auf die schöne Erklärung, daß die Wand ihren Namen
davon hat, daß man sich l)ei der Wand umdrehen muß. Die Deutschen haben also
immer versucht, mit dem Kopf durch die Wand zu gehen, und haben, als sich das als
undurchführbar erwies, die Wand danach bezeichnet. Was beweisen denn anawatda,
giwant usw.? Daß man von der Wurzel auch ein Nomen vom Sinne «Wendung»
bildete, und das ist nicht auffallend, denn jedes Winden ist ein fortwährendes Wenden,
Drelien. Und gegen v. Bahders Urbedeutung muß man sagen: Die Wand ist keine
«Seite», keine «Umhüllung». Am ehesten noch eine «Grenze», wenn man an die Flecht-
werkhürden denkt, in die wohl nach uraltem Brauche der Schafhirt seine Tiere treibt,
um sie zu melken.' Wenn solche allgemeine Bedeutungen von Wand wie «Seite» oder
«Umhüllung» sich wirklich fänden, müßte mau sie als ein Schlußglied der Entwicklung
ansehen, aber nicht als ihren Ausgangspunkt.
Als ich 1903 nach einem Titel für meine Studien suchte, kam ich auf «Wörter
und Sachen». Ich erinnerte mich damals der Stelle bei J. Grimm nicht. Jetzt haben
wir diese als Leitwort unserer Zeitschrift vorangestellt und mich freut es sehr, daß un-
längst Fr. Kauffmann schrieb, man soll die Worte Jak. Grimms in unseren Hörsälen
und Seminarien von ehernen Tafeln leuchten lassen!"
Ganz nahe ist H. Usener an das Programm von «Wörter und Sachen» heran-
gekommen in einer Rede, die er 1893 in Wien gehalten hat mui die dann iu der Bei-
lage der Münchener Allgemeinen Zeitung 1893, Nr. 14S und 150, und .später — 1902 —
wenig verändert in den Hessischen Blättern für Volkskunde I, S. 195 ff., erschienen ist
(wonach ich hier zitiere), einer Rede, in der es ihm zuerst darauf ankam, Mitarbeiter
' Verfasser, IF. .\X1, S. iiNO urnl tisl. Diese Flechlwerksliiirde ties Hirleii i.'^t natürlich miiiJesteiis
ebenso all als die Wand des Wohnhauses. Der Hirle hat lieule nficli oft im Sonnuei- kein anderes Haus
als solche Hürden.
- Zts. f. deutsche Philologie, XL, S. 45i2.
Sprachlich-sachliche Probleme. 209
für eine vorgleielicndc Sitten- und Rcchtsgeschichte zu werben. Hier sagt er S. l'Jü:
«Der Wortschatz ist das große Bucli, in dem die ganze geistige Gescliichte des Volkes,
wenn auch niclit von den frühesten, doch von sehr frühen, um .Jahrtausende über die
bezeugte Geschichte zurückliegenden Anfängen an bis zur Vollendung eingetragen ist.
Wer dies Buch zu lesen verstünde, zu lesen als geschichtliches Denkmal, vor dem läge
die ganze Entwicklung des Volkslebens von dem einfachen Familienband bis zu den
ausgebildetsten Formen staatlicher Verfassung, der Kultur von der Nomadenstufe der
Viehzucht und der Erfindung des Feuers bis zu der Höhe eines verfeinerten Luxus, des
Geistes von den ersten tastenden Versuchen an der- Sinneuwelt bis zu dem höchsten
Flug nach dem Unendlichen. Daß das teilweise möglich ist, kann seit den denk-
würdigen Versuclicn Adalbert Kuhns und Jakob Grimms, ältere geschichtliche Zustände
durch Wortvergleichung zu erschließen, nicht bezweifelt werden.»
Und auf S. 197 fährt er fort: «An der vergleichenden Kulturgeschichte, von
welcher vergleichende Sitten- und Rechtsgeschichte nur ein hervorragender Abschnitt ist,
gebührt also der Philologie ein wesentlicher Anteil; sie findet hier ein ungemessenes,
fast jungfräuliches Feld lohnender Arbeit: dreifach lohnender darum, weil die Ergeb-
nisse zu vollerem Verständnis nicht nur des schriftstellerischen Gedankens, nicht nur
der Geschichte des Volkes, sondern auch der allgemeinen Gesetze des Menschenwesens
hinführen, wohin alle unsere geschichtliche Arbeit zielt .
Noch eines anderen Vortrags möchte ich gedenken, der für unsere Absichten von
Wichtigkeit ist.
Der Vortrag von Albrecht Dieterich: Über Wesen und Ziele der Volkskunde,
der in den Hessischen Blättern für Volkskunde I (1902), S. 1G9 ff., veröffentlicht ist, ist
eine wissenscluifiliche Großtat, w^enn auch der geniale Verfasser im einzelnen tempe-
ramentvoll danebenschlägt. A. Dieterich will, «daß die Kunde vom Denken und
Glauben, von der Sitte und Sage des Menschen ohne Kultur und unter der Kultur
den Kern der Forschung der ^'olkskunde bildet». Man versteht, was hier geraeint ist,
aber Menschen ohne Kultur und unter der Kultur gibt's überhaupt nicht, es gibt bloß
verschiedene Kulturen und verschiedene Grade derselben Kulturreihen. Daß sich die
Volkskunde nur mit den einfacheren, altertümlicheren Kulturen und Kulturstufen be-
schäftigen kann, ist selbstverständlich. Eine säulicrliche Abgrenzung nach oben wird
sich niemals machen lassen. In praxi ist die Frage aber leichter zu lösen als in der
Theorie, wenigstens für den .Augenblick. Anderes, wie «Tracht und Hausbau, Möbel
inul Schnitzwerk, die Anfänge einer Kunstül)ung», soll nach A. Dieterich nur in Be-
tracht kommen, «soweit es dieses Volksdenken, Volksglauben, A'olkssagen, Volksbrauch
und Volkskunst... erklärt». Hier liegt ein großer Irrtum vor, aber er ist in ehrlicher
Klarheit ausgcsjirochen und deshalb nicht gefährlich. Ist Haus und Hausrat nicht
eine Schöpfung des Geistes? Sind Pilug und Webstuhl nicht auch Erzeugnisse des
Geistes, ebenso gut und deshalb i-benso interessant als etwa ein Schnadahüpfel, ein
Juchczer oder ein (Jcsjunist?
Aber eine ganze Reihe von Erkenntnissen hat A. Dicterich in diesem Vortrage
in guldcnon Worten ausgesprochen, und sie würden verdienen, hier alle wiederholt zu
werden, ich muß mich aber auf einzelne Äußerungen beschränken. Folklore und Volks-
kunde sind in letzter Linie das wi,<.<ensebaftliche Ergebnis des britischen Weltreichs,
der Herrschaft Britanniens über seine Kolonion (S. 181). Wie die gewaltigen Erlolge
Wörter und Siiclicn. l. 'i'
210
Rudolf Meringer.
der vergleichenden Si)nit'hwissenscLiaft lehren, muß auch die \'olkskunde vergleichend
betriehen werden. «Es wird die Zeit kommen, da auch hier der Erfolg den Widerspruch
verstummen macht. Auch hier kommt alles auf die Leistung selber an — dann fragt
niemand mehr nach ihrer prinzipiellen Berechtigung (S. 177).» «Statt immer wieder auf
das Unmethodische und Dilettantische einzelner oder vieler Leistungen der einen herab-
zusehen und von der Zurückgebliebenheit und Verknöcherung der andern sich verächt-
lich abzuwenden, sollten beide wissen, daß soviel gerade, als ihnen felilt, auf der anderen
Seite zu finden ist. Die Ethnologen können von uns Philologen viel lernen, aber wir
Philologen können auch von ihnen sehr viel lernen, dessen wir zur Lösung, ja über-
haupt zur Stellung vieler großer Probleme gar nicht entraten können.»
Köstlich ist die Stelle, an der A. Dieterich eines «hochverehrten Fachgenosseu»
gedenkt, der Dieterichs «Abfall vom heiligen Geiste der Philologie für besiegelt hielt»,
als dieser ihm erzählte, er habe das Buch von den Steinens, Unter den Zeutral-
völkern Brasiliens, gelesen! (S. 188 f.)
Gar mancher Sprachforscher fürchtet heute noch sich mit «den Sachen» zu be-
schäftigen, weil er den Boden unter den Füßen zu verlieren fürchtet. Diese Furcht ist
sehr berechtigt, denn die Gefahr des Fehlers wird um so größer, je größer das Gebiet
ist, das wir beschreiten. Aber hier nützt alles nichts: «Wer den Weg zur Wahrheit
kennt und geht ihn doch nicht, wenn er zu dieser W'ahrheit will, auch der ist in der
Wissenschaft ein erbärmhcher Wichts, sagte der tapfere A. Dieterich (S. 189). Was
schadet der einzelne Irrtum 1 Es ist schon vorgesorgt, daß er nicht ohne Korrektur bleibt!
Prähistorische Rinnensteine.
Von Rudolf Meringer.
Ahliilclung I. Sfiliisrher Rinneiislciii.
Milleiluii|,'en der Anthropologischen Gesellscliall Wien, XXXIX, S.
KW).
Im letzten Hefte der
M. A. G. Wien, XXXIX
(PJOtt), S. 165 fr., beschreibt
Sima Trojanovic einen in
Serbien gefundenen Rinnen-
stein, der sich jetzt im etlino-
grapbischen Museum in Bel-
grad liefindet.
Der Stein (vcrgl. die
Abbildung!) ist 1 lOcm lang,
81 cm breit und 650 kg
schwer. Auf der Oberfläche
sieht man zwei konzentrisch
herumlaufende Rinnen, von
denen ein Teil abgeschlagen
ist. Die Rinnen s'nd mit-
einander in Verbindung ge-
setzt und derselbe Verbin-
Prähistorische Rinnensteine.
211
dungskanal führt l)is an den Rand des Steins, so daß eine Ausflußöffnung entsteht.
Auf der Fläche befinden sich sechs unregehnäßig verteilte Lücher. Ein alter Bauer
erzählte, daß der Stein einst weniger und seichtere Löcher gehabt habe. Die Löcher
seien von Zigeunern vertieft und vermehrt worden (?). Auf der unteren Seite des
Steins sind zwei dreieckige Einschnitte ausgemeißelt, woraus Trojanovic schließt, daß
der Stein einst auf zwei
Pfosten geruht hat, also die
Platte eines Tisches, und
zwar eines Opfertisches,
gebildet hat.
Solche Steine sind
auch in Bulgarien gefun-
den wonlen (vergl. Abbil-
dung 2). Der abgebildete
Stein zeigt nur eine Rinne
und sechs Mulden. Andere
bulgarische Steine hatten
sieben und acht solcher
Vertiefungen.
Ich glaube nicht auf
Widerspruch zu stoßen ,
wenn ich meine, daß diese
prähistorischen Rinnen-
steine mit den ägyptischen
Grabtischen, mit den christlichen Grabsteinen und Alturplatten, sowie mit den Re-
fektorientischen, über die Strzygowski oben, S. TOff., gehandelt hat, zusammenhängen.
Man sieht, Strzygowski hat mit sicherem Blick eine Erscheinung als wichtig
erkannt, an der andere achtlos vorübergegangen sind. Seine Erklärung konnte nicht
ganz glücken, weil ihm die weiteren Zusammenhänge fremd waren, aber er hat das Ver-
dienst, das ich immer für das größte halte, er hat ein Problem gestellt.
Jetzt können wir ungefäiu- folgendes sagen: Wir erkennen einen uralten Opfer-
tisch mit Vertiefungen, [{innen und Abflußöffnung. Er scheint im Orient zu wurzeln.
In Ägypten lebte er als Grabstein fort. Der Balkan kannte ihn in prähistorischer Zeit
noch als Opfertisch. In christlicher Zeit erscheint er als Grabstein und als Altarplatte.
Sein letzter Ausläufer ist der Tisch des Refektoriums im Kloster Lawra auf dem Berge
Athos.
Al)l)ililuiiii '2.
Biilgniisc her Rimienstein
S. 168.
Nach M. A.G.Wien, XX.XI.X,
Zur Geschichte der Dreschgeräte.
Von W. Meyer-Lübke.
Ebenso wichtig wie das Zermalmen der Körner zu Mehl und dieser Tätigkeit
vorangehend ist das Entkörnen der .\hre und wie jenes hat dieses im Wechsel der
Zeiten und \'ölki'r mannigfaltige Wandlungen dnrchgemacht, die ihren Xiedersehlag
auch in der Sprache zeigen; haben die Bencmunig der Tätigkeit und die Bezeiihmmg
212 W. Meyer -Lübke.
der zugehörigen Werkzeuge vielfach in einer Weise gewechselt, die nur durch Kenntnis
der Sachen richtig beurteilt werden kann. Davon soll hier einiges zur Sprache kommen.
Nicht die ganze Geschichte des Dreschens und der Drescligeräte, um so weniger, als
sich mit ihr die nicht weniger interessante der Tenne und des Worfeins aufs engste
verknüi>ft, wenn ein vollständiges Bild gegeben werden soll, nur ein Ausschnitt, der sich
vorab auf die römisch-romanischen Verhältnisse bezieht, andere im ganzen nur soweit heran-
zieht, als sie für diese von einer gewissen Wichtigkeit sind oder die.se durch sie Beleuch-
tung erfahren. Und selbst auf romanischem Gebiete bleiben noch manche Lücken. Denn
die wissenschaftliche Litej-atur hat sich mit diesen Dingen noch wenig abgegeben, die
Wörterbücher versagen oft oder lassen es an genauen Angaben fehlen, so daß man viel-
fach auf persönliche Auskunft angewiesen ist. Solche ist mir denn auch reichlich zuteil
geworden, wie im einzelnen jeweilig erwähnt werden wird, doch darf schon hier ein für
allemal bemerkt werden, daß es hauptsächlich N. Bartoli und G. Terracini in Turin,
L. Goidanich in Bologna zu verdanken ist, wenn die Zustände im heutigen Italien be-
sonders eingehend zur Darstellung gebracht werden können.
Überblicken wir die verschiedenen Arten des Entkörnens bei den Völkern der
alten Welt, so lassen sich drei verschiedene Formen erkennen:
1. Treten,
2. Schleifen,
3. Schlagen,
Formen, die keineswegs in einem genetischen Verhältnis zueinander stehen, die viel-
mehr oft nebeneinander vorkommen, wobei entweder die eine Getreideart nach der
einen, die andere nach der andern Art behandelt wird, oft auch die größere oder geringere
Masse des zu dreschenden Getreides oder aber die Bodenverhältnisse ausschlaggebend
sind. Bei kleineren Betrieben oder im Gebirge ist das Schlagen das gewöhnlichere,
uomadisiereude Volker ziehen das Austreten vor. Beim Schleifen und Schlagen können
die verwendeten Werkzeuge verschiedenartig sein und hier allerdings sind Kulturfort-
schritte zu bemerken.
1. Das Treten. Die Tiere, zumeist Pferde oder Esel, doch auch Rinder, werden
über das auf eine Tenne ausgebreitete Getreide getrieben. Das trifft man seit ältester
Zeit wohl bei allen Völkern im Kulturkreis des Mittelmeers. Es ist die einzige Art im
alten Ägypten, vergl. Abbildung 1, es ist noch heute, wenn auch als das seltenere, in
Syrien gebräuchlich, wo sechs bis acht Pferde oder Esel zusammengekoppelt werden,
so daß sie eine Keihe bilden , und von einer auf einem der Tiere sitzenden Person
mit großer Schnelligkeit über das Getreide getrieben werden (Wetzstein, Zeitschr. f. Ethno-
logie, V, 280). Dreschen durch Ochsen Ijerichtct Homer Ilias XX, 495:
tili; h' öie Tiq leuSvj ßöa? u'potvaq eiipuiueTiiiTroui;
Tpißeiuevai Kpi XeuKÖv euKTi)aevi;i ev üXiui],
pijuqpa Te Xettt' eTevovTO ßoJJv üttö ttöö'ö'' epi|auKUJV,
und auch Xeuophon spricht vom Austreten des Getreides durch Tiere (üttoCutilu), Oek.
18, 3, desgleichen Varro r. r. I, 52, 6: apud alios exteritur grege jumentorum et ibi
agito perticis quod ungulis e spica exteruntur grana. Und so bis heute in der russi-
schen Steppe, Rumänien, Bulgarien, Banat, Ungarn, Slavonien, Bosnien, Mortenegro,
Dalmaticn, Italien, Sardinien, Spanien, Portugal. Für die große Walachei beschreibt
S. Pujcariu den Vorgang- folgendermaßen: «In der Mitte der Tenne (anr) wird ein
Zur Geschichte der Dreschgeräte.
213
Pfahl (xtrcdjär oder par) in die Erde eingeschlagen, an den ein Pferd mit einem längeren
Seile angebunden wird. Das Pferd tritt (cäla'i) auf das au.'^gebreitete Getreide, indem
es sich in einem durch das Aufwickeln des Seiles immer kleiner werdenden Kreise
bewegt. Ist es auf diese Weise bis zum Pfahle gelangt, so wird der Kreis in um-
gekehrter Weise noch mal abgeschritten. A ajiuts fnnic la par 'das Seil ist bis zum
Pfahl gelangt' bedeutet dann es ist Mittagszeit'. Dieses Dreschen heißt treru (trihulnre)-^
In Italien wird das Treten durch Tiere angegeben für Casale (Piemont), für das
Mailändische, namentlich die Brianza, Varese und Como, und zwar nur für das Ent-
körnen von Iliise und Reis, für Ferrara, Bologna, -die Marche, die Macerata, Siena,
Aquila, Teramo, Frossinone und Anagni (Rom), Apulien und Caltagiroue (Sizilien) und
zwar sind es zumeist die Pferde, in den Marche, der Macerata und den Abruzzen
Ochsen, in Chieti Pferde, Maultiere oder Esel, in Caltagiroue Maultiere, die dazu ver-
wendet werden. Den Vorgang beschreibt A. Jemina, Corso di d' agraria, §471, folgender-
maßen : I cavalli legati a pariglia e cogli occhi bendati sono spinti coUa frusta a
descrivere al trotto dei cerchi sulla messe diste-sa sull'aia. l'na lunga cordicella attac-
Abijiklidig 1. Urcscheiide Ochsen aus All-Agypten. Nach Wilkinson, Manners and Custonis, I, >S(.
cata alla briglia h tenuta dal conduttore che, stando nel niezzo, guida ad un tempo piü
pariglie di cavalli o muli che descrivono circoli concentrici. II conduttore rallentando
o traendo a se la cordicella guida i cavalli in modo che tutti i punti siano battuti.
Mehr der rumänischen Form gleicht die bologncsische, wie sie namentlich beim Dreschen
von Reis üblich ist; vergl. UngarelH, Voc. hol. s. v. J>nl ed caial: treccia di cavalli, tutti
insieme i cavalli che occorrono a trebbiare una trcsca. ^ Si fa girare la treccia prima
in un verso per spigär, cioe levare i grani dei covoni posti piü in alto eppoi in un altro
per for .rä la tchhia, cioö batterc la trcsca, farvi girare quasi trescando i cavalli in modo
che a poco a poco rimanga tutta calpesiata e pcsta. Der Ausdruck hal 'Tanz" ist wohl
davon zu erklären, daß trcscare im Toskanisrhen tanzen", tresca 'Tanz' bedeutet, s. S. 214.
Das hier für 'Koppelpferde' verwendete treccia 'Flechte, Strohband' erscheint auch im
Neapolitanischen tre^zd 'tre c piü paia di buoi da trarre rocchi", und in Cerignola speziell
für dii> mit einem Hanfstricke zum Dreschen zusammengekoppelton Pferde. Fünf solche
' Beachte tivsca 'das zum Dreschoii hinirelegle (letreide'. hier speziell 'Reis'. Die reichsspracli-
lichen Wöiierbi'uhei- vorzeichnen diese KedeuUiUi: zumeist nicht, von rngarelH aber wial sie ofTenhar
als reichssprachlich empfunden, da der holognesische Ausdruck lebbia ist, ein Ober die Rom.iirna. Emilia.
die listliche Lombardei, Venezion, Istrieii verbreitetes Wort, das man unbedenklich zu inbutait erst dann
stellen wird, wenn der Schwund des )• erkl.lrt ist. Tresai als Dialcktausih-uck wird mir aus Monliilto (.Ascoli)
mittrctollt. Lateinisch sayl man daliir stniluni, tosk. sterta, also strata umgestaltet nach ster»r>t.
»
214 W. Meyer-Lübke.
trezzc bikleu den sog. 'Halbmoncr, zehn flen 'Mond". Auf großen Tennen kann man
bei zwanzig frcs.zc gleichzeitig arbeiten sehen. — Das X'erbum für Austreten ist in den
Märchen und in den Abruzzeu trescd, ebenso in Novara (Alessandria) und in Mailand,
in Aquila imd Anagui iritnrc, in Rcsaria bei Ascoli Piceno iwstü, Torre Maggiore (Foggia)
'iitrccäi, in Apulien, Kalabrien und Sizilien pisarc, in Trapani Im'äiri, im Mailänthschen
auch hau a passoii 'am Pfahle dreschen'.
Nach all diesen Äußerungen ist ein Nacharbeiten nicht nötig oder nicht üblich.
Vergl. aber folgende Notiz: in alcuni luoghi del ('oraasco, della Brianza e del Vare-
sotto s'usa un altro modo (nicht das Dreschen oder die Maschine) di trebbiatura, special-
meute per il miglio. Disposto il grano in uno strato circolare, alto circa un palmo,
vi fann'o camminare sopra due o piü paia di buoi aggiogati, meutre dietro i buoi un
contadino percuote il grano con una hata. Bata heißt 'Flegel', das Verbum lautet aber
fu f(J l mci 'die Hirse herausmachen'. (Eine ähnliche Nacharbeit beim Dreschen s. S. 225.)
Mehr noch als auf dem italienischen Festlande ist in Sardinien das Austreten
üblich, ja es ist noch heute das am meisten vorwiegende. Jedes Dorf besitzt eine all-
gemein zugängliche Tenne, einen möglichst freiliegenden, den Winden ausgesetzten
Raum. Das Getreide wird darauf durch Tiere entkörnt, in den Bergen und im Süden
durch Ochsen und Kühe, im Süden häufiger durch Pferde und zwar einfach auf die
Weise, daß die Rinder durch das Getreide getrieben werden. Bei reichen Bauern im
Süden kommt noch eine andere Art vor. Mehrere Pferde (angeblich bis zwanzig) werden
an eine Leine angespannt und um einen inmitten der Tenne befindlichen Pfahl getrieben.
Zur Bedienung sind zwei Knechte nötig, der eine (jiostuhidcrl) steht am Pfahl, der
andere (hasone aus lat. a(/aso) treibt die Pferde. Das Dreschen heißt triulare (trihiilure),
die zweite Art triulare a cguas (Mitteilung von M. L. Wagner. Vergl. noch La Marmora,
Voyage I, 411).
Auch prov. caucü (calrarc), das Mistral ohne genaue Ortsangabe mit 'fouler les
gerbes, les raisins, la terre' wiedergibt und JcatiM Punkt 888 (Alpes Maritimes) im Atl.
linguistique 580 mit der leider nicht deutlichen Bemerkung 'fouler les gerbes pour cn
extraire les grains, pas de fleaux' weist auf das Austreten hin. Für Portugal,
Madeira, Teneriffa bezeugt die 'marcha dos anirnaes (cavallos, eguas, bois) em giro por
cima das espigas espalhadas na eira' A. Coelho Portugalia I G44, für Andalusien,
Estremadura und Valencia N. Casas Dicc. manual de Agricultura IV 246 den pisoteo.
In Valencia werden je drei Pferde zusammengespannt, man nennt dieses Gespami coUci,
in Granada bilden je sieben eine cohra, und bis vier rohra.'i dreschen auf einer Tenne.
In Murcia, Ribagorza und um Madrid herum ist dagegen der pisoteo unbekannt (R. Me-
neudez Pidal).
Über die genaue ursprüngliche Bedeutung des germ. ß'resJcan haben wir keine
direkte Nachricht. In historischer Zeit ist es durchaus das 'Schlagen', aber längst hat
man durch Hinweis auf die romanischen Vertreter gelehrt, daß das nicht der älteste
Sinn sein kann. Zu den oben gegebenen Belegen für /jrrsl.aii 'austreten' kommen hinzu
senes. trescare 'stampfen': rjuando la terre fe moUe non bisogna andar\a a trescare (Fan-
fani, Voc. dell' uso toscano) und dazu paßt ziemlich genau ireshi 'scalpitare, calpestare',
das Tiraboschi aus bergamaskischen Mundarten anfidirt. Sonst bedeutet afr. oesehier,
prov. trescar 'tanzen', ital. treseare tanzen, herumhüpfen und in weiterer Entwicklung
liebeln, z. T. in stark pejorativem Sinne, oder 'klatschen', endlich 'über die Saaten
Zur Geschichte der Dreschgeräte. 215
laufen von gpielenden Kindern', was natürlich ebensowohl eine alte wie eine ganz junge
Bedeutung sein kann; span. trcscar 'mit den Füßen trampeln, Mutwillen treiben,
scherzen", dann mit immer weiterer Entfernung vom ursprünglichen Sinne portg. triscar
'zanken, streiten, Verwirrung stiften', andrerseis katal. häufig ein- und ausfliegen von
Bienen eines großen Stockes'.' Daß ein etwa dem modernen Schuhplatteln ähnlicher
Tanz nach dem Rliythmus und dem CJeräusche des Dreschens mit dem Flegel benamit
worden sei, wäre nicht gerade unmöglich, aber wenig wahrscheinlich, und wird dadurch
vollends abgewiesen, daß ital. trcscare fast durchweg und offenliar zunächst das Dreschen
mit Tieren bedeutet.^ Fragen würde sich nur, ob Glicht an Stelle von Tieren auch
Menschen das Getreide austreten konnten, wie ja noch heute z. T. in Italien die Trauben
von Menschenfüßen ausgetreten werden, wie das Kneten des Teigs noch vor kurzem,
wenn nicht auch jetzt noch, mancherorts durch Menschenfüße bewerkstelligt wurde,
wie man 'Heutrampeln" in Süd- und Norddeutschland übt. Das würde 'tanzen' noch
besser erklären, aber einen Anhaltspunkt haben wir bisher nicht für eine solche
Annahme.^
R. Thurneysen hat got. priskan und griech. Tpißuu unter *trÄ(fu vereinigt (Zeitschr. f.
vergl. Sprachf. XXX, 352) und im ganzen Zustimmung gefunden. W. Prellwitz geht
weiter, er konstruiert ein *tcrf(ß 'klappernd schlagen', das dann durch -sqo er^veitert die
Grundlage für das germanische und griechische Wort für 'dreschen" und für litt, tarsz-
hiii 'rasseln", trcs^h'i 'knistern' ai>gegeben hätte. Das ist begrifflich unhaltbar. Selbst
wenn die Grundbedeutung von Tpißuu und ßrislaii 'die Körner herausschlagen' wäre,
so würde aller Wahrscheinlichkeit nach das betreffende A'erbum einfach 'schlagen",
allenfalls 'herausschlagen' bedeuten. Das 'Klappern' beim Dreschen mag dem Städter
auffallen und charakteristisch erscheinen, nicht dem Bauern, und nicht was jener hört,
sondern was dieser tut, ist maßgebend für die Benennung einer Tätigkeit, die nur dieser
übt und "kennt. Wäre 'schlagen' als Grundbedeutung von *trz(fü erwiesen, so könnte
man die Sache umdrehen: schlagen, dreschen, klappern" wäre die natürliche Reihenfolge,
allein diese Grundbedeutung ist nicht nur nicht erwiesen, sondern direkt unwahrschein-
lich, daher wir das ohnehin nirgends bezeugte *terego auf sich beruhen lassen können.
Als letzt erreichbare Form und Bedeutung bekommen wk trzif'ö 'durch Treten das Ge-
treide entkörnen". A\'enn also im neuen Weigand 'lärmend mit den Füßen stampfen"
angesetzt wird, so kann ich nur dem zweiten Teile zustimmen, dagegen befinde ich mich
in voller Übereinstimnuuig mit Torp-Falk, ürgerm. Spraohsch., 'trampeln, treten'. Ob
nun hinter diesem '■(rzg'o die Wurzel von griech. Tpex^Ju, ir. trai;/ Fuß" stockt oder die von
' Vergl. unser tanzen von den herumfliegenden Mücken.
* Nur in Caserta und Gaeta ist trcscare der allgemeine Ausdruck, aber das ist deullicli sekundär.
' Die Beweiskraft der romanischen Formen stellt H. Pelersson in Abrede. Er will ein Iristcan zu
trctait zugrunde legen (lüg. Forsch. XXIV, !l(>l). Lautlich ist dagegen nichts einzuwenden, begrifllich dürfle
es schwer sein den Wog zu zeigen, auf dem ein die allgemeine Bedeutung 'trelen' tragendes Yerbum zu
den speziellen Verwendungen gelangt ist, die das rom. trifcare zeigt. (Ital. Irexcarc 'treten', d.is Peterssoii
anführt, versagen nieinc Uillsmiltel.) Vor allem habe ich, da ßrishm lautlich und l>ogrimich paGl. Bedenken,
aus dem Romani.schen ein germanisches Wort zu erschließen, für das die so reichlich flicIJende germanische
Überlieferung keinen Anhaltspunkt bietet. Wer den germanischen Bestandteil des romanischen Wort-
schatzes kennt, wird sich für s<dche Spekulationen kaum begeistern können. Es ließe sich ja auch folgendes
annehmen: Dem germ. ßrcshni entsprach lat. *trestvri\ das in .\nleluuing an rcr.<r<vv und die anderen
Verba auf -istere und -Tsivre zu *tri!>cfre oder *trcftccre gewonlen. dann in die -ncr-Klasse ülwrgetroten wäre,
vergl. »ii'iare neben meiere, miimare neben miniiere u. a. Aber auch das wiixl niemand enisl nehmen wollen.
216
W. Meyer-Lfibko.
Aliliililuii^' -2. Ein Dresclistein (pemra) aus Leci-e
(Apulien) nach einer Zeichnung von F. Vallese.
ti'i-ere, ist licute kaum mehr zu ermitteln. Ein */m/7« + aqö könnte vielleicht in ähn-
licher Weise .uriech. -ßoi ergeben, Avie nach Prellwitz (j-sqö zu -ßuj wird, wenn nur vor
sq die Media aspirata ihre Aspiration frühzeitig verloren hätte, und dann wäre die Ab-
leitungssilbe erklärt. Sei dem, wie ihm wolle, die Bedentungsentwicklung geht am
glattesten, wenn man 'treten' und nun entweder 'heraustreten' oder 'zertreten', 'zerreiben'
ansetzt. Danach stehen griech. tpißiu 'dreschen' und xpißiju 'reiben' nicht in Abhängigkeit
zueinander, denn 'dreschen' ist 'heraustreten', nicht 'zertreten'. Außerdem ist aber auch
das Verhältniss von tcro 'bohre' zu tcro 'reibe' in Betracht zu ziehen. Auf Vermischung
und Kreuzung der drei Verba weist wohl hin möxXov Tpiij)' ev öcp&aXuLu Odyss. 9, 332,
wo es sich doch luu' um bohren, nicht um reiben oder gar um dreschen handeln kann.
— Zu *(rs(/>ö 'dreschen' gehört noch lat. trio
'Dreschochse', aber auch hier ist vieles un-
klar. Daß -zgv über -gv oder über -zv zu v
mit Dehnung des vorangehenden Vokals
wird, r vor ö dann fällt, steht im Einklang
mit der lateinischen Sprachentwicklung, aber
i macht Schwierigkeit, wenn man Kpi9r|,
Gerste, liordcuni, nebeneinanderhält. Wäre
Niedermanns Annahme, daß e vor drei Kon-
sonanten zu i wird, sicherer, als sie ist, so
wäre etwa eine Flexion trrzno trizgn'is, daraus
*trciio *triiiif: {?), d^nn frio frionis anzusetzen.
Bei dem Mangel jeglicher Zwischenstufen ist es natürlich nicht möglich, ein reinliches
und überzeugendes Resultat zu erreichen, triri hat Thurneysen mit rpißuj usw. zusam-
mengebracht; hält man am Zusammenhang mit tercre fest, so stellt sich jetzt natürlich
eine Basis tcrei leicht und willig zur Verfügung. Vergl. noch tribulum S. 221. — Mit
Schraders Auffassung, daß 'zerreiben' die Grundbedeutung von Hrzcfü sei, kann ich mich
nicht befreunden, da die Körner erst beim Mahlen, nicht beim Dreschen zerrieben werden.
2. Das Schleifen bedeu-
tet einen großen Fortschritt, es
bedingt aber auch besondere
klimatische und kuHurelle Ver-
Jiältnisse. Die dazu nötigen
Geräte erscheinen in min-
destens drei Formen :
a) Der Dreschstein findet sich heute namentlich in Rumänien, Italien, Sardinien,
Portugal. In Rumänien bezeugt ihn Puscariu aus der Umgebung von Costan^ä und
beschreibt ihn als einen breiten, geglätteten, mit Rinnen versehenen Stein. Sein Vor-
kommen in Portugal vermerkt Coelho (a. a. O. 641), gibt aber keine Beschreibung. In
Italien ist er namentlich im Süden heimisch, dann in der Emilia bis nach Ferrara hin.
Die Formen sind ziemlich mannigfaltig, vergl. Abbildungen 2 und 3. Die üblichste Be-
nennung ist petra, so in Sardinien, in den Abruzzen, Molise, Kampanien, Basilikata,
Kalabrien; daneben nach dem Material tufo, namentlich in der Kapitanata, dazu für
den zusammengesetztcji Stein die VV'eiterbildung tnfogttt), dann pcsatorv (zu innsarc) in
Calitri (Avellino), hatdiir in Bologna, piagna in Lagaro (Bologna), piagmn in Parma;
Abbildung 3. Ein Dresclistein (preda) aus Reggio crEniilia nach
einer Zeichnung von Frau Fillira Pasqui in Pontremoli.
Zur Gescliiclilo der Dreschgeräte. 217
hiatra in Ciiin])ol)as8o, piaströn in Modena (piastra 'Steinplatte'), hudon (?) in Ferrara,
ruslon (?) in Vot^hera, frii'a in Cosenza {irihnla, also Übertragung von der Tafel
s. S. 218), endlich fra£H in Boza, tra>/H in Alghero (Sardinien), trwjon in Ferrara, die
sofort ihre Eiklärung linden werden. Die weite Verbreitung namentlich in Italien weist
wold mit Sicherheit darauf hin, daß es sich um ein in alte Kulturverhältnisse zurück-
gehendes Gerät handelt, das schon in der Römerzeit vorhanden war, und man darf
sich wohl fragen, ob die Römer eine besondere Benennung dafür hatten.
Da bietet sich denn nur traka, eine Bezeichinnig, über die ins klare zu kommen
bisher nicht möglich gewesen ist. Was Geoi'ges und Rieh bieten, ist nicht genügend,
z. T. nicht richtig; Blümner, Terminol. und Techuol. I, 7, sagt mit Recht, daß die Kon-
struktion nicht deutlich sei, ebenso Olak bei Pauly-Wissowa 'Dreschen'. Es verlohnt
sich, zunächst zusammenzustellen, was die Überlieferinig bietet.
Aus Vergil Georgica I, 161, trihidaquc fraheaeque et iniquo pondere rastri geht nur
hervor, daß die trahen ein landwirtschaftliches, bei. dei- Ernte verwendetes Gerät ist,
und wenn Servins dazu bemerkt: fraheae vehicola sine rotis, quae vulgo frahas dicunt, so
beleint uns das über das Verhältnis von tniJia und frihnla nicht. Columella stellt
trihula und traha so nebeneinander, daß man in fyaha eine Dreschtafel zu sehen ge-
neigt sein könnte, klärt aber über die spezielle Form auch nicht auf. Unter den
Glossen hängen traltac sunt rrliinda G. Gl. L. III, 624, 32, paiöiov traha III, 362, 31, und
tralias quidam putant esse quibus in area colligitur pabulum, Donatus voro dicit rrlii-
cula esse trahas sine rotis im Liber Glossarum (C. Gl. L. V, 250, 14; C. Gl. E. 360)
deutlich mit Servius zusammen, außerdem zeigt die letzte Stelle, daß der in Spanien
lebende Verf. des Liber Glossarum von der Sache genau so viel wußte wie wir heute.
Ausführlicher ist trahea TUKÜvri mc, ßujXouq dcpaviJoucra C. (^d. L. V. 350, 14. Würde tukövii
auf eine Dreschtafel hinweisen (S. 221), so zeigt doch der Zusatz, daß es sich vielmehr
um eine "Egge handelt, womit die Glosse für uns wertlos wird. Auch nichts anzu-
fangen ist mit xomouXköi; traliea C. Gl. L. II, 475, 21, da das griechische nur aus Pollux
bekannte Wort eine Maschine um Schiffe ans Land zu ziehen bezeichnet, was trahea
etymologisch ja auch sein kann. Endlich ist noch anzuführen, daß Varro tragida als
gleichbedeutend mit traha anführte, leider keine Erklärung, sondern nur eine Etymologie
gebend: 'ab eo quod trahitur per terram'. Etwas mehr Auskunft geben moderne Formen.
Neap. frarolo, lomb. travol, frol jiassen, vom Geschlechte abgesehen, genau zu iragiila,
mit trahea hat schon Diez tosk. free/f/ia zusammenge.'itelU, dazu noch hol. tnizsa. abruzz.
treya} Die Bedeutung all dieser Wörter ist Schlitten namentlich zur Beförderung von
Heu, Erde, Steinen über Schnee, Eis, Schlamm'. Südsard. traifu, das ebenfalls auf *tra-
[inln beruht, bezeichnet außerdem auch die Egge', bestätigt also die eine der lateinisch-
griechischen Glossen. Im Zentralsardinischen wird '^'trafiuht zu trazu (vgl. hi^u aus
rO(((ii(lio)i), in Ferrara würde es zu trar, also das oben angeführte trazu, traijo» für
'Dreschstein'. Da nun Varro traha und tra<iida für gleichbedeutend erklärt, glaube ich
den Schluß ziehen zu dürfen, daß traha als Dreschwerkzeug den Dreschstein bezeichnet.
Daneben benennt es, wie die Glossen imd die neuen Ketlexe beweisen, noch andere
' Der Vokal macht freilich Schwierigkeit. (Jleichhedeuleiul i.«l reggia, il:\s d.inchen auch die
'Knlirc' hezeiclinel mul wohl osk. tri« wicdeniiht. Oh ;ihei- das r des oskischeii Wortes ohne weiteres
mit (1cm (j^ von v^'gf.'i;i vereinigt wenlcii kiinn, h'ilit sich schwer sagen : wenn ja. so wird trtiigia sein t
daher haben.
Wörter und Saclioii. I. -JS
218
W. Meyer -Lübke.
Geräte, vgl. außer deu angeführten span. irallla 'Straßenwalze', (nüllar das Erdreich
ebnen, um es zur Bewässerung vorzubereiten'.
b) Die nächste Entwicklung ist die Dreschtafel, das trihnluni der Römer, wie
wir es zunächst aus dei' Beschreibung Varros keuuen, r. r. I, 52: e spicis in area
excuti grana. Quod tit apud alios jumentis junctis ac tribulo. Id fit e tabula lapi-
dibus aut ferro asperata quo imposito auriga aut pondere grandi trahitur jumentis
ut discutiat e spica grana.' Man hat damit schon längst die semitische Dreschtafcl
verglichen, die schon Jesaias 28, 28 erwähnt wird und die noch heute über den ganzen
Orient bis zu den Quellen des Euphrat und zum persischen Golfe' verbreitet ist. Vergl.
Abbildung 4. J. G. Wetzstein gibt a. a. 0.,
270 ff., folgende Beschreibung. «Die Tafel be-
steht aus zweizölligen Bohlen von Nußbaum
oder Eiche, welche mit den l^ängsseiten ver-
bunden ein Rechteck von sieben Fuß Länge
und drei Fuß Bieite bilden. Dieses Rechteck
ist an dem einen Ende etwas aufwärtsgebogeu
und nimmt dort allmählich an Dicke ab. Zu-
sammengehalten werden beide Bohlen durch
zwei Querhölzer, welche mittelst starker eiserner
Nägel befestigt und bei besseren Fabrikaten
auch eingesetzt sind. Das vordere dieser Quer-
hölzer, welches da angebracht ist, wo die Bie-
gung der Tafel beginnt, hat an den beiden
iimmax-^if "iwu nur w irairii Seiten und in der Mitte eiserne Ringe zum
1^0^*^% '^^^^'IW i ' ^^ MU'll*' ^ llf l1 Anbinden der Stange des Geschirrs. Die Bie-
gung bezweckt, daß die Tafel unbehindert über
die Halmenlagen hinweggleitet. Die untere
Fläche der Tafel ist in drei ungleiche Teile
geteilt. Ist sie sieben Fuß lang, so kommen
zwei Fuß auf das vordere Feld, welches der
Biegung entspricht, vier Fuß auf das mittlere
und ein Fuß auf das hintere, welches dem
Räume entspricht, der auf der oberen Fläche
hinter dem zweiten Querholz liegt. Das mitt-
lere Feld enthält einen Reib- und Schneide-
apparat, bestehend aus vierundzwanzig schrägen Reihen- harter und scharfkantiger Steine.
Die in die Bohlen eingemeißelten Löcher, in welchen die Steine sitzen, sind einen Quadrat-
zoll weit, einen reichlichen Zoll tief und in der Tiefe um ein Merkliches weiter als oben.
Bei einem neuen Apparate ragen die Steine l'/a Zoll aus der Tafel. — Zum Dreschen wird
das Getreide auf der Tenne auf eineu Haufen geworfen, der an seinem Fuße kreisrund ist.
Al)bililuiij; A. Syrische Dreschtafel aus Ale])po
nach J. Eviins, The Ancieiit Slone Implemetils,
Weapons aml Ornaments of Great Britain, S. Kio.
' Nicht aber, soweit die Denkmäler leinen, im älteren A;:yi)len. Der ägyptische 'Dreschschlitten', ilcn
Rieh s. V. traha abbildet, ist nach Mitteilung von H. Junker vielmehr ein ganz gewöhnlicher Lastschliltcn.
Die Bezoiclmung 'Drescbsclilitten' hat hier wie anderswo zu Irrtümern verleitet. Die ägyptisclie Bezeichnung
des Dreschwagens noreg ist allerilings identisch Jiiil syr. mot-ag 'DreschtafeP, besagt aber nichts, s. S. "Hh.
^ So die von Wetzstein gesehenen, während die i.'3 Reihen an der Tafel von Aleppo gerade sind.
Zur Geschichte der Dreschgeräte.
219
AliljiKluiig ."). Dreschstein aus S. Marco in Lancis. A Dresclistein,
H Haken mit Kelte, G Brustriemen der I'ferde, U Wage, E ein Stein
mit Kette in iler Mitte, F Ansitlil des einen Steines von unten,
G eine Reilie zum Austauschen.
Beginnt das Drcsclien, t^o bildet man rings nm den Fuß eines solchen Haufens aus einem
Teile seines Bestandes eine Halmenlage von zirka sieben Fuß Tiefe. Auf dieser Lage
beginnt die Schleife ihren einförmigen Kreislauf Die Bespannung besteht aus einem
Pferde oder einem oder zwei Stieren. Geleitet wird das (Jespann in der Regel von
einem Knaben, der für die übrigen Arbeiten der Tenne noch zu schwach ist. Er steht
in der Mitte der Tafel.- Soweit
Wetzstein, dem icli noch die ^' ""^^^-^-^ D
Eingangsworte entnehme: «Dii'
syrische Tafel Ijesitzt ganz die
selben Eigenschaften, welche bei
allen V'arietäten dieser Dresch-
maschine die wesentlichen sind;
wenigstens in Ägypten, in
Arabien und Andalusien, des-
gleichen in Kleinasien und auf
Cypern habe ich in der Form
nvu' ganz nebensächliche, in
der Anwendung gar keine Ab-
weichungen von der syrischen
entdecken können». Die Ver-
hreitung der Dreschtafel ist, wie
schon bemerkt, außerordentlich
groß. Das armenische hon, das Ter Mowse.sjanz in den Mitteil, der Anthropol. Gesellsch. in
Wien, XXn, 155, abbildet, stinnnt ganz zu der syrischen, westlich begegnet sie in
Griechenland, in Mazedonien, Bulgarien, in Italien, Spanien und Portugal. In Italien
allerdings scheint die Tafel selten zu sein. In Salerno besteht 'una specie di erpice a
deuti tissi con grossi chiodi Inno e l'altro in legno che chiamano
ni(ingano\ Der Name ist auffällig, da er eher auf eine Walze schließen
ließe, die Beschreibung nicht allzugenau, aber doch so, daß man
an die Tafel denken kann. Eine eigentümliche Weiterbildung findet
sich in der Kapitanata. Der tufo in S. Marco in Lancis (am Monte
(iargano) wird folgendermaßen beschrieben: pezzo massiccio di leguo,
per lo piü di castano, foderato, al die sotto, di lamiera bucherellata.
Vergl. Abbiklung 5. Die Entwicklung ist verständlich. Statt der
einzel einzuschlagenden, dem Ausfallen ausgesetzten Zähne erscheint
eine Metallplatte, die durch ausgeschlagene Löcher die zum Entkörnen
nötigen Zähne bekommt, dadurch wesentlich solider wird und außer-
dem ausgewechselt werden kann, wenn sie durch angehäugte Stroh-
halme und dergleichen an der Funktion gehindert werden sollte.
Der Name fitfo scheint allerdings darauf hinzuweisen, daß eine Verschmelzung der allen
Ilolztafel mit einer Form vorliegt, wie sie unter den Namen (jrattiudsi' (wörtlich Käse-
reibe) in S. Giovanni Rotondo (Kapitanata) vorkommt (Abbildung G): trapezio, di rame
bucherellato, incastrato in due assi di legno laterali, pesante un venti chili. su cui. per
rendcrlo piü pesante, accavalcano delle pietre. h tirato da buoi, cavalli od asini. —
Auffällig ist auch der rabas in Matti tanavese (Piemont), den G. Terracini folgender-
AlilHlilun;.' i;.
üer Urattiicnse aus
S. Giovanni Botondo.
220
W. Meyer -Liibke.
griTnirTirT>,.,.j.^,r>^,n
xMiliililung 7. Di-esclitafol aus Brapanza uacli Cnellio, l'ortiiijalia, (141.
maßen beschreibt: coiista semplicemenk' di alcuiii assi congiunti insieiue, su cui si pon-
gono grosse pietie o si fanno salire i bimbi per far peso, esso vicne trasciiiato sul grano
(hl un paio tli biioi. Also eine Tafel ohne Spitzen? In dem triUio von Bragauza aber
treuen wir wieder die alte Form. Er setzt sicli aus drei Hauptstücken zusammen: dem
i'igentiichen tr'dho, dem i)cote, der eine mehr oder weniger vertikal eingesteckte Stange
ist, und dem timöcscllo, der Deichsel, an der die Zugtiere (Ochsen oder Esel) angebunden
wenlen. Der eigent-
liche irillio besteht
aus einer fast recht-
eckigen Tafel, die
oben (Uu'ch Quer-
stücke fester ge-
macht ist. Die un-
lere Seite ist mit
Kieselsteinen und
Nägeln besetzt, die
in das Holz eingelassen sind. Um das Gewicht zu verstärken, stellt sich der Treiber
aufden/«7/;o und hält sich um jieofc (A. C'oelho, Portugalia I, 641). Vergl. Abbildung 7.
Fast alle (hese Tafeln sind mit Steinen beschlagen, die Eisenstücke, von denen Varro
spricht, hat aber z. B. der // illio von Granada. Sonst bestellt eine Verschiedenheit haupt-
sächhch darin, daß neben
den üblichen zweibrettigen
auch einbrettige und drei-
brettige vorkommen. Ein-
brettig ist z. B. außer der
eben beschriebenen nord-
portugiesischen die cypri-
sehe, wie sie Unger dar-
stellt (Abbildung 8), wäh-
rend Frauenberger (Glo-
bus XX, 192) ebenfalls in
Gypern zweiteilige gesehen
liat, dann die poKÜvri in
Böotien (Pauly-WissowaV,
1001), das kh'äicri bei den
Grusieren, das Ter Mowses-
jauz a. a. O. folgender-
maßen beschreibt: «Man hat ein Brett aus einem Stück harten Holzes, sechs Fuß lang,
an einem Ende zweieinhalb Fuß breit, am andern zugespitzt, etwa zwei Zoll dick und
mit der zugespitzten Hälfte aufwärtsgeljogen. Die ebene Fläche hat von der Spitze
an eine Rippe über das ganze Brett und diese ist mit einer Öffnung zum Durchziehen
eines starken lederneu Strickes oder einer gedrehten Weide versehen, woran zwei Ochsen
oder Büffel gespannt sind.» Dagegen wird die valenzianisch-katalanische Drjschtafel
ausdrücklich als dreiteilig bezeichnet, vergl. z. B. Labernia, Dicc. de la lengua catalana
trill 'Instrument compost d'un taulö de tres trossos uuits, ple de forats, en los quals
Abbildung 8. Dreschtafel aus Cypern nach F. Unger und Th. Kotschy,
Die Insel Cypeni, S. 441.
Zur Geschichte der Dreschgeräte. 221
s'encastan comuncinent pedras fogueras'.' Meist steht, wie schon hemerkt, ein Knahe
auf (leiu Brett, der auch die Tiere führt, doch hat Levier (A travers le Caucase 156) iui
Kaukasus geseheu, wie der führende Knabe neben dem Tiere geht und auf dem Brette
zwei Frauen stehen, die sicli an den Schuhern halten. In Cypern steht ein Mann auf
der Tafel oder es wird ein Stuld auf die Tafel gestellt, auf die sicli ein Mann oder eine
Frau setzt, wie Frauenberger auch ausdrücklich bemerkt.- N'ergl. Abbildung 8.
Der griechische Name der Dreschtafel ist luKÖvri, in den Glossen auch tpiKOvri,
Tpufavri, puKaviT geschrieben, letzteres, durch böot. poKÜvr) bestätigt, eigentlich ein ganz
anderes Wort: puKävi-| 'Hobel', die xp- Formen eine Verschmelzung der beiden Wörter.
Die Belege s. Corp. Gloss. em. s. v. Trihuhm. Die Etj-mologie ist hier nicht charak-
teristisch. Eusthatius erklärt üttö toü tükou, epTaXeiou oiKobo|aiKoO und in der Tat sind
TÜKog 'das Werkzeug, mit dem der Steinmetz die Steine behaut", tukiIuj 'Steine Ijear-
beiten', TÜKiaiaa steinerne Mauer" die nächsten Verwandten innerhall) des Griechischen.
Dazu kommt dann iiTucTKoiaai 'herrichten', also ein Verbum allgemeiner Bedeutung,
daher die dazugehörigen Nomina je nach der Umgebung, in der sie geschaffen und
gebraucht werden, ganz verschiedenartige Werkzeuge oder Geräte bezeichnen können.
Zu den Glossen kommen die heutigen Formen. Konstantinides schreibt xuKävri r\ öp-favov
iL dXiücTiv, äXiuviffTiKiT oavii;, KOivuüg bouKÜvii ii pouKÜvr), bei den Griechen im Kaukasus
tuclian. Aus dem Griechischen stammt bulg. dthnntja. Daneben steht TpißoXa oder -oq,
doch übersetzt ßlachos TpißoXoq, rpißöXi mit 'lierse\ also 'Egge". Wenn, wie es den An-
schein hat, diese Benennung jünger ist und der späteren und heutigen Sprache fehlt,
so wird man mit der Annahme kaum fehlgehen, daß sie dem Lateinischen entlehnt
sei, wobei der Anklang an ipißuj und xpißoXoq 'Fußangel" die Entlehnung erleichtern
konnte. Freilich der Grund dafür, daß die Griechen für ein ihnen geläufiges Acker-
gerät einen römischen Namen verwendeten, bleibt noch zu suchen.
Auch lat. frlhnjunt bietet einige sprachliche Schwierigkeiten. Das / ist lang, wie
die S. 217 angeführte Stelle ans Vergil beweist. Dazu pal.U ital. trihhh, span. triUo,
portug. trilho und damit ist der Anschluß an trkl tritum gegeben. Suffix wäre dsis
Werkzeuge bezeichnende -liiihiin. Aber auffällig ist zunächst die Form trirohini bei
Varro de lingua latina \', 71, dann noch mehr trcblae bei Cato, das in Lucanieu zu Hause
sein soll und dem nun it. trclihiare entspricht, eine Form, die heute nicht nur dem
Süden, sondern auch dem größeren Teil der Toskana angehört. Lassen sich lat. i und
osk. (■ leicht unter ri vereinigen, so müßte doch ein urital. '^firihhloi» im Oskisdien zu
trrflom werden, vergl. rrcfrat: crihrat C. gl. L. V, 854, 1. Setzt mau dagegen ein tresffohin
an, mit demselben Suffix, das z. B. in agohim von mjirc vorliegt, so hätte man damit
ziemlich genau die Entsprechung von germ. "^prcskUs. Das i im Lateinischen wäre dann
zu erklären wie das in trio (S. 216).-' Einfacher ist vielleicht aber anzunehmen, daß dieses
*tresgolom oder -a (vergl. auch auf germanischem Gebiet österr. 'die Drischel") an tni- an-
' Ein aus einer irrdljen Tafel bestellendes Gerät, das aus drei Stücken zusammengeselzt und voller
Li'ieher ist, in die Feuei-steine eingelassen sind.
^ Diese Bequemlichkeit, die sich auch in Ägypten findet, s. Ahbilduns: 10, scheint in Kleinasien un-
bekannt zu sein, wenigstens wird sie von Naumann, Vom goldenen Hörn zu den Quellen des Kuphrat.
S7 Anni., direkt in .\brede gestellt.
■' Vergl. auch .\. Ernoult, Los clcinenl.s dialeclaux du vocabulairo laiin i;{!i, dessen Beurteilung des
Verhältnisses von <■ und t ich nicht folgen kann.
222 W. Meyer-Lübke.
geleimt worden ist, so daß nun aus einer Vermiscliung, deren Stadien im einzelnen
festzustellen wieder nicht möglich ist, irrhla und frivola entstanden sind. Das übliche
trihxJa, -um zeigt Anlehnung des Ausganges an das Suffix -hhun. Während nun auf der
iberischen Halliinsel die lateinische Form herrscht, stehen in Italien die lateinische
und die italisclie nebeneinander. Derartige Fälle kommen auch sonst vor, vergl. sard.
il/(/c aus lat. ikx, eli(/c, ital. clre aus *elrx Grundr. f. rum. Phil. P, 445.
Von größter Wichtigkeit ist nun die Frage, ob die Dreschtafel auf das Kultur-
gebiet des Mittelmeers beschränkt sei oder ob sie auch die Germanen gekannt haben.
Im ersteren Falle darf man wohl annehmen, daß ein in seiner Form so gleichmäßiges
Feldgerät nicht an verschiedenen Punkten konstruiert worden, sondern daß der Kultur-
gegensta'nd von Land zu Land gewandert sei. Da nun Italien den Dreschstein kannte,
wird die Tafel hier importiert sein. Dann bleibt, da eine Wandei'ung von der Iberischen
Halbinsel nach dem Osten allem zuwiderläuft, was wir sonst wissen, nur Griechenland
oder Kleinasien übrig. Für letzteres spricht das frühe Vorkommen und der Lfmstand, daß
Kulturelemente gerade in der ältesten Zeit von Kleinasiaten (Semiten) zu Griechen ge-
kommen sind, nicht umgekehrt. Die Römer dürften ihr tribidum übrigens kaum von
den Griechen bekommen haben, da in diesem Fall wohl der griechische Name geblieben
wäre. Ganz anders verhält es sich, wenn die Dreschtafel auch germanisch war.
Iv. Meringer wirft die Frage auf, Idg. Forsch. XIX, 420. Anord. prcsliuldr, ahd. driscuvili,
ags. picscwold 'Schwelle' scheinen deutlich zu 'dreschen' zu gehören. «Wenn dreschen
eigentlich treten bedeutete, köimte man unser Wort als Trittholz oder ähnlich erklären.
Aber aucli das ist mir keineswegs einleuchtend. Die Scliwelle steht meist hervor, sie
ist der unterste horizontale Balken, der Erwachsene tritt durchaus nicht auf sie . . . —
So bleibt wohl nur übrig, das Wort als 'Dreschholz' zu fassen und das ergäbe einen
Sinn, wenn die Schwelle einstmals schlittenkufig gebogen war; denn Schlitten waren
wirklich Dreschhölzer.» Ich halte das nicht für richtig, glaul)e auch, daß hier wie an-
derswo (vergl. Wetzstein, a. a. 0. 272, oben S. 218) der Ausdruck 'Schlitten' wie 'Schlitten-
kufe' falsche Vorstellungen wachgerufen hat. Man sehe sich Abbildung 4 an, ver-
gegenwärtige sich die Maße: wie soll da eine Schwelle aussehen, damit man sie Dresch-
brett nennen konnte? In dem Lungauer Hause, dessen Grundriß v. Rhamm, Vorzeitliche
Bauernhöfe I, 134, bringt, ist der Dreschbel ein 'eingelegter Balken von etwa -jr, Fuß,
gerade um den Fuß zu heben'. Nach Rhamm, S. 600 (dessen sprachliche Analyse aller-
dings nicht geht; annehmbar ist, was v. Grienberger, Untersuchungen zur gotischen
Wortkuude, 196, vorschlägt), kommt die Hochschwelle auch bei der alten skandinavischen
Dreschtenne vor. Ob freilich die Annahme, daß sie von da auf das Haus übertragen
und nach Süden gewandert sei, sich überzeugend wahrscheinlich machen läßt und ob
eine Hochschwelle vor der Dreschtenne wirklich 'Dreschbalken' genannt worden wäre?
Eine andere Erklärung wird S. 298 vorgeschlagen werden. Das aber ist wohl sicher,
daß für unsern Zweck das Wort nicht verwendbar ist.
Danach ist die Dreschtafel eine auf den Süden beschränkte Erfindung. Ihre Ver-
wendung setzt voraus, daß das Getreide im Freien liegen bleiben kann, d. h. also, sie
ist gebunden an ein Klima, das auch nach dem Schnitt noch genügend trockene Tage
bringt. Wo die Witterungsverhältnisse das nicht erlauben, wo das Getreide n.öglichst
rasch in die geschlossene Scheune gebracht und dann auf mehr oder weniger geschützter
Tenne entkörnt wird, fehlt der Raum, der für die Verwendung einer so großen Maschine
Zur Geschichte der Dreschgeräle.
223
nötig ist. KuUurentwicklung, negative und positive, steht oft genug in engster Wechsel-
wirkung mit den klimatischen und, wie wir noch sehen werden, mit den Bodenver-
hältnissen.
Ich schließe hier den emilianischen haüitoio an (Abbildung 9). Außer in Imola
kommt er auch in Bologna, Ferrara und vermutlich überhaupt in der Emilia vor. Die
Aljliikluii},' '.(. Der hattituiu aus Imola.
Platte wird mit Steinen beschwert. Neben hafdnr soll in Ferrara auch der Name traim
vorkommen, was zu fraf/idu (8. 217) gehören könnte. Der Name paßt nur insofern zur
Sache, als hatten: hier der allgemeine Ausdruck für dreschen ist, ohne Rücksicht auf
die Art und Weise des Entkörnens. Daraus kötmte man schließen, daß es sich um
eine selbständige i-elativ junge
Erliuduug handle. Eine Ent-
wicklung aus der Walze scheint
mir ausgeschlossen , dagegen
wäre es wohl nicht unmöglich,
daß die Dreschtafel in der \'er-
bindung mit dem PHug diese
Form angenonimen hätte. Denn,
wie Berti richat 331 lehrt, ist
es die Protze des Pfluges, auf
die die Deichsel des Inütitoio
aufgelegt wird.
c) Der Dreschwagen.
In der schon angeführten Stelle,
an der Varro von den Drescharten sprach, erwähnt er nach dem Brett [trihiiluni fit] ex
assihus (Iciitatis cum orbiculi:^ nuod vocaiif plostcllum jiiiiiiciim. In eis qiiis srdiat rl a;fHd
quae irahaiit, ut in Hispania citcriorc et aliis loeis faciitnt. Ganz riclitig erklärt das Blümuer,
Terminologie und Technologie I, 6, als 'aus mehreren mit eisernen Spitzen versehenen Hollen
oder Wal/.en bestehend'. Und wiederum trilVt man den Dreschwagen bei Jesaia 'JS,-28
erwähnt. Was sein heuliges Vorkouuncn betritft, so bemerkt Wetzstein, a. a. O. 2S0, daß
.AliliiMuiij; 10. Ätryptisdicr Dreschwagen. Nach Wilkiiisoii,
.Maimors aiul Customs of tlie Ancienl Ej.'ypliaiis. II, S. l'.K).
224
W. Meyer -Lübke.
«derSchneideappanu aus neun scheibenförmio-en Sägeblättern besteht, die a>if bewegliebfii
hölzernen Walzen (je drei Blätter auf einer Walze) befestigt sind. Der Wagen, in Syrien
selten, hat in Ägypten die Tafel so verdrängt, daß ihr früherer Name nomi dort auf
denselben übergegangen ist» (Abbildung 10). Der armenisehe Ureschwagen ist in Mitt. d.
Anthrop. (iesellsch., XXII, 156, beschrieben. «Die rarcar genannte Dreschmaschine ist ein
zweiräderiger AVagen, dessen Räder aus je einem ganzen Stück Brett von 2^h Zoll
Ahliilcluiig 11. Dreschwagen aus Onluiia (Siulitalien),
Durchmesser bestehen; auf seinen Achsen sind kleine, schaufelartige, scharfe Eisen an-
gebracht, und zwar so, daß die scharfen Spitzen nacli imien laufen. Ein Paar Ochsen
oder Pferde werden an diesem Geräte angespainit. Beim Drehen der Achsen zerscluieiden
die scharfen Spitzen das Stroh in kleine Stücke. Die Aclisen sind selbstverstäiidlicli
Abliilclung \-l. Piemontcsischer Ureschwagen nai;-]i Rorti-Pichnf, S. 329.
an den Rädern befestigt.» In Italien ist etwa die luuch'nia aus Ordona (Kapitanata) an-
zuführen (Abbildung 11). A ist die Walze, die zur leichteren Beweglichkeit und wohl
auch zum ersten Zusannnendrücken des Getreides dient, die Zahnräder B C besorgen
das eigentliche Entkörnen, der Lenker der Pferde sitzt auf der Bank D, an den Haken E
werden die Seile befestigt, an die die Pferde gespannt werden. — Einen ähnlichen
Wagen beschreibt Berti-Pichat 329: «Quattro minori rotoli (über den rotolo s. u.) uniti
trascinali da due cavalli il cui conduttore preme col suo peso suU'arnese medesirno.
Ogni spigolo di tali rotoli esercita un colpo seguito da conipressione e per quanto vidi
io nel Piemonte, quando si e tribolato ben bene cavalli o manzi in tale penosissimo lavoro,
Zur Geschichte der Dreschgeräte.
225
conviene poi compicre la trobbietura col coraggiato. Vergl. Alibildnng 12. (Zu dieser
Nacharbeit vergl. S. 214.) Der genetische Zusammenhang zwischen den verschiedenen
Formen ist nicht deutlich. An Varros Angabe, daß ein punisches Werkzeug vorliege,
zu zweifeln, liegt ein Grund nicht vor und da der Wagen in Sj'rien selten, im neueren
Ägypten gewöhnlich, die Dreschtafel umgekehrt hier selten, dort gewöhnlich ist, so liegt
der Gedanke nahe, daß der Wagen in Ägj'pteu aus dem Westen stamme und sein
ägj'ptischer Name norcfi panisch sei. Ob aber die zwei italienischen Formen alt sind,
ist mehr als fraglich, sie köimten ebensowohl jüngere Zusammensetzungen von Walzen
- sein. Daß der Wagen sich aus
der Tafel entwickelt habe, scheint
mir technisch nicht wohl mög-
lich, eher könnten auch bei den
Alil)ilcluii„' 13. Italienische Dre.sch\valze nach
Berti-Pifhal.
Alil)ililiuit; lö. l'rolil iIcs i)iciiionlesi.«chen riibiit nacli
einer Zoichnuiif von (i. Teiiacini.
Abbildung 14. Dreschwalze [rödsfl) aus
Resijrio-Emilia nach einer ZeichnunjT von
Frau Fillira Piisqui in Ponlrenioli.
runiorn einlache Walzen vorangegangen sein. Bemerkenswert ist etwa noch in Rouchi
'ploutrc cylindre, (pii sert :\ ploutrer, jtloiitrcr passer un cylindre sur la terre pour la
rendre unie. Cette Operation sc fait egalement sur le ble. lorsqu'il est trop fort pour en
retarder la v<^getation' (Hecart). Also eine Walze. Lautlich paßt als Ftymon plaiistnnii
oder genauer phistniiii. Die Bedeutungsentwicklung ließe sich allenfall.* so denken, dalJ
das i'laiistrum ein Wagen mit Scheibenrädern, nicht mit SpeichenrÄdern gewesen ist.
Wahrscheinlicher scheint mir ai>er, daß vom Dresohwagen auszugehen ist. dessen Be-
nennung auch auf die Dreschwal/.e, daiui auf andere Walzen übergegangen ist. riiK<tra
Wörter utid Suchen. I.
t»
226
W. Meyer-Lübke.
Al)l)iklung 1().
I'nitil der alessiuidrinischen
nibäld nach einer Zeiclinuiig
von G. 'l'erraciiii.
'Dresclnvagen' liegt lateinisch an der schon angeführten Stelle aus C'ato vor: Sucssac d
in Lucanis pJostra: trchlac alhar}
d) Die Dreschwalze ist ans alter Zeit nicht bezeugt, findet sich aber heute in
Italien, Südtrankreich und Spanien. Genau beschreibt sie Jeraiua, S. 175: 'i ridli sono
cilindri di pietra calcarea a superficie uuita della lunghezza di un metro e del diametrn
di 80 a 90 cm, oppure sono di legno di qucrcia a superficie scanalata e cogli spigoli
armati di spranghe di ferro'. Berti-Pichat unterscheidet den roioJo die kannelierte und
den näh die glatte Walze, vergl. für den rotolo Abbildung 13. Das Hauptgebiet ist ein-
mal Piemont, Mailand, Keggio in Emilia (Abbildung 14), dann
aber auch Foggia und Cerignola (Kapitanata), wo die beiden
von Jemina genannten Formen üblich sind. Der Name rullo,
im Mailändischen cilindro, könnte gegen hohes Alter sprechen,
aber daß der Name jünger ist als das Werkzeug und vielleicht
einen anderen verdrängt hat, beweist wohl die Übereinstim-
mung zwischen regg. röchrl und cerign. r/iovolo. Im Piemuut
heißt die Walze riibaf, monf. rahdta, Ableitungen von riihatr,
rahatr 'rollen', nach Nigra (Rom. XXVI, 5.Ö9) zu orUs, was
nicht recht überzeugt. Auf die einstige Verwendung einer
Walze im Süden weist vielleicht auch maixjano 'Dreschtafel'
(S. 219) und manganidlo 'Dreschflegel" (S. 238).
In Südfrankreich ist die Walze dem unteren Rhonegebiete
eigen (vergl. die Karte S. 243), und zwar steht sie hier ganz an
Stelle des Flegels (Abbildung 17). Der Name ist hariUairc, eine korrekte Ableitung von
bariild 'rollen' oder roidcn, das dem franz. roidcau entspricht, daneben mala im Dep.
Boiiches-du-Rhone, das wie eine Entlehnung aus franz. 7)ic>de 'Mühlstein' aussieht. Üb
ein Zusammenhang mit dem piem. riiliat besteht, vermag ich nicht zu sagen, da die
Kulturbeziehungen zwischen Piemont und dem untern Rhonetal entweder durch den
Delphinat oder über Genua, Nizza gehen
müßten, auf diesen weiten Strecken mir
aber vorläufig nur der Flegel bekannt ist,
doch fehlen vor allen Dingen genauere
Mitteilungen.
Die im Dicc. enciclopedico hispano-
americ. XXI, 544 abgebildete Dreschwalze
{niJo oder roddia) entspricht vollkommen
Abbildung 13. Auch hier ist sowohl die glatte als die kannelierte üblich.
Endlich mag der Vollständigkeit wegen noch erwähnt werden, daß man im nörd-
lichen Schweden eine Dreschwalze verwendet, die mit Holzzwecken beschlagen ist. Sie
soll von Schweden, die mit Karl XII. von den Türken gefangen genommen wurden,
aus Bulgarien gekommen sein (Krünitz, Okon. Enzyklopädie, IX, öKi; Riiamm, a. a. O.,
994). Wir haben keinen triftigen Grund, an der Richtigkeit dieser Überlieferung, wo-
nach also die Walze aus dem Süden importiert ist, zu zweifeln.
3. Das Schlagen. Auch hier sind sehr verschiedene Arten und entsprechend
verschiedene Werkzeuge anzuführen.
' Beiläufitt : was heißt hier albae?
Ahbildung 17. Provenzalische Dreschwalze nach dem
Nouveau Larousse illustre s. v. rouleur.
Zur Geschichte der Dreschgeräte.
yo
■It
a) Das Dreschbrett. W. S. Hamilton, Rei.se durch Kleiiia.sien, Pontus uiifl
Armenien, II, 213, dtr deutschen Übersetzung, erzählt: «Auf dem Rückweg nach Ak
Serais fand ich eine eigentümliche Art, das Korn auszudreschen, durch welche man
zugleich das Stroh unversehrt behält. Eine Fi-au hielt nämlich eine kleine Garbe oder
eine Handvoll Korn über eine Art von Ambos, während zwei Männer (he Ähren mit
flachen Keulen, ähnlich unseren Waschschlägeln, ausschlugen.» Dazu vergl. man Ratzel,
Völkerkunde IP, 442: «In Abessinien ist das Pflügen die Sache der Männer, die Mädchen
und Weiber aber ernten und dreschen, mühsam pflücken sie das reife Getreide und
klopfen CS dann mit kleinen Stöcken auf der Tenne- aus >.. Man kann darhi wohl die
allerprimitivste Art sehen, die kleine Betriebe und denkbar geringe Wertung der
Arbeitskräfte voraussetzt. Sie mag auch z. B. in
Ägypten dem Austreten (S. 212) vorausgegangen
sein, denn das Verbum hi 'dreschen' bedeutet
eigentlich 'schlagen'. Bemerkenswerterweise be-
gegnet man auch dieser Form in Italien und
weiterhin noch lieute. P. Canevazzi Vocabolario
di agricultura 142 s. v. hanca gibt die folgende
Beschreibung: «Batitre a hanco ä un modo penoso
e lungo, usato specialmente nel Fiorentino. I grani
dcbbano essere stati tagliati a terra, cioe con
paglia lunga. In mezzo all' aia portasi un largo
tavolo, un uscio levato dai suoi arjiioni e si colloca
a piano inclinato sopra due panche. Uno o piü
uomini stanno davanti a questo apparecchio, su
cui battono a varie riprese i covoni del grano
tagliato a terra. Alcuni ragazzi o donne riprendono
i covoni via via che gli uomini li gettano da parte e
con ]>icco]i bastoncelli o colJe mani finiscono di
sgranare le spighe rimaste. » Auch außerhalb des
florentinischen Gebietes kommt das vor. Pirona
gibt für das Friaulische an scomd 'battere a banco,
batterc le spiche del frumento o della segola sopra una tavola o sopra una pertica,
per consorvarc piü che possibile la paglia". .ähnliches war oder ist bei kleinem Betriebe
im Nonstal üblich, dami weiter wei^tlicli im Wallis nach .leanjaquet (Bull, du gIos.<aire
des patoisde la Suisse romande, IV, 34): «on usc aussi dun procedt? qui eonsiste ü frapper
les gerbes contre les parois de la grange ou sur un billot, et ä achevcr ensuite l'egre-
nage en battant d'une inain, ä l'aide dun bäton courbe, le ble pris successivement par
poignees». An Friaul schließt sich Steiermark an, wo M. Murko mitteilt, daß iu seiner
Heimat Pettau das Getreide auf einem Brett oder Faß geschlagen und erst danacli aus-
gedropchen werde. Murko verweist noch auf Bartos, Dialeklologia Moravaskä, II, 43S,
wo fiu' Mähren ein ähnlicher Vorgang beschrieben wird. — Handelt es sich hier um
das Entkörnen zum Mahlen, so wird dagegen in Graubünden der Roggen gegen die
Tennenwand geschlagen, wobei nur die obersten Kiirner herausfallen, die man als
Samen verwendet, dann werden die übrigen zum Mahlen bestimmten ausgedrosehen.
(R. V. Planta.)
2S»
AbliilJuni,' IS. Die trihliietta in Luco nei Mars!
iiacli cinor Zeichnunjr von M. Palma.
228 W. Meyer-Lübke.
Eine Vei'besseruug dieses Dresehbrettcs scheint die trihbidta in Lueo nei Marsi
(Abbildung 18) zu sein. Sie ist 80 cm lang, 40 cm breit und mit gekrümmten Eisen-
zacken ausgeschlagen, auf welchen das Getreide ausgedrosehen wird. Man könnte auch
annehmen, daß es sich um ein 'Handexemplar' der S. 219 beschriebenen Tafel handle
oder daß die Tafel aus diesem Brette entstanden sei.
Wie in Steiermark, so M'ird auch in ItaHen neben dem Brette ein Faß verwendet.
Canevazzi, a. a. 0., und Berti-Pichat, S. 322, beschreiben das «hattcrc a hotte sul canlone di
una botte stesa per terra. II lavoratore dinanzi ad essa ne hatte l'orlo con grosso ma-
nipolo siuo a che ne sia sgranellata la maggior parte delle spichc. Toscia bisogna che
le faccia passare per un pettiue ossia rastrello con denti di ferro o di legno per estrarne
tutti i g'rani residui».
Sollte sich vielleicht das germ. *J/res]iwalpH.: Schwelle (S. 222) aus einem ähnliclien
Brauche erklären, d. h. sollte man die Ähren auf der Schwelle der Tenne in ähnlicher
Weise ausgeklopft haben, wie man es hier auf einem großen Brette tut? Noch ver-
ständlicher wäre das, wenn man die graubündnerische Zweiteilung des Dreschens je
nach der Verwendung der Körner in die germanische Urzeit projizieren könnte.^ Viel-
leicht führen weitere Nachforschungen auf germanischem Gebiete, die vorzunehmen icli
nicht in der Lage bin, zu einer Klärung. Was Strabo IV, 21 nach Pytheas aus Bri-
tannien berichtet, ist leider nicht deutlich genug: töv be öItov ev oikoi^ ^e-f«\oi5 kött-
Touffiv, ffuYKO|aicröevTUJv beöpov tojv OTaxütwv. Man entnimmt daraus nur das eine, daß
Getreideschevnien, vielleicht mit gedeckten Tennen, bestanden und daß das (ietreide
'geschlagen' wurde. Aus Diodor V, 2, erfahren wir außerdem, daß die Ähren erst ab-
geschnitten wurden, was nicht zu der italienischen Art paßt, wo ausdrücklich gesagt
wird, daß die ganzen Halme genommen werden.
b) Der Dreschstock. Plinius XVIII, .30, schreibt: «messis ipsaahbi tribulis in area,
alibi ecjuarum gressibus exteritur, alibi perticis tiagellatur». Für das letztere sagt Co-
lumella haculis excuti. Weder über die pertica noch ül:)er das haculum erfahren wir
etwas Näheres und auch die verwendeten Verba besagen nichts. Die verschiedenen
Arten des Dreschens scheinen regional (alihi) verschieden gewesen zu sein, wogegen
bei den alten Israeliten Stöcke und Ruten speziell für das Entkörnen von Dill und
Kümmel üblich waren, Jesaias 28, 27. Nicht ganz klai- ist, was Ruth 2, 17 gemeint
ist: «und sie klopfte aus, was sie aufgeklaubt hatte», und Richter 4, 11: «und sein
Sohn Gideon drosch Weizen in der Kelter». Man möchte fast meinen, es handle sich
liier um ein Verfahren, das dem unter a) aus Abessinien mitgeteilten entspräche. Auch
aus Griechenland haben wir keine sicheren Nachrichten. Da äXuudv auch TÜTTieiv be-
deutet ÜTTÖ Ttüv KOTTTÖVTUJV Toüi; oiaxpac,, schließt Blümner, a. a. 0., 7, Anm. 5, wohl mit
Recht auf ein Ausschlagen. Aber auch hier dürfte es sich um etwas Selteneres,
nicht um das Gewohnheitsmäßige handeln, namentlich müßte man erst wissen, in
welchen Gegenden äXujuv die Doppelliedeutung liekommen hat, die ja auch deutschem
'dreschen" eignet. Sonst fehlen bisher Anhaltspunkte für die Verbreitung des Dresch-
stocks in Griechenland.
' H. Petersson stellt jetzt (Ir!^'. Fnrsch. XXIV, 'iftV) das germanische Wort zu russ. tresho 'Stange,
Stock', trennt es also vfillig von frishtni. Dagegen wäre nichts einzuwenden, wenn nicht gleichzeitig da-
mit die Verzichtleistung auf eine Erklärung des zweiten Teils ausgesprochen würde. Eine Deutung, die
Anspruch auf Anerkennung machen will, muß das Wort als ganzes erklären.
Zur Geschichlft der Dreschgeräte.
229
docl
Sinti wir über die Form der röiuiselien pertim nicht unterrichtet, so darf man
mit ziciiiliciier Sicherheit amu-hiiien, daß sie dein Drcsciistock entspricht, wie er
heute uocii in Uom, in den Abruzx.en,
der französischen Schweiz voricommt.
Für Sant'Angelo (Avelüno, Kampanien)
sclu'eibt Bartoh : 'il m<iz.:(üitro e dun
pezzo solo piegato in due cioe ritorto a
fuoco', die mazzd in Piazza Arinerina
(Sizilien) ist ein gekrünnnter, an dem
Ende, au dem er gehalten wird, dünner
Stock; ebenso ist <i.\e pertica in Trapani
gekrümmt. A. Lindström erklärt den
tnrrivi'lu von Subiaco als 'bastone torto
che si adopera per battere il grauo'
(Studi romanzi V, 297), wie ja auch
der Name auf einen gebogeneu Stock
weist; der Abbildung l'J soll der dal-
matinische Dreschstock genau ent-
sprechen. Für Norditalieu habe ich
nur aus Morazzone (Lombardei) die
Notiz: 'qualche volta e un bastone solo
che si va allargando e faccendo piatto
all'estremitif. Wir haben also nament-
lich im Süden neben dem Dreschstein
ein weitverbreitetes Werkzeug, das sich
in der Verwendung
in ganz Süditalien und Sizilien, dann auch in
Abbildung r,l. Cbuaton a
liaftic (Iresse la [Jüigiiee eil
baut Longueur environ
1 111 ilü. MontmoUin (Val-de-
Ruzl, Canton de Neuchälel.
,Iuiii niO'.l. l'botogr. von
■1. Joanjaciuel.
Abbildung ilu.
Maniemenl du chuaton.
Montinullin (Val-de-Ruzl,
Canton de Neucliätel.
•Juin \\W.\.
I'hotogr. von .J. .Icanjaijucl.
von diesem z. T.
unterscheidet, so dient die ma.:,ia in
den Abruzzen speziell ftu' das Entkör-
nen von Mais. Ein anderer Name ist
noch mafigyoldd in Altamura (Bari) zu
mnJleus. — Soihuui auf ganz anderem Gebiete im liernt'r und Neuenburger Jura (s. Jean-
jaquet, a. a. ()., ö4), in der anstoßenden Freigrafschaft, vergl. Grauimont, Le patois de la
Franche-Montagne s.
^^^^;5j^ ^ V. picui rieau d'uue
seulepi^ce". DieForm
geben Abbild. V^ u. 20.
Das eben genannte
pliln ist identisch mit
ployoti, plioti, das in
der Mundart der for«>t
Abbililuiii; ■2\. t;bualun aus Loysin. Nai b einer Zeicbnung von Fil. tiaucbal. de C'lairvnux erklärt
wird als 'perche qui
sert comme de levier pour temhe une corde ou uue chaine de voitiu-e de nianiere i\
serrer et ii maintenir la charge\ also 'Packstock'. Im Jura heißt der Dreschstcnk
cliiiutoii, das von dem liier z. T. noch lebenden Wrtreter von ital. sono 'Strick" ab-
230
W. Meyer-Lübke.
~3SS3j "t-sci"
geleitet ist und in den ül)rigen Teilen der rranzüsisclien Schweiz auch in der Tat
'Packstock' heißt. Vergl. Abbildung 21, wozu L. CJauchat schreibt: «la partie platte ä droite
(oü se trouve la cliaine) servait autrefois ti battre le ble, non pas dans cet cxemplaire,
niais dans d'autres analogues». Eine dritte, in Neuenburg und in der Freigrafscbaft
vorkommende Bezeichnung: varacö, ist mir etymologisch unklar. Noch mag bemerkt
werden, daß der in Abbildung 20 verewigte Besitzer des chuaton sich dahin äußerte,
daß das Stroh damit mehr geschont werde als mit dem Flegel, daß man ihn namentlich
beim Dreschen von Roggen verwende, da sicli das Roggenstroh zum Anbinden der
Weinstöcke vorzüglich eigne.
Auf deutschem Gebiete kommt namentlich Tirol in Betracht, doch sind meine
Informationen weder vollständig noch durchweg genau. Auf dem rechten Ufer des
Stubaibachs kennt man die l'ritschcn, d. h. Wurzelstauden der Äste, mit denen man
Roggen und (Jerste ausschlägt, wogegen auf dem linken der Flegel üblich ist. Der
Pritschen entspricht im Zillcrtal der Schmirrcr oder die lirütschcn, d. h. ein langer Stecken,
mit dem man kniend die bereits
ausgedroschenen Garben noch-
mals ausschlägt. Früher war auch
ein ßengel üblich, der vorn vor-
dickt war und im ganzen die
Gestalt des romanischen Stockes
zeigt. Häufig dient ein passend
gewachsener Ast einer Buche.
Ihm entspricht die Zocken im
Pitztal, der Knlttl im Pustertal.
(Nach Mitteilungen von L. v. Hör-
mann, vergl. auch dessen Tiroler
Bauernjahr, 66 ff.)
Für Spanien ist hier aus dem
Dicc. enciclop. hispano-americano,
XXI, 544, die Notiz anzuführen,
daß man statt der Flegel einfache Eschenruten verwende, ähnUch denen, mit welchen
die Tapezierer die Wolle ausklopfen.
Eine Vervollkommnung war im oberösterreichischen Innviertel im Gebrauch. «In
früheren Zeiten zogen Gesellschaften von Dreschern, Wied- oder Steckadresclicr genannt,
von Haus zu Haus, um gegen entsprechende Belohnung den Bauern das Getreide zu
dreschen. Sie bedienten sich eines einteiligen Dreschflegels, der aus einem Krummholz
bestand, dessen oberer Teil, die Handhabe, rund geschnitten und am Ende mit einem
Knopfe versehen war, während der untere Teil, der auf das Getreide aufschlug, breit
und wuchtig, mit einer Eisenschiene und eisernen Ringen beschlagen war.» (J. Parzer
in Siegharting O.-Ö. nach Mitteilungen eines alten Mannes )
Hier sei noch zweierlei erwähnt. Prov. lato 'Latte' erklärt Mistral ohne nähere
Ortsangabe als 'longue perche, gaule pour battre le ble', sie ist wohl identisch mit den
Ixisproeheuen Formen. Dazu vergl. in Aveyron (Atlas ling. Punkt TSf)) lato 'sorte Je fleau
forme de quatre ou cinq longs bätons lies ensemble et un peu tordus'. Ich weiß nicht
genau, wie das zu denken ist, will aber noch darauf hinweisen, daß man früher in Jesi
■25-30 cm. y
AlihiUluii- ±1.
Die Mazzd aus Trnpani. Naih einer /.eii limine:
von Herrn Prof. N. Passal;iciiua.
Zur Geschichte der Dieschgeräte. 231
(Ancona) niitRutcnl)ünde]ii droscli (rhtnni infn-ccMi), vcrgl. dazu, daß man in Montenegro,
wenn das Roggenstioli benutzt werden soll, die Körner mit verzweigtem Reisig oder
langen Ruten ausschlägt (P. A. Rovinskij Cernogorija, II, 1, 596). S. noch S. 241.
Neben dem Stock kommt auch eine Art Walze zum Schlagen vor. Prof. N. Pas-
salacqua in Trapani schreibt, daß neben der schon genannten pcrtica auch namentlich
Al)l)iiaung 53. Zillerlalcr Bengcl. Nach einer Abbildung 24. Der eiigadiin.^.l.c prl. Nach einer
Zeichnung von Frau Primarius M. Büdinger. Zeichnung von Herrn IMarrer rallioppi.
von den Ährenleserinnen die iiiaz^a verwendet werde, ein hölzerner Zylinder oder Halb-
zylinder mit Stiel, der übrigens auch zum Schlagen des Hanfes dient (s. Abbildung 22).
Ähnlich ist der Zillertaler ßengel. «Das ist eine etwa einen Meter lange Walze,
Bengel oder Tremel genannt, mit einem Loch am hinteren Ende, in dem ein andert-
halb Meter langer Stiel steckt, und zwar entweder ein starrer senkrecht eingefügter und
nur am obersten Ende etwas umgebogener oder ein biegsamer schief eingesetzter.
Erstere Art kenne ich nur aus dem vorderen Zillertal, letztere kommt auch in
der Gerlds, Krimml, Obcr-Pinzgau, ebenso im Brixental und Mitschönau vor.>
(Ij. V. Hürmann; vergl. Abbildung 23.) Dieser letzteren entspricht ganz genau
der engadinische ^JrZ (pcdns), s. Abbildung 24, obw. pal oder hrcgal (Prügel). l'
Während hier der alte einteilige Flegel ganz unbekannt ist, kommt neuerdings ^
der pel sehr iu Aufnahme (R. v. Planta). Nimmt man dazu die Bezeichnung ^,^
hrcfial, so wird man mit der Annahme nicht fehlgehen, daß es sich hier um i.ii.iuug
einen jungen Import aus Österreich handelt. -i"'-
Kcnmte man schon in einzelnen dieser Formen den Ül:»ergang zum Flegel ^'•''•-•*-
linden, so scheint er noch deutlicher vorzuliegen in dem //•«.</,• (/.um \\ orte /'"*
?^lrona
s. S. 238) aus Strona (Novara), einem laugen, etwas über der Mitte umgebogenen ^^.^^
Stock, wie ihn Abbildung 25 zeigt. van).
c) Endlich der zweiteilige Flegel, der im Gegensatz zum Dreschstock
im folgenden kurzweg 'Fleger gi'uannt werden soll, ist ganz eigentlich das Dreschwerk-
zeug Mitteleuropas. Uonianen, Germanen, Slaveu kennen ihn; ob auch die Griechen,
bleibt noch zu untersuchen, .lannaraki» gibt cppaTTtXiov und Komtvoi; für Flegel; Blachos
übersetzt Komtvo^, das zunächst Keule' bedeutet, ganz allgemein mit batte, battoir'.
(ppcxTTt^iov ist ein altes Ijchnwort aus flagclhtm in der Bedeutung Peitsche, Geißel
(G. Meyer, Neugr. Stud. III. 72), so daß, wenn es wirklieh den Flegel bezeichnet, wohl
.\nlehnung an Ih'an vorliegt zur Bezeichnung eines ganz jungen Werkzeuges. Ich gebe
zunächst die mir bekannten Formen, (.\bbildungen 26—38.)
232 W. Meyer -Lübke.
Ich lial)e vt-rsuclit, diu Fornieu so anzuordnen, wie sie sicli auseinander entwickelt
haben können. Dabei möchte ich glauben, daß die russische, auch in Galizien übliche,
von den andern ganz unabhängig ist. Der Lederstreifen wird liier in den Stiel hinein-
gezogen, und der Schwengel durch den Stift an das heraushängende Stück des Leder-
streifens befestigt. Natürlich bedarf es aber noch weiterer genauerer Mitteilungen über
die verschiedenen slavischen Flegel, bevor man darüber entscheidend urteilen kann.
Die einfachste Verknüpfung ist. offenbar die engadinische (26), an die sich die
wallisische und die piemontesische ohne weiteres anschließen. Dann scheint eine
festere Verknüpfung in der Art eingetreten zu sein, daß die Verbindung durch
zwei ineinander verschlungene Hinge hergestellt wurde, die ihrerseits am Stiel und am
Schwengel in verschiedener Weise, aber stets durch Anbinden und Umwinden, nicht
durch Einlassen verfestigt war. Diese Ringe sind aus Leder, Riemen oder auch aus Eisen
hergestellt. Alle drei Arten werden mir z. B. aus Porto Recanati (Macerata) angegeben.
Dieser Typus ist der in Deutschland und Frankreich am allgemeinsten verbreitete und
auch in Italien vielfach verwendete, sogar im Süden in Ordona. Ein gewisser Fort-
schritt, d. h. eine leichtere Beweglichkeit des Schwengels wird erzielt, wenn die zwei
an den beiden Bestandteilen angebrachten, festen Ringe ihrerseits durch einen dritten
verbunden werden, wie in S. Pol oder in Mecklenburg (Abbildungen 32, 33). Auch aus
Isera (Trentino) liegt mir eine Zeichnung mit drei Ringen vor, aus Varese die Be-
schreibung: un anello di ferro che attraversa i due rispettivi anelli fissi all' estremitä
dei bastoni.
Nach einer anderen Richtung bewegt sich die Entwicklung in den in Abbil-
dungen 34 — 36 dargestellten Typen. In den Stiel ist ein Nagel mit großem Kopfe ein-
gelassen, der Stielring abgeplattet, so zwar, daß der Nagel durch den platten Teil hin-
durchgeht und nun der Ring und infolgedessen der Schwengel sich rund herumdrehen
kann. Im einzelnen sind auch hier Verschiedenheiten teils des iMaterials, teils der
einzelnen Teile zu beobachten, wie man schon aus den Bildern sieht. So ist in 34
A. ein Eisenring, B. ein Lederriemen ; in 36 ist der Nagel aus Holz, die sich um ihn
drehende Kappe aus Leder. Als Verbreitungsgebiet kann ich vorderhand Genf,
Piemont, Engadin (nach einer Photographie R. von Plantas, der die in Abbildung 26
wiedei'gegebene Form nicht kennt), Nonstal, Bozen, Gröden, Suganatal angeben.
Eine dritte Entwicklung ist der langriemige. Außer dem abgebildeten Exemplar
(Abbildung 37) ist er mit Sicherheit bezeugt für Toskana, Avezzano (Aquila), Chicti,
wo der Strick funicel einem Drittel der Länge des Stiels entspricht, und Gaeta. Es scheint
also hauptsächlich die Form des Südens zu sein. Leider sind in sehr vielen Fällen
die Angaben und die Zeichnungen so ungenau, daß eine Verteilung und, was wichtiger
wäre, eine Abgrenzung der verschiedenen Typen nicht möglich ist.
Über die Form des Schwengels, über die Längeverhältnisse der beiden Teile wäre
auch mancherlei zu sagen, floch hisse ich das jetzt beiseite. Nur eines will ich er-
wähnen. Die spcuxa in Finale Emilia ist, wie auch der Name spacca zu spaccare 'spalten"
zeigt, ein Flegel mit einem in der Längsrichtung gespaltenen, also einem zweiteiligen
Schwengel; ein Doppelschwengel an einem Stiel wird mir aus Monsampetrangeli (Fermo)
mitgeteilt.
Zu den beiden Mosaiken ist nur zu bemerken, daß das aus Aosta dem XII., das aus
Pritz dem XIII. .lahrhundert angehört. So undeutlich die Zeichnung (oder die Wieder-
Zur Geschichte der Dreschgeräte. 233
gilbe?) des ersten ist, so läßt doch die verschiedene Färbung erkennen, daü der Drescher
einen Flegel in der Hand hält. In dem zweiten fällt die geringe Verschiedenheit zwischen
Ktiel und Schwengel auf, doch braucht das nicht Ungenauigkeit des Zeichners zu sein,
da z. B. in der Provinz Massa Carrara noch jetzt beide Teile gleich lang sind.
Der älteste Beleg für den Flegel ist die oft zitierte Äußerung von Hieronynius zu
Jesaias 28, 27: «sed virga excutinetur et baculo quae vulgo flagella dicuntur». Daß
darunter tatsächlich der Flegel gemeint ist, wie z. B. Heyne 'Das deutsche Nahrungs-
wesen' 57, annimmt, nicht der Stock, ergibt sich einmal daraus, daß heute flafjdlum, bzw.
also dessen Vertreter ausnahmslos den Flegel, nie den Stock bezeichnen ; sodann dar-
aus, daß flagcllum 'Geißel' zwar auf die Form des Flegels, nicht aber auf die des Stockes
paßt. Das Gemeinsame dabei ist freilich nicht 'das gemeinsame Stück Riemenwerk',
wie Heyne andeutet, sondern der Umstand, daß das schlagende Stück nicht mit dem
Stiele verwachsen, sondern am Stocke lose befestigt und infolge<lessen beweglich ist.
Endlich beachte man, daß Hieronymus nicht sagt, man hätte mit virga oder haculum ge-
droschen, das 'sowohl mit virga als mit hacidian auch nicht recht einleuchtet, da man
im allgemeinen nicht für dasselbe Getreide die zwei verschiedenen Formen verwendet,
daß man dagegen einen völlig befriedigenden Sinn bekommt, wenn man erklärt, mit
einem aus virga und bdcithiin bestehenden Werkzeug, das ßagdlum heißt.
Der Ausdruck /lagclbon ist nun keineswegs gemciuromanisch. Das Verbreitungs-
gebiet ist Frankreich, die Alpenmuudarten bis in die Ostalpen, Bergamo, Venczien, die
Marken bis in die Abruzzen hinein. Emilia, Lombardei, Toskana, der ganze Süden
Italiens, die Iberische Halbinsel und Rumänien kennen das Wort nicht. Für Frank-
reich gibt die Kartenskizze S. 243, die dem Atlas linguistique 580 entnommen ist,
eine Auskunft, die zunächst keiner Erklärung bedarf. Dann also schließt sich das Rhein-
tal an: obw. /lid'i, llmli, und Tirol: gredn. fiel, Buchenstein, Ampezzo frei, Oberfassa
frad, Suganatal //er, ('anal d'Agordo /V/v/e/. Damit ist die Ostgrenze erreiclit.' Dann
trifft man am Abhang der Alpen Vertreter von fragcllum in Tessin, Oomo, Bergamo,
Brcscia, Nonstal, in Orema (•?//'/). Die strenge Kontinuität nach dem Südosten liin fehlt
mir wnhl nur zufällig: in den Marken, namentlich in der Provinz Ascoü ist fraydlu
wieder allgemein üblich, dann in den Abruzzen namentlich in der Provinz Teramo.
frai/ellf in Cittä S. Aiigelo, (A)ntrogucrra. Der südlichste Punkt ist das Plurale tantura
ßaicili in Rieti. Belege findet man zvun Teil l)ei Mussafia, Beitrag zur Kunde der alt-
norditalienischen Mundarten, 128; Salvioni, Postille al lessico latino-romanzo s. v.
flagdlam; Neumann-Spallart, Weitere Beiträge zur Charakteristik des Dialekts dor Marchc.
05. — Ganz vereinzelt steht frezial in Veglia, es ist aber fraglich, ob das Wort boden-
ständig ist, Bartoli (Das Dalmatiuischc, II, 370) denkt an Entlehnung aus dem Vene-
zianischen, wo heute freilich ßagdlum bis jetzt nicht nachgewiesen ist. Von Nord-
Ciallicn, bzw. Nordfrankreich aus ist das Wort westlich gewandert: kymr. frrirgU ist
in einer älteren, mittelbret. fraiill, neubret. frvll in einer jüngeren Zeit entlehnt worden.
' Es liej-'t iialio, von IViaul. frculir 'Stiel des Droschlleiiels' auf die einstige Existenz von fi-aiel auch in
Kiiinil, \vi) man lieute batali sajjl (S. 238^, zu schliefjen. Aber wie dieses fretüir nur in Gröden eine Enl-
s|ire<lnuiL; liat (S. -liO), .«o l)il(Ien aucli grcd. rfinlln und friaul. n-ri/iile 'Scliwenpel' ein Taar. d;is •„'am
veroiiizoll steht. Man n\ulj also daniil roiluicn, dali die IViaul. lHil<ili.-< aus den» Westen l>ezo):<-^n wurden,
daher liir die neslandloilo die westlichen Namen fddlih waren oder wurden. Diesbezügliche Krkundigun^'vii
über die heulifc'en Verlialtnisse haben bisher zu keinem Ergebnisse gerührt.
Wörter und Sacheu. I. *•
234
W. Moycr-Lfibke.
AhbilduiiL' Uli.
Aliliilduiig 27.
AIiIhIlIuiil' 29.
AhliilduiiK ü(i.
AMiilduiig 27.
Abhililun- 2S.
Abliil.luiis,' 2!».
Al)l>ilclung :i(i.
Abliililuiig ;)i.
Abbildung 32.
AbbilduM},' 33.
Abbildulm- 32.
Engadinisdiei" Flegel iimli einer Zeicbnuni,' von llemi l'lhrrer r.illiu|i|ii.
Piemontesiscber Klegol uacli einer Zeiehnuiig von G. Terracini.
Walliser Flegel nacli Uull. pat. .Suisse nun. IV, 40.
'Fninlii' aus Porlorecanati, nacb einer Zeichnung von Ci. I'auri.
Freiburger Flegel nach Bull. pal. Suisse rom. IV, 31).
Braunschweiglscher Flegel nach Audree, Braunsehweiger Volkskun le. p. 181.
Flegel aus S. Pol (Pikardie) naeh einer Zeicbiunig von Ed. Edmoiii, lie.\i(|iie
Saint-Polois, p. 2.")U.
Mecklenburgischer Flegel.
Zur Geschichte der Dreschgeräte.
235
Abbililunj; SO.
Ahbildunu' :U.
AlibiMun;,'
AliliiMunii
Abbildum;
Abbildung
•J8.
Abbildung 38.
Flegel aus Fondo im Xonstal, Zeichnung von G. Batlisli. A. ist ein Eisenring.
Slriik aus Leder. C ein tief eingelassener Nagel.
Pienionlesischer Flegel.
Genfer Flegel nach Bull. pal. Suisse roin. IV. ii».
Die M<K:afrH.-<lo aus Luco nei Marsi. nach einer Zeichnung von M. I aln.a.
Russischer Drescbflegel. 1. SÜel. d. Schwengel. ^
B. ein
236 W. Meyer -Lübke.
Gegenüber der skizzierten Verbreitung des Wortes wird mau die von Heyne, Khi<;e,
Schrader vertretene Auffassung, Sache und Wort seien aus Italien nach Deutscidand
gekommen, nicht mehr aufrechthalten können, um so weniger als der bayeriscli- öster-
reichische Ausdruck jetzt und, wie es scheint, schon im Mittelalter ürischel war, eine
Entlehnung aus den Ostalpengegendeu also auch darum ausgeschlossen ist. Wenn ahd.
Flegel lateinischen Ursprungs ist, dann kann es nur von Nordgallien ausgegangen sein,
wie in diesem Falle aus NordgalHen (nicht aus Nordfrankreich) engl, flail stammt. Aber
die Sache ist gar nicht so einfach. Schon Kluge hat auf ndd. (bei den Angeln) 2J%''^
aufmerksam gemacht, dessen ^; nicht zu fl(igeUi(m passen will. Dieses p ist nun wesent-
lich weiter verbreitet, vergl. dän. plril, schwed. ])l(ignl, wobei ich allerdings nicht zu
beurteilen vermag, wieweit etwa die nordischen Wörter einfach Entlehnungen aus dem
Niederdeutschen seien. Aber dem jj entspricht 2>f i" der Schweiz, im Elsaß, zum Teil
in Schwaben, mau sehe das Schweizerische Idiotikon, Martin für Elsaß, Fischer für
Schwaben, welch letzterer die genaue Grenze zwischen der p- und der pf-Fovm in
seinem Gebiete angibt. Auf bayerisch-österreichischem Gebiet scheint nur Flegel vor-
zukommen, es ist aber der Ausdruck der Schriftsprache, bodenständig ist wie gesagt
DriscJirl. Nach Kluge ist flri/cl altsächsisch ; was es mit brem. fhim/cr, mnd. rla/icr
für eine Bewandtnis hat, weiß ich nicht. Die p-, ^'/'-Formen haben .Johannsen ver-
anlaßt, plagil als altgermanisch und Flegel und engl, /lail als Lehnwörter aus flagellnm
zu betrachten, und Falk-Torp, Norw. -dän. etym. Wb. pleil, setzen eine idg. Wurzel
hlel: 'schlagen" an mit der Variante plel;.: zu jener gehöre i>leil usw., zu dieser ßegil,
flagellnm habe seine mittellateinische^ Bedeutung durch Einfluß des Germanischen be-
kommen. Diese letzte Auffassung nun ist ganz unwahrscheinlich. Einmal vom histo-
rischen Standpunkt aus, da flagellum 'Flegel' doch schon dem 4. Jahrhundert angehört,
dann vom formellen. Ein germ. *flagils hätte im Lateinischen flagilus oder ähnlich
gelautet und wäre nicht zu flagellnm umgestaltet worden, wie ja auch gall. hrogilus
margila, germ. tumpils nicht zu *hrogellus, *margeUa, *tumpelhis geworden sind. So-
lange aber *flägils 'Flegel' und flagellum 'Peitsche' nebeneinanderstanden, lag auch
keine so große begriffliche Verwandtschaft vor, daß die Umbildung daraus erklärlich
wäre. Die Sachen liegen vielmehr so: Wir haben 1. lat. flagellum, nach seiner Be-
deutung vorzüglich geeignet, den Flegel im Gegensatz zum Stock zu benennen ; 2. germ.
*2>lagils vorausgesetzt von alemannischen und niederdeutschen Formen, das an schwed.
plagg 'Schläge' angeknüpft werden kann, sonst aber isoliert ist, da bisher eine idg.
Wurzel blek anderweitig nicht belegt ist. Dieses *plagils kann zunächst nur 'Schläger'
bedeuten, ist also nicht charakteristisch für den 'Flegel'; 3. germ. flagils, gefordert von
sächsischen und englischen Formen, entweder entlehnt aus flagellum oder zu der Wurzel
gehörig, die in litt. ^j^aÄ« 'sich schlagen', abulg. plahati 'sich auf die Brust schlagen',
ir. Im 'Wehklage' vorliegt, in diesem Fall auch wieder nicht charakteristisch für den
Flegel.^ Für die Entscheidung wird es in erster Linie nötig sein, zu untersuchen, ob
* Wieder hat oberflächliche Benützung Du Ganges Unheil gestiftet. Weil fiageUum 'Flegel' in dem
Vocabularium mediae et infimae latinitatis angefülirt wird, ist die Bedeutung 'Mittellateinisch'. Und doch
zitiert Du Gange Hieronymus. Wenn man also sein Zitat berücksichtigt, sieht man sofort, daö es sicli
nicht um etwas erst 'Mitteliateinisches' handelt.
'^ Nur in einer Anmerkung soll folgender Einfall vermerkt werden. Der Plural zu de flegel lautet im
alem. pfiegel, d.i die zu d, d aber folgendem Konsonanten angeglichen wird (pfreud 'die Freude', pmüder
'die Muller' usw.). Da nun das Wort oft pluralisch ist, vergl. S. 238, so wäre zu einem vorwiegend plura-
Zur Geschiclite der Dreschgeräte. 2'M
und wieweit andere Formen als der Flegel zum Ausschlagen des Getreides auf ger-
nianiscliem Gebiete vori<onnnen und M'ie da, wo ^preslils und *Jlai)Us oder ^plaf/ils
nebeneinandcrsteheu, wie z. B. im Altenglischen, ihr sachliches Verhältnis ist.' Natürlich
ist auch hier mit der Möglichkeit zu rechnen, daß wie bei stube-Huve das Zusammenklingen
germanischer und romanischer Form für denselben Gegenstand auf Zufall beruht.
Sehen wir uns weiter nacli den ßeneimungen des Flegels um, so treflen wir ähn-
Hch wie in Frankreich und wie im Germanischen auch im Slavischcn im ganzen große
Einheithchkeit: cejn, in allen slavischen Sprachen, polnisch, sorbisch, polabisch als
Pluraletantum, was nach Berneker, Slav.-etym. Wb., 125, 'auf die Kombination von
zwei Stöcken, des Klöpfels und des Knittels', weist. Sonst bedeutet slov. ccp 'Spalte,
Pfropfen', das slavische Verbum. zu dem cep gehört, 'spalten', so daß das Substantiv
zunächst 'Scheit, Stab' heißen würde. Die Sache bedarf noch genauerer Untersuchung.
Dazu kommt nun aber russ. molotvilo, moutencgr., bosn. vilatac zu Dilatiti 'schkrgen,
dreschen'.
Dagegen zeigt nun das Romanische eine ungemeine Mannigfaltigkeit der Benen-
nungen. In Frankreich ist zunächst sehr merkwürdig das wa;T/(^'«>--Gebiet (s. die Karte
S. 243), dazu marrher "dreschen". So wenig es einem Zweifel unterliegen kann, daß es sich
wirklich um den Flegel handelt (vergl. außer dem Atlas lingu. die Wbb., z. B. Roussey
für Bournois: mcrcu 'fleau servant ä battre le grain', mor! battre du grain au fleau),
so klar ist es, daß niarihrr zunächst nur vom Austreten gesagt werden kann. Das
Verbum wäre dann beibehalten worden, als man mit Werkzeugen drosch, und wäre
auch der Benennung des Werkzeuges, wie immer es beschaffen war, zugrunde gelegt
worden. Also die Umkehrung dessen, was wir im Ägyptischen (S. 227) und beim emilia-
nischen hatfitoio (S. 223) sehen. Daraus würde folgen, daß hier in Nordostfrankreich
das Austreten durch Tiere, wie es bei Germanen Brauch war, nicht wie in Italien (S. 214)
mit dem germanischeu \'erbum für dreschen, sondern mit dem zwar auch germanischen,
wahrscheinlich aber schon viel früher aus der Militärsprache übernommenen mardur
bezeichnet worden wäre. Oder soll die Doppelbedeutung von germ. *prcsl;an, wie sie ja
namentlich in afr. treschier neben ital. trescare erscheint, auf marchcr übertragen und
dem *prrsl;iJA entsprechend ein marclmJur gebildet worden sein? Oder ist der marrhrur
ursprünglich eine WalzeV
Ein zweiter Ausdruck ist ecousseur zu afr. escourrc, lat. c.rcutcrc, das ja schon im
Lateinischen 'dreschen" l)edcutet. Die Bedeutung ist auch hier durchaus Tiegel", aber
es fällt auf, daß mitten unter diesen ecousseur zweimal vrrgc erscheint, mit der leider un-
klaren Bemerkung 'pas de fleau". Welcher Art Ruten das sind, bleibt festzustellen,
jedenfalls sind wir offenbar nicht im alten //wit-Gebiete. Vielleicht ist also der icoHnsciir
ursprünglich ein anderes Werkzeug gewesen. Da es nun weiter nicht unmöglich ist,
daß (las Diarchnir-Gchiet und das ä-0((.s.-;(?«)-Gebiet ursprünglich zusammenhingen, so er-
scheint auch iiiiurlirur in neuem Lichte. Daß flraii, das Wort und damit vermutlich
die Sache, gewandert ist, läßt sich auch sonst nachweisen. Freilich die Schicksale vou
// einerseits, von -rUu andererseits gehören zu den allerschwierigsten der französischen
Dialektgeschichte, weil störende Einflüsse mehr als irgendwo sonst die Entwicklung und
also für uns die Einsicht trüben. Aber wenn in Punkt 51 (Waadt) fhic als fya, fla-
lisclion jitlci/il ein iieuoi- Singular «iii pfliyel oilor de i>flvgfl gcschalTon worden, was dann auf der Grenze
VDii nioilordeutschein p- und oberdeulschem jf-Gcbiel in niederdeulschcni Munde zu j'Ifgtl pewonlen wäre.
238
W. Meyer-Liibke.
ridhon als flo erscheint, so liegt es auf der Hand, daß ßo ein Eindringling aus der
Heiclissprac'he ist, und chleyi neben Jilori (florii-r) Punkt 70 ist zum mindesten verdächtig.
Man sieht hier und anch z. T. in Savoyen und im französischen Piemont, wie sich das
flagrllii))i-('xe\m{ alluiählich ausbreitet, so daß man vielleicht eine Zeit voraussetzen kann,
in der Nord- und M'estfrankreich den Flegel besaß, auch z. T. die südöstlichen Berg-
gegenden, wogegen im Rhonegebiet bis hinauf nach Haute-Saone die Walze, im Jura
und im schweizerischen Flachland der Stock üblich war. Von vereinzelten Ausdrücken
ist noch Ixtt (Fem.), im Dep. Nord, zu nennen, sonst die Bezeichnung des Scliwengels
(S. 241), dann hatul (Alpes Maritimes) mit nicht ganz klarem Suffix, vergl. katal. hafolla.
Noch verschiedenartiger sind die italienischen Ausdrücke. Zunächst haben wir
Ableiuiugen von hattcrr: friaul. hatnli, hat, hafa in der Brianza, hafaija in Busto
Arsizio (Cherubini, Voc. milanese s. v. reri/a), haUmro in Padua, Chioggia, hatlura in
Como, vattetorf in Roccafluvioui, Chieti und
Lanciano (Abruzzeu) und in Castellamare Ad-
riatico, hatfinja in Cairate, Morazzone (Lom-
bardei), hatoii in Rivalto Borraida, hatiynm
in Mongrande (Novara), waitarelo in Subiaco.
Dann Aljleitungen von frcscare: trcsh nament-
lich in Pavia, Monferrat, Canavese, so in
Asiago (Mailand), Varese, Bobbio, Novara,
ßiella, und die Weiterbildung taslcun in Ales-
sandria und im Canavese, dann das eigen-
tümliche fiiasnm in Borge d'Ala (Vercelli).
Namentlich lombardisch ist daneben virj/a
und Ableitungen: verf/a in Mailand, Pavia,
Voghera, venUrlJa in Rovigo, Mantua, Ferrara,
Tortoua, Genua, crijada in Treviglio. Wie
fhujellum, so zeigt den Vergleich mit der
Peitsche fnisfa, mazzafru^ita, seltener niazza
Massaferrara, Moutelupone, Portorecanati,
Urbino (wo heute der Ringverschluß üblich ist), also im ganzen im Anschluß an das öst-
liche fl((tjclJi(iii-Geh\et. Das Pluraletantum haskmi in Fermo, Cittä di Castello, Siena, rJ
sfangrt (tosk. le stanghette) in Imola erinnert einerseits an den polnischen Plural (S. 237),
andererseits gibt es die Erklärung für das tosk. perug. correggtato, das also ganz eigentlich
heißt 'der mit einem Riemen versehene Stock' und für das emilianische serca 'Ring',
eigentlich wohl hastun (i serca 'der mit dem Ring versehene', wobei also etwa die in Abbil-
dung 34 dargestellte Verbindung zugrunde liegt, vergl. noch ftarcella in S. Agostino (Fer-
rara), während sonst in Ferrara verzeJa üblich ist. Diese Ausdrücke sind wohl ein direkter
Beweis für den Dreschstock, der danach einfach haston geheißen hätte. Ohne weiteres ver-
ständlich sind noch mngye (malkus) in Bari, maszillc in Schiavi (Chieti) zu mazza 'Keule',
curzd (Ableitung von corrigia) und lazel (zu laqucus) in Lagaro (Bologna). Schwieriger
sind andere Ausdrücke. Manganiello in Avellino gehört zu dem aus Salerno angeführten
mnngano (S. 219) und deckt sich formell mit neap. manganieUe 'Winde,' dazu paßt weiter
neap. linnele, das Bartoli als Benennung des Flegels angegeben wurde, während es D'Ambra
mit 'Garnwinde, Haspel' übersetzt. Also eigentlich 'Dreschwalze', wogegen raffiii, was
Abbildun.:; 'M. JIus;iik aus liii k..|.tilL i.iii Prilz
bei Laval (Mayenne). Nach Heyne, Fünf Bücher
deutscher Hausalterlflmer, n. 56.
Zur Geschichte der Dreschgeräte. 239
D'Ambra anfülirt, zunäclist 'Pfropfreis' heißt (lat. fjmjihixm C. Gl. L., VII, 7, 22, vergl.
Wiener Studien, XXV, US, frz. greife), also wohl den 'Stock' bezeichnet. Trotz der
Übereinstimmung mit dem Slovenischen (vergl. S. 237) kann ich mir keine rechte Vor-
stellung davon maclien. Ein weiterer neapolitanischer Ausdruck ist veville, das an siz.
liririUi( erinnert, allertlini;s sicii nicht völlig deckt, da dorn neap. // im Siz. (/(/ entsprechen
sollte und auch das plus oder minus des r in Betracht zu ziehen ist. Vergleicht man
neap. j^ere aus lat. pejus, so liegt der Gedanke an ein Deminutivum des osk. veia (S. 217)
nahe, dann läge Übergang von der Dreschtafel auf den Flegel vor. Oder soll man
an verhdliim von vorher denken? — Begrifflich klar, aber etymologisch dunkel ist karcdya
in Chieri, Pinerolo, Asli, Alessandria, kamira in Ormea, daneben auch kavaria, kar-
vaia, in Maisette und Robi (Piemont) auch kavahjiin, im Tale der Dora Riparia auch
lldJdvi/a. ])assell)P Wort bezeichnet auch das Werkzeug, mit dem der Tapezierer die
Wolle ausklopft, und ist offenbar identisch mit dem ravidea Teitsche" der Turinor Predigten
(Rom. Studien V, 89). Keinen Zusammenhang mit diesem piemontesischen Worte dürfte
kavcujoun in Sautarcangelo di Romagna haben, das auch Getreideschober, Garbe bedeutet.
In letzterem Sinne kann man an eine Ableitung von cdballus denken, aber was hat der
Dreschflegel damit zu tun? Noch dunkler sind halandra in Acqui (Piemont; Terraciiii
erinnert au hahmdrone 'herumtanzen'); loka in Pinerolo, hattcrc a tokkii und chhahjU
in Rom; letzteres klingt an vhjlio, oviglio in Gaeta an, doch dürfte der Anklang trü-
gerisch sein, i-KjJio zu ital. VigJatre 'worfeln' gehören und ursprünglich ein Ruteft-
büschel sein.
Mitten im rätischen flagellifm-Gehiei steht oberengad. sqt(af:suoir, unterengad. scrasi^uoh;
bei Carisch auch scJilassuoh; das offenbar durch Ferndissimilatiou von r-r zu l-r entstanden
ist. Ein obw. shissiiir wird von Conradi, nicht aber von Carisch und Carigiet ange-
führt, nach R. v. Planta reicht der engadinische Ausdruck auch ins Albulagebiet
nach Bergün und Fili.'^ur hinüber. Durch die ungenaue Schreibung scrasuoir bei
Carisch verleitet, hat A.scoli (Arch. (jlott. I, 179) an Zusannnenhang mit frz. eeraser
gedacht. Es handelt sich natürlich um excussorium mit einem r, das vielleicht von
scroler 'schütteln' stammt. Weiter verbreitet als das Nomen instrumcnti ist das Verbum
und das Nomen actoris. ('arisch gibt srucJer 'dreschen', scitdader 'Drescher' als die
einzige Form auch des Rheintals, erst im Mün.stertal erscheint habr. Mau fragt sich
natürlich, ob ein Zusammenhang mit dem f.rciissoriMMi-Gebiet des Rhonetals (S. 237) be-
stehe, wird aber die Frage vorneinen niü.«son. und zwar aus folgenden Gründen. Wir
sehen mehrfach, dal.^ Nord- und Ostfrankreich, Delphinat, oberes Rhonctal und Grau-
bünden im Wortschatz zusammengehen und im Gegensatz stehen zu Südfrankreich.
Wenn nun excussorium in Engadin einst auch dem Rhein- und Rhonetal eignete, so
läge eine ganz ungewöhnliche Übereinstimmung vor. Oder wenn man das für eine
sehr alte Zeit annehmen und dann folgern wollte, daCJ ihigdlum ins schweizerische
Flachland dringend weiter rhoneaufwärts und rheinabwärts gewandert sei, so wSre die
weitere Folge dieser A'oraussetzung. daß das tirolisch-italienische fJugcllHm-Vich'wi völlig
unabhiüigig wäre von dem französischen. Bei aller Mannigfaltigkeit der Benennuugeu
des Flegels in Italien treffen wir aber sonst nirgends an verschiedenen Punkten gleicli-
mäßigc Bezeichnungen, vielmehr hat joder Ausdruck nur ein, soweit wir urteilen könneu,
in sich abgeschlossenes (Jebiet. Daher spricht die allgemeine Wahrsciieinlichkeit eher
dafür, daß das engad. sqitassimir ein Eindringling sei. der das //(/</<7/(//((-Gebict durch-
21(1 W. Meyer -Lühko.
brochen hat, und dazu stimmen denn auch die verschiedenen Umgestaltungen der ersten
Silbe, die sich bei einem Wanderwort eher erklären als bei einem bodenständigen.
Exciissorium treffen wir aber als Bezeichnung des Schwengels in Norditalien (S. 241).
Noch ist aus dem Rheingebiet sc/dcr/cl also das deutsche Wort zu nennen, das zunächst
aber wohl nur den schlagenden Teil bezeichnet.
Auf der Iberischen Halbinsel zeigt span. fr/llo, wenn es wirklieh den Flegel be-
zeichnet, Übertragung von der Dreschtafel, portg. malho aus nwllens ist indifferent, mamjoal,
zuspnn. inaiif/dl 'Streitkolben' aus lat. ituwiiali.'; gehörig, könnte ursprünglich den Typus des
niehitciligcn Flegels (S. 232) bezeichnet haben, doch sagt Coellio nichts von einer solchen
Form. Span. lafitjo oder laf/go trillndor heißt eigentlich Peitsche, Dreschpeitsche, mazor-
ciidor gehört zu maza, mazorca 'Keule', astur, garrofe ist 'Stock'. Ob die überraschende
Ärmlichkeit gegenüber dem Reichtum in Italien auf der Mangelhaftigkeit der Informa-
tion oder auf tatsächlichen Verhältnissen beruht, muß ich dahingestellt sein lassen.
Das rumänische imbläciü ist slavischen Ursprungs.
Überblicken wir diese ganze Nomenklatur, so bestätigt sie, was S. 236 ausgesprochen
worden ist. Charakteristisch für den 'Flegef sind die Namen, die auf Peitsche beruhen :
unter diesen umiußt flageUii in allein ein, weites Gebiet, ist also wohl das älteste, wie es
denn auch am frühesten belegt ist. Für den Ausgangs|)unkt dieser wichtigen und
lebenskräftigen Erfindung gibt uns die Überlieferung keinen Anhaltspunkt. Hierouymus
slammt aus Dalmatien, aber vegl. frcsiel ist wahrscheinlich nicht alt (S. 233) ; er war ein
weitgereister Mann, so daß wir nicht wissen, wo er das flagellmn gesehen hat. Die
heutige Verbreitung des Wortes aber weist nach Nord frank reich. Also gallisch? Die Gallier
haben ja auch den Räderpfiug (carriicci, frz. cJnirr/ie), die Mergeldüngung (mar(/ilu, frz.
mann) und sonst manches andere in die Landwirtschaft der Römer gebracht, freilich damit
auch die Terminologie. Ich halte die Frage noch nicht für spruchreif. Die Grenzen
von Kulturwellen dürfen sich nicht auf einen einzelnen Gegenstand aufbauen. Die ganze
Geschichte, nicht nur der landwirtschaftlichen Geräte, sondern auch der Landwirtschaft
selber, namentlich auch das, was in Norddeutschland als 'Sachsengängerei' bezeichnet
wird, das Wandern der landwirtschaftlichen Arbeitskräfte, müßte untersucht werden.
Schließlich will ich noch, wiedei'um und noch ausscliließliciier luir auf dem mir
vertrauten romanischen Gebiete zusammenstellen, was ich über die einzelnen Teile des
Flegels zu sagen habe.
Der Stiel wird zumeist mit den üblichen Ausdrücken für Stiel benannt: iiiauchc in
Nordfrankreich, margiie in Südfrankreich, mani, manio und dgl. im Rätoromanischen,
in Norditalieu, in Lucca, Livorno, Siena, niango in Portugal. Auch portg. ccdio (caput)
ist nicht weiter auffällig, da calo 'Griff, Stiel' bedeutet, gen. maiicä ist niuiinale, rum.
därjea gehört zu bulg. drhzalo 'Stiel'. Vereinzelt steht graubündnerisch astu. — In Italien
sagt man Auch iicdulc und dem entspricht in Val di Scalve (Bergamo) /;ese?, diis zu haais
gehört. Krem, fralm, gredn. frclh; friaul. frculir sind Ableitungen von frai, frei mit Suffix
-um bezw. -ariii, desgleichen portg. mangoaciru von manguul. Daran klingt langued.
manciräl an und bezeugt vielleicht ein *inanicr 'Flegel'. Etwas schwieriger sind andere
Ausdrücke. Veltl. manavrill, val. ser. manavril, manafi'd hat Salvioni zu tosk. manfmdlc
gestellt, bemerkt aber, d.iß auch maiiuhrinni in Betracht gezogen werden könne (Po-
stille s. V. DKuifar). Terracini bringt nun noch piemontesische und genuesische Formen :
nianeord Val di Susa, manivral in Usseglio, Viü und Santhiä, maidvrel iu Pinerolo,
Zur Geschichte der Dreschgeräte. 241
tnanebrä in Porto Maurizio, nianavril in Sugria, die deutlich für nianuhrhnn sprechen.
Man darf wohl annehmen, daß ein Zusammenhang mit dem Velthn bestand oder noch
besteht. Nicht mit Sicherheit zu ermitlehi ist, wie tosk. manfa, manfano, »mnfmiUe
dazu kommt, speziell den Flegelstiel zu lienennen. Die Wörter gehen mit manfero
'Griff', Handhabe, Kurbel' in letzter Instanz auf lat. mamphur 'Kurbel, Drehholz' zurück
(vergl. für die formellen ^'erhältnisse Phil. Abhandl., )Schweizer-Sidler gewidmet, S. 24 tt'.).
— Pik. lotr. maintien gibt genau deutsch Handhabe wieder, das z. B. im Braunschwei-
gischen in demselben Sinne verwendet wird (Andree, Brannschweigische Volkskunde,
181), es ist eine Zusammensetzung von nunn und tlem Stamme von trnlr, hat also
mit frz. mai)ifien Haltunp," postverb. zu mainfenir nichts gemein.
Unverständlich sind mir parni. antolenna, berg. lacur, gen. accofi; saiutong. (ulö,
rouerg. tudü, tedii, die offenbar zusammengehören und auf *tefuUu, tiäuUu hinweisen,
aber nicht wohl zu iudes geboren können, weil d im Rouergat zu z wird; genf. li/uiUeine,
jur. niesd, Schweiz, asii, obw. bidi, bad'i (kaum hacellum), eng. haif.
Der Schwengel wird entweder nach seiner Form benannt oder nach seiner Funk-
tion. Ersteres in südwestfrz., südostfrz. verr/c, prov., piem. rerga, piem. auch fer(/ä (-at't);
friaul. vergüte, gredn. värdla; parm. verdzil; dann tosk. vctta Gerte", berg. hakcfa
'Stock'; lucc. kuloJdi/a, emil. hdocca isi eigentlich 'Pfahl zum Aufbinden des Weinstockes";
portg. rara oder iwiiiga. Auffällig ist seu. dma 'Gipfel'. Man könnte natürlich den
Schwengel als den oberen Teil des Flegels betrachten, es scheint mir aber wahrschein-
licher, daß die Doppelbedeutung von Hör. veüa 'Gerte' und 'Gipfel' zu einer Verwendung
von cima geführt hat, die in diesem Zusammenhang sonst nicht üblich ist.
Mit r'nnc in Piemont, hrCds (brauche) in Lavaux (Waadt) ist vielleicht scopd in Elba
zusammenzuhalten, doch schreii)t der Gewährsmann il corregiato b poco in uso. Mio
padre si riconla di averlo visto in case dei contadini i quali, non sa bene se per ischerzo
o adoperando invece la parola nel suo usuale significato, chiamavano manico il manfanile
e srojm la vctta.' Im übrigen vergl. auch S. 231.
Auf die Funktion weist der über ganz Nordfrankreich verbreitete Ausdruck la hatte
oder andere Ableitungen von Imttcre wie hatä in Malmedy, hatc im Jura, hatur in Loth-
ringen, hatar in Como, dann skisüre in \'alle S. Martino (Bergamo), t^hiissiira im west-
lichen Komaskischen, gegen Varese zu, aus cxcitssoria. Dieselbe Bedeutung hat eng.
scassuoir usw. (S. 239). Unverständlich ist mir laöm, lacm in den bergamaskisehen Alpeu-
tälern; mazora in Mercallo (Como) ist wohl von mazza abgeleitet.
Rum. hüdäroff ist insofern bemerkenswert, als es, zu magy. Iiadarö gehörig, in
einer sonst ganz slavischen 'Perminolugie einen magyarischen Ausdruck zeigt.
Der Verbindungsriemen, zumeist aus Leder bestehend, heißt waadtl. koragf,
piem. kureija, eng. kuraza, portug. corrcia (lat. corrigia) oder Schweiz., saintoug. korzü, i>av.
kordzci (corrigia + one bczw. in»), dann lucc. kogo (coriititi), piem. korani (coramcn), vergl.
noch angiida in Usseglio, weil er zumeist aus der Haut des Aals hergestellt wird,
berg. moskadrs 'Lederriemen". Sonst dienen allgemeinere Ausdrücke wie berg. hissoi,
lassaritl, laxsrf zu hvinrus:, tosk. gouddno. abr. pastora (it. pastoia), friaul. prdia (pcdica),
Schweiz, apatzc (^ullachc) und entsprecliend canav. taka; pik. akiijtliir {zu <iccoiipIer), schweir.
elrelgu (*cidrclieur). Portug. med, gal. iitcuit, astur, »liniiu stimmen zu niiyann in Chieri,
Rivoli und Alba (Piemont) und zu Mittelband im Innviertel. Auch eng. nicrfs und
galiz. .viigo (Juguiii) sind verständlich. Portug. cnccdouro (Revista Lusitana lU, (58),
Wörter uud Suchen. I. 31
212
W. Meyer -Lübke.
sedoiro (K. Michaelis) stellt lautlich insHorinm dar, könnte auch zu sda gehören, beides
nicht verständlich. Parm. regg. kapUt wird zwar ausdrücklich als 'quel cuoio con cui
si congiunge la vetta col manfanile' erklärt, heil.sl al)er eigentlich 'Hütchen'. Ganz dunkel
bleiben gen. sfralh'a l;'stmh'ure 'binden'?), val. sug. rrscm, Breccia (Conio) sJciijan.
Die Kappe heißt in ganz Frankreich chappr, nur im Wallis z. T. cif<crpa (rcharpr),
was fast wie ein mißverstandenes dsup aussieht, in l'iomont kajilüt, haplit. Portug. ca-
sitla ist ein scherzhafter Ausdruck, da casnla ja eigentlich das Meßgewand der Priester
ist. Auffälliger ist eng. l-nlöfs ('Hals'). Der Name setzt eine etwas andere Form vor-
aus, wie sie heute noch im Münstertal üblich ist. 'Die Dreschflegelstauge hat dort
am vorderen Ende einen ringsherunigehenden Einschnitt und dieser heißt hilots (R.
V. Planta). Darauf paßt ja in der Tat die Bezeichnung 'Hals'. Rum. oglagi ist slavisch,
vergl. z.B. ohtavcJc 'die Kappe des Flegels' im östlichen Mähren (Bartos H, 438).
Andere Bestandteile, wie z. B. die Ringe, tragen, soweit
ich berichtet bin, keine spezifischen Namen.
Endlich das Verbum für Dreschen. Lat. iribuJare
hat sich erhalten in Rumänien, Sardinien, Kampauien, sofern
es sich um Dreschen mit Tieren handelt, in der Kapitanata
für riillo und machhm ; es ist der Ausdruck der italienischen
Reichssprache für jedes Dreschen, in Siena neben battcrr, so
zwar, daß dieses nur für Ausschlagen dient, dann der Aus-
druck der iberischen Halbinsel. Für das Ausschlagen hat
sich lat. rxcntcre, wie schon (S. 237, 239) bemerkt, in der Frei-
srafschaft, in der französischen Schweiz und im Rheintal
und Engadin gehalten. Sonst ist batterc gebräuchlich in ganz
Frankreich, im Münstertal, Tirol, z. T. in Friaul, in ganz
Norditalien, selbst in Piemont, wo der rühat (S. 226) üblich
ist, in den Marken, dann in Toskana, z. B. in Serra Pistoiese
(S. 244), '\''al d'Elsa, Figline (Yal d'Arno) und auch in Rom
und Neapel. Daß Ursnvc in den Abruzzen für das Austreten gesagt, daß dies in Gaeta
und Neapel zum allgemeinen Verbum wird, wurde S. 215 bemerkt, auch für Varese
(Lombardei) wird tresbi angegeben, und daß dies weiter verbreitet war, erhellt aus S. 238.
In der Basilikata, in Apulien, Kalabrien, Sizilien dient p/sare für die Anwendung des
Dreschsteins, vom 'Zerreiben' ist mau also hier zum 'Ausreiben' gelangt. Mau unter-
scheidet dabei ganz scharf zwischen pcsarc IcoJla prda neben ramazsare JcolJe masze in
Potenza, pisare Tcolla pdra neben ammallarc oder vattire IcoUa pn'rtehi in C'atanzaro,
2nsare holla tn'li/a aber amniaJchire IwUa mazsa in Cosenza und Sizilien. Vergl. noch S. 214.
In Benevent und Aviano, auch im Gebiete des Dreschsteins, sagt mau slcunurc,
was ursprünglich eine ganz andere Manipulation bezeichnet. D'Ambra erklärt neap.
scogtmre 'torre i cunei delle biche coniche dei grani e sgranare le spighe col coreg-
giato soll' aia'. Dazu cuyno: colraine delle buche (1. biche) di grano a forma cilindrica.
Friaul. slzomc ist speziell das battere a bauco (S. 227), es gehört zu coma, vergl.
uoch scomä 'percuotere le frondi degli alberi e farne cadere le frutta', während friaul.
tsoliä vom Austreten gesagt wird, vergl. isoh 'Klotz', also wohl zunächst 'stampien'.
Vereinzelt stehen gredn. //e/c bad. ficht, die nicht direkt auf flagcllarc zurückzugehen
brauchen, sondern Neubildung von fiel sein können, vergl. rercjd in Novate (Mailand) und
im Komaskiscben, span. apalear, astur, (jarrotiar.
Abbildung 40. Mosaik aus der
Kathedia von Aosta nach Di-
dron Aine, Annales archeolo-
giques XV, p. ii()4.
Zur Gesclilclite der Drescli gerate.
243
n
'1.
töicdOr
■^.
D.ubs /
J„r.
P".'-iie Domo
VP'S Mariilma
l)io Vcrteilimt,' der Ausdriii'ke ITir FIfi/il in Kraiikroicli iiaih liiliicroii-E<lmoiU.
Alias liiij;iiisli(iiu> do la Kianco /l)\iii. I. inairhcur, -2. i'coiissfui; X tvryi-, +. die
Dreschwalzc. Üherall sonst ist flAiH rtlilicli.
St*
244 W. Meyer-Lübke.
Rum. hnUaü 'mit dem Flegel dreschen' ist slav. mlatiti.
Alle die geschilderten Arten des Dreschens werden im romanischen und germani-
schen Em-opa bald nur noch der Vergangenheit angehören. Das bezeugt Jeaujaquet
für die französische Schweiz, das habe ich vor dreißig und mehr Jahren in der deutschen
beobachtet, das gilt nach Pufcariu für Rumänien, das schreibt die Mehrzahl der
italienischen Korrespondenten. 'In oggi la trebbialura meccanica e universalizzata anche
nelle piü piccole fatture e nelle regioui piü montuose usando, ben inteso, macchine dl
differente potenzialitä (Macerata); tranne che per qualche caso eccezionalissimo, ormai
h diffusa in tutta la provincia la trebbiatura a macchina (Padua); oggi si trebbiano i
cereali esolusivamente con trebbiatrici a vapore (Apulien)' usw. Wie denn auch in Padua
und anderswo nuicrhinare il frumcnto gesagt wird. Dazu steht als Ausnahme Serra
Pisloiese hatten' für Dreschen mit dem Zusatz 'non si usa trebbiare, perche sconosciute
le macchine per trebbiare'. Vor allem aber Sardinien nach M. L. Wagner: 'Dresch-
mascliinen sind erst in jüngster Zeit eingeführt worden, aber so selten, daß ich auf
meinen Reisen nie eine zu Gesicht bekommen habe'.
Die Geschichte der Dreschmaschine und ihre Kämpfe mit den älteren Geräten
zu schreiben, wäre auch der Mühe wert. Dabei käme noch mehr als sonst auch in
Betracht, wie sich die Cerealieu und Leguminosen und die Dreschwerkzeuge zuein-
ander verhalten. Mehrfach dient in Italien der Flegel speziell zum Enthülsen der
Bohnen, während für das Getreide die Walze, die Tafel, die Maschine verwendet wird.
Daneben sind aber gerade für die Bohnen noch ganz andere Werkzeuge in Gebrauch.
Davon vielleicht ein andei-mal.
-O-
Wörterverzeichnis.
Von Fr. Pogatscher.
Ui'-Iiidoierorinaniscli.
*(ir 64
*l,lel- 236
*W,'/," 105
*huOhr() 42
*hhar 61
*bh,eH 189
*bh)a 1S9
*W(;-HH 189
"hhulk 105
»rfe»» SB
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^tuöroyhoa 97
*tuör)ghos 97
•/Moros 97
*(■} 80, *h/ 207
V 62.
.Vltiiuliscli.
aA-M<{s 22
aüj 22
(5»((/a 22
ayas 27
arbhaküs 98
ürhhagas 98
alqkaris)}i'i 80
Avalokitesrara 83
*ns<//i/« 172
ästam 172
Indra 83
Vpt-ndia 83
kafi/a 82
A'/f/m 82
i-i'iajn 82
</ai-a(ta 81
ffiiriifla 81
yanit 81
giirütmiiul 80 f.
giräti 81
gravan 26
(•« ca-Te-h 68
Jagannätha 82
iiV'?i(! 80 f.
tririh-a 81
trisüla 83
rfow 88
näK}? 23
Namlin 83
ntisiiie 169
näsatya 172
njsate 170
jxithd.i 193
;)n^/i/ 193
jxinthäs 192
/>«SM 104. 107
i'iV/- 82
phwsli 26
piftäm 26
pVämbara 82
hadhirä 42
M/a 203
Brhaspati 64
W»i(,s- 189
mnrjati 100
niärjiti 100
»ir>V/ 100
iiirsäti 100
i/rijj 97
ifoHin 82
»•!((/, ruditi 83
nidrä 83
Kiidra-Sira 83 f.
/iu(/(i 83
Lokesrara 83
rä/mtid 83
ri- 80
ri7(»ii 81
T'i,s(ii( SO IT.
snmitihTädhiräsa 82
Sliiyn 8*2
gkh.i.l.ilf 103
246
Wörterverzeichnis.
stabhnätl 21
stabhnuti 21
stamhä 21
stoiiihai/hauä 21
stambha 21
spandate 178
spandands 178
&•»«■ 81, 83 f.
hiiijumuhha 81
haijasirah 81 f.
hiirihatja 81
lir}lkes(i 82.
Iranisch.
flw?ir( av. 169 f.
/«»•*■ av. 96, 98
tüirya av. 96
^las» av. 104
pdsimiän airan. 107
/«(«Htt jgav. 107
NaKhaiiit/n av. 172
f/oos av. 85
sjmnilr paniir. 181
itihün npers. 107.
Armeiiiscil.
erhan 26
Um 219
carcar 224
maJem 26.
Griecbiscil.
äßiip 116
"Abpaßai 4.5
äXwäv 228
äpeX-feiv 110
äStJuv 14
äöTEiaqjrii; 21
'•ßdara .34
ßaaTareiv29, 32, 34f.,38r.
ßaöTciZo? ngr. 38
ßaöTciKTrii; 38
ßdöTaH 29, 35, 38 f.
ßdöTOV 34, 38
ßuOTOV IC 38
ß^qiupa böot. 195
ßouXi'i 87
ßoitTupov 97
ßpoKciv 100
ßÜLiKoc; 116
■fd\a 100
Te 68
Ytq)upa 195
y6|j<P0(; 43 f.
Ypdcpeiv 204
TÜTtn 107
beiKvuvui 87
biXeap 91
beöTTÖTri? 88
b^tpupa kret. 195
biKdZeiv 34
biKeiv 87
bkn 34, 87
boKÖ; 189
böio 34
botdt€iv 34
böno? 88
bouKuvii 221
^YTi"! 90
^YT>J'1öi<; 90
^Ttaqpi'i 93
itiiOTtevae. 177
iu\o-!xivhe\v 177
^iriOTitvbeööai 177
^pTdZ;ec!aai 34
^pYov 34
ipirpeiv 197
^pKO? 41
ZeuYvuvai 85
ZuYÜc; 71
*r\pwJ^o<; 193
fipoK; 193
iiauxiu 116
ö^m? 86 f.
O^Hiuöc 87
lYbil 4
i'Ybi? 4,
21
"KdlJUKTOV 38
KdnoE 38
*KU|aaxTOv 38
Kdiaßoi 45
Kdunoi 45
KXr|povönO(; 90
KXfipo? 90
Kobopeiov 5
Kobopeüetv 5
KüTravo? 231
KÖHTEIV 5
Kpiöii 216
Kpiveiv 87
Kuavo? 45
Xi^Yeiv 204
XenlJeiv 5
Xipa 34
Xi|.iuZeiv 34
laaOeiv 87
Hddn 87
(aaiTup ffivL 205
).ldpTIT£lV 100
Htv 68
(.leöiTTi? 93
Hdao? 93
jJtTavuaxri; 170
pvanov gort. 205
püXf| 26
nOXo? 26
(auarripiov 205
vaidni? 170
vaieiv 170
v^eadai 168 IT., 172
VEKpoßdOTaE 39
\iiitiv 87, 90
■'vivoopai 170
viaeoOai 170
viaaeoöai 170
vöno? 87
''voaJcK; 169
vöao? 169
iepd vöao? 93
vöaxifioi; 170
vöoTO? 168, 170, 172
voOaoi; 169
touTidvoi; njjr. 108
SupiT 97
oiKabe 170
oiK^Tr|i; 89
oIko? 89
oi'cpeiv 174
ßXno(; 14
öjiTTvai 174
ÖILITTVII 174
"OnTtvIu 174
ö|LiTrviO(; 174
ötüYttXa 102
*ÖTtuia 174
önuieiv 174
öp^Y^iv 85
öpo<pri 197
öpocpo? 197
Ouvvoi 45
öqjpO? 189
TTOÖetv 87
•ildöti 87
Ttapexeiv 173
Tidpöevoi; 44
TTdpiaai 45
Tidroc; 193
TTrivcXöireia 174
*Ttüvau)i; 193
VövToio? 193
TTÖVTO? 192
TToaeibiüv 198
uTiaaeiv 5, 26
UTÖpSoi; 44
()OKdvn 220
poKdvri böot. 221
fjouKuvri 221
fiuKuvri 221
{)dj|aii 116
ödY^ct 33 f.
odiTeiv 33 f.
0Kapiq)decr9ai 204
OKcbavvüvai 103
öKibvaööai 103
andbr] 180
atraipeiv 164
öTT^vbeiv 177
oit^vbeaöai 177
önivbeipa 181
cmvbfipa 181
aiiovbii 177
öToXa 34
axaXdliiv 34
OT^pßeiv 21
OT^IncpuXov 21
OToßdleiv 21
öToßeiv 21
aulvfia 85
auvi^vai 100
aepevbövti 180
a90pa 14, 164
*oqpupja 164
atpupöv 164
ax^bn 103
öujceaOai 171
aihpuKOc, 97 f.
öuupö? 97
Wörterverzeichnis.
247
rä\\c, 44, 47
Te 68
*T.Fd)paKO<; 97
tZöko? 106
TiO^vai 80
TiTuöKtaOai 221
■zopLT] 97
Tp^q)6iv (-faXa) 97
Tp^X^iv 215
Tpißeiv 5, 215 f., 221
TpißoXa 221
Tpißo\o(; 221
TpiKavr) 221
TpoqpaXi'i; 97
Tpufavri 221
TiJO|inTdvii(; ngr. 108
TOOTidvii^ ngr. lOS
Tooudvo? ngr. 108
tiichait knukas. gl'. 221
TUKdvn 217, 221
TUKiZeiv 221
TUKiana 221
TÜK05 221
Tuvdvri 221
TÜitxeiv 228
Tupoc; 96 IT.
ÜTiepoi; 4, 14
(pdilana lesl). 34
qpdvTUYIita "34
«ppaTr^^'ov 231
qipiiTCiv 5
q)pUY€Tpov 5
qjiÜYCVOV 5
fpÜJYfiv 5
XapuKiov 38
Xnpo; 89
Xnpwtni'ii; 89
i|i((itiv .%.
Albancsiscli.
hii-c 97
iiiief "Kt
l)ri(<ii' 105
lifK!/ KT).
Liitciiiiscli-Komaniscli.
nbastd iipiov. Xi
iihiila al'iz.-ji'nl. 3!ä
(iMli- atV/,.-jiiil. 34
acnmcinre il.il. :!0
(H'A)rt goi). '.'11
accoiqiler frz. 241
(Kieps lat. 179
(ipatze Schweiz. 241
(iviiulUis lat. 86
"CS- lal. ^7
iilJidije frz. 1 1 5
(ilfivr frz. 1 1.")
(ii/iiso liit. '214
(ii/cre lat. 'iii
(ii/uliiiti lat. 241
ni/ufi eng. 115
nkupliir pik. 241
allir/nre lat.
nllif/arc pecitniam 90
*aniii-fiu lat. 205
(imiiv! lat. 205
nmm((kK-<ire ital. ilial. 242
fiHchii) ital. 22
<i Ileus lal. 22
(iiif/nilii ital. ilial. 241
«/(o frz. 1 1 9
iiiitiileiiiia panii. 241
iipiili'fir Span. 242
Ajiii/lii lat. 64
*(itttif!ciire lat. 1 15
(»7;(7c/- lat. 92
iiyhltriitin lat. 92
((/•c// al'rz.-jiid. 32
or/» ilal. :!l
iirruiiic IVz. I 16
iirsciKil frz. 1 19
fo-iv' frz. 1 19
arsidou prov. 1 19
osta Schweiz. 240
rts» Schweiz. 241
atiiint nun. 1 1 1 f.
*atteii<irc lal. 1 1 1
*attenorarc lat. 1 1 1
iizzettnrc cal. iic.iii. 114
hacfhi'ii ital. 38
((/ hacchio 38
hucdlitm lat. 241
*liia-sfii>ii lat. 38
tmailiiiii lal. 38, 228, 233
/««/'/ oliw. 241
/«k/ eng. 241
bakrrot frz. 1 16
/«/A-c/n herg. 241
/«»^ ilal. 213
hiiliiin/iii ilal. ilial. 2:>9
/)«/./.; kalal. 201
liditcii ilal. 227
bullere (I biiiieo 227
iffrc« ilal. 118
barkessa ital. dial. US
harilld südfrz. 226
btirülnire südfrz. 226
b(ii£ zenlralfrz. lls
bas breton. 33
basi's lat. 240
basone sard. 214
bast 28 ff.
bast afrz. 33
6«.?« prov. 28, 33
hast span. 33
hast kat. 33
i«.s-; ilal. 34
hite de bast frz. 37
enfant tic hast frz. 37
ßls de bast afrz. 36
(fils de bns) afiz. 36
fils de bast frz. 37
*basta 30, 35
/;«.s7ft prov. 34
hasta span. portg. 30 f.
basta ital. 30 f., 33 f.
*bastachiare 29
bastai/a ital. 35
bastaye aragon. valenc. 38
bastar/io ital. 29, 38
baatagio tosk. 38
bastai aprov. prov. kalal.
29, 39
bnstais aprov. 38
bastäu portg. 29, 37
bastar aprov. 30
bastar prov. 28, 32
bastar span. 28, 32 f.
bastar poilg. 28, 32
bastard fiz. 37
bastardo spaii.porlg.2S, 36
bastardo ital. 28, 36 f.
bastare ilal. 28, 31 f.
bastart prov. 28, 36 f.
bastart kat. 36
*basiassare 29
bastats mallork. 38
baslaj- lat. 39
basta.r kat. 29. 38
baslaxiit sard. 38
baslazo von. 38 f.
basta^ii 39
6n.>7c afrz. 30
iHtsle aragon. 33
baslear span. portg. 30
bastecer span. 33
basier agaliz. 30
haslerna lal. 29, 34 f.
Hasterna 37
basti ilal. 29
6r(.s7/ prov. 30 f.
basti nprov. 30
hast'i aslur. 31
basti ilal. 32
bastia ilal. 30 f.
baslia florent. 30
bastida prov. 30 f.
hastida aspan. 30
bastido portg. 29
baslidor span. portg. 29
bastle afrz. 30
*basti;/a 35
biistif/a span. 38
bastimen prov. 31
basliniento ilal. 31
bastln ilal.
bastln da fachin I 34
ha.stione ilal. 30
6n.s/i> prov. 28, 30 f.
/«(s/ir span. 28, 33
ba.slir porig. 28 f.
i[(rt*7/> kat. 30 f.
Än.s-^/r ilal. 29
hastlre 30, 32
baslire ailal. 30 f.
i«,7i»e iUl. 28, 31
basilta ital. 30
*baslo 30
ft(j.<to nprov. 30
basto span. 28, 32 f.
basto portg. 32
6(w^. ilal. 28. 33 f.
baslii adj. span. 39
baxton span. 29. 37
baston ital. 238
baslon nun. 29
baslön prov. 29
*basltine 38
ft((.s7.»i<- ital. 29, 31. 37 f.
bastoni ilal. dial. 2.38
bostrece allp«rug. 35
bästreija .'ireL 3.5
Mstrica ilal. 3-5
hastrii/a ilal. 35
&(».</!( span. 39
*b<uitiii» 'Xi, ;ö
ba~itiim laL 37 f,
ba.iliim s\v\\\. 34
fxi.s-^K.s- lat. 37
An.«/».« nilal. 32
&<i/ frz. dial. 2;lS
248
Wörterverzeicli iiis.
bat ilnl. dial. 238
Mt frz. 28, 4:?
lala ital. 2Ii. 2:iS, 241
k'ttu IVz. dial. 241
bafali friaul. 233
fcdfncrf Irz. 28. 36
batauro ital. dial. 237
hatai/n ital. dial. 238
hatdiir ital. dial. 216, 223
bafe rum. 38
6n<e jur. 241
bater 239
balh/ran ital. dial. 238
bälimeiit frz. .31
M^r frz. 28 IT.
J(!/;V afrz. 30
batolla katal. 238
baton ital. dial. 238
irf^<» frz. 2!l, 37
batschhiiDia ital. dial. 1 14 f.
biitt II pas.son niail. 214
hiifle frz. 24()
battirc lat. 238, 241
— ital. 223. 242
buttere a banco 'iil
baltere a bolte 228
batlere a tokku 239
battiloio ital. dial. 237
battitnio ital. dial. 223
battiiere lat. 38
batul frz. dial. 238
batur lolhr. 241
J««»)-« ital. dial. 238
battuija ital. dial. 238
biiuderon waadtl. 201
bcscl ital. dial. 240
bQtüi lothr. 119
biculiin loml). piem. 114
biciliin loiiih. pieiii. 114
biciolan ital. dial. Il.j
biWi ol)w. 241
bifolco ital. 105
W.S lat. 10.5
biscineula ital. dial. 114
bisiihhia ital. 114
bit.iehalö eng. 1 1 4
boiplä bresc. 114
boi^oU'in mant. 114
bodina nilat. 42
bonum lat. 89
bniionim jmsscxsio 89
ioyi/s interdlcere 89
bondroH frz. 201
bozzilan parm. 114
boz:olao ven. 114
irfi^s Schweiz. 241
hriyiil eng. 231
l/riiilln siz. 239
brnder fiz. 29
*brni/vlli(s lat. 2,36
brnidar prov. 29
brosliir aspan. portp. 29
briistare ital. 29
biibiilciis lat. 105
/«»•/o« ital. dial. 217
hiitschald eng. 1 14
biilscheUfi eng. 1 14
aihiiUiis lat. 239
(■«6o portg. 240
cnlcare lat. 214
camailare .senes. 38
cum dt o ital. 38
Ciiiiibns lat. 45
ciindei'o ver. 1 15
caprinmlgus lat. 167
(•«/>«/ lat. 240
cnr^t/ ital. dial. 238
(■".w ital. 1 18
caseiis lat. 97, 99
casiila porig. 242
caitrii prov. 214
ciinrilea miat. 239
rriidiimo ver. 11.5
ehappe frz. 242
r7(nc afrz.
/lAs rfc c/jrt)' 37
ihnrnie frz. 240
cheniiil pik. 120
chiliis poilev. 1 16
chiniiyli ital. dial. 239
chiiisir frz. 30
(•7»)/.r frz. 30
i-liHiitnn frz. dial. 229
Cliuiiui lat. 45
ciliiidro niail. 226
(•(■»(« sene.s. 241
diiHsnm lat. 116
ciirir/iihim lat. 217
coir« span. 214
coenaculum lat. 120
t'p/n lomb. pieni. 1 14
co^/rt span. 214
(»Jim ital. 242
commercium lat. 90
como ital. 35
conJHijiiun lat. 85
consilium lat. 86 f.
consid lat. 92
coramen lat. 241
cnriiim lat. 241
correyijliito ital. dial. 238
fiirreio portg. 241
ciirriffia lat. 241
cDi-rigia ilal. 238
cremnre lat. 65
crexcere lat. 215
ciii/no neap. 242
c'iiWn lomb. 1 14
currus lat. 103
(/«(•<; lat. 89
därjea rum. 240
rfn<od lat. 176
rfeij7is lat. 203
decimare lat. 62
despensa span. ]iortg. 179
dictatored lat. 173
dispensa ital. 179
f/o?«,s' lat. 91
dimiHS l.it. 88
ditbitare lat. 62
rf»o lat. 62
*du-oi\a lat. 89
echiihis frz. 38
cchiirpe frz. 242
icousseur frz. 237
fo( frz. 117
i'niric frz. 117
c/re ital. 222
*e;cj- lat. 222,
emiinripatio lat. 88
ciiibasta prov. 34
enredonrii jiortg. 241
enjalmar span. 35 f.
enxaJmo portg. 34, 36
o-r/ffr/rt ital. dial. 238
erigere lat. 85
cncharas afrz. 38
escourre afrz. 237
iscraser frz. 239
escK afrz. 117
escnier afrz. 1 1 7
csciirie afrz. 117
cspondes afrz. ISO
psro Schweiz. 115, 12(1
estampar span. liorlg. 21
extampe frz. 21
cstampcr fiz. 21
«»■/re afrz. 115
estres afrz. 120
äampe frz. 21
c/rn savoy. 120
(7rt' lyon. 120
i'lreli/ii scinvoiz. 241
fVro lydii. 12(1
(7/-o^ frz. 120
t7.w;) 242
i'tserpii wall. 242
*e.rciirlHs lat. 48
excnssorinm lat. 239 f.
excusnoria 241
excutere lat. 237, 242
*exiienda lal. 179
*e.rpundii lat. 179
c.(7f/-rt lat. 120
/■»»i/Ym lat. 89
fiiiitaiima prov. 34
finilüme frz. 34
/"".s' lat. 8.5
/"..''"'^ frz. 120
A';-(/rf ilal. dial. 233
^d/eZ?/' ital. dial. 233
fistiila lat. 6
piiilcUiire lat. 242
fliii/ellum lat. 233, 236,
238 ff.
"fliigilus lat. 236
/?cV)t frz. 231, 237
//l'/ gi-edn. 233
//c/c gredn. 242
^CT- ital. dial. 233
/?(7/e frz. dial. 238
flid! obw. 233 '
flu frz. dial. 237
///(f// obw. 233
forma lat. 97
foniiiidiiU mlat. 97
f'onniiggio ital. 97
forniafiriim lat. 97
fvniiaticHs lat. 97
founiil frz. 120
/•;■<«■/ ital. dial. 233
friigellum lal. 231, 233
/'rr(//» krem. 240
friilerniU frz. 00
friiyelle ital. dial. 233
frin/ellii ital. dial. 233
/Vr/ ital. dial. 233
fr(7/'r gredn. 240
/■/■i'/(///- friaul. 233, 240
frezial ital. dial. 233
frczicl ilal. dial. 240
froiiKigc frz. 97
Wörterverzeichnis.
240
frwsto ital. 238
fulcire lat. 105
funilel ital. dial. 232
fll« frz. tlial. 237
(/alavija ital. dial. 23'.)
ynnuich prov. 38
giinmUo aven. 38
giirce frz. 4fi
(/(ir(;(iii frz. 4(j
gavrote astur. 240
garrotiuv astur. 242
^'a*'« frz. 46
ffomhhifi tosk. 241
l/riiphiiini lat. 23il
(/iviftahiscio ital. 210
.(/(■(.'//"e frz. 239
(juccidatu siz. 1 14
f/notld ital. dial. 1 lö
;/»(•» ital. dial. 1 1")
/i«i<-t' frz. IKi
hädurog rum. 241
7(»;'»7» lat. 31
hcii/fttc frz. 116
heredifns lat. 89
fecri;« lat. 89
herits lat. 90
7jc/ frz. 30
hon afrz. 30^
Äo«//- afrz. .30
hofih'ui» lat. 216
hoi-lHs lal. 116
ho.<),ilHle lat. US
/(ö/c/ frz. 118
hiiiin/dije frz. 31
hoitrder frz. 31
hourdis frz. 31
Ä»/"/.s- eng. 242
Jlionii lat. 4.5
(7w lat. 222
»VfV/o sard. 222
*i nihil xltKjtire 35
*ii»hiisli(iiirc 35
iiidiiislire ital. 29
iiiibiistriyüre arot. 35
'tmhläciü runi. 21l)
'imhhiti runi. 214
*.■»-«//<) lat. 119
hiiijiiHiii lat. S6
hijiisliiiii lat. S6
inferdicärc lat.
hoiih iiitfrdiffii' 89
Wörter und Snclicii. 1.
insilorium lat. 242
tntinä rum. 1 1 1 ff.
infinfit rutii. III f.
hiliiKili rum. I 13 f.
jiilmu span. 34, 36
jiiuke frz. 116
*jousdics lat. 92
./ows lat. 64
./«rffx lat. 91 f.
jiiijwii lat. 241
jüngere lat. 85
./«»jo lat. 04
,/unone 173
jiirnre lat. 8.5
./»*■ lat. 85 ff.
JHsliiia lat.
Jus-tiliii distrihiitiia 87
Iciiiiuri ital. dial. 214
halofia emil. 241
hiliikl-ija lucc. 241
to7*/t'< ital. dial. 242
hiiplöt piem. 242
haras tess. veltl. 38
karvaia ital. dial. 239
*käsjus 97
koiikö prov. 214
kariiira ital. dial. 239
kanihja ital. dial. 239
kiiruhjun ital. dial. 239
kiivaria ital. dial. 239
/i'n;i« .sard. 217
koraiii pieni. 241
koriig^ sclivveiz. 241
kordsei pav. 241
ior^öschioz. sainton^'. 241
/i"*/o lucc. 241
kiiritztis eng. 241
kureijii pieni. 241
/«<• cimcretnm lat. 103.
/«(7 lat. 96
/(«7(r berg. 241
7((i'»i berg. 241
/if(7»i berg. 241
hiijueiis lat. 238. 241
/.(/)■ lat. 63
liissarül berg. 241
?«ss^* berg. 241
M.s.soi berg. 241
laslrii ital. dial. 217
7«//V;o spnn. 240
Ittligo trilliidiir 210
/<(/« prov. 230
/rtzt-; ital. dial. 238
lechiga »pan. 35
leciica lat. 35
Zerren; lat. 204
leltiga ital. 35
/«• lat. 84 0'., 204 f.
/oAy( ital. dial. 239
lijuäzqme genf. 241
niiicihinare ilal. 244
macchiiiarc il fnunento
'in
mache frz. 240
*macia lat. 31
mtiQon frz. 31
mager in nilat. 116
itKiggyokla ital. dial. 229
»//rtr///t ital. dial. 238
nuiintemr frz. 241
muintien frz. 241
niüinlle.n pik. 241
iiniison frz. 118
maicral ital. dial. 240
iiialho portg. 240
/»rr?/6>H.s lat. 229, 238, 240
malus lat. 189
miiinßhur lat. 241
manafril val. ser. 240
munarril ital. dial. 240 f.
manavrill veltl. 240
mancipare lal. 89
Mancipatio lal. 88
manehrä ital. dial. 241
maneiräl langued. 240
inanei-rel ital. dial. 210
iiianf'a tosk. 241
iniinfiinile tosk. 240 f.
iiianfano tosk. 241
manfero ital. 241
mangal spail. 240
nianganielle neap. 238
manganiello ilal. dial. 226,
2:«
inanguno ilal. 219, 226
maiigano ital. dial. 238
niaiigo Jicrtg. 240
inangoaeira i>orlg. 24<t
tnaiiyoal portg. 240
manyiwl portg. 240
mniii" ital. 210
*mainfr 240
nianio ital. 210
inanirrel it.il. dial. 210
mansio lat. 1 IS
mannionea aeaticae HS
mansiones hibernae 118
mansiones rernae 118
mansiones aullininales
118
mamtale lat. 240
manualis lat. 24<J
manubrium lal. 240 f.
maniimissio lat. 88
tnanti-i lat. 88
waHr« gen. 240
marcere lat. (i
marchediir frz. 237
marcher frz. 237
marchenr frz. 237
*inorgella lat. 236
maryite frz. 240
niarid lat. 173
marne frz. 240
masoni südsanl. HS
maleola lat. 189
J/«<ce lat. 173
jV«<W lat. 173
»mrrt .span. 240
mazoru ital. dial. 241
mazorco span. 250
mazorcador .span. 240
1)102.-« ital. 229, 231, 238,
241 f.
mazzafntslo ital. 2:?8
mazzaliiro ilal. di.al. 229
mazzille ital. di;il. 23S
»icä porig. 241
»ieni( gal. 241
mediilla lat. Xi
*mednUum Xi
med US lat. 31
medut gask. 35
»lei'are lat. 21.5
meiere lat. 215
*meis(ii lat. I7l>
*meitat lal. 176
*meitö lal. 176
i.ii-/cn 102, lal. lol
meltra ital. 167
meollo span. .'V>
HirtvV fi-z. 237
mcirii frz. 237
m?s(i jur. 2H
m<-i</<- frz. 226
»irii/ra ilal. 167
Hicrii/ prov. :V»
HKTr« ilal. <lial. 23S
»iifliini »stur. 241
33
250
Wörterverzeichnis
mkJollo ital. 35
mk'z frz. 31
miiKif/iioii nilat. Uli
mi'nnare lat. tJ!."")
minuere lat. 215
miolo porig. 3.^
»H/o/ lat. 173, 176
*ni(/ö lat. 17()
»litlcre lat. 170
niiyanri piem. 1^41
»/«/« lat. ((, 24
»)/67(r frz. dial. 220
molere lat. 3, 0, 20, 10.5
moretum lal. C
moriri lal. 6
moskecU'S berg. 241
moftarium lat. 4, 0
nmccellutn cal. 1 14
niidcare lat. lOl
nmlfire lat. 10(1 f.
iiiKlclni lat. 107 f.
»iHfiiH ailalm. 118
navaied lat. 173
«ffCM- lat. 23
nederc lat. i)0
Nein et es lat. 9."), lOS
NejiliaiHn lat. ()3
ncxHin lat. !•()
fi/erfs eiii,'. 241
'ntreciu ital. dial. 214
ohligafio lat. 91
t}(ß(i'ji rum. 242
*o^)e(? lat. 173 f.
0/w.v lat. 174
"ojjif' lat. 173
ojw kt. 174
ori/s lat. 226
o.sYt'/ afz. 118
oriyUo ital. dial. 23'.)
of/^vWf bürg. 110
7;«/ obw. 231
pälm lat. 202 f., 231
postoia ital. 241
jxwtoni abr. 241
paitüna breg. 1 14
iJccK lat. 103, 107
2>ecunia lat. 89, 103
2>ecHniam (ilUr/are 90
pedale ital. 240
j^rf/a friaul. 241
pedica lat. 241
pignnle friaul. 115
pi'hiihiiia piacent. 118
2>eji(>,- lat. 39, 239
2)el eng. 231
penarule friaul. 115
2>endere lat. 177 f.
2)endere lal. 177 f.
/leiidnhi vio. vernii. IKi
priiola ital. ilial. 1 l."i
pihnde friaul. 115
peote ital. 220
7)ec//ca lat. 228 f., 231
pcriiya portg. 241
2H''<iire ital. 242
p>esatore ital. 216
2iestä ital. dial. 214
pieiit ital. dial. 114
2}i-tra ital. 210
^jt'cft! neap. 239
2>ezu ven. 39
^jf^^fV/c abrnzz. 114
piagnit ital. ilial. 210
2>iag)iO)i ital. dial. 210
piastra ital. 217
piastron itnl. dial. 217
plccikiih'ddn ital. dial. 1 14
2nccillcäte ital. dial. 114
_?jf(;i(( frz. dial. 229
2iiynarolf friaul. 11.5
pignora lat. 47
2)il,i,ii lat. 4, 6, 19 f.. 24
2>ilons de iiiou/in frz. 1 1
2}insere lat. 3, 0, 20, 104,
210
2iiu lomb. 105
2)hare ital. dial. 214, 242
2nsoteo span. 214
ptliol^na ital. dial. 114
2>istillmn lat. C
2)i.st(»- lat. 104
2i!xtiir(i lat. 6
2>lan/a lat. 38
*2)l<into 38
^)Zff,so prov. 119
2)Utu»in)-(ili lat. 100
phnistntm lat. 225
7;/(0»i frz. dial. 229
^/o/" ladin. 105
jp/os/^n lat. 225 f.
p>hi!<trHm lat. 225
lüiiuire frz. 225
pdoufrer frz. 225
2}lonim langob.-lal. 100
2)loijon frz. dial. 229
p>olenta lat. 0
^wjis 38, lal. 192 f., 195
7>o;i//- lat. 194
lumlifex lat. 198
^joji^o .38. lat. 193
]>ontoniiuH lat. 193
2)<ircü frz. 120
2)Ofisessio lat.
bonorum jw.s.s-t'.v,</w 89
2>osiuhideri sard. 214
2>o1est(ts lat. 88
jjatria potestas 88
praes lat. 91
2)ntes ejc profeaito 91
praetor lat. 92
piincta lat. 179
2iHScha eng. 115
jxtzzuddäf loLiib. siz. 114
quarte lat. 173
(piiarti lat. 173
qxoniodo lat. 3.5
r»/«(.5 ital. dial. 219
ndx'itit uiof'u. 220
riihide 220
/7«//!<.s lat. 39
/Yf/Tirt ital. 238
ytimanzare ital. 242
raiiius lat. 100
)-rtro ven. 39
Beeide portg. 31
/•elcHf ilal. dial. 242
7i'/</»//« lat. 31
rudiUa span. 220
rödzel regg. 226
coZo/o ital. 226
»•o/oto ilal. 226
roulecm frz. 226
ronleu südfrz. 226
»•/{6(j/ piem. 220, 242
»•i"(6a<e' 226
rnllo ital. 226, 242
»•j(?o span. 220
rüocolo cerign. 226
ruslon ital. dial. 217
scdjulo 38
snhuluni 28
saeviis lat. 64
sagma lat. 34
Ä?!(/e lat. 173
sarcelhi ilal. dial. 238
■scixiiiH lat. 100
shastrigare aret. 35
aeaiiiato ilal. 38
.fcasmioir eng. 241
sehldsmioii- frz. dial. 2:i9
ScldCHs lat. 108
scoyniire neap. 242
»TO»i(! ilal. dial. 237, 242
SC02KI ital. dial. 241
scrasstioir untereng. 239
seriberc lat. 204
seroler frz. 239
seiiddder car. 239
scuder car. 239
strftTf lat. 189
sedoiro portg. 241
Seis2>itei lat. 173
.«t'/Ze frz. 37
eiifant de seile 37
sfctn ital. dial. 238
hasturc a serca 238
.frfrt lat. 242
shilssäro 241
s/H(f frz. dial. 119
skaraS mail. 38
sliisiire ital. dial. 241
skii/dii. ilal. dial. 242
skoiiie friaul. 242
shissuir obw. 239
S/«r!(.s lat. 108
SM« frz. dial. 119
60C frz. 100
soya ital. 229
solium lat. 189
sonche frz. 106
spneed ital. dial. 232
s2Hiecdre ilal. dial. 232
spendd mlat. 179
s^esrt lat. 179
sjumda lat. 180
spondere lat. 177
a2>onsio lat. 90
sqiidssHoir obereng. 239
s?aW rum. 1 14
sl(imp)dre ilal. 21
.s/rt/if/cZ ital. dial. 238
.s'/r(/rtf/ lat. 176
Stella lat. 6
.<!(«■<« losk. 213
sti2>es lat. 42
sto)ii2>a ital. 21
*«trnleare lat. 242
Ktrulled gen. 242
Stratum lat. 213
sul>li('( rum. 114
suhtiliare lat. 114
WöiLerverzeichnis.
251
sitbulrus lat. 105
sHühare ital. dial. "ii^I
sirperxtem liit. tioti
sutor lat. lt;4
snny frz. dial. 11!)
sijel ilal. dial. 233
tabula lal. I lö
taha canav. -2i\
talea lat. 4t, 47
?ff.vAv(u ital. dial. 238
tehhia bologn. 213
tectum lat. 117 f.
<«/(( rouerg. 241
temnere lat. 21
?t'»erc lat. 111
tennare lat. III, 113
tenuis lat. 1 12
/f«».< laf. 111
lerere lat. 21(1
?c.sV/.v lat. 91, 20.5 f.
*lclHllii 241
<«ffw(i ital. HS
timöuzello ital. dial. 22»
tnascum ital. dial. 238
loma lat. i)7
tomatitula mlat. 07
/;-«6s lat. 31
«rn^ ital. dial. 217
tragu sard. 217
tragida lat. 217, 223
*tragulu 217
iragon ital. dial. 217
//Y/iTK sard. 217
«rnÄea lat. 217
trailJa span. 218
traillar span. 218
?/■«!)« ital. dial. 223
trafih ital. dial. 231
travaglio ital. 31
traiai! frz. 31
trarol Innili. 217
trarolii neap. 217
/»•n.?i( ital. dial. 217
Acte«« bol. 217
trebbiare ilal. 221
/i-c6/a lat. 221 f.
treccia ilal. 213
/rt//oiH i.sk. 221
treggia losk. 217
"trcibhlom urital. 221
Iresra tosk. 213
(s. auch freshi)
trescd abruzz. 214
frexcar prov. 214, .span.
21.")
trescare ital. 214 f., 237 f.,
242, tosk.213, .scnes.214
"'trlsrere lat. 21-5
*tri!<cerc lat. 21.5
fresrhier afrz. 214, 237
'"Iresgoloiti urital. 221
C;y'.* ital. dial. 238
trcska lomb. 242
treshi beri-'ain. 214
treya abruzz. 217
frezzii nea)). 213 f.
fribbietta ital. dial. 228
tribbio ital. 221
?)v7m/« lat. 217, 222
tribidare 213 f., 242
tribuhun lat. 218, 221 f.
trira ilal. dial. 217
trilho ital. dial. 220, portir.
221
triU katal. 220
/)v7/o si)an. 221, 240, porlir.
240
trio lat. 216, 221
friscar porti,'. 21.5
'triscerc lat. 215
tritare ilal. dial. 214
tritum lat. 221
trtnlare sard. 214
triiilarc a eynas sard. 2 1 4
triri lat. 21Ü, 221
triwla ital. 222
trivolum lal. 221
/ro/ lomb. 217
taok friaul. 242
^vo/iv! IViaul. 242
iude.'i 241
^«rfil rouerg. 241
tufo ital. 2H). 21!)
tttla Wallis. 1 15
tulo .saiiitong. 2tl
tiimo n|)rov. !)7
*tHmpellHs lal. 230
Iwöfnelu ital. dial. 22!)
*fiifiillu 241
tgii chanii). IKi
lyozi' lotr. 1I()
plüri fi-z. dial. 238
racea lat. 1 1(1
(■((»•(I porig. 241
rriiY(("(J frz. dial. 230
riirdlii gredn. 241
rärella gredn. 233
ras lal. !)1
västago span. 38
vastase abruzz. 38
vastaso neap. 38
vastasu kal. siz. tar. 3S
vattetore ilal. dial. 238
vattire ital. dial. 242
veggia abnizz. 217
t-eia osk. 217, 23!)
verbelhim' \a.\.. 23!)
vcrbur lal. 23!)
verdzil parra. 241
vcrga ilal. dial. 238, prov.
piem. 241
vergä ilal. dial. 242
verguta piem. 241
verge frz. 237, 241
rergide friaul. 233, 241
verleldza ital. dial. 238
veiiragus 35
verzela ilal. dial. 238
i-f»n losk. 241
vevil/e neap. 239
fiautre afrz. 35
rigliare ital. 2.3!)
nV/Zio ital. dial. 239
(•("mt' piem. 241
viiidex lal. 91
viiinele neap. 238
r!/-<7ä "lat. 44, 233, 238
firgo lal. 44
Vithwigi lat. 108
Vittingui lal. 108
wattareh ilal. dial. 238
»PO»-/ prov. 1 l(i
icorth mlat. I IG
a;i«(/o galiz. 241
zoeco ital. I(K>.
Kclti.sili.
an h: 194
6/(/c/i/ ir. 9(>
blirhf ir. 9fi
*bodaro- koll. 42
fc»-ica agall. 189
brö ir. 2(5
brogiliis gnll. 23(1
f(fcj-iifrt gall. 24«)
.•7ii7 kell. 11G
cgniiith kymr. 1()2
dhiighn ir. lOß
Statin ir. 192
fraeill mbret. 2.33
frell nbret. 233
/■)-f(c^7/ kymr. 233
geistlos gall. 40
-gestlns gall. 40
lyfaW ir. 47
giallaiin ir. 47
-guistel corn. 4<j
giiixtel corn. 47
girijstijl kymr. 47
*Kamboi 4.5
fac/i< ir. 96
/«(Y colli. 90
len ir. 230
//«^/i kymr. 90
margila gall. 230, 210
melgn- ir. 100
mlacht ir. 96
/«/«•7i/ mir. 100, ir. 96
plöunm gall. 105
/(•f/y ir. 21.5.
Genuanbcb.
aba gol. 174
abrs got. 174
«/f aisl. 174
aß aisl. 174
afol ags. 174
n7i! 09
alz got. 27
fl7oii got. OS
aMrnari aisl. 173
a/7rs got. 65
*aliß wgerm. 101
nll 62
nltiir cggpiiigs an. 42
alt 68
*n7M/ wgerm. IUI
Am sleir. 125
,-l«i.</o/c'»i sleir. 125
anairanta abd. 208
*«iiA-<i gerni. 164
anrha ahd. 22
*ankha ahd. 25
nnchnl alul. 22
(i»i*v mild. 22. 16t
Anke 16. 19, 22, tot
(iiiAyh schwell. 16
•ithA-ioh- gcrm. 164
Anlcn sleir. 13
A id-nbUx-h sleir. 13, 16
i7ii.< i:iil. 172
iioti
Wiirlorvcn/.eiclmis.
apaldr an. 40
arg 68
arm 08
Ast/erffr ;iii. Iti
Ash- an. 42 .
AsH sleir. 127
athtijjan got. lÜCi
*atliytn gerni. lOG
atutjipU an. 42
(luihtafr an. 42
ansgeneint 15
Ausreißer 59
ßrt(A (14 f.
fefK/j^e norw. dial. 4.'!
bagyje norw. dial. 43
£«?rfc;- ahd. 201
B&nggat dial. 45
Baiil-ert 36, 45
6os? nihd. 30
Uns? Schweiz. 33
*basfä germ. 30
öns^e mengl. 36
*bnstjan germ. 29
— wgüt. 30
baumlang 42
baumstark 42
haumstill 42
baups got. 42
bebyryoi ags. 64
i?fn..7e; 43, 45, 231
iJe>v/ 04
icston ahd. 29
6fs^« Schwab. 2i)
Bettgupanfii bau: 180
bihhtod schwed. 39
billedstotte dän. 39
i/.vA-f norw. dial. 43
6;«sA-e norw. dial. 43
Bleuel 20
Bloch 12
Üfeffc 12
bnauan got. 23
Bohrer 59
boykottieren 64
brand norw. dial. 43
/?r«;(e 187, 189
bräica ahd. 189
Är(BK) ags. 189
*brozdan germ. 29
fc;-<; aisl. 189
6rM norw. 189
ftrMcte mhd. 190
Brüche 187 ff.
7i/-(7(-7.-/ steir. 191
Bruder 65
BriidcrlirU-cit 60
hrügt'l mhd. 190
bruggen mnd. 189
bruggia as. 189
Briiggli scliweiz. 190
Briigi Schweiz. 189, 191
*briigjü germ. 189
ir;«*rt ahd. 189
brustan langob. 29
Brtlfschen dial. 230
bri/ggja aisl. 189
?j;7/(v/ ags. 189
hi-gq/ian ags. 188 f.
fcHoi.v 63
biDid mhd. 179
7J»»(? 179
bi'trenknorf nilid. 43
biiter-ijcffircor ags. 97
bysthig ags. 102
Daumen 10
Dt'cA-c 59
X»c/c/t 64
Diensthnochcn 46
dräng schwed. 44
drancns langob. 44
dreng dän. 44
drengr an. 44
Dreiheit 62
Drischel 23(5
driscuvili alid. 222
dritteln 62
Drmnha an. 43
Drumbr an. 43
ävergr aisl. 47 f.
Üu'äire ags. 97
«■(/er (edor) as.
under ederds 41
(>/"wa aisl. 174
<■/>!« aisl. 174
.K;»e 60
<?(//e>t 68
('(Ye^ 68
Kmhla an. 42
oiAr mhd. 164
iVi/ic nhd. 164
ü'/ite/ 22
encÄ// ahd. 22
c»(7io ahd. 164
€Of7o)- ags. 41 f.
ErdSpfelstampfe 19
JEcrff 64
Eßgang'l sloir. 12.5, i:)3r.,
137 f., 141, 146
(■«•(( ahd. 85
/(!//(« an. 40
fagrarxfr aisl. 40
fahnden 192
/■((«t'M 59
fiindian ags. 192
f(i)i<l(')n ahd. 192
/«»( gol. 194
/■»»//■ aisl. 192
farnuuminaz alid. 22
Feigling 59
ft>H(?o ahd. 192
/•«sa ahd. 26
Fese 26
/!M/are got. 192
firsth'ül ahd. 4<J
/!,s7i;yV( got. 164
ßsU got. 164
flagger brem. 236
*flagils germ. 236 f.
^«(7 engl. 2.30
fleyel ahd. as. 236
F?e.yeZ 20, 43, 236
flet ags. 41
fliehen 59, 61, 65
FlieJwr 61, 65
J'Zh(7(/ 61
Fliichtling 59
7i7»/j 64 f.
Frcyja 64
Freyr 04
Fröyerlha an. 40
funden ahd. 193
/•(«/(s ahd. 193
gaisala ahd, 47
*gaiza- germ. 47
gannihi'jan got. 26
ganasjun got. 172
ganerjan ahd. 171
ganesan ahd. 171
Gatig'lu'dg'n käriit. 141
ganisan got. 1681., 1711.
ganist ahd. 171
ganist s got. 171
gansjan got. 173
Garda ahd. 46
*gardi germ. 47
*gardiö- germ. 46
*gardiös germ. 47
garffiir aisl. 41
gnrtea ahd. 46
gasmitan got. 31
;/((// bauga an. 42
(fantstafr an. 42
yeard ags. 41
Gea'seht-Trug'n steir. 129
Geisel 47
gelingen 68
gelungen 6S
gciiiueltert steir. lOlS
genesen mhd. 171
gencut dial. 23
genist mhd. 171
G'cr 47
gerben 30
GerÜr an. 40
Gerste 210
Gert Schweiz. 46
Ger^e 46
Gertel Schweiz. 46
jrjsaZ ahd. 47
(/feZ ags. 47
(;rjsj7 ahd. 46
— langob. 47
(?('s(7a ahd. 40
Gisilberga ahd. 40
(/('s/ aisl. 47
*gislöz germ. 47
giwant ahd. 208
gnaunet dial. 23
gnoant steir. 16, 26
(/(ioR kämt. 23
gnoiter Brein 23
giiöpe aschw. 23
(/(!((« aisl. 23
gnugga aschwed. 23
Go(t)staver aschwed. 42
GOtstaver aschwed. 42
Gread'n steir. 127
Gcc(/' steir. 127
Grcrf 190
Gc//fc/ 20
(/^•jpc an. 103
G'schia'luag steir. 127
guchen 123
6'((cÄw 123
tr(t/"e 115
Gugga steir. 123
Gustaf 42
G'wändstängen st'>ir. 124
Häba'-Sthrain steir. 129
Häek'n-Rem steir. 128
Wörterverzeichnis.
253
lläf'iKli'k'Ircin sleir. 153
Ifdfner 164
Häf'nsfell'n steir. 15!)
Häf'nstöll'n steir. l;>s,
\rtl
Hanx flial. 48
JlaiisH (Ijal. 48
Hansel 47
haruc ahd. C.5
*hatis germ. 30
llea'dfi'icülb steir. HG
//eitV '20
mfnstöll'n steil-. 140,
145
Heiland 63
Heimdall an. (It
hcimyebcH 16i>
Ä einisch icken 1 (il)
heimswhen 160
heimzahlen 161)
heineln 64
/u'?/K ags. 41
7«;/ni eofZrt 41
7i('/;» wii/ciiiira 41
7(1'//» llV'/ca 41
Hemeihtini/cl 43
//f»A-f/ 20
Herbst 6.5
//(.vrf 65
HcrdgreaiVn steir. 138
Herrgott! 69
Hciiyriy'n 43
Henhainz 47
Hildcf/iirt 46
hirnircba ahd. l'.(7
hirnrcbe mild. 197
Hirsch (= Hirse) steir.
13
//«■äc 13
7j/^o ags. 41
7t7<'o fw7« 41
7i7('o Hi'i/endra 41
7i7co ircrf;-« 41
//»/■ 65
7io7rf 68
Holzas'n steir. 152
Hnlzpniijg steil". 127
Jfiipfenslaiige 42
hori/r aisl. 65
Hrimgeritr an. •16
7iKM ascluved. 45
7ii(H gutn. 45
Hiiiiar aisl. 45
Hiinas ags. 45
7!(!ii(' ag?. 4.5
7(i(»'/ adän. 45
y/»/!/ alul. 45
Jiüiin aisl. 4.5
/i»s aisl. 41
/hj 63
Irmiugart 46
Irminsdl as. 40, 198
irwintnn alid. 208
jener 62
*Jüstaz germ. 97 f.
A-fl/( 68
Kaittbel eis. 44 f.
K<in\tn 44
kämmen 44
champ aiid. 44
7irtm^j ahd. mhd. 44
kaiiipe mild. 44
k (hupen 44
kämpfen 59
Ktimpl bair. österr. 45
/.;((« got. 164
A-a.</« got. 164
ktmse norw. dial. 43
A-;i'67'?- an. 97
i:.'-/«/ 20, 45
chembil ahd. 44
Kemet'n steir. 149, 153,
1.56
kerben 204
Kess'lreid steir. 126
(■7^/M(i ahd. 47
/iV^r^ic; 43
Kleib'mtrig'l sleir. 12.5
Worfs däii. 43
i:7o<2 43
iTHnfte 44, 46
Knabe hess. dial. 44
kntibo alid. 44
ciirt/n ags. 44
/i-(in<7 dän. norw. 46
Avi(i(7(! dän. norw. 46
Avirtfli// schwed. dial. 43, 46
enapa ags. 44
knapi aisl. 44
kniipo as. 4-t
knappo alid. U
Avi(»i7 norw. dial. 43, 46
knarte norw. dial. 4.'!
Avin.>.y dän. ndd. W. 40
A-iinW norw. dial. 4G
Knebel 44
Chnebel scliweiz. 46
Knecht 45 ff.
Knecht Schweiz. 46
knerta norw. dial. 43
knesen alid. 171
Knenel 20
Knickl bair. 46
/fn/«; dial. 230
knoche mhd. 46
knochs mild. 43, 46
A-»of< holl. 43
AT/iOi^f 61
Knopp 46
AvioH norw. dial. 43
Kniichtel bair. 46
A/jhV^ nilid. 43
A-ii«r mhd. 43
Knüttel 20
/•foir'/ kämt. 126
A';Yr/> (iO
A-/«A-( düll. 42
krank 68
Krantstampfe 19
Kuchl steir. 140
A'»ft(;7 20
A-m7/ norw. dial. 43
Kiimba an. 43
chumclhtra ahd. 167
cy/'/ei ags. 48
A7//V177 aisl. 48
kvcfjii aisl. 195
Ldb'm sleir. 125, 151
Lab'mpod'n steir. 129
landen 64 f.
Afoirf 64 f.
/nii^ 68
L(!»»^ 64
/esen 204
lind lins an. 42
lipnara ahd. 171
7i7a got. 30
litjan got. 30
L(7/fc'7 20
/()</ aisl. 204
//i(«7 steir. 126 1'., 137 f.,
144 f., 148
7i(»-A- norw. dial. 43
inniinnsi'il ahd. 4<1
mahlen 167
maifms gol. 103
*mak-ja got. 31
mal'in got. ahd. 26
malen ahd. 2.5
malma got. 26
J/r«< 188 f.
tnatloc ags. 189
-V««/" JJämt. 1 19
mcffitm as. 103
.l/i-Ai 167
MehUchafflltuig sleir. 127
nirideni mhd. 103
nifictr hrings an. 42
.Vt'iTieZ 20
*»irfiA-- germ. 100 f.
*melica germ. 101
*melk- germ. 102
mc7A- dial. 101
»Hf/A- mnl. mnd. 100
melc ags. 101
melch ahd. 102
*melkaOO germ. 101
melken 103, 167
»if7o ahd. 26
melier bair. 167
*»nc7i(A- germ. 100 f.
*militki urwg. 100
*mehk germ. lOI
Menscherkammer sleir.
151, 153
Hioiiw krimgot. 101
Hifo7<- ags. 102
fficce meolc 102 f.
michelangelesk 64
*niidHs got. 31
Milchkasf'l steir. 127
wi/W 68
milche ahd. lol
milichc ahd. 101
•iHiV;"A- germ. 100 f.
*miliki unvg. 100
iMiViVTi» ahd. KK»f.
«i(7r angl. 100
»ii7o7i ahd. 101
miluks gol. 100
Mischaf steir. 132. 1.58
Hio7 oslfries. 167
inolde oslfries. mnd. Iti7
*moldO urwg. 167
molh oslfries. miul. nnd.
167
Moltir dial. KiS
morden .59
iimrX'iri ahd. 6
morsch 6
miirtnr engl. (»
254
Wörtervcrzeicli nis.
mwtire ags. 6
mortier ndl. (5
Mueltern dial. IGS
miteltern (sich) stcir. KiS
JI/i(Wc 1 Uli IT.
*Hiuldü.ng urwg. 11)7
iindlitra alid. KIT
muljan alid. 2G
.Vk/^c stein. 168
iiiiilter mhd. 1G7
J/((/to- 167
^V!(7?cr s?e(V-. 168
(s. auch M'nelfcrn, Molle)
multern steil". 168
muullerci ahd. 167
muoltra ahd. 167
mtiotsn steir. 168
müssen 104
i/K//«- 65
)irt»i .steir. ^21'.
Hrtr mhd. 171
«nra ahd. 171
*)iasä genn. 30
nasa ahd. 30
nasjan got. 30
wäure kämt. 22
»r«(< aisl. 104
*naufä germ. 104
*nanlö germ. 104
ncer« aisl. 172
niat ags. 104
JSVhj steir. 23
neinen steir. 16
nerien ahd. 171
nerjan ahd. 171
ncr« mhd. 171
*;iesf(n germ. 171
nest aisl. 172
*ncsta- germ. 171
A^t'we 22
*Neue 23
»iCMfra 19, 22
nennen 22 f.
rt(s/(? iiorw. 172
*niuwa ahd. 23, 25
*niuwe mhd. 23
niuwen mhd. 22
niiiwit ahd. 22
Nei-thtis-Njprff 63
Jf^prcT 63
«o/e?! bair. 22
«om kämt. 22
«ö/e/j tirol. 22
nöra schwed. dial. 173
nöra aisl. 1 72 f.
»Ore norw. 173
nörc norw. schwed. dial.
173
*>iosö O'^sö) germ. 171
nölil as. 104
nöz ahd. 104
*iiüziiin germ. 172
)ti'ifin ahd. 23
tiubb norw. dial. 43
nitien bair. 22
niijen lirol. 22
Of'n-Ghtnna' steir. 128 '
üfenijrcad'n steir. 135
OfngreiVn steir. 127, 14i)
Of" 111/' wölb steir. 126
Of'nlorh steir. 127
Ofenpnil-n dial. I'.IO
o/(.' (i'.t
o.s^c an. 97
Qndreyis.ii'dHf an. 4l l, 1 97 f.
jiw/i; norw. 44
Pdfhiiiulta' steir. 125
^j«ei: mndl. 203
j)(?A- schwed. 44
j/Ä' schwed. dial. 44
jnd 203
pal holl. 203
/(• ^)r(/ kamen 203
;;«/ staan 203
j)n/ zelten 203
j«? äfften fries. 203
^jff? 2rf/f« oslfries. 203
lii pal kein nfries. 203
In pul kern ndd. 203
to palle kamen 203
pal ags. 203
j)r(77 (s. auch pal) 203
i-oM fries. 203
pall ostfries. 203
pall ndd. 203
palle ndd. 203
(s. auch pal, pal!)
2)allr an. 204
PankladH steir. 127
Fanta .steir. 132
(s. auch Päla)
Pantapruck'n steij-. 132
(s. auch Päl,ijin(ckn)
Pät3 steir. 194 C.
(s. auch Paula)
Pätoprnkn steir. 195
(s. auch Panta})ruck'n)
pauk norw. dial. 44
jivl africs. 203
Ifahl 202
Pholcsjnunt 202
pfiil ahd. 202 f.
pfannenschalk mhd. 4S
P(f)annestiele 46
PfannstölVn steir. 159
/'/(ici^e? 190
P/(%('Z alem. 236 f.
PÄoZ ahd. 201 ff.
pfreuiid alem. 236
*PfHO? ahd. 202
pii/ dän. 44
j)ii/e dän. 43
jj/A; aisl. 44
plka aisl. 43
^j(7/r aisl. 44
piltiui)/)- ai.sl. 44
li/ltur nisl. 44
7«72 aisl. 48
plagg schwed. 236
*pla!/il germ. 236
*pla(jiU germ. 236
plägel schwed. 236
■plegel ndd. 190, 237
pUgel ndd. 236.
pile^an wgm. 105 f.
_;)?f<7 dän. 190, 236
*pilösaz germ. 105 f.
*j)löxaz germ. 105
*plomz germ. 105
*phi(j!la- germ. l'.K)
l'lygg schwed. dial. 43
pmi'ieter alem. 236
^;o// dän. 44
pük ndd. mnd. 44
Polgrabc 202
^Wfi^f miidl. 193
Pi-anta käint. 132
Pritsche 230
7'yvV(/e/ 20, 190
jJiitt schwed. dial. 44
Pund 179
y)U/i/ ags. 193
pnnle mnd. 193
qairniis got. 26
(3i(«W.- ostd. 98
li'iichslitb'iii steir. 125
*ii'ft/'^s- vandal. 43
Rat 87
*Paiis vandal. 43
Rechenknecht 46
Regen 64
)•(■(■(•/( 68
7»'«« steir. 127 f., 1.53
Riegel 20
Rippe 197
röi/.s' apaldr an. 42
rK/irt got. 205
salpak aisl. 40
Sälzlnag steir. 126
.woirf ags. 30
««j:- an. 106
Schale 48
schalk mndd. 47
Schalk 47
.S'cArtZA- Schwab. 48
Schalken mnd. 47
s(CÄ Schalken 47
schalm ndd. holl. 48
Schießer 10
schielen ndd. 103
,S>/(.(W 48
Schi ß' Ist öU'n steir. 128
Schlacht 60 f.
Schlag 61
Schlagbrnkn steir. 190
Schlägel 20
schlagen 61
Schläger 61
schlecht 68
Schlüssel 20, 59
schmeißen 176
Schmierer dial. 230
Seil nee 64
Schneider 164
,S'cÄoZ?e 48
schön 68
Schrank 59
Schurz 48
Schürze 48
Schüssel 59
Schwengel 20
Schwester 65
Schwung 43
Ä'ee 64
sfc'j^;* an. 6.5
sendian ags. 30
seccne krimgot. 101
s7(/)-? en.gl. 48
Siegest ah ahd. 42
Sigestap mhd. 42
Wörterverzeichnis.
?r..-.
Sif/cslef aps. 42
sinhen M
Siwiiiclrhier stliwoiz. HiT
.sJi-aile ilän. 4'S
skdlja got. 48
skalk 47
s7rn7/i; sc-|i\vei!. M
slccilh dän. 47
.s7.-oM- ostfries. 48
slcalk norw. dial. 47
skälk schw. dial. 47
Scale alid. as. 47
*xk<ilkaz ^'orni. 47
skiilkr an. 47
skalks got. 47
skdlkur färöisdi ■17
nhi/iii (läii. 4S
.s(7i((^ atVies. KKä
.v/,«/ norw. dial. 4;!
*/.-o^a aisl. 4:^
,sÄ-«/rt scliwed. 4:!
s/ra/rt norw. dial. 4:!
shitc norw. 43
ä/,-«/« norw. .scIiwcd.
dial. 43
*sk<ittti: gerni. 103
skatls got. lo:!
scealc ags. 47
*«A:f?- germ. 48
sceort ags. 48
sceolan ags. lO.'?
sA-e/ al'ries. 1U3
sehet afries. 103
st/T/n aisl. 48
*.scol ndd. 103
*.sr/(o/ ndd. 103
Kkiilk .scliwcil. dial. 47
skiirffop an. Üt'.l
scu;-2 ahd. 48
ski/iia aisl. 48
SoDi liier (14
sjKiehe mild, l'.ll
spahlio aliil. I'.M
6>«)i ISO
s;«j» mnd. ISO
SjiniiAs'n sieir. l'i", Mri,
1.^)0, I.Vi
spanbiile ndul. ISO
s2)niHl dän. norw. ISO
Spängler 1(>4
sjHiHii aisl. ISO
sjMiiiii scliwod. ISO
Spiiii.iehin'iiy sleir. 1'27
Simiilii sleir. ISO
.S'y«/CH ISO
sjierke iiind. l'.H
Speise 17!)
*speiula germ. 180
Spende 170
*spcHpa germ. 180
Spla'pod'n stein 129
i>/)irf 179
spindc ndl. mnd. 17'J
spindeldürr M
sjjiiidii/ nliil. 179
spink scliwed. dial. 43
splnke schwed. dial. 43
5i)jn< 180
syj/H< ahd. 1 79
spleißen 180
.s>//h/ ISO
Sporn 104
Spund 179
*spundu- germ. 179
.9/)Hr IM
spüren 1(14
spurJudz mild. 1(14
spurihalz ahd. 1(14
*stal»n gorm. 21
.V/(?(« steir. 19.")
.SV«//«'/ 21
,<i/«/"r an. 40
s/o/")' rnifrei/jn 42
s/rt/s got. 2 1
.v/rtA-« aisl. 48
.s7«/,7,Y/ aisl. 48
slakkr aisl. 48
.s/((//( an. 40
s^wHi/" ahd. 20
sieiiiife furimnuHnaz 19
*sl(tinf<( ahd. 20
sfanifön ahd. 20, 25
*sUiinpit ahd. 8
Stampe 8
Släinpel 1 1
Slnniper 8, 1 1
Sttiinpcrl 8
slainjif (stainpli) ahd. 19,
24 f.
Stani/if 8, II, 19
Sttiinpf steir. 19
"slainpfa ahd. 191'.
Slamjife 11, 19 IT.
Staiiipfel 11
Sliiinitfel lÜ, 20
stiimjtfen 19 0'.
staniiifcii ahd. 20
Sttiiiijifer 1 1
sfampfhart mhd. 19
slainpfmül mhd. 19
*stampjö germ. 21
stampr aisl. 19
stanpltf ahd. 19
stapfen 21
*stapn'- germ. 21
Steaiil steir. 13
Stempe mhd. 21
Stempel 11, 20
*stemphil *alid. 20
Stpnpfl dial. 42
stenhrügge ndd. 191
»<t!/j engl. 21
Stiefelknecht 46
Stifel-llainz 40
.SY//y 43
Stingel 43
s/o6W aisl. 48
Stockbühm 42
stockiny 48
stocktaub 42
s/oM: schwed. dial. 44
s?o7j) hell. 200
s/owf^j hoU. 20
Stöpsel 43
störrig 42
storro ahd. 42
ÄöiSei 10
,<(/0/f(; dän. 39
,SVo/c'(i steir. 129
slrannjfeii ahd. 20
Strand 05
stranden 6.^
stremphil ahd. 20
Strom t'>4
Striiiiqif 48
s/h6& schwed. 48
s/i(lft» aisl. 48
sfubbr aisl. 48
Stiickpod'n steir. 120
S/k/'c- 21
,s/(i/"r aisl. 38
.s^(7^• schwed. dial. 44
stulka aisl. 44
sfiilhi schw. dial. 4-1
sti'ilkn nisl. 41
Äi(/j< 200
s^(/i) hoU. 200
stiVi>en 20O
stiiinhel mhd. 201'.
slihnlteln mhd. 20
Stummel 20
stinnp ags. 20
stumpf 20
Stumpf 20
stürzen .59
Stutzen 48
*««>•- germ. 97
scerffci(fr an. 42
7V»/7 sleir. 133, 1.58
?'«/ 04
rt-K'/i 04
Tischler 104
tori-hald läröisch 47
/o/ 08
Tr&ad-Schrain steh". 129
rj-njCT- .59
Tramjiani sleir. 12.5
Tränggin bair. 4-t
trfdumhr an. 43
tremapr an. 39, 42, 45,
199
rrc»!«-/ 231
trekitmhr an. 43
Treml'l sleir. 141
trctan .ihd. 215
/reit 08
*lriskan urwgcrm. 215
trunte dän. 43
*tum2>it.s germ. 23G
^ifi aisl. 41
ricocc ostd. 98
piuda got lOS
porgeritr an. 441
*preskan germ. 214 f..
237
*preskils germ. 221, 237
ßreskuldr an. 222
"ßrcskicalßiu germ. 22S
ßrescirold ags. 222
priskan got. 21.5, 228
*priskih- got. 237
uhirslemfe ahd. 20
{■/<•;• 04
ungehobelt 42
i(o/)0 ahd. 174
milden mlul. 192
Vd/i-r li.5
rerb<-rgrH 04
rerspniKfen 179
rerslocki 42
rerslümmeln 2V)
iimV Mind. 20
256
Wörterverzeichnis.
vlagei- mnd. 23fi
rhgel mlul. 190
iriKhIjiis jfot. 207
iröh ags. i207
tvahsliis got. 38
Tf aW Co
TFnJirf a07 f.
vaudahiis an. ;ä07
iramlus got. 207
»<•((»< alid. 207 f.
icdiila aliil. 30
*wa)itjun'a.h<i. .30
Wüssa'hof steir. 131
uässern steir. 131
ratuhord f'än'iiscli 47
H >(?(■/ 20
tveyanest alid. 172
weyenist alid. 172
Weihnuchteii (13
KVWt' 04
irenten alul. 30
*(yV- genn. (14
widan got. 207
vUjMynr an. 42
Vlkirujr an. <)",, 10!)
I(7*irf 04
whuhin ags. 207
winden iOTl
Wmk'l-Kast'l stein 127
Wink'l-Htiill'n steir. 127
Hintan alid. 207 f.
Winter 04
irZ/Vt/ 20
2«)7 08
zanndiirr 42
Zehnheil 02
zennüraen nilid. 0
ziehen 59, 05
Zieher 05
Zocfe bair. 43
Zoc'Äe 100
Zoehen bair. 43
.?oc/;-f'»i dial. 230
soWi mild. 43
;?H</eZ 20
Xifori/ ostd. 98
^M•e^ 02
Zueiy 02.
Italtiscli.
rt)/./6- lelt. IM
frnV.v- lil. 191
6r»i-as lit. 191
(/);•«« lit. 20
Uzeiga lit. 98
iszeiyä lit. 98
iszstembcs lit. 21
_/(!!«/« lit. 25
malunastabis a]iioulj. 21
mensa aprcuü. 95
mesii lit. 95
niesd lett. 95
pannean ai>ioii(J. 194
peeku aiiieiiij. 104
peesta lit. 104
pekus lit. 104
p'enas lit. 9S
pini/s aprcuß. 193
;/;crt\ lit. 25
phikii lit. 230
pönas lil. 107
ryV« lett. 25
ners lett. 95
skcit)k(i.s lit. 103
•yMjif?« letl. 180 f.
itpandyti lit. 181
spa)iye lit. 180
xpangis lit. 180
sjtendzin lil. 181
spiriit lil. 1()4
.^/äifl/ lit. 202
s/«ins lit. 21, 40
,s/ni/.v apreuß. 21
utahyti lit. 21
stamhas lit. 21.
atambras lit. 21
.standiiis lil. 21
.v/<*cV/.s' lit. 21
.s7t'?r(i// lit. 21
stimberys lit. 21
»/«?_;«/ lit. 202
«/»Jjwjs lit. 40, 200
.sfh'ff.s- lit. 97
sürfijs 95
,s((r/x lit, 97
szakä lit. 100
tarszki-ti lit. 215
treszkii lil. 215
/(•(:';■<( lit. 98
/m-/(V lil. 98
irithinyi liall.-slav. 109.
Slaviscli.
qzet aksl. 109
botiß. aksl. 203
brnk polll. 191
frcirö aksl. 189
br^vh bulg. 189
bn.nuo aksl. 189
?)*•(■ kroal. 189
cep slov. 237
fejÄ 237
cedo 95
('■ernh 05
ehiebi 95
dikanya bulg. 221
dohytilT, aksl. 103 f.
drai/i, aslov. 44
drbzalo bulg. 240
*geu2M>io 107
yonoziti aksl. 172
gredelj siidsl. lOli
yr^du 100
grjadih russ. 100
*y-i,pam, 107
y(i,)pitn'ü 107
So ghpam,nii, 107
Ä^jrfn aCecb. 107
sc hpäneni iieocli.
inhititi 244
Ä-os« 100
kosi'djii russ. 100
A-iHfCi, 90, lO'.l
A'PffS!, aslav. 97
Ä-r«»-;, russ. 97
mül'cik russ. 40
martrti krain. 1 10
*nieUi, urslav. 101
*/Hf/a-- 101
*««*(5 ursliiv. II 10 f.
*»/(e;!X-- 101
«(6^2- 102
*melzivo 102
«(cZ^i, 102
*»»t'L-<; 102
meso 95, 100
*»i»;z.t- 101
mjaso russ. 95
mhdac montenegr.
237
mlati'ti iiKinteiiegr,
237
niläz serb.-kr. 102
mhiznica bulg. 102
nM6 cecb. 101
*mleku 100 If.
mUI.-o 95, 99, 103, 108
mlesti aksl. 100, 102
mlezivo 94
*;«/fe6 94
mW Cecli. 1(1 1
mhza aksl. 100
ndzniee cecb. 102
moöiti slov. HO
Hiofe slov. 110
niuloteilo russ. 237
niontaraja russ. 188 f.
niosti, aksl. 188
motika südsl. 189
motyka aksl. 189
niKcenec slov. 110
niiirenik slov. 110
ntuciti slov. HO
wujrt slov. 1 10
i»h/i« slov. 110
nqzda aksl. 1 10
*Nemeste bulg. 108
m™*« 95, 104, 100
107 »(f/»i 108
/)()/>( .slov. HO
»iiy« slov. 1 10
nnta 95, 104, 108
ohlavek mäbr. 242
osmorgac poln. 100
pachoiek poln. 40
pachole poln. 4()
7)(/« fiecli. poln. 107
^in/ro C-ech. 194
;;«/!. aksl. 192
pem russ. 42
peter slov. 194 f.
^j'/ra aksl. 195
* p^tro aksl. 194
inqtro poln. 194
2>ietro poln. 194
pirogz 98
phchati asl. 2ü
jibrati 98
piseno asl. 20
bosn. j)j(derb russ. 194
pjtdra russ. 194
b«sn. /ddkati abulg. 230
ji//i',s7/ russ. 207
Wörterverzeichnis.
257
jilnlnihi, russ. 207
pliKjar 10")
I>hlg^ slav. 95, 104 f., lOS
poUca aksl. ^(J4
poh aksl. 204
jmniöst klruss. 188
pi-zfltr poln. li)4
*/-a(//o 10(i
sqzbHh aksl. 109
ser poln. 9.5
slcali asl. 4:!
shociec apoln. W.i
skot klruss. 103
skotbinca aiuss. klrus.s.
103
Ä*o<i a.sl. 95, KW f., 108
'skoton 103
.s'»(i'/y/( 108
Smrdäkor cec-li. 108
Smrdtikif cech. 108
Snirdor ("ech. 108
siiindeti 10(i, 108
*.s»in,di uislav. 108
.<0(:/(n 10(1
soleiij slov. 109
*xpün acedi. 107
.y;orfi aksl. 180
utapati askl. 21
.f/n/w aksl. 8, 19 f.
sinpili aksl. 21
■stajior pülii. 21
,s7fj)n poln. 21
stepor poln. 21
.f«?.;« aksl. 200
siulbi russ. 20U
stopn 14
.v^!//« 11 sl. 20
sfDpati nsl. 20
xloupa cech. 20
s^M^)« kroat. 20
.v/k;;« russ. 21
stupali kroal. 21
SHSch .slov. 110
.wimy serlj.-kr. 110
»uien slov. 109
suienj slov. 109 f.
suznik slov. 109
s-„vezbnb aksl. 109
sr,v£i]ib aksl. 109
shvqza aksl. 109
.fi/ri 99, 1021'
s//n, russ. 97
.s'Aof klruss. 103
s/JO» südsl. 107
suaih aUbult'. 108
tiiUj aslov. 44. 47
tdlb aksl. 47
*TJH(li 108
*foyoA- 99
/rraÄYj russ. 228
trun, 97, 99
trarofjh 94(1'., 102
*/m;-7. 97
tiorilo slov. .scrl). • kr.
98
Irnrili 98 f.
Irnröi/;, noniruss. 98
troridlo cech. 98
trofi'tko ßeoh. 98
titarfi'Jc/ jioln. 9S
tiiurnij polil. 98
tiporzi/dlo poln. 98
*<//;t, 97
Vffzn aksl. 109
rr/s), aksl. 109
»f^rt// aksl. 109
rezen Cech. 109
*vicazi polab. 108
frtfzi, 95, 108
rjazenb klruss. 109
roza .slov. 1 10,
roznik slov. 110
vtiznik serb.-kr. 110
iciezen poln. 109
irilhiniji halt. -slav. 109
zaiiihiz serl).-kr. 102
znmlazi'ti serb.-kr. 102
zanmzti serb.-kr. 102
zmolznica slov. 102
zri.nij asl. 26
zu per .slov. 110
*zi)an slav. 107
z(b)pam 107
inpa 106 f.
zupam, slav. 106 I".
Niclit-Indogoriiianisehe
fSprat'Iifii.
hasta bask. .').')
ftrt*Vo bask. 32 f.
hnst-orratz bask. 32
hcfuhi avar. 105
hödog-anya niagy. 40, 197
iohan lürk. 107 f.
durah türk. 98
diirmak türk. 98
dimjrat türk. 98
hai/iiiö magy. 241
Uiu)if)-nu chines. 45
hithmari finn. 9
Äi äfe'ypt. 227
(.v;«/n mag^'. 107
jor/urmak lürk. 98
jogurt lürk. US
ju-usto finn. 97
/.•oj lürk. 107
kojhan türk. 107
A:«?-it lürk. 98
^i(ri(< türk. 98 f.
melke lappl. 95
«i/VAv lappl. 95
mielkke lappl. 95
moruy syr. 218
nnnta fiini. 104
nande finn. 104
MO»-«/ ägypt. 218
nöreff äjnpl. 224 f.
petkele Ann. 9
pHmü finn. 98
ria finn. 25
suhandz arab. 107
/a»7»« niagy. 98
larhö magy. 98
/ncA- magy. 98
taruh magy. 98
tur jakut. 99
Viir- magy. 98
Inrak lürk.-tlzag. 94
tnrak türk. 98
lurmak lürk. 98
titrd magy. 98
^(rKs lürk. 98
iiiz- türk. 98
/o;-(iA- ilzag. 98.
-O-
Wilner luui Sachen. I.
33
Sachverzeichnis.
Von Fr. Pogatscher.
Acl-erbmC hei den alten Sluren lOÖ
Adjehtiva CG f.
als Appeüatira 6G
ihreetymoloffischiilsolierHiii/i'iiin.
Adoption 178 f.
Alp i\
Altar 70, 1^28, 137, 141 f., 144,
155, 159
der tiigmafijrmiijc Tisch als eli-
tär 78
der halbkreisförinij/e Tisch als
Altar 78
Altardecke 77
Altarplatfe 79, 211
Grabstele als Altarphitle 79
Im 125
Amstotzn 125
Amboß 17 f.
Analyse 58
quantitatii-e A. der Sprache 58
Anke 3, 6, 13 ff., 19, 22, 25, lf)4f.
A. durch Wasser getrieben Hilf.
das Alter der Anke 2<i f.
Ankenbloch 12, 10
Ajmstel mit Christus auf einer
Altarplatte 74
Appellativa 64
Ase (As'nJ 135
Uolzase 135, 145, 1.52, 1112
Spanase 127, 135, 145, 1.50, 152
Atom, sprachliches 03
Ausfluäölfniing der Opferlisch-
plaHen 185 f.
Ausnehmerstiibl 121
Ausreißer 59
JSrtc7( 64 f.
Backofen s. Ofen
Backtrog 125
£«?(/«• 2Ö1
Balken zur Zimmerling des liaiiern-
hauses 123
Ballen 36
Bank im Banernhans 127 f., 131 f.,
137 ff., 144f., 148, 150, 152,
155, 159 f., 162
im Refektorium 79
Bankert 45, 36
Bastard 36
Bauiiwerchrung 40 f., 198
Bauplan i'on St. Gallen 23ff„ 70 ff.,
SO, 182
Benennung lebender Wesoi nach
Gegenständen 43
Bengel 43, 45, 231
Berg 64
Bett 135 ff., 1.39, 142 ff., 148, 1.50 f.,
153, 156, 161
Bettgspantn 180
Bildsäule 39
ihre Entwicklung aus der Säule 39
Bindevokal 59
U/oc/i 12
ii/ofi- 12
Braue \>i"i, 189
Brotbackdeckel 14
Brotschaufel 127
a-/(CÄ-<; 1.37, 156, 187 ff., 190 ff.
Holzprugg 127
Pätjpruckn 132, 194 f.
Schlirgbruckn 190
Brüderlichkeit 60
Brukterer .54
Brustkorb 197
Chronologie der idg. Wortgeschichtc
m
Dach des Bauernhauses 124, 133f.,
136 f., KlSff., 1.50, 154, 1.57,
160
l'ritschdach 133
J-rügehlach 196 11.
Dachboden 1941.
Dachraum des Bauernhauses 123,
125, 129, 133 f., 136 f., 152, 156
rff.v .sVtrrfffe 132
Dampfbäder (in der Badestube) 23
J»n)ve 23
Fruchtdarre 23
Malzdarre 23
Darre hei den Finnen 25
Darre am Plan von St. Gallot 23 f.
Darrhaus bei den Litauern 25
irf c?e» Letten 25
Daumen am Wasserrad 10
«n Stampfen 12
Daumenwelle 10
Däumling 10
rftr Stempel 10
rf<T Tre/7tH 10
i>6'/(* t)4
JD/t'Ztf 64
Flettdiele 54
Durchgangsdiele 54
itoff 52
Dorfformen 52
Gewanndorf 52
Marschhufendorf 52
Reihendorf 52
Bunddorf 52
Straßendorf 52
dörren 6
rfec Feldfrüchte 23
(7es Flachses 159
f?rf( 62
Dreifuß 127
Dreiheit 62
Dreizack 83
Dreizahl 1761.
dreschen 212 ff.
«» rfe;- Walachei 212 f.
ie/ //0H(«- 212
6g/ rfe/i alten Agi/pt er n 212,224
fH /<«//<■« 2131"., 216 f.
/h Sardinien 214
Sachveizfichnis.
259
bei semitisch. Völkern 218 f.. ii'-'A.
in Armenien 22t, 227
in Ahessinien 227
Steckailre.icher 230
Wii'tM rescher 230
Dreschbrett 227 it
Dreschflegel 231 If.
Verknüpfung 232
Ä^/ci rft's />/•. 240 f.
Schicenyel des Dr. 241
Verbindtingsrlemen 241 f.
Kappe des Dr. 242
Dreschfferäte 2 1 1 IV.
ifiu- Geschichte der Dr. 21 1 —244
Dreschmaschinen 244
Dreschstein 21(jff., 222
Dreschstock 228 ff.
Dreschtafel 218 ff., 225, 240
(Are Verbreitung 222
Dreschwagen 223 fV.
Drcschiralze 22(1
Duenos-Inschrift 173 IT.
Durchgangsdich ät
/!,7ic GO
^-Äcirf^ 37
Eimer öfi
römische üronzccimer 50
Melkeimer lü7
Klnntmmen (von J'ftöckcn) '.)
Elsenschnh (>
Elfenbeinpyxlden 74
JSdi-f/ 22
Erbsen 17.")
//(/•f Bcdcntiiiig Im Liebeszanher
17.-)
Erzpochen 1 U
Eßgang'l 12,5, 1331., 1371'., 141,
140
Kthno-deiigraphic 4'.), .')0
Ethiiogrn/ihic 4"J
Etliiwlogic 4'.l
Etymon Oll
StiiiiiDii' iiliiic Eti/moii 00
Feigling h'.\
Eenstcr auf Lci'iten zu schieben 1.55
i<Vsc 20
Feuerhut 140, lIS. 1.50, 1.52, |.5iir.
Feuerroß 127
FlachsdOrrcn 1511
/'/(•(/W 20, 43, 1110, 2.U ir.
Ftei.'ich h immel 1 2 1 •
Flcttdlcle 54
/'7»r7)/ Ol
Flüchtling 5!)
F^MJ- 121)
F/i(/i 04 f.
Formenkreis .5S II'., 03
Futterharren 132
Futterboden 158
Futterkammer 131 f., 158
Futterloch 158
Futterstock 132, 158
.S?. 6'((//i,'ii 71
Bauplan von St. Gallen 23 If.,
70 1., ,S0, 182
0V(;/// »»I Bauernhaus 123, 1381'.,
140, 148, 1.54, 1.57 f.
Eßgang'l l'lh, 133f., 137 f., 141,
140
GangbriUtung 123
Gang'lu-cig'n 141
(s. auch Treud'l]
Gea' seht- Trug' n 12'J
Geisel 40 f.
Gf/-s<e 5, 210
Ger^e 40
Getreideentkörnung durch Treten
212 ff-.
durch Schleifen 210 (f.
durch Schlagen 220 ff'.
Getreideharfe 11)4
Getreideopfer \ 73 ff.
Gewölbe 125
Tonnengewölbe 125
Giebel des Bauernhauses 123 f.
Glebelsüulen 54
Giebelzier des säc}ti. Hauses 54
Götterbild 39
/'/•«;»; fr?s Götterbild 40
Götterbild auf der liückseite fon
Münzen 83
Grabkreuz 200 f.
Grabpfähle 200
Grabstein s. 70, 711
2y.<(7i rt/s christlicher Gr. 71 f.
2V*(7i «/*■ arabischer Gr. 72 f.
Grabstein als AUarplattc 73
Grabstelen der Kopten und Araber
70
Grabsteleti al.i Altarplaiten 70
Grabti.'ich 7 t ff., 211
Grenzen des siiehs. i'olkstums .54 f.
Grindel 12
Grubenstock 1 2
Grundbuchrecht, ögifptisehes D3
Grütze (Erzeugung) 12
Gucker (GuggaJ 123
Gm/« 11.5
Halbmond 214
Hammer 3, 12 f., 20
Auf Werfhammer 17
Eisenhammer 17 f.
Fußhammer 13, 10
Handhammer 12
Schwanzhammer 17 f.
Stirnhammer 17
i/«HS (Hansel) 48
//rt .<*;;?? 129
//«HS .52 ff.
Sachs. Haus (Verbreitung) 52 f.
Abarten des sächs. Hauses .53 f.
Kübbungshaus 54 f.
T-Haus .54
Dreiständerhaus .54
Vierständerhaus 54
Zweiständerhatis 54
Flettdielenhaus .5-5
//. u. y/o/' (. Franzö-tii^chen 1 15 ff.
Bauernh. (bei Köflach) 121 — 103
Mittelflurhaus 12!)
Zireifeutrhaus 129
Herdhaus 163
oberdeut-^ches Haus 103
Hausrat des .Sachsenhauses 54
Heblatten 12
Hemedstingel 43
.tftrrf 6.5, 126, l:i5, 137, 140 ff..
144 f., 14Sff., 152, 156, 159 f,
102
Sparherd 142, 141. 151. 100
Herdgeicölbe 120
Herdgread'n 138
Heubnrren 1.58
Heu geig' n 42
Heuhainz 47
/^iVsf 13
Hochschirellc 222
Höhlung des Mörsers S
H.)/^ .52
Einzclhof 52
Haufenhof 52
//(»(,< «Kirf Hof im FranzC^ischcH
1 15 ff.
Hohschuber 125, 134
Jlopfcnstangc 42
Hilhner.-4eige 127. Utt, 137, HO,
142, I44f.. 148, 150, 153. 159
33»
260
Sachverzeichnis.
Interjektionen 69
Isergen 50
Isethncn 4'J
IsofflosscH 51
Jsoike 53
niederdeutsche Isvike 55
Isolexen 51
Isolienim/ ron Wurzeln Ol H'.
(fer Zdhiworte lii
der PronomimdstSmme (i'i f.
rffc Eigennamen ü3 f.
</t"/- Appellatira 6411'.
(/<>;• Adjektira (!() ff.
Isophone» 51
niederdeutsche Isnphonen 55
Isopsychen 50
Isosomnte 49 f.
Isomate des Sachsentttms 55
Jonasszene auf einer Altarplatte 74
i:«cÄrf 128, 139, 155 f.
Kachelofen s. Ofen
Kachelstube s. Stube
Kachelstubenboden X'IW
Kamm 44
A'nmmer
Knechtkammer 122, 133
Mcnscherkammer 151, 153
Kardinalia 62
i'/i/'e flexieische Eigenart (12
Karren 36 f.
Ä'äse 94 ff.
Kaspelschaff 152
Kemet'n 149, 153, 156
A'esse? 126, 148, 159
Branttveinkcssel 152
Saufutlerkessel 127, 137, 140,
142, 145, 148, 150, 152, 156, 159
Wasserkessel 126
A'essrfmW 126, 135, 137 f., 140.
145, 150, 153
Keule 4, 5, 7, 8, 9, 10, 13,26. 105 f.
Steinkeule 166
Keusche 121. 157, 159 ff'.
Kleib'tntrig'l 125
Kline 77
Knabe 44, 46
Knappe 44
Knebel 44, 46
Ä'HeoÄ/ 45 ff.
Knechtschv!eh.(IiebenschüülingJi6
Knechtkammer 122, 133
Kiiiililiiiig der Staren durch Ger-
manen und Turkolotaren 94
7i'/((7?/ 230
Knopf 61
Kombination verschiedener Wurzeln
bei den Adjekliren 67 f.
Kommoden für Kleider 129
Konq)aration, nnregebnäJiii/e, der
Adjektica 67 f.
Kornquetscher 165
Krautbottich 150, 153, 158
Krenznimbus 77
Kidibung .54-
/iHc/a' 4, 137, 140, 142, 144, 148,
150, 1.55f, 1.59 f., 163
Kulturwörter (iO
Kwcrne 166
L«i 97
in»/«' 124 f.. 129, 134 f., 136, 13Sf.,
140, 142,'l44f., 147ff., 1.54 ff.,
160 ff-.
Laubenhoden 129
Lehnwörter, ihr noetischer fVcrt 'Jh
lesen 204
Logik, ihre Bcdcnlung in. der
Sprachbild iing 69
Lotnsblume 82
i««,^ 120 f., 137 f., 144 f., 148
Gschid'lnay 127
Mehlschaff'lluag 127
Salzluag 120
mahlen 26, 167
3/n/»- 21
Marnioiiafeln als Speisetische 75
J/«.s7 188 f.
Mauerwerk des Bauernhauses 124,
139, 143, 149, 151, 1.54
3/,7(/ 3, 5, 167
»ifH-cH 103, 107
Melkkübel 107
Menschei'kamiuer 151, 1.53
Jl///rfe 94 ff, 100 f.
Biest milch 94, 103
Milchkasten 127, 137, 141, 152 f.,
1.5(i
.l//.«/;«^ 132, 158
Mischparadigma bei den Proiiumi-
nalstämmen ()3
Mond 214
Halbmond 214
J/Örser 4 ff., 12, 1041.
Holzmürser 7 f., 165
Kaffeemörser 8
SIeinnii'irser 100
.l/».s/ 131
.V/i/i/t 4 ff., 18, 26
Gratipcnmilhle 8
Handmühle 106
Uolzmühle 18
Kalkmiihlc 18
Lohmiihic 11, 18
Ölmühle 1 1
Papiermühle 11, 18
Puhcrmühle 11
Sagemühle 18
Sta III iif mühte 19 f.
(7jr(! Verbreitung rnn Deutsch-
land ans 20
Walkmühle 11, 18
Wassermühle 10
Jf. o)H P?nn roji iY. Gallen 23f.
.U»Wc 106 ff'.
Münzen 83
Bückseite von Münzen mit Götter-
bildern 83
Xaincn 63 ff'.
Eigennamen 63 ff'.
Götternamen 03
altindische Götternamen 80 ff.
Ortsnamen: ihre ethnogengra-
phische Bedeutung 52
Verwandtschaftsnamen 65
AVirt s. iSVue
neinen 15
.Y«(e 22 f., 25
Obst presse 131
Öf7<'» 121
O/'t» 1.55 f.
Ofenhank 144
Ofengrcad'n 127, 135, 140
Ofengeländer 128
Ofengewölbe 126
Ofenkrücke 127
Ofenloch 127
Ofenprukn 190
0/c» OMs A'fsen 138, 161
Backofen 126 f., 137 f, 140 ff.,
148, 150, 1.52, 159
Kachelofen 128, 135, 137, 142,
144 ff., 1.53, 1.59 ff.
0/j/Vr 174 ff., 178 f., 183 ff., 190 f.
Getreideopfer 174
Opfertisch 183 fl'., 211
Sachverzeichnis.
261
AiisßHiiöffiiiDUJ (dl (Ijiftrlisrh-
jilrilh'ii 1N-")C.
Oninli'ii 1-2
J'<i/üonfoJorrir, UiiijHlstisfht' (ii)
Palmctten ranke 71 f.
rapi/rHsforschuiui '.):?
l'itrthipid als isolierte Ailjclctira (iS
rartikcln Ü8f.
Ifahl 11)9 ff.
Pferd 82
tönerne Pferde am Grabe muham-
iiicdanischer Ilciliijcr 8;J
Vutirj)ferJe aus Bronze in Ohjm-
2>ia 8i
Pferdekopf bei Visnu 8iJ
Pferdeköpfe ah Giehelzier Tri
Pflockrcrehrung 39, l!)8ir.
Ppufi 104 ff., 181
Poche 10
Erzpoche lO
Pochmehl 11
Pochsteinpel 10
Pochwerk l(_)f.
Troekenpochieerk 11
Polenta .5
Prädikat, i/ebildct durch Adj. -j-
Kopiila (itj
Pril.'^rhc ;>30
Pronomina-lslämine i'rl f.
iViVgr«? 20, 190
Prügeldach VMS
Prih/elkojif 19(i
PriU/elweg 187 ff., 192 f.
i'((// (/('S Vorlesers im Itcfekloiium
Pyxidcn 74
y»((/7,- 97
y^((?, Si/mbol der Sonne 82
7^(7 »i;jc 6(,'(»i ,S7r/(?c7 132
Uandleistc, unterbrochene, im f run-
den Steinplatten 70
Öffnung in der liandleiste 79
Rauehfang 128, 134, 138 f., 140,
144r., 14S, 1.V2, l.Mif., l.->9, KU f.
UaHchstnhc s. .sYiiic
liefektorium 70, 7.">l',, 79
(/(•»• älteste Typus des R. 7.J
(f(js Ä. (fcr dreizehn Tische 7."> f.
ÄfHi 127 f.
Brotrcm \'\'.\
Häck'ii-Kcm 128
J/äf'ndeck'lrem l.ö3
JJiffelrem 135
Schiisselrem 140
Binnensteine, prähistorische 210 f.
rösten 5 f.
Äös/c» (?(;r Feldfrüchte 23
Hundling .52
Hundwälle 5U
Sachwellen 51 f.
Sarkophag 74
raeennatische Sarkophage 74
,SV(((/t; 10, 39
Säuleltheiligtum 190 ff'.
Säulcnverehrung iO f., 19l> IT.
Saumsattel 30 f.
Schädeldecke 197
&Ärt/C: 103
&Ä(;Mnc 119, 179, 195
Schießer 10, 12
Schlittenkufe 222
Sa/o< 129
Schmiede im Bauernhaus 153
Schmierer 230
Schrank 179
8>;irn# 21
Schrein 129
Getreideschrein 1 29
Jlafcrschrein 129
Schupfen 131, 158
Schüsselkorb 145, 152
Schwelle 222
Schwung 43
selchen 127
Sennhütte 121
iS(V6, sieben 3 f.
Siwmelchter 167
S/J(JH 180
Spanleuchter 127
Spanschwing 127
Spant n ISO
Speisebrett 181
Sperrboden 129
.s>/»(/ 179
Spinnrad 129
.S/Ji/i/ ISO
.s7)//»i^ ISO
Sprachbildung 09
Be<ieutnng der Li>gik in der
Sprnchbildung 09
Spund 179
i»(i(/c/ 121 f., 130 IT., 137, 141, 150.
195
.S?(j« II« fr., 130 f., 133, 130, 14<),
140 f., 157 f., 102 f.
Stamperl 8, 105
Stampfe 3, SIT., 19fr., 1Ü5
lAr ^«er 20 f.
Stampfe am Plan p. .S'<. Gallen 23 f.
Erdäpfelstampfe 19
Handstampfe 11
Ilirsestampfe 1.5
Kohlenstampfe 10
Krautstampfe 11, 19
Lodenstampfe 18
Lohstampfe 1 1
Maschinenstampfe 1 1
Paprikastampfe 15
Wasserstampfe 10
Steckadrescher 230
Stempel 1 1 f.
Steppdecken 29
Ä7(>r (i/s ÄiW Rudra-Sicas 83
.SYÖÄcZ 4, 10, 13, 165
Holzstößel 105
.SVnft«; 23
Badstube 23
Brechelstube 159 f.
Herrenslübl 155
Ä'(if;i(.'/s^(6?128f., l:?5f., 137 IT.,
144 ff., 1.53, 159, 101
Rauchstube 23, 125 ff.. l:W (T.,
130 ff., 114 ff., 152 f., 160 ff.
Taubenschlag 124, 133 f.
r<'iV/i 04
rcH/ic 119, 132, 1.58. 102 f., 212.
214
TiVw/i 70 ff.
(/fr sigmaförmige Tisch 70, 78
r. ah christlicher Grabstein 71 f.
3". (t/.s arabischer Grabstein 72 f.
riV/i (i/s christliche AUarplatte
73 ff., 77
(/er Klostertisch 75 ff.
icJ Tische im Refektorium 75 f.
Bedeutung der Tischform beim
Erbauend. Refektoriums 75 ff.
</«■ sigmaförmige AbeiidmaUs-
tisch 70
SiKiselisch 79
ri'sf/i«- (im /Y<i»i roii StAiiiUeH SO
(/«• rertiefte Tisch 181 ff.
(/«• kreisförmige Tisch ISl f.
(/er rif reckige Tisch ISl f.
(/<•»• halbkreisförmige Tisch ISl f.
(/«•»• Opfeiiiseh 183 ff., 31 1
262
Sachvcrzeicliiiis.
(h-r Grabthch KS-i IT., -Hl
'Tischplatten 183
als Altarplatten 1S31'.
als Grabsteine 1S!2 f.
Topfen 94 ß'.
Totenkult 182 ll., 18U1'.
Totenmahl lS-2{., 18C>f.
Totenopfer l'.Ki f.
Traghaiken 47
Trambaum 125
Trapeza 7(5
/f^ Daphnijij
in Ilosios 1/nkas 7(5
»OH Lavra 75
T/wnrf 231
rroirfV 141
Trittholz 222
Trockenpochwirk 1 1
Tn«? 21
rr»/iel29, 13(5, 141. 1441'.,
153, 15G
Geascht-Trmjn 12'J
Hafertnthe 129
Kleidertruhe 129
Mehltruhe 125, 135, 145,
15(1 f.,
152
Schmäht ruhe 129
Zeugtruhe 129
JVö- rfer Rauchstube 128, 152
«)«/" Hadern zu schieben 131
Urnen 5()
liuckelurnen 5(5
Gesichtsurnen 174 ff.
phallische Gesichtsurnen 174 tf.
Unrnrte, ihre KrschUeüantj 00 f.
Verhalstämme, (/ebildet von Subst.-
und Af/j. -Stämmen 6(5 IT.
]'iehzucht bei den (ilten Slareii I04
Viilkerpsiichologie 5(J
)'o/A-.«<i(m 54 f.
Grenzen dessächs. Volkstums 54 f.
Wadiation 90
Wayebalken 177
wägen 178
DV/zi; 12 ,
TfaJirf 207 f.
H'ciVct- 52
TIW/«? 12
HVZZe)! (/es- Volkstums 49 1'.
Wortwellen 51 f.
Werkzeuge (der i)insere- Reihe) 3-'28
Wieddreschcr 230
Wikinger, ihr Vordringen bis
Meißen 108 f.
Wortfamilie 58, (55
Wortgeschichte (id
Chronologie d. idg. Wortgcsch. 0(5
irö;-*)-cj"s 58 ff., 04, 70
I( «r-cZ 58 ff.
Zahlworte 62
(7iye Fähigkeit, ohne Kennzeich-
nung auszusagen 03
Zauber 174 ff.
Frucktharkeitszuuber 174 ff.
Liebeszauber 174 ff.
Zehnheit 62
Ziehbrunnen 9
Zimmerung des Bauernhauses 123,
133, 154
Zo<A-(;h 230
Z/ficr 125
Zugloch 159
Zuhiibe 150
Zungen (an Stumpfen) 12.
-o-
C F. Wiuturselie BuchJruckerui.
University of Toronto
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